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Günter Reese, Unterwegs zu einer ökumenischen, prophetischen und diakonischen Gemeinde

Gemeindebericht 2008

Gemeindebericht 2009

Gemeindebericht 2010

Gemeindebericht 2011


Maifelder Thesen zum Sonntag

Maifelder Thesen zum Verhältnis zwischen Christen und Juden


"Das Ganze verändern" Positionspapier 2004

des Ökumenischen Netzes Rhein Mosel Saar e.V. 

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Der "Wetzkopp" ist ein schwerer Steinhammer der Mayener Steinhauer. Unter diesem Namen gaben wir über viele Jahre Texte heraus, die wir gefunden und selbst geschrieben hatten, Predigten, Bibelarbeiten, Aufsätze: von Dorothee Sölle, Luise Schottroff, Karl Barth, Philipp Potter, Georges Casalis und vielen anderen Müttern und Vätern von Kirchengeschichte und Ökumene. Sie waren oft zugespitzt und parteiisch, riefen Unbehagen und Widerstand hervor. Der abgedruckte "Wetzkopp Nr. 25" von Günter Reese erlebte vier Auflagen. Er war Pflichtlektüre in unseren Seminaren und biblischen Grundkursen.[Gernot Jonas]


Günter Reese:
UNTERWEGS ZU EINER
ÖKUMENISCHEN, PROPHETISCHEN
UND DIAKONISCHEN GEMEINDE


- EINE BIBLISCHE PERSPEKTIVE -

Ist mein Wort nicht wie ein Hammer,
der Felsen zerschmeißt ? spricht der Herr.
JEREMIA 23,29

Was ist die Kirche? Nach dem, wie sich die Kirche heute gibt, ließe sich folgende Antwort denken: Die Kirche ist die Organisation der Christen. Christen sind aber sehr verschiedene Menschen, mit unterschiedlichen Auffassungen und Einstellungen. Vor allem gehen ihre Erwartungen an die Kirche auseinander. Aufgabe der Kirche sollte es darum sein, die Christen zusammenzuhalten. Sie muß jedem das Gefühl geben, er oder sie gehöre dazu, und nach Möglichkeit jeden in der Kirche das finden lassen, was er oder sie sucht. Dieses Konzept wird oft mit großer moralischer Gebärde vorgetragen. Die die Kirche in Atem haltende Frage lautet: Wie gehen wir miteinander um?

Trotzdem sind Streit und unschöne Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Dann ist man bemüht, Streit zu vermeiden, indem man die brisanten Fragen ausläßt und den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht. Das führt jedoch schnell zu der ebenso oft beklagten Belanglosigkeit kirchlichen Lebens. Streit oder Belanglosigkeit - beides stößt Menschen ab. Vielen bietet die Kirche das traurige Bild endloser Streitigkeiten oder tödlicher Unerheblichkeit.

Dies wird sich kaum ändern, wenn es die Kirche um ihres Zusammenhaltes willen weiterhin unterläßt, sich vom Wort Gottes, also von ihrem Grund und Zentrum her zu fragen, was ihr Wesen und ihr Auftrag ist. Es hätte nie eine Reformation und nie eine Bekennende Kirche gegeben, wenn die Kirche sich nur formal als Organisation von Christen verstanden oder "Toleranz" als Verzicht auf die Wahrheitsfrage vertreten hätte. Als das Volk Gottes ist die Kirche nicht frei, sich aus der Summe ihrer Mitglieder und deren Vorstellungen heraus zu verstehen. Wesen und Auftrag der Kirche stehen nicht zur Disposition. Auch wenn sich die Kirche aus nichts anderem als nur den Mitgliedern zusammensetzt, darf sie sich, wenn sie Kirche des Jesus Christus sein will, nicht an den Mitgliedern orientieren. Die Kirche ist dem einzelnen Christen vorgegeben.

Es ist leicht, die Kirche zu kritisieren und ihr ihre eigene Theorie vorzuhalten, der eine so mäßige Praxis gegenübersteht. Es ist noch leichter, dieses jedem offensichtliche Mißverhältnis zu verklären oder zu verharmlosen. Dann verdirbt die mangelhafte Praxis auch noch die Theorie. Es bleibt keiner Generation erspart, Jeweils für ihre Zeit neu zu bekräftigen, was Wesen und Auftrag der Kirche ist, und dies in Vertrauen und Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes in Praxis zu überführen. Was ist die Kirche? In unserer Gemeinde sind wir dabei, eine Perspektive zu entwickeln, die zu mehr Klarheit und Substanz und damit größerer Einheit im gemeindlichen Leben führen soll. Uns leitet die Vision einer "ökumenischen, prophetischen und diakonischen Gemeinde". Was ist damit gemeint?

