Katholische Kirche in der Krise
Winfrid Krause
Seit Anfang dieses Jahres werden in der katholischen Kirche in Deutschland immer mehr sog. Mißbrauchsfälle aufgedeckt. Der Augsburger Bischof Mixa mußte wegen der Veruntreuung von Spendengeldern und körperlicher Züchtigung Jugendlicher zurücktreten. Weitaus schlimmer aber sind Hunderte von mittlerweile bekanntgewordenen Fällen sexueller Gewalt, die Priester ihnen anvertrauten Kindern angetan haben. Die Opfer sind oft jahrzehntelang traumatisiert und wagen sich erst jetzt, wo der Bann des Verschweigens und Vertuschens gebrochen ist, an die Öffentlichkeit. Diese auch in anderen Ländern wie Irland, Belgien, USA u.a. bekanntgewordenen Verbrechen haben die Katholische Kirche in den Augen der Weltöffentlichkeit in eine tiefe Krise gestürzt.
Die römische Kirche ist bekanntlich die einzige christliche Konfession, die das geistliche Amt durch den 1139 vom 2.Laterankonzil eingeführten Zölibat von der Lebensweise der übrigen Christen getrennt und mit einer falschen Heiligkeit umgeben hat. Denn die Sündhaftigkeit des Menschen, die hauptsächlich in den sexuellen Sünden gesehen wird, fordert angeblich eine Spendung und Verwaltung der Sakramente, die die göttliche Gnade enthalten, durch ehelos lebende Priester.
In der Bibel kommt die Ehelosigkeit der Geistlichen dagegen nur ganz am Rande vor. Im Alten Testament waren die Priester aus dem Stamm Levis und dem Geschlecht Aarons in der Regel verheiratet. Im Neuen Testament hatten die Apostel wie Petrus das Recht zu heiraten (Mk 1,30; 1.Kor 9,5). Die Bischöfe sollten eine Frau haben (1.Tim 3,1; Tit 1,6). Die Ehelosigkeit des Apostels Paulus war offenbar eine Ausnahme und freigewählte Lebensform, die allen Christen ebenso offensteht wie die Heirat (1.Kor 7). Auf das isolierte, nicht als Gebot formulierte Herrenwort von den „Eunuchen um des Himmelreichs willen“ (Mt 19,12) kann man den Zölibat nicht gründen. Das Evangelium hat mit der wunderbaren Freude Jesu auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2,1ff.) und seiner Ablehnung der Scheidung (Mk 10,1ff.) eine ganz andere, ehefreundliche Tendenz (vgl. 1.Tim 4,3).
Nun weiß man aus einer jahrhundertelangen, leidvollen Geschichte, daß eine sexuell enthaltsame Lebensweise nur wenigen Menschen möglich ist. Viele Priester, die in jugendlicher Begeisterung die kirchlichen Gelübde abgelegt haben, konnten sie im späteren Leben nicht halten, sondern lebten in geheimen Beziehungen oder mit ihren Haushälterinnen zusammen. Im Bistum Trier werden angeblich bis zu drei uneheliche Priesterkinder geduldet und bezahlt. Dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Zollitsch ist deshalb zu widersprechen, wenn er meint, sexuelle Übergriffe seien „kein systemisches Problem“ der katholischen Kirche und hätten „nichts mit dem Zölibat zu tun.“ (FAZ v. 23.2.10) Im Gegenteil, wenn die Schöpfungsgabe der Sexualität in einem ganzen Berufsstand systematisch unterdrückt wird, muß man sich nicht wundern, wenn diese starke natürliche Kraft auf dunkle Abwege gerät und böse Blüten treibt. Wie der Terrorismus im Islam, so gehören sexuelle Verirrungen im Katholizismus zu den „Pathologien der Religion“ (Papst Benedikt XVI.). Die Reformation hat deshalb den Zwangszölibat mit guten Gründen abgeschafft. In den Evangelischen Kirchen kommen Mißbrauchsfälle denn auch nur vereinzelt vor. In der orthodoxen Kirche dürfen die Priester seit jeher heiraten, während die Bischöfe aus dem Mönchtum kommen. Freiwillig ehelos lebende Geistliche mit großer geistlicher Ausstrahlung gibt es in allen Kirchen.
Bisher hat allerdings neben vielen katholischen Laien nur Erzbischof Schick von Bamberg die Aufhebung des Zölibats gefordert. (FAZ v. 10.5.10) Dies würde auch dem großen Priestermangel in vielen Ländern abhelfen, der in der Vergangenheit zur Vertuschung der Mißbrauchsfälle durch die katholischen Kirchenleitungen geführt hat. Der institutionelle Abwehrreflex ließ den Täterschutz über den Opferschutz triumphieren. Ob die neuen Leitlinien der Bischofskonferenz wesentliches ändern können, muß deshalb bezweifelt werden. Die katholische Kirche hat offenbar nicht die Kraft, diesen notwendigen Schritt zu tun. Zu stark sind die Beharrungskräfte einer angeblich „unfehlbaren“ Hierarchie, die Verankerung der Ehelosigkeit der Priester im spiegelbildlichen Kult der „immerwährenden“ Jungfrau Maria (vgl. Mk 6,3) und der Machtanspruch einer geistlichen Diktatur, die ihre Diener mit der Kirche „verheiraten“ und bis in den intimsten Bereich disziplinieren will.
Merkwürdig an der ganzen Debatte ist auch die Sprachlosigkeit der Repräsentanten der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Seit dem Augsburger Bekenntnis (Art.23) ist die Priesterehe ein Anliegen der Protestanten. Im Sinne einer falsch verstandenen Rücksicht-Ökumene will man offenbar unserer Schwesterkirche die einfache Wahrheit vorenthalten, daß nicht nur bedauerliche Entgleisungen Einzelner, sondern die unhaltbare Ehelosigkeit ihrer Priester der Grund Ihrer gegenwärtigen Krise ist. Seit wann aber besteht Solidarität unter Christen im Vorenthalten eines guten Rates? Wird man nicht durch Schweigen mitschuldig – qui tacet, consentire videtur? Um der unversorgten Gemeinden, der gefährdeten Priester und besonders der geschändeten Opfer willen muß man die Katholische Kirche auffordern: Schafft endlich den Zölibat ab!
Pfr. Winfrid Krause, Thalfang, 31. 08. 2010
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Zur Tragödie der Duisburger Loveparade
In jedem Unglück steckt ein Ruf zur Umkehr
Thomas Berke
Die Großveranstaltung „Loveparade“ in Duisburg endete 24. Juli 2010 in einer Katastrophe. Hunderttausende wollten ihren Spaß haben, 21 junge Leute kamen bei einer Massenpanik ums Leben, mehrere hundert wurden verletzt. „Aus der Loveparade wurde ein Totentanz“, so sagte es Präses Schneider in seiner Trauerpredigt in der Duisburger Salvatorkirche.
Überall Entsetzen und Mitgefühl mit den Opfern. Man sucht nach Schuldigen, Verantwortlichen und nach Sündenböcken. Es gibt Gefühle der Wut und Ohnmacht: Wie konnte so etwas geschehen?
Trost spenden ist das eine …
In all dem gibt es auch eine Frage nach Gott und nach der Kirche. Hat die Kirche etwas zu sagen? Ja, die Kirche hat etwas zu sagen. Und zwar hat die Kirche Gottes Wort auszurichten. Und Gottes Wort hat eine zweifache Dimension: Zum einen gibt Gottes Wort Trost und Gewissheit. Wer bei einem Unglück sein Leben verliert, ist nicht verloren. Ein Unglück ist niemals ein Zeichen dafür, dass Gott sich abgewendet hat. Darum wenden sich Christen den Trauernden zu, lassen sie nicht allein.
… zur Umkehr rufen das andere, was der Kirche aufgetragen ist
Zum anderen hat die Kirche auch die Aufgabe, Gottes Wort als Ruf zur Umkehr auszurichten. In jedem Unglück steckt ein Ruf zur Umkehr. Viele Menschen spüren es, dass es kein „weiter so“ geben darf. Rufe zur Umkehr sind nötig und heilsam.
Mit Blick auf die Duisburger Tragödie lautet der Umkehrruf: Kehrt um von dem Weg des Größenwahns und der Maßlosigkeit. Gott will nicht, dass alles größer, lauter, gigantischer wird. Es muss nach Gottes Willen nicht sein, dass Firmen und Geschäftemacher immer mehr Geld mit immer wahnsinnigeren Events, Spektakeln, Nervenkitzeln, käuflichen Erlebnissen verdienen. Oder anders gesagt: Wer das Leben oder gar die Liebe bei einer Massenveranstaltung wie der sogenannten „Loveparade“ mit aggressiver Musik und viel Kommerz sucht, ist auf dem Holzweg. Der wird weder Leben noch Liebe dort finden, selbst wenn es kein Unglück gegeben hätte.
