Presseecho

Samstag, 10. Mai 1980, Stefanskirche Simmern

Johann Sebastian Bach (1685-1750)
 
Messe in h-Moll BWV 232
 

   

Ein kulturelles Ereignis 
in vollendeter Darbietung

Gastspiel der Leichlinger Kantorei in der Stefanskirche in Simmern

    SIMMERN. Für einen neuzugezogenen, Musik als Beruf betreibenden, Bürger der Stadt Simmern, bot sich kürzlich ein kulturelles Ereignis, welchem er in dieser Vollendung, in dieser ländlichen Stadt, nicht zu begegnen erwartete.
    Der evangelischen  Kirchengemeinde Simmern war es gelungen, die Leichlinger Kantorei mit Solisten und Orchester unter der Leitung von Udo R. Follert zur Aufführung von Johann Sebastian Bach's h-Moll-Messe in die Stefanskirche in Simmern zu verpflichten.
    Machte schon die Vorankündigung des Werkes den Musikliebhaber gespannt, so wird dem Besucher die Aufführung, unvergeßlich bleiben, da Dirigent, Solisten, Chor und Orchester in der Interpretation eine Leistung zeigten, auf die auch bedeutendere Ensembles stolz sein könnten.
    Bach's berühmte h-Moll-Messe kann auch in einer katholischen Meßliturgie, unter anderem wegen ihrer über zweistündigen Dauer, keine Verwendung finden. Sie ist in vier, auch handschriftlich gesonderten Werken überliefert: Eine aus Kyrie und Gloria bestehende evangelische Kurzmesse (Missa Brevis), einem Symbolum Nicaenum (Credo), einem Sanctus sowie einer Parodierung der Texte Osanna, Benedictus, Agnus Dei und Dona nobis pacem.
    Bach hat diese "Messe" 1733 komponiert. Sie verschaffte ihm den Titel eines, Königlich Pohlnischen und Chur Saechssischen Hoff-Compositeurs. Die Aufführung der Messe wird sich nach alter Tradition auch weiterhin auf den Konzertgebrauch beschränken müssen.
    Es ist erstaunlich, wie sehr der Chor der Leichlinger Kantorei dem vorn Dirigenten Udo R. Follert geforderten Tempo einzelner Sätze und der damit verbundenen Erhöhung des Schwierigkeitsgrades folgen konnte. Der Dirigent überzeugte durch absolut präzise Einsatzgebung und ein mitreißendes, sehr sicheres und Überzeugendes Dirigat. Trotz des stark vom musikalischen Ausdruck geprägten Dirigats hatte man nie den Eindruck, daß die Interpretation durch emotionale Überbetonungen Schaden erleide.
    Besondere Wertschätzung unter den Zuhörern erreichte die Altistin Hilke Hellig, die zwar anfangs etwas nervös und aufgeregt erschien, aber mit einer wohltönenden, herrlichen Altstimme und einer sicheren und - trotz ihrer Jugend - bereits sehr reifen Technik überzeugte. Die Sopranistin Agnes Giebel war mit gewohnter Sicherheit und Ausstrahlung zu erleben. Auch der Tenor Karl Markus stellte seine besondere Eignung als Bach-Interpret überzeugend unter Beweis. Der Bassist Philipp Langshaw konnte sich aufgrund seiner nicht sehr starken Stimme nicht so recht über den Orchesterklang stellen. Sicher spielt hier die im folgenden angesprochene Raumsituation auch eine Rolle.
    Die Enge des Altarraumes läßt leider nicht zu, eine Aufstellung für Solisten, Chor und Orchester zu finden, die es ermöglicht, die Halligkeit des Kirchenraumes positiv zu nutzen. Es entsteht dadurch, besonders bei schnellen Sätzen, der Eindruck einer unpräzisen Artikulation und Stimmführung. Auch treten jeweils bei Satzbeginn leichte Schwierigkeiten auf, hervorgerufen durch leichte metrische Unstimmigkeiten infolge der immer neuen Gewöhnung an den starken Raumhall.
    Die Verantwortlichen der Kirchengemeinde sollten sich, gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Trägern von Veranstaltungen in der Stefanskirche, über die Möglichkeiten einer wirkungsvolleren Aufstellung der Akteure solcher Veranstaltungen Gedanken machen.
    Der evangelischen Kirchengemeinde gebührt höchstes Lob und Anerkennung, da sie es den Musikliebhabern in Simmern und Umgebung ermöglichte, ein kulturelles Ereignis von solch hohem Rang in ihrer eigenen Stadt zu erleben. Die hohe Besucherzahl und der anhaltende Beifall am Ende der Veranstaltung, zollte den Interpreten Ehre, sollte jedoch auch die Veranstalter zu weiteren, solch guten Taten, ermuntern.

Karl-Heinz Naumann

 
 

© 2003 Evangelische Kantorei Leichlingen