Ein kulturelles Ereignis
in vollendeter Darbietung
Gastspiel der Leichlinger Kantorei in
der Stefanskirche in Simmern
SIMMERN. Für einen
neuzugezogenen, Musik als Beruf betreibenden, Bürger der
Stadt Simmern, bot sich kürzlich ein kulturelles Ereignis,
welchem er in dieser Vollendung, in dieser ländlichen
Stadt, nicht zu begegnen erwartete.
Der
evangelischen Kirchengemeinde Simmern war es gelungen,
die Leichlinger Kantorei mit Solisten und Orchester unter
der Leitung von Udo R. Follert zur Aufführung von Johann
Sebastian Bach's h-Moll-Messe in die Stefanskirche in
Simmern zu verpflichten.
Machte schon die
Vorankündigung des Werkes den Musikliebhaber gespannt, so
wird dem Besucher die Aufführung, unvergeßlich bleiben, da
Dirigent, Solisten, Chor und Orchester in der Interpretation
eine Leistung zeigten, auf die auch bedeutendere Ensembles
stolz sein könnten.
Bach's berühmte
h-Moll-Messe kann auch in einer katholischen Meßliturgie,
unter anderem wegen ihrer über zweistündigen Dauer, keine
Verwendung finden. Sie ist in vier, auch handschriftlich
gesonderten Werken überliefert: Eine aus Kyrie und Gloria
bestehende evangelische Kurzmesse (Missa Brevis), einem
Symbolum Nicaenum (Credo), einem Sanctus sowie einer
Parodierung der Texte Osanna, Benedictus, Agnus Dei und Dona
nobis pacem.
Bach hat diese
"Messe" 1733 komponiert. Sie verschaffte ihm den
Titel eines, Königlich Pohlnischen und Chur Saechssischen
Hoff-Compositeurs. Die Aufführung der Messe wird sich nach
alter Tradition auch weiterhin auf den Konzertgebrauch
beschränken müssen.
Es ist erstaunlich,
wie sehr der Chor der Leichlinger Kantorei dem vorn
Dirigenten Udo R. Follert geforderten Tempo einzelner Sätze
und der damit verbundenen Erhöhung des Schwierigkeitsgrades
folgen konnte. Der Dirigent überzeugte durch absolut
präzise Einsatzgebung und ein mitreißendes, sehr sicheres
und Überzeugendes Dirigat. Trotz des stark vom
musikalischen Ausdruck geprägten Dirigats hatte man nie den
Eindruck, daß die Interpretation durch emotionale
Überbetonungen Schaden erleide.
Besondere
Wertschätzung unter den Zuhörern erreichte die Altistin
Hilke Hellig, die zwar anfangs etwas nervös und aufgeregt
erschien, aber mit einer wohltönenden, herrlichen Altstimme
und einer sicheren und - trotz ihrer Jugend - bereits sehr
reifen Technik überzeugte. Die Sopranistin Agnes Giebel war
mit gewohnter Sicherheit und Ausstrahlung zu erleben. Auch
der Tenor Karl Markus stellte seine besondere Eignung als
Bach-Interpret überzeugend unter Beweis. Der Bassist
Philipp Langshaw konnte sich aufgrund seiner nicht sehr
starken Stimme nicht so recht über den Orchesterklang
stellen. Sicher spielt hier die im folgenden angesprochene
Raumsituation auch eine Rolle.
Die Enge des
Altarraumes läßt leider nicht zu, eine Aufstellung für
Solisten, Chor und Orchester zu finden, die es ermöglicht,
die Halligkeit des Kirchenraumes positiv zu nutzen. Es
entsteht dadurch, besonders bei schnellen Sätzen, der
Eindruck einer unpräzisen Artikulation und Stimmführung.
Auch treten jeweils bei Satzbeginn leichte Schwierigkeiten
auf, hervorgerufen durch leichte metrische Unstimmigkeiten
infolge der immer neuen Gewöhnung an den starken Raumhall.
Die
Verantwortlichen der Kirchengemeinde sollten sich,
gegebenenfalls gemeinsam mit anderen Trägern von
Veranstaltungen in der Stefanskirche, über die
Möglichkeiten einer wirkungsvolleren Aufstellung der
Akteure solcher Veranstaltungen Gedanken machen.
Der evangelischen
Kirchengemeinde gebührt höchstes Lob und Anerkennung, da
sie es den Musikliebhabern in Simmern und Umgebung
ermöglichte, ein kulturelles Ereignis von solch hohem Rang
in ihrer eigenen Stadt zu erleben. Die hohe Besucherzahl und
der anhaltende Beifall am Ende der Veranstaltung, zollte den
Interpreten Ehre, sollte jedoch auch die Veranstalter zu
weiteren, solch guten Taten, ermuntern.
Karl-Heinz Naumann
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