„Suchet Gott, so werdet ihr leben“
Der biblische Umkehrruf lautet: „Suchet Gott, so werdet ihr leben!“ Ruf zur Umkehr heißt: Wir sollten wieder lernen, die Freude bei Gott zu suchen. Ein Gedanke, der vielen als abwegig erscheint, weil Gott in unserer Gesellschaft weithin verdrängt ist, seine Existenz in Zweifel gezogen oder bestritten wird. Wo Gott nichts mehr gilt, wird man das Leben natürlich nicht bei Gott suchen, sondern woanders. Diese Gottlosigkeit nutzen Geschäftemacher für ihre kommerzialisierten Massenspektakel aus. Ganz zugespitzt gesagt: Jeder, der weiß: Bei Gott allein ist das wahre Leben zu finden, wird es nicht bei der „Loveparade“ oder einer ähnlichen Veranstaltung suchen. Mancher wird nun sagen: Lasst den Leuten ihre Freude. Dies kann man auch ruhig tun. Aber wir haben als Kirche auch die Aufgabe zu sagen: Freude ist an anderen Orten möglich. Du brauchst gar nicht so weit zu fahren. Wir haben auch die Aufgabe zu fragen: Ist gekaufte, kommerzialisierte Freude wirklich Freude und Leben? Ist gekaufte, kommerzialisierte, konsumierte Liebe wirklich Liebe?
Anderen Freude bereiten
Freude bei Gott suchen, heißt eben auch: Freude im Kleinen zu entdecken. Nicht die sogenannten Events machen unser Leben froh, und schon gar nicht die Jagd danach. Wir brauchen eigentlich gar nicht viel Geld zu bezahlen oder weite Reisen zu unternehmen, um Spaß und Freude zu haben. Spaß und Freude können wir in unserem Alltag, in unserer gewöhnlichen Umgebung haben, ohne viel Geld, aber sehr viel nachhaltiger für unsere Seele. Statt Zeit und Geld aufzuwenden für die Angebote der Spaßindustrie sollten wir lieber selbst anfangen, Freude zu bereiten, anderen Freude zu bereiten. Gott macht uns Freude, ohne dass wir etwas dafür leisten und bezahlen mussten. Dafür sind wir ihm dankbar. Diese Erfahrung der geschenkten Freude weiter geben, das ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Christseins. Denn es ermöglicht, Freude zu erfahren dort, wo wir wirklich leben, und nicht nur an kommerziellen Orten, die mit unserem Durst nach Freude Geld verdienen möchten.
Spaßindustrie nimmt gefangen
Im Licht von Gottes Wort erkennen wir, dass wir eigentlich von der Spaßindustrie gefangen genommen und ausgebeutet werden. Die Erfahrung der geschenkten Freude, die ich weitergebe an meine Umgebung, ist ungemein befreiend. Es liegt kein Segen darauf, Freude nur für sich haben zu wollen. Anderen Freude bereiten, und es wird ein Vielfaches an Freude geben. Wer viel Freude gibt, wird viel Freude zurückerhalten.
Freude im normalen Alltag suchen heißt auch: Freude am Beruf haben, Freude an der Familie zu haben, Freude an den Kollegen und Nachbarn zu haben, Freude an der Kirchengemeinde und ihren Gottesdienste zu haben. Von allen Seiten wird uns eingehämmert, in Arbeit, Beruf, Familie, Verein, Kirchengemeinde, Gottesdienst sei keine Freude zu finden. Merken wir nicht, welche kommerziellen Interessen dahinter stehen, wenn die Freude im Kleinen und im normalen Alltag mies gemacht wird?
Freude im Alltag möglich
Wir können als Christen einen Dienst an unserer Gesellschaft ausüben, wenn wir ganz unbekümmert sagen: Ja, ich habe Freude an meiner Arbeit, ich habe Freude in der Schule, ich habe Freude in der Familie, mit meinem Ehepartner, mit meinen Kindern, ich habe Freude am Gottesdienst, ich habe Freude mit meinen Kollegen, Nachbarn, in der Gemeinde, im Verein. Es ist dort nicht öde, sondern schön. Ich bin mit Freude bereit, dort meine von Gott gegebenen Kräfte und Gaben einzusetzen. Ich habe Freude, mich für andere einzusetzen. Und es wird Früchte tragen, weil Gottes Segen darauf liegt.
Keine Flucht in käufliche Scheinwelten
Als Christen wissen wir sehr wohl: Ohne Probleme, Konflikte, Schuld und Leid wird es im Alltag niemals gehen. Aber wer zu den Events oder in unsere mediale Scheinwelt flüchtet, in der Hoffnung, damit allen Alltagsproblemen, Konflikten aus dem Wege zu gehen, der wird keine Frucht bringen, der vergräbt die von Gott geschenkten Gaben und Kräfte.
Wir haben also die Kirche die Aufgabe, den Menschen zu sagen: Freude kann man nicht kaufen, aber wir können Freude empfangen und geben.
„Suchet Gott, so werdet ihr leben!“ Bei Gott ist Leben und damit auch Freude zu finden. Gott schenkt Freude, die Botschaft von Jesus Christus macht alle Menschen froh und ich kann – befreit von der käuflichen Freude - durch den Glauben anderen Freude bereiten, mich an anderen freuen, für jedes kleine Glück dankbar sein und zum Botschafter der Freude werden.
Pfarrer Thomas Berke, Mülheim (Mosel), 09.08. 2010
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Adoptianische Christologie bei Markus?
Zu einem Interview von Präses Nikolaus Schneider
Reiner Vogels
In "idea spektrum" Nr. 26 vom 30. Juni 2010 hat der rheinische Präses und amtierende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider ein beachtenswertes Interview gegeben. Im Zusammenhang mit einer Diskussion über die Geburt Jesu Christi aus der Jungfrau Maria hat er die von den großen ökumenischen Konzilien der Christenheit einmütig als Ketzerei verworfene Lehre vertreten, dass Jesus gar nicht von Anfang an Gottes Sohn war, sondern dass er erst in der Taufe am Jordan von Gott als Sohn adoptiert worden sei. Zitat:
idea: Wenn Jesus einen leiblichen Vater hätte, etwa Josef, wäre nicht Gott der Vater Jesu Christi - dann wäre Jesus zwar wahrer Mensch, aber nicht wahrer Gott!
Schneider: Doch, dann hätte Gott Jesus durch die Taufe als seinen Sohn adoptiert - das ist das Modell des Evangelisten Markus.
idea: Die Lehre, das Jesus erst durch seine Taufe zum Gottessohn adoptiert worden sei, wurde einst als Irrlehre verworfen.
Schneider: Geschenkt! Denn dann müssten sie auch den Bericht des Evangelisten Markus als Irrlehre verwerfen - viel Freude dabei!
Präses Schneider - immerhin derzeit der ranghöchste Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland!- bestreitet also gar nicht, dass die Lehre, die er vertritt, eine von der Kirche verurteilte Irrlehre ist. Er geht sogar so weit, dass er dem Evangelisten Markus unterstellt, dass dieser die christologische Irrlehre des Adoptianismus verkündigt habe.
Markus ein adoptianischer Irrlehrer - Welch eine Fehleinschätzung! Markus lehrt das genaue Gegenteil, vom Anfang bis zum Ende des Evangeliums. Schon im ersten Vers des Markusevangeliums, der so etwas wie eine Überschrift ist, lesen wir: "Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes". Und am Ende, im vorletzten Kapitel, hören wir das Bekenntnis des römischen Hauptmanns unter dem Kreuz: "Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!" (Markus 15, 39). Markus lässt überhaupt keinen Zweifel daran zu, dass Jesus eben nicht nur wahrer Mensch, sondern auch wahrer Gott ist. Und keineswegs lehrt er, dass Jesus zunächst einmal ein normaler Mensch war und erst in der Taufe als Sohn Gottes adoptiert worden ist.
Am deutlichsten erkennt man das aus dem Abschnitt Markus 12, 35-37: Jesus setzt sich dort mit der Lehre der Schriftgelehrten auseinander, dass der Messias, also der Christus, Davids Sohn sei. Um diese Lehre zurückzuweisen, zitiert er aus Psalm 110, einem Psalm Davids: "Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege." Die Schlussfolgerung Jesu ist: Wenn David, der ja diesen Psalm formuliert hat, selbst vom Christus als "seinem Herrn" spricht, wie können die Schriftgelehrten dann die Lehre vertreten, der Christus sei Davids Sohn? Wörtlich: "Da nennt ihn ja David selbst seinen Herrn. Woher ist er dann sein Sohn?" Aus dieser Argumentation Jesu geht ganz klar und eindeutig hervor, dass David nach der Deutung Jesu ein innergöttliches Gespräch zwischen Gott Vater und Sohn mitgehört hat. Wenn also, wie es Jesus seinen Zuhörern vor Augen stellt, Gott Vater schon zur Zeit des Königs David mit dem Christus, der ja nach Markus Gottes Sohn ist, gesprochen hat, dann dürfte doch wohl klar sein, dass sowohl nach der Lehre Jesu als auch nach der Lehre des Evangelisten Markus Jesus schon zu Zeiten Davids als präexistenter Gottessohn in Gemeinschaft mit dem Vater gelebt hat. Es ist keineswegs nur der Evangelist Johannes, der die Präexistenz Jesu lehrt, sondern es ist die einhellige Lehre des gesamten Neuen Testaments.
Nun beruft sich Präses Schneider ja auf den Bericht von der Taufe Jesu. Er sagt es nicht ausdrücklich, aber man geht gewiss nicht fehl in der Annahme, dass er dabei wie ganze Generationen von bibelkritischen Theologen vor ihm an das Wort denkt, das Gott nach dem Bericht des Markus an Jesus gerichtet hat: "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen." Seit wenigstens hundert Jahren lernen die Theologiestudenten an der Universität, dass dieser Satz eine Adoptionsformel sei. "Du bist mein lieber Sohn" sei, so lehren diese Theologen, in dem Sinne zu verstehen, dass Gott im Moment der Taufe dem Menschen Jesus eine Offenbarung habe zukommen lassen, dass er nämlich von diesem Moment an zur Gottessohnschaft adoptiert worden sei. Dies ist natürlich eine totales Missverständnis. Man muss sich, wenn man derartige Bibelwissenschaftler hört oder liest, fragen, ob eigentlich niemand von ihnen einen Sohn oder eine Tochter hat und ob noch niemand von ihnen zu seinem geliebten Kind ähnliches gesagt hat, besonders wenn das Kind Bestätigung brauchte. Warum sollte Gott nicht auch so mit seinem geliebten Sohn sprechen? Und warum sollte er das nicht gerade in der Situation tun, in der Jesus sich damals befand? Mit der Taufe am Jordan hat ja der öffentliche Weg Jesu durch Galiläa und nach Jerusalem begonnen, der Weg, über dem das göttliche "Muss" stand (siehe Markus 8, 31), der Weg, der in Leid und Tod enden würde.
Es ist vollkommen abwegig, gegen das gesamte und durchgehende Zeugnis des Markusevangeliums aus dem Bericht von der Taufe Jesu eine adoptianische Christologie herauslesen zu wollen. Nur eine voreingenommene und rationalistische Bibelexegese kann einem solchen Irrtum erliegen. Zu recht hat die Kirche den Adoptianismus als Irrlehre verworfen. Es wäre gut, wenn alle in der evangelischen Kirche dies anerkennen würden.
Pfr. i.R. Reiner Vogels, Swisttal, 01.07. 2010
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Sturmwarnung
Wilhelm Drühe
Zu den wichtigsten Nachtgesprächen der Geistesgeschichte gehört der abendliche Besuch des jüdischen Ratsherrn Nikodemus bei Jesus in Nazareth. Er hatte viel von diesem berühmten Prediger gehört und wollte ihn endlich persönlich kennen lernen.
Im Johannesevangelium wird dieses Gespräch ausführlich dokumentiert, auch dass Jesus den jüdischen Gelehrten sofort auf die zentrale Frage nach dem, was ein Mensch mit Gott zu tun haben kann, brachte: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Zum Heil Gottes kommt ein Mensch nur durch die Wiedergeburt. Um es näher zu erklären, griff Jesus wie häufig auf die Natur zurück, um Nikodemus dieses wunderbare Geschehen zu erklären - auf den Wind. Er sagte: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Das Naturereignis Wind steht für den Geist, der von Gott ausgeht und den Menschen berührt und erfasst. Nach diesem tiefsinnigen Gespräch am Anfang der öffentlichen Tätigkeit des Jesus aus Nazareth können, sprechen wir heute vom „heiligen Geist“ – und im alten christlichen Glaubensbekenntnis wird er aufgezählt als dritte Person Gottes und in Verbindung mit der Kirche Jesu Christi gebracht. Als diese Kirche nach der Himmelfahrt Jesu in die Öffentlichkeit der jüdischen Hauptstadt Jerusalems trat, war dies eine der großen Wirkungen dieses Geistes Gottes. Dabei geschah etwas Merkwürdiges, das wir nicht vergessen sollten: Es war ein mächtiger Sturm, der die erste Kirche, wenn wir das Haus so nennen wollen, in das sich die Jünger Jesu verkrochen hatten, am ersten Pfingstfest erschütterte. Wir haben uns vielleicht daran gewöhnt, dass in unseren Kirchen und Gemeinden häufig nur ein laues Lüftchen weht, über das kaum einer sich aufregt und das wenig beachtet wird, weil es so harmlos ist. Damit werden wir kaum Gottes mächtigem Geist gerecht. Wir haben es zu tun mit dem allmächtigen Gott. Als Gottes Geist kam, da rissen sie die Fenster und Türen auf und gingen bis an die Enden der Welt. Das ist immer noch die Botschaft von Pfingsten – im Sturm kommt die Botschaft Gottes. Gottes Kirche muss deshalb auch eine Sturmwarnung bleiben. Ein laues Lüftchen im Monat Mai wird Gottes Wirken nicht gerecht – mit einem bisschen Religiosität und Esoterik.
Pfr. i.R. Drühe, Mettmann, 22.05. 2010
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Uns gemeinsam zu Gott ausrichten?
Von der Unmöglichkeit eines interreligiösen Gebets zwischen Christen und Muslimen
Reiner Vogels
In einem ZDF-Gespräch mit einer moslemischen Theologin - siehe
hier - hat sich der rheinische Präses und amtierende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider für die Möglichkeit eines interreligiösen Gebets zwischen Muslimen und Christen ausgesprochen. Er hat zwar betont, dass Moslems und Christen unterschiedliche Gottesvorstellungen haben, aber er hat es für denkbar erklärt, dass Vertreter beider Religionen in einer religiösen Veranstaltung nacheinander - in ihrer jeweiligen Tradition - zu Gott beten. Es komme darauf an, dass wir - so wörtlich - "uns gemeinsam zu Gott ausrichten."
Ganz ohne Frage hat Präses Schneider mit dieser Äußerung einen weiteren Schritt hin zu einer Nivellierung der Religionen und zur christlichen Selbstaufgabe getan. Wenn wir als Christen und Moslems wirklich den Eindruck erweckten, dass wir uns "gemeinsam zu Gott ausrichten", dann würden wir zwei verhängnisvolle Missverständnisse hervorrufen.
- Wir würden das Christentum als eine typische Form menschlicher Religiosität darstellen. Menschliche Religiosität besteht ja in dem Bemühen des Menschen, sich zu Gott bzw. zur absoluten Wahrheit, auszurichten. Der christliche Glaube ist jedoch etwas völlig anderes: Er ist die Botschaft, dass Gott sich zu uns "ausgerichtet" hat. Die Bibel weiß, dass es ein sinnloses Unterfangen des Menschen ist, sich zu Gott auszurichten. Und sie verkündigt vor diesem Hintergrund die befreiende Botschaft, dass Gott zu uns gekommen ist, dass er sich in seinem Sohn Jesus Christus zu uns aufgemacht hat. Jesus hat ja auch nicht gesagt:"Ich zeige euch den Weg und die Wahrheit und das Leben", sondern: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben". (Joh. 14, 6)
- Wir würden vor aller Welt demonstrieren, dass Christen und Muslime letztlich an denselben Gott glauben. Nun kennt jeder, der die Bibel und den Koran gelesen hat, die fundamentalen Unterschiede zwischen dem dreieinigen Gott der Bibel und dem Allah des Islam. Und bei diesen fundamentalen Unterschieden geht es keineswegs nur, wie Präses Schneider im ZDF darlegt, darum, dass beide Religionen sich durch gewisse "Aspekte" des Gottesverständnisses unterscheiden. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gottesverständnisse in Bibel und Koran widersprechen einander in einem solchen Maße, dass eine Brücke zwischen ihnen nicht möglich ist. Das Wesentliche der biblischen Gottesoffenbarung ist Jesus Christus. Der Apostel Paulus kann sogar schreiben: "Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten" (1. Korinther 2, 2). Die Bibel lehrt also gerade nicht einen allgemeinen Gottglauben, sondern sie verkündigt, dass Gott in seinem Sohn Jesus Christus Mensch geworden ist, dass er am Kreuz für die Vergebung unserer Sünden gestorben ist und dass er uns in der Kraft seiner Auferstehung von den Toten zur ewigen Seligkeit erlösen will. Der Koran dagegen verwirft eindeutig und entschieden, dass Gott einen Sohn habe, ja, solches zu lehren, ist nach der Lehre des Mohammed eine große Sünde. Der Koran verwirft also ausdrücklich den Gott der Bibel und erklärt das Bekenntnis zum dreieinigen Gott zur Sünde. Es geht also nicht um irgendwelche unterschiedlichen Aspekte im Gottesverständnis, sondern darum, dass das Zentrum des biblischen Glaubens selbst vom Islam verworfen wird.
Es wäre daher eine grobe Irreführung der Menschen, wenn offizielle Vertreter beider Religionen in einer Art interreligiösen Gebets "sich gemeinsam zu Gott ausrichten". Sie würden den Menschen die Wahrheit schuldig bleiben. Und vor allem: Sie würden den Menschen die spezifische Gottesbotschaft des Evangeliums schuldig bleiben. Sie würden ein Zeichen setzen gegen den klaren Sinn der Bibel und gegen alle einmütig von der Kirche formulierten und auch in der Evangelischen Kirche gültigen Glaubensbekenntnisse. Denn sie würden das Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn des allmächtigen Gottes, und damit das Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott ersetzen durch eine allgemeine Gottgläubigkeit, wie sie der Vernunft und eben auch dem Islam entspricht. Denn das dürfte deutlich sein: Der Allah des Islam ist nichts anderes als der allgemeine Vernunftgott, zu dem sich viele Menschen hingezogen fühlen. Das Wort vom Kreuz hat in diesem Vernunftglauben keinen Platz.
Nun wird niemand Präses Schneider vorwerfen, dass er über diese Dinge nicht informiert ist. Man kann davon ausgehen, dass er sich sowohl in der Bibel als auch im Koran auskennt. Man kann daher nur vermuten, was ihn dazu motiviert, den Kern des Evangeliums zu relativieren und den inhaltlichen Brückenschlag zum Islam zu suchen. Meine Vermutung ist: Der Präses läßt sich von einer falschen Friedensidee leiten: Er nimmt die richtige These des römisch-katholischen Theologen Küng auf, dass der Weltfriede nur erreicht werden kann, wenn es Frieden zwischen den Weltreligionen gibt. Aber er zieht aus dieser These den falschen Schluss, dass das Christentum um dieses Friedens willen die eigene Wahrheit relativieren muss. Dieser Weg ist nicht nur für einen Christen höchst fragwürdig, er ist auch zum Scheitern verurteilt. Sachliche Gegensätze zu nivellieren, führt niemals zu einem wirklichen Frieden, sondern nur zu einem Scheinfrieden, der jederzeit wieder verloren gehen kann. Wirklicher Friede kann nur darin bestehen, dass man bei seiner Wahrheit bleibt, dass man auch versucht, den anderen von seinem als wahr erkannten Glauben zu überzeugen und dem anderen natürlich dasselbe Recht zugesteht. Entscheidend aber ist, dass beide Seiten es grundsätzlich und prinzipiell ausschließen, Gewalt anzuwenden. Nur mit dem Wort, nicht mit menschlicher Gewalt darf die Wahrheit verkündigt werden! Die Evangelische Kirche hat sich im Augsburger Bekenntnis von 1530 eindeutig zu diesem Grundsatz bekannt. Eine entsprechende verbindliche Festlegung des Islam gibt es leider bisher nicht.
Pfr. i.R. Reiner Vogels, Swisttal, 11.05. 2010
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Kirchen-Alternativen statt Ökumene
Überlegungen von Wilhelm Drühe
Das Kölner Domradio – für mich eine sehr interessante Sache, wenn es um christlichen Glauben und Kirchen geht! – startete jetzt eine Aktion zum nächsten Ökumenischen Kirchentag in München „mit flotten Sprüchen, die auch zum Nachdenken anregen“ (www.domradio.de). Es werden Fans gesucht – und das Motto ist: „Ökumene macht froh!“ Interessant ist auch die Überschrift für diese Art von Ökumene, nämlich 1 + 1 = 1. Ich habe den Eindruck, dass Ökumene immer mehr zum Etikettenschwindel verkommt. Es ist ja nicht nur das grundsätzlich verschiedene Verständnis von Ökumene zwischen der römisch-katholischen Papstkirche und den Kirchen, die sich seit dem 16. Jahrhundert in der Kirchen-Reformation gebildet haben.
Das Herrenmahl wird grundsätzlich in den Kirchen verschieden verstanden
Beachtet werden sollten auch das grundsätzlich verschiedene Verständnis der beiden Sakramente Taufe und Eucharistie/Abendmahl, wobei hier nur auf das letztere Sakrament eingegangen werden soll. Durch die Unmöglichkeit der gemeinsamen Beteiligung von konfessionsverschiedenen Ehepaaren an der katholischen Eucharistie wird die Trennung der Kirchen und Konfessionen zum Teil schmerzlich bewusst gemacht – nur ist es mir unverständlich, wie immer wieder auf die Zulassung an der Eucharistie durch evangelischen Christen gedrängt wird. Auch wenn es die ausnahmsweise Zulassung von nichtkatholischen Christen durch die katholische Kirche gibt, ist die Trennung sehr deutlich: Wenn ein katholischer Priester aktiv an einer evangelischen Abendmahlsfeier teilnimmt, wird er suspendiert und darf nicht mehr als katholischer Priester wirken – wie beim letzten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 geschehen (so bei Gotthold Hasenhüttl).
Das Abendmahl ist eine Weiterentwicklung der Eucharistie
Zu wenig beachtet wird beim ganzen Problemkreis, dass die protestantische Form des Herrenmahles eine damals notwendige Weiterentwicklung der katholischen Form des Messopfers ist. Nach meiner Auffassung ist eine Teilnahme an der Eucharistie durch einen evangelischen Christen grundsätzlich nicht möglich – zumal auch noch von katholischer Seite eine inhaltliche Zustimmung verlangt wird! Man sollte sich einmal mit dem katholischen Kirchenrecht beschäftigen und es nicht bei „ökumenischen“ Schwätzereien belassen. Im Kanonischen Recht (CIC) ist klar und eindeutig beschrieben und festgelegt, worum es bei der katholischen Eucharistie geht.
Katholisch geht es um ein Opfer und einen Priester
„Das erhabenste Sakrament ist die heiligste Eucharistie, in der Christus der Herr selber enthalten ist, als Opfer dargebracht und genossen wird; durch sie lebt und wächst die Kirche beständig. Das eucharistische Opfer, die Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn, in dem das Kreuzesopfer immerdar fortdauert, ist für den gesamten Gottesdienst und das gesamte christliche Leben Gipfelpunkt und Quelle; durch dieses Opfer wird die Einheit des Volkes Gottes bezeichnet und bewirkt sowie der Aufbau des Leibes Christi vollendet“ (Can. 897). Das erste, dem wir Evangelischen nicht zustimmen können, ist dass es sich um ein Mess
opfer handelt, ein Opfer im eigentlichen Sinne. Das zweite, dem wir Evangelischen nicht zustimmen können, ist das es nur durch einen geweihten
Priester vollzogen werden kann: „Zelebrant, der in der Person Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen vermag, ist nur der gültig geweihte Priester“ (Can. 900). Die Weihe des Priesters sondert ihn aus und verleiht ihm ein „unauslöschliches Siegel“: „Durch das Sakrament der Weihe werden kraft göttlicher Weisung aus dem Kreis der Gläubigen einige mittels eines untilgbaren Prägemals, mit dem sie gezeichnet werden, zu geistlichen Amtsträgern bestellt; sie werden ja dazu geweiht und bestimmt, entsprechend ihrer jeweiligen Weihestufe die Dienste des Lehrens, des Heiligens und des Leitens in der Person Christi des Hauptes zu leisten und dadurch das Volk Gottes zu weiden“ (Can. 1008).
Die katholische Eucharistie duldet keine Ökumene
Bei der Eucharistiefeier handelt es sich um eine exklusiv katholische Angelegenheit, eine ökumenische Form ist grundsätzlich nicht vorgesehen: „Katholischen Priestern ist es verboten, zusammen mit Priestern oder Amtsträgern von Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, die Eucharistie zu konzelebrieren“ (Can. 908). Wer es trotzdem tut, wird automatisch suspendiert, darf also nicht mehr als Priester wirken und Sakramente verwalten. Hier kennt die katholische Kirche kein ökumenisches Pardon.
1 + 1 = 1 geht nicht
Um das 1 + 1 = 1 wieder aufzugreifen: Es funktioniert einfach nicht mit Eucharistie + Abendmahl = eine Kirche. Unser evangelisches Abendmahl, das weder ein Opfer ist noch an die Person eines geweihten Priesters gebunden ist, steht nicht auf einer vergleichbaren Stufe mit der katholischen Eucharistie, sondern ist wegen der Fehlentwicklungen besonders durch die thomistische Theologie und Missbräuche in der katholischen Kirche einen eigenen Weg seit dem 16. Jahrhundert gegangen – und kann und darf nicht zurückentwickelt werden. Wir können und sollten katholische Christinnen und Christen einladen, an unserem Abendmahl nach unserem evangelischen Verständnis teilzunehmen. Wer als evangelische Christin und Christ an einer katholischen Eucharistiefeier teilnimmt – mit Empfang der „Kommunion“ – der verlässt seinen evangelischen Glauben; die katholische Kirche fordert ausdrücklich die Zustimmung zu ihrem Sakramentsverständnis.
Ökumene nur ein Etikettenschwindel
Ich bleibe dabei – und fühle mich bestätigt durch die Gemeinsame Erklärung der Kirchen zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahre 1999. Nach dem der große Wurf der Verständigung über die Glaubensgegensätze vorgeführt worden ist, heißt es in einer kleinen Anmerkung: „In dieser Erklärung gibt das Wort „Kirche“ das jeweilige Selbstverständnis der beteiligten Kirchen wieder, ohne alle damit verbundenen ekklesiologischen Fragen entscheiden zu wollen.“ Das grundsätzlich verschiedene Kirchen-Verständnis zwischen Katholiken und Evangelischen trennt uns auch, wenn es um das Herrenmahl, die aus der Jesus-Bewegung überlieferte gemeinsame Mahlzeit derer, die an Jesus Christus glauben, geht. Damit kein Missverständnis aufkommt: Für mich gilt auch für das evangelische Abendmahl, das die Korrektur im 16. Jahrhundert einen neuen und richtigen Ansatz hatte. Mängel entstanden in der Weiterentwicklung, vor allem auch durch die konfessionelle Trennungen innerhalb des Protestantismus.
Pfr. i.R. Wilhelm Drühe, Mettmann, 14.04. 2010
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Am 21. März 2010 hat die Konventsversammlung des Lutherischen Konvents im Rheinland eine Stellungnahme zur Frage der Moslemmission beschlossen. Sie trägt den Titel: "Lehret alle Völker". Hier der vollständige Text:
„Lehret alle Völker“
Mission richtet sich an jeden
Die Landessynode 2010 hat sich eine Vorlage des Theologischen Ausschusses zum Thema „Missionarisch Volkskirche sein“ zu eigen gemacht. In diesem 20-seitigen Text werden biblische Vorgaben mit Überlegungen zur Missionsgeschichte, Begriffsklärungen und Gedanken aus dem EKD-Impulspapier „Kirche der Freiheit“ verbunden. Ganz im Sinne der „Inneren Mission“ werden die Worte „Volkskirche“ und „missionarisch“ zusammengedacht und Vorschläge gemacht, wie unsere von Austritten und demographischen Schrumpfungsprozessen betroffene Kirche in 10 verschiedenen Handlungsfeldern „offener“, „einladender“ und „missionarischer“ werden könnte.
Vor einem Jahr hatte dieselbe Landessynode umgekehrt der Judenmission eine „Absage ohne wenn und aber“ erteilt. Die neuen „biblisch-theologischen Einsichten“, die dafür angeführt wurden, bestanden in der höchst fragwürdigen Übersetzung von „alle Völker“ im Missionsbefehl Jesu Christi (Mt 28,19) mit „alle Heiden“ (=nichtjüdische Völker) und in dem Fehlen eines neutestamentlichen „Belegs für eine heidenchristliche Mission an Juden“. Doch wie Jesu Missionsauftrag die Juden, ihre Synagogen, Jerusalem und die ganze Welt miteinschließt (Mt 24,14; Mk 13,9f.; Lk 24,47), so bezeugt das ganze Neue Testament und besonders der Heidenapostel Paulus wie ein Chor, daß das Evangelium „zuerst den Juden und ebenso den Griechen“ (Röm 1,16), also allen Menschen und Völkern gilt. Trotz der Verteidigung dieser auch in anderen Kirchen Deutschlands verbreiteten Position durch Präses Schneider im Rahmen der Rabbiner-Brandt-Vorlesung am 17.09. 2009 wird jedem aufmerksamen Bibelleser deutlich, wieweit sich die rheinische Kirchenleitung hier von Buchstaben und Geist des Neuen Testaments entfernt hat, ja ihm offen widerspricht. Leider fehlt den Theologischen Fakultäten des Rheinlands bisher der Mut, gegen diesen unbiblischen Kurs Stellung zu beziehen.
Wichtiger ist heute, wo auf dem Gebiet der Ev. Kirche im Rheinland bis zu 1 Million Muslime leben, der Beginn einer Moslemmission, die diesen Namen verdient. Wie die Mission an den Juden an das gemeinsame Alte Testament anknüpfen kann, so kann die Mission an den Muslimen den gemeinsamen Glauben an den einen Gott, den Schöpfer der Welt und Richter aller Menschen aufgreifen. Sie würde sich in dieser Hinsicht inhaltlich von der klassischen Heidenmission und ihrer Forderung der „Abkehr von den Abgöttern“ (1.Thess 1,9) unter-scheiden. Eine Anregung des Lutherischen Konvents in einem Brief an Präses Schneider vom 22.01.2008, die auf ein lutherisches Missionsprojekt in Mannheim hinwies, blieb bisher ohne Antwort. Offensichtlich wird in der Kirchenleitung die religionspolitische Korrektheit höher geachtet als der Missionsauftrag Jesu Christi, an den immerhin der 2. Satz der Kirchenordnung erinnert.
Im Gegenzug ist die Mission der Muslime unter Christen in Deutschland in vollem Gange. Der rheinische Konvertit Pierre Vogel, der in Saudi-Arabien den Koran und die Sunna studierte, hält jedes Wochenende in einer anderen Stadt Kurse in „Dawa“, der „Einladung zum Islam“, ab. Im Laufe dieses Jahres möchte er 100 Missionare ausbilden und aussenden. „Wir haben die Mission, den Islam in jedes Haus in Deutschlands zu tragen – aus Barmherzigkeit, um die Nicht-Muslime vor ewigem Leid in der Hölle zu bewahren.“
In dem Papier „Missionarisch Volkskirche sein“ ist jedoch weder von der Juden- noch von der Moslemmission die Rede. Das Schweigen der rheinischen Kirche zur Islammission und ihre Absage an die Judenmission zeigen, daß ihr über das amtliche Drängen auf Mitgliederwerbung und -pflege hinaus offensichtlich die Jesu Auftrag und Geist entsprechende missionarische Kraft fehlt. Man beschränkt sich auf das eigene Kirchentum im eigenen Volk und den harmonischen Dialog mit anderen Religionen, ohne an die tieferliegenden Wahrheiten des Glaubens an Gott und die Erlösungsbedürftigkeit auch des religiösen Menschen zu rühren. Warum schließt man bestimmte Menschengruppen von der guten Botschaft der in Jesus Christus erschienenen Liebe Gottes aus, z.B. Andersgläubige, Migranten und Ausländer, die Türken vor unserer Tür? Ist Jesus Christus nur für die Christen und Menschen unseres Kulturkreises gekommen oder auch für sein Volk, die Juden, und die Muslime, damit wir alle im Glauben an ihn der Gnade im Gericht und des ewigen Lebens gewiß werden?
Brühl, den 21. März 2010
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"7 Wochen ohne"
Zur Psychologie eines Ablenkungsmanövers
Reiner Vogels
Aschermittwoch ist gewesen, und in der Römisch-Katholischen Kirche hat die Fastenzeit begonnen. Die Evangelische Kirche hat die Fastenzeit nie mitgemacht. Sie hat immer gewusst, dass der Mensch einem großen Irrtum erliegt, wenn er meint, dass Fasten vor Gott ein gutes Werk sei. Statt dessen hat die Evangelische Kirche immer von den 7 Wochen der Passionszeit gesprochen. Nicht die religiöse "Leistung" des Menschen, also sein Fasten, sollte im Mittelpunkt dieser Kirchenjahreszeit stehen, sondern die Betrachtung der Leiden Christi. Christus hat durch sein Leiden und durch sein Sterben am Kreuz für uns die Vergebung der Sünden und die ewige Seligkeit erworben. Das Kreuz Christi war nicht nur ein Zeichen, sondern es war das Heilswerk des Sohnes Gottes. Wir können durch eigene religiöse Anstrengungen wie das Fasten dieses Werk keineswegs vervollständigen oder ergänzen, und wir sollen das auch nicht meinen.
Nun macht in vielen evangelischen Gemeinden in den letzten Jahren die Bewegung "7 Wochen ohne" von sich reden. Man will zwar nicht nach den klassischen katholischen Fastenregeln fasten, aber man möchte doch etwas Vergleichbares tun. Man möchte 7 Wochen lang verzichten auf Dinge oder Tätigkeiten, bei denen der Verzicht schwer fällt. Für die einen sind es die Süßigkeiten, für den anderen übermäßiger Fernsehkonsum. Wieder andere verzichten auf Alkohol oder andere Genussmittel. In manchen Kirchengemeinden gibt es regelrechte 7-Wochen-ohne-Gruppen. In diesen Gruppen treffen sich die Verzichtenden regelmäßig und sprechen über ihre Erfahrungen. Man sucht Bestätigung und Begleitung in der Gruppe und hofft, so die "7 Wochen ohne" besser durchstehen zu können.
Nun wird kein vernünftiger Mensch etwas dagegen haben, wenn Menschen sich vornehmen, weniger zu trinken, weniger Sahnetorte zu essen oder weniger lange vor dem Fernsehgerät zu sitzen. Es ist auch überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn Menschen ihr Übergewicht bekämpfen und eine Diät beachten. Mit der Kirche oder mit dem christlichen Glauben hat das nun allerdings überhaupt nichts zu tun. Wer dergleichen tun will, soll das tun, ohne es religiös zu verbrämen.
Wie kommt es dann, dass dennoch die 7-Wochen-ohne-Bewegung einen solchen Zulauf in unserer Kirche findet? Meine Erklärung ist: Es handelt sich um ein klassisches Ablenkungsmanöver. Seit Jahrzehnten schon tut sich die evangelische Theologie schwer mit der Botschaft vom Kreuz Christi. Mit der Sühneopfertheologie des Neuen Testaments weiß sie nicht mehr so recht etwas anzufangen. Deshalb haben Theologen alle möglichen Versuche unternommen, Ersatztheologien zu entwickeln. So wurden Tod und Auferstehung Christi nach dem Schema von Scheitern Jesu in der Welt und Bestätigung seiner "Sache" durch Gott gedeutet. Oder das Kreuz Christi wurde schlicht und einfach nicht mehr als befreiende Heilstat des Erlösers, sondern bloß noch als "Zeichen" dafür gedeutet, dass Gott "solidarisch" sei mit dem Leid der Welt. Solche Ersatztheologien werden gewiss dem Neuen Testament in gar keiner Weise gerecht, weil sie nur Teilaspekte der Kreuzesbotschaft aufgreifen und das Zentrum verfehlen. Dennoch verschaffen sie denen, die sie vertreten, einen psychologischen Vorteil: Sie erlauben es ihnen, sich selbst einzureden, dass sie "rechtgläubig" an der Kreuzesbotschaft festhalten, obwohl sie diese Botschaft längst entkernt und ihres eigentlichen Inhalts beraubt haben.
Und in genau dieselbe Richtung geht die 7-Wochen-ohne-Bewegung. Scheinbar und äußerlich gehen die Verzichtenden auf die siebenwöchige Leidenszeit ein. In Wahrheit jedoch geht es ihnen gar nicht um die geistliche Betrachtung des stellvertretenden Leidens Christi, sondern sie tun etwas völlig anderes. In Wahrheit betreiben sie Konsumhygiene oder das eigene Abspeckprogramm. 7 Wochen ohne sind ein klassisches psychologisches Ablenkungsmanöver. Der psychische Gewinn besteht in folgendem: Obwohl man mit der eigentlichen Kreuzesbotschaft im Grunde nicht viel anfangen kann, verhelfen einem Ersatzhandlungen wie die 7-Wochen-ohne-Praxis zu einem guten Gewissen.
Pfr. i.R. Reiner Vogels, Swisttal, 18.02. 2010
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Krieg darf nach Gottes Willen sein – aber nur als Not-Hilfe für Menschen
Überlegungen von Wilhelm Drühe (Mettmann)
These 1: Amsterdam 1948 – „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“ – damals verständlich, trotzdem aber grundsätzlich falsch
Auf der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen im Jahre 1948 in Amsterdam wurde beschlossen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ Das war drei Jahre nach dem Ende des furchtbaren Weltkrieges eine Abkehr von der unkritischen Bejahung und Verherrlichung besonders durch die protestantische Kirche, besonders auch in Deutschland. An seinem Anfang, dem deutschen Überfall auf Polen, läuteten viele Kirchenglocken in Deutschland und die militärischen Siege wurden gefeiert – und noch 1945 wurden im „braun“ gewordenen Landeskirchenamt (durch „Deutsche Christen“) Gottesdienst-Liturgien für den deutschen „Endsieg“ formuliert.
55 Millionen Menschen sind Opfer dieses Krieges geworden, den das Deutsche Reich begonnen hatte. 25 Millionen Zivilisten wurden verschleppt – bis hin nach Sibirien. Fünf bis sechs Millionen Menschen kamen durch den Rassenwahn um, fabrikmäßig umgebracht. Und am Ende dieses Weltkrieges wurden zwei Atombomben in Japan gezündet. So ein Krieg sollte nie mehr als Wille Gottes ausgegeben werden können.
Verständlich, dass in Landeskirchen und Kirchengemeinden eine mächtige Friedensbewegung entstand – mit dem Ruf: „Nie wieder Krieg!“ und „Nie wieder Soldaten in deutscher Uniform“ und „Von Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen!“ Hatte der Deutsche Bundestag am 24. und 25. November 1949 noch eine nationale Wiederbewaffnung abgelehnt, führte die weltpolitische Entwicklung („Kalter Krieg“) zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im Jahre 1952, dann zur NATO (1955) und der damit einhergehenden Gründung der Bundeswehr im Mai 1955.
Dann setzte auch bald die friedensethische Diskussion innerhalb der Evangelischen Kirche ein, verschärft durch die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Sie führte zu den „Heidelberger Thesen“ im Jahre 1959 zu Atomzeitalter, Krieg und Frieden. Die erste These stellte fest: „Der Weltfrieden wird zur Lebensbedingung des technischen
Zeitalters“ und die zweite These: „Der Christ muss von sich aus einen besonderen Beitrag zur Herstellung des Friedens verlangen.“ Ein deutlicher Akzent wurde durch die These 8 gesetzt: „Die Kirche muss die Beteiligung an dem Versuch, durch das Dasein von Atomwaffen einen Frieden in Freiheit zu sichern, als eine heute noch mögliche christliche Handlungsweise anerkennen.“ Mir scheint, dass das die entscheidende christliche Maxime ist: Durch Waffen, auch Atomwaffen, den Frieden in Freiheit zu sichern – aber in der Polarität: Frieden schaffen – mit und ohne Waffen. Damit muss die Beurteilung von Kriegen erfolgen – auch heute noch.
These 2: Unterdrückungs- und Vernichtungsverhältnisse auf der Erde können Christen dazu zwingen, zu den Waffen greifen – zur Not-Hilfe für Menschen
Was erfahren wir täglich über Grausamkeiten, die Menschen in anderen Ländern zugefügt werden? Wenn Tausende auf der Flucht sind, wenn Kindersoldaten morden, wenn Frauen und Mädchen systematisch vergewaltigt werden, wenn bestialisch getötet wird – und dazu Angst um das Leben und Hunger … Ich muss wohl nicht aufzählen, wo dies alles geschieht. Ich weiß, dass man zuerst die Ursachen für diese grausamen, unmenschlichen Vorgänge beseitigen müsste, also Frieden schaffen ohne Waffen. Aber wenn man auf diese Veränderungen nicht warten kann, muss man dann nicht auch mit Waffengewalt dafür sorgen, dass diese Verbrechen gegen Menschen und die Menschlichkeit nicht geschehen?
Seit 1990 sind Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr außerhalb der Bundesrepublik in friedenserhaltenden und –sichernden Maßnahmen eingesetzt, zurzeit sind es ca. 7.510, die meisten in Afghanistan mit 4.360 (ISAF), dann folgt der Kosovo mit 2.020 (KFOR). Seit der Aufstellung der Bundeswehr hat es insgesamt 130 deutsche Einsätze in aller Welt gegeben (www.bundeswehr.de/Auslandseinsätze). Besonders diskutiert wird zurzeit bei uns der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Rahmen der ISAF, in dem es vor allem um die militärische Sicherung der Aufbauarbeiten geht. Hier wird deutlich, wie beides ineinander greifen muss, um den Menschen dort zu helfen, wie auf der anderen Seite diese Not-Hilfe verhindert wird – in Afghanistan durch die Taliban. Also ein Beispiel für Frieden schaffen – mit Waffen. Frieden schaffen – ohne Waffen wird dort kaum möglich sein (?).
These 3: Die „Friedensbewegung“ bei uns hat nicht den Frieden geschaffen, sondern ihn häufig behindert und verhindert
Am 11. Oktober 1986 war ich im Rahmen meiner Pressearbeit bei der Groß-Demonstration auf dem Hunsrück vor dem US-Stationierungsgelände von 96 Cruise Missiles. Sie waren atombombensicher dort untergebracht worden, garantierten bei einem atomaren Erstschlag der Sowjetunion den Gegenschlag. Diese Raketen waren atomar bestückt – und im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses vom 12. Dezember 1979 dort aufgestellt worden. Nach ihm war dem Warschauer Pakt eine Verhandlung über die beiderseitige Begrenzung der atomaren Mittelstreckenraketen angeboten worden. Wenn es keine Einigung geben würde, dann sollte eine neue Generation von Raketen und Marschflugkörper in Westeuropa aufgestellt werden. In diesem Rahmen war dann auch die Aufrüstung im Hunsrück erfolgt. Vor dem riesigen Stationierungsgelände waren auf einem Acker 96 Holzkreuze zum Protest gegen die Raketen aufgestellt worden („Mit Kreuzen gegen Raketen“).
Wenn ich die politischen Entwicklungen nach dieser Groß-Demonstration auf dem Hunsrück, dem viele kleinere vorangingen und folgten, verfolgte, dann wurde es bald klar: diese pazifistischen Aktionen und Aktivitäten, besonders von unserer evangelischen Kirche betrieben, hatten einen gemeinschaftsbildenden Sinn, erreicht wurde letztlich aber nur die radikale Abrüstung auf der östlichen Seite – durch die Hochrüstung auf der westlichen. Auch die 96 Cruise Missiles auf dem Hunsrück bewirkten, dass das Ende des Warschauer Paktes begann. Die Sowjetunion erkannte, dass sie einem erneuten Rüstungswettlauf mit den USA wirtschaftlich nicht gewachsen war. Der 1985 neu gewählte Generalsekretär des ZK der KPdSU Michail Gorbatschow zog die Konsequenzen aus dieser Einsicht angesichts der technologischen Herausforderungen durch den Westen – nicht wegen der Friedensbewegung im Westen! 1990 erhielt Gorbatschow den Friedensnobelpreis.
These 4: Die Kanzel an kirchlichen Feiertagen ist ein ungeeigneter Ort, die Problematik um Krieg und Frieden zu behandeln
Kanzeln sind im Weihnachtsgottesdienst und zu Neujahr seit Jahren beliebte Medienorte für unsere Kirchenleitenden, sich als Verkünder der Zivilreligion zu betätigen mit dieser Vermischung von Kirche und Gesellschaft, ideologischen Vorstellungen und christlichem Glauben.“ Das evangelische Weihnachtsfest ist mehr und mehr zu einer Institution dieser Zivilreligion (civil religion) geworden. Vielleicht hat die neue EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Margot Käßmann (Hannover), der Wunsch getrieben, sich auch im Vergleich mit ihrem Amtsvorgänger im Ratsvorsitz, Bischof Wolfgang Huber, zu profilieren – schon zu Heiligabend konnte man in der Berliner Zeitung und in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung lesen, was dann am Neujahr in der Dresdner Frauenkirche ihr „Verkündigungsthema“ sein würde: „Waffen schaffen offensichtlich auch keine Waffen?“ und „Es gibt keinen gerechten Krieg.“ Höhepunkt dann der bischöflichen Kanzelschelte: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Und was dort fehlt: „Wir brauchen Menschen, die ein klares Friedenszeugnis in der Welt ablegen.“
Die Weiterführung ihrer Stellungnahmen nach der Neujahrspredigt und die Diskussion über den nach meiner Meinung Missbrauch der Festtagskanzel zu eindeutig politischen Zwecken, die nicht zum kirchlichen Auftrag einer lutherischen Bischöfin gehören, möchte ich nicht dokumentieren – nur einen der viele Briefe, die Margot Käßmann erhielt, zitieren. „Sie haben in ihrer Predigt den Soldaten und deren Familien keinerlei Trost gespendet. Im Gegenteil, Sie haben ihnen nahezu den Teppich unter den Füßen weggezogen, als Sie ohne jede Sachkenntnis von der Kanzel herab ihr hochmütiges, aber in jeder Hinsicht falsches Pauschalurteil abgaben.“ Das schrieb Klaus Naumann, evangelischer Christ und General a.D. am 18. Januar 2010 der Bischöfin (Süddeutsche Zeitung vom 29. Januar 2010 – die Bischöfin hat nicht geantwortet).
Für mich war wichtig, dass die EKD offensichtlich bemüht war, den Käßmann-Schaden zu begrenzen. Am 25. Januar 2010 wurde ein „Evangelisches Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan“ veröffentlicht – unterschrieben vom Bischöfin Käßmann, ihrem Stellvertreter im EKD-Rats, Präses Nikolaus Schneider, dem Evangelischen Militärbischof Dr. Martin Dutzmann und dem Friedensbeauftragten des EKD-Rates, Renke Brahms. Zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan: „Wir sehen gegenwärtig nicht, dass der Einsatz anhand der friedensethischen Kriterien eindeutig gebilligt oder abgelehnt werden könnte. Sicher aber ist: Die Prüfung weist auf deutliche Defizite hin.“ Also keine Billigung des „Nichts ist gut in Afghanistan“ aus der Neujahrspredigt? Die ihr folgende Diskussion hat mir gezeigt, dass Friedensethik eine wichtige Aufgabe unserer evangelischen Kirche ist und in ihren Leitungsgremien wahrgenommen werden sollte. Margot Käßmann hat ihr einen schlechten Dienst erwiesen.
Eine der Seligpreisungen des Jesus von Nazareth, des Christus, lautet für alle Zeiten und alle Verhältnisse: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthäus 5,9).
Und er hatte auch gesagt: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7, 16). Das gilt sicher auch für kirchliche Friedensethik – und auch für das öffentliche Reden einer evangelischen Bischöfin.
Pfr. i.R. Wilhelm Drühe, Mettmann, 03. 02. 2010
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Der Gottesdienst ist keine Gemeindeversammlung!
oder:
Warum man den Dienst Gottes an uns, nicht von der „Besucherzahl“ abhängig machen sollte.
Dirk Bangert
I
„Schade, dass die Kirche nicht immer so voll ist“, raunte mir die Küsterin anlässlich eines Orgelkonzertes zu. Sie hat recht. Nicht nur alle Kirchenbänke waren voll, sondern auch fast alle hinzu gestellten Stühle. Aus der ganzen Stadt waren sie gekommen, um unserem Kantor zu lauschen, sehr stimmungsvoll!
Und sonntags? Da bleiben in vielen Kirchen viele Plätze leer. Aber darüber muss ich hier keine großen Worte verlieren, das Phänomen wird jeder kennen, und sich wünschen, dass es anders wäre.
Einerseits weil es einfach schön ist, mit vielen Schwestern und Brüdern im Glauben unter der Kanzel und vor dem Altar zu sitzen, um zu singen, zu beten, zu loben, das Sakrament zu empfangen, und auf Gottes Wort zu hören, andererseits, um der tief in uns wohnenden „Effizienzfrage“ zu entgehen: Lohnt sich der Aufwand für die paar wenigen Getreuen, die sich in ihrem hohen Alter in die Kirche quälen?
Oder im Zuge der Sparwut noch deutlicher: Lohnt sich diese Predigtsstätte noch? Sollen wir nicht das Geld in die Jugendarbeit/Kirchenmusik (oder sonstwohin) stecken?
II
Es wird gerne behauptet, der Gottesdienst wäre – theologisch betrachtet – eine Gemeindeversammlung, aber jetzt kann sich jeder einmal fragen, wie viele Kirchen in der eigenen Gemeinde zu bauen wären, wie viele zusätzliche Prediger zu beschäftigen wären, um die ganze(!) Gemeinde am Sonntag empfangen zu können.
Wenn er nun offenkundig keine Gemeindeversammlung ist, was ist er dann? Der Gottesdienst ist der Dienst Gottes an uns, und allen, die dieses Angebot wahrnehmen wollen. Daher ist es ziemlich zynisch, ihn an der „Besucherzahl“ zu messen. Jesus Christus spricht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). Dieses Herrenwort rechtfertigt das pfarramtliche Brüten über dem Predigttext, die mühevolle kirchenmusikalische Gestaltung, und das sonntägliche Herrichten des Kirchsaals durch den Küsterdienst, völlig unabhängig von der Größe der Gottesdienstgemeinde.
Aber es ist auch eine Mahnung an alle Geistlichen, die sagen, dass es keinen Spaß macht, vor einer fast leeren Kirchen zu predigen, und deshalb gelangweilt die Liturgie vorlesen, und die Predigt von vor sechs Jahren einfach wieder aufkochen. Eine Mahnung an alle Presbyteriumsmitglieder, die von ihrer Presbyterbank aus frustriert in die leeren Reihen gucken, anstatt Gottesdienst zu feiern. Denn Jesus sagt uns, dass er real gegenwärtig ist, wo sich zwei, oder drei in seinem Namen versammeln!
Wer jetzt immer noch in Zahlen denkt, muss sich fragen, ab wann ein Gottesdienst zu schlecht besucht ist: 50? 30? 29? 28? 15? Auch hier hilft ein Blick in die Heilige Schrift. Abraham feilscht mit Gott um Zahlen (Gen 18,22-33). Die Gerechten in Sodom sollen gerettet werden. Egal, ob es fünfzig sind, oder nur zehn. Gott lässt mit sich handeln. Auch dieses Geschichtchen will nicht recht passen zu unserem „Effizienzdenken“. Daher ist es im Zuge der Sparmaßnahmen als falsch und unnütz zu verwerfen.
III
Der Umkehrschluss ist allerdings auch falsch. Es gibt keinen Freibrief für Presbyterien und Pfarrpersonal, sich bequem zurückzulehnen, und gleichgültig „wer kommt, der kommt“ zu sagen. Die Kirche darf (und muss) die Einladung des Herrn aussprechen: „Wer mir nachfolgt, der wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12).
Die immer sich erneuernde Schaffung eines lebensbejahenden Gemeindelebens in der Nachfolge Christi ist ebenso notwendig wie ein stets glaubwürdiges kirchliches Handeln. Authentische und attraktive Gottesdienstformen zu halten, zu finden und zu erfinden, gehört ebenso dazu wie der immer gültige Inhalt des berühmten Luther-Zitates: „dem Volke aufs Maul zu schauen“. In einer pluralen, fragmentarischen Gesellschaft hat alles seinen Platz: vom ekstatischen Jugendgebetsabend, über den bildungsbürgerlichen Familiengottesdienst, bis hin zur Evangelischen Messe; der Protestantismus ist – Gott sei es gedankt – mit den unterschiedlichsten Traditionen und Aspekten von Frömmigkeit reichlich gesegnet. Nur albern, dümmlich oder unverständlich dürfen die äußeren Formen nicht werden, denn das Evangelium Jesu Christi steht über allem, daher ist der sonntägliche Hauptgottesdienst (bei aller berechtigten Zielgruppenorientierung) als verbindendes Element aller Generationen unaufgebbar.
Die Verkündigung in Wort und Tat dieser fröhlichen, und erlösenden Botschaft ist unser Auftrag, dafür hat Gott uns mit seinem Heiligen Geist erleuchtet. Warum sollten uns „schlechte Besucherzahlen“ diese „Begeisterung“ nehmen?
Im Gegenteil, gerade hier ist es notwendig, die Glocken weiter läuten zu lassen gegen die säkularen Motive der Abwesenden (nicht gegen die Abwesenden selber!), und sie unbeschwert, fröhlich einzuladen, am Sonntagmorgen einmal für eine Stunde die Lasten des Alltags zu vergessen und sich von Gottes Wort bestätigen und korrigieren zu lassen.
Und als kleine Entlastung aller kirchlichen Amtsträger (im Haupt- und Ehrenamt) zum Schluss darf man sich in Erinnerung rufen: Das reine und lautere Evangelium war der Welt schon immer ein Ärgernis (oder eine Torheit), warum sollte das im 21. Jh. anders sein?
Vikar Dirk Bangert, Wuppertal-Elberfeld, am 23. Januar 2010
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Zum Nachdenken: Veranstaltung oder Gottesdienst?
Ludwig Söldner
Als einem Gemeindeglied der älteren Generation bewegen mich diese Gedanken. Bewusst bezeichne ich mich als Gemeindeglied und nicht als Gemeindemitglied. Mitgliedschaft bezeichnet eine Zugehörigkeit zu einem Verein, die das Mitglied unter Berücksichtigung gewisser Satzungsmodalitäten aufkündigen kann. Nun ist die Kirche kein Verein, sondern der Leib Christi mit seinen vielen Gliedern. Aus diesem Grund hat die Bezeichnung Gemeindeglied ihre Berechtigung.
Im letzten Jahrzehnt beobachte ich als Besucher der Gottesdienste landesweit, dass diese weitgehend Veranstaltungscharakter haben und deshalb auch als Veranstaltung von ihren Funktionären durchgeführt werden. Dahinter steht das anerkennenswerte Bemühen, eine moderne, attraktive Form für diese sonntägliche Matinee zu finden. Deutlich wird das an den häufig wechselnden Programmen, deren Punkte die agierenden Gemeindemitglieder, oft unter Namensnennung, in den Mittelpunkt stellen. Ob dies peinlich wirkt, mag der geneigte Leser selbst entscheiden. Er wird dabei ein besonderes Gespür entwickeln, wenn er zu den Mühseligen und Beladenen gehört, die Jesus durch seine Worte zu sich ruft und trösten will.
Ein anderes Profil hat dagegen der Gottesdienst. Er folgt nicht einem Programm, sondern einer festen Ordnung, die sich in jahrzehntelanger Erfahrung bewährt hat und den Gemeindegliedern vertraut ist. Der Gottesdienst ist auch keine Veranstaltung fleissiger und einfallsreicher Funktionäre, sondern der Dienst, den Gott allein durch Wort und Sakrament seiner Gemeinde leistet. Deshalb Gottesdienst! Dazu stellt Gott Menschen in seinen Dienst, die allerdings hinter die ausgerichtete Botschaft zurück zu treten haben. Sie werden das gewiss gern tun in dem Glauben, dass Gott Grosses durch ihren Dienst zur Auferbauung seiner Gemeinde tut. Bemerkbar wird sich dies machen durch den dankbaren Dienst derer, die durch Gottes Wort angesprochen worden sind, an den Menschen, die ihnen als Nächste begegnen. Nicht zuletzt wird dies auch spürbar durch die Beteiligung an der Kollekte, die mehr ist als die Lösung einer Eintrittskarte zu einer Veranstaltung, sondern ein Zeichen des Dankes für Gottes grosse Taten durch Jesus Christus.
Pfr. i. R. Ludwig Söldner, Neuss, 14. 01. 2010
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Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Zur Jahreslosung für 2010 aus Joh. 14, 1
Reiner Vogels
Das Wort stammt aus den Abschiedsreden Jesu. Jesus hat es seinen Jüngern zum Trost gesagt in jenen letzten Stunden, in denen er mit ihnen im Abendmahlssaal zusammengesessen und geredet hat. Angst, Entsetzen, Verzweiflung machten sich unter den Jüngern breit. Ihr Weg mit dem Herrn, dem sie so lange gefolgt waren, schien unausweichlich in einer Katastrophe enden zu sollen. Der bevorstehende Tod Jesu am Kreuz stand allen Anwesenden vor Augen. Aus dieser Situation stammt das Trostwort Jesu.
Wir stehen am Beginn des Jahres 2010 in einer sehr viel weniger dramatischen Situation. Gewiss, die Wirtschaftskrise ist noch nicht zu Ende, und mancher blickt sorgenvoll in die Zukunft. Verglichen mit der Situation vieler anderer Völker auf dieser Erde, sind unsere Sorgen allerdings klein. Und vor allem: Was sind unsere Alltagssorgen am Beginn des neuen Jahres verglichen mit dem, was Jesu und seine Jünger an jenem letzten gemeinsamen Abend in Jerusalem bewegt hat?
Das Wort Jesu gehört in einen fundamentalen existientiellen Zusammenhang. In ihm geht es um Trost und Zuversicht im Leben und im Sterben. Nicht umsonst geht die Rede Jesu weiter mit den Worten: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen", und das ist ganz sicher ein Verweis auf die Ewigkeit. Es ist Verweis auf das ewige Leben, das Christi Jünger nach diesem Leben erwartet. Wenn man dies bedenkt, dann passt das Jesuswort als Jahreslosung: Der Wechsel vom alten zum neuen Jahr erinnert uns an unsere Zeitlichkeit und an die Endlichkeit unseres Lebens. Wir gehen durch die Jahre unseres Lebens. Festhalten können wir nichts, aber älter werden wir unaufhaltsam. Und jeder Jahreswechsel erinnert uns daran, dass dies vielleicht der letzte Jahreswechsel sein könnte, den wir erleben dürfen.
"Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!" - Dies Wort soll uns die Angst vor unserer Endlichkeit, vor unserem Sterben und Vergehen nehmen. Wir sollen in das neue Jahr hineingehen, ohne zu wissen, ob es gut oder schlecht ausfallen wird, ohne auch zu wissen, ob wir den nächsten Jahreswechsel noch erleben dürfen. Aber wir sollen dennoch getröstet und zuversichtlich und ganz gewiss auch tapfer auf das neue Jahr zugehen. Denn im Glauben an Gott und in Glauben an Jesus Christus wissen wir: Am Ende unseres Lebens in dieser Welt steht die Ewigkeit bei Gott für uns bereit. Im Hause unseres himmlischen Vaters sind viele Wohnungen. Auch für uns wird sich eine Wohnung finden.
Der Lutherische Konvent im Rheinland wünscht allen Lesern ein gesegnetes Jahr 2010.
Pfr. i. R. Reiner Vogels, Swisttal, 31. 12. 09
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