EINE ÖKUMENISCHE GEMEINDE

Zu den von altersher in Geltung befindlichen Merkmalen der Kirche gehört ihre "Katholizität" (aus dem Griechischen für "die ganze Erde umfassend"). Die Kirche des Jesus Christus ist wesenhaft universal, internationalistisch. Die Bibel handelt ja von der Geschichte Gottes mit der Welt. Er ist ihr Schöpfer und Erlöser. In dieser Geschichte hat die Kirche eine wichtige Aufgabe. Sie soll mit ihren Horten, ihrem Tun und ihrem Leben Gott als den Schöpfer und Erlöser der Hell bezeugen. Die Kirche ist also auf die Welt bezogen. Darum sagt Jesus in der "Missionserlaubnis", die er seinen Jüngern gibt: "Geht hin in alle Welt!" (Matthäus 28,19) Die Jünger sollen seine Zeugen sein "bis an die Enden der Erde" (Apostelgeschichte 1,8). Jesus Christus, so heißt es später im Epheserbrief, erfüllt die ganze Welt mit seinem Leib (Epheser 1,23). Die Kirche kann nur weltweit Kirche sein, oder sie ist nicht die Kirche des Jesus Christus. Das meinen wir, wenn wir sagen, daß wir eine ökumenische Gemeinde sein sollen. Wir entfalten dies unter drei Gesichtspunkten.

1. Eine ökumenische Gemeinde kann nicht mehr provinziell sein

Eine Kirche oder Gemeinde ist provinziell, wenn sie sich nur um ihre Belange, ihren Fortbestand, ihr Glaubensleben oder ihre eigenen Mitglieder kümmert. "Was gehen uns die andern an?" heißt es dann, oder: "Haben wir nicht bei uns genug Probleme?" Oder es werden Millionen auf die hohe Kante gelegt, um eventuelle spätere Engpässe zu meistern, während woanders das Nötigste fehlt. Eine Kirche oder Gemeinde ist provinziell, wenn sie ihre jeweilige Erfahrung und Situation zum Maßstab dessen macht, was in der Kirche überhaupt gelten soll. Dann wird in unserem Land eine Theologie, die die Überwindung von Hunger, Armut und Unterdrückung umfaßt, als "politisch" abgetan. Warum? Weil es den Wortführern dieser Ablehnung gut geht, weil ihre Kinder nicht hungrig zu Bett gehen oder an Tbc sterben müssen. Dann wird, um noch ein Beispiel zu nennen, die Frage des Friedens aus der beschränkten Sicht des Ost-West-Konfliktes betrachtet, ohne zu berücksichtigen, wie sich das unaufhaltsame Wettrüsten oder der Waffenexport woanders auswirken und unsere Politik dort empfunden wird.

Eine Kirche und Gemeinde ist provinziell, wenn sie nicht alles tut, bei ihren Mitgliedern jede Form von Stammesdenken, Gruppenegoismus, nationaler, rassischer und kultureller Überheblichkeit zu überwinden. Sie ist ökumenisch, wenn sie das herrschende Einverständnis mit der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung der reichen Länder über die armen durchbricht. Sonst macht sie sich zum Instrument staatlicher oder gesellschaftlicher Interessen, die sich mit einer gewissen Logik auf Wohlstand und Wachstum des eigenen Landes konzentrieren. Eine sich ökumenisch verstehende Kirche weiß sich dem Völkerrecht, dem Weltfrieden und einer neuen, gerechteren Weltwirtschaftsordnung verpflichtet. Sie macht sich zum Anwalt derer, die weltweit unter die Räder der eigennutzorientierten politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen unseres Landes geraten.

2. Eine ökumenische Gemeinde widersteht der Gefahr, als Kirche allgemeingültig und zeitlos zu sein

Manche Christen vertreten die Auffassung, die Kirche könne und müsse sich aus Zeit und Geschichte heraushalten. Sie habe eine ewige Wahrheit und einen immer gleich bleibenden Auftrag. Die Bibel bezeugt es aber anders. Sie sagt, daß die Menschheitsgeschichte in Wirklichkeit die Geschichte Gottes mit den Menschen ist, genauer: eine Geschichte aus menschlicher Verfehlung und göttlicher Zuwendung, aus Sünde und Gnade, aus Gericht und Neubeginn, eine Geschichte zwischen Schöpfung und Vollendung. Die Kirche lebt in dieser Geschichte und soll jeweils in ihrer Zeit mit ihrem Glauben und Gehorsam Jesus Christus bezeugen. Dabei lebt sie in der Gewißheit, daß Jesus Christus als der Lebendige gegenwärtig ist. Er war damals, aber er ist auch heute. Er begegnet der Kirche heute, er redet heute zu ihr, er ruft sie heute in seine Nachfolge. Das vollzieht sich nicht in einem besonderen Bereich, nicht in der "Seele" und nicht im "Himmel", sondern mitten in den Ereignissen der Zeit und Geschichte, in der die Kirche jeweils lebt.

In der ökumenischen Bewegung haben die Kirchen erkannt, daß es heute ganz besonders um eine große historische Herausforderung geht, in der sie Jesus Christus zu bezeugen haben: die weltweite Ungerechtigkeit, Hunger und Unterdrückung, in der Millionen von Menschen um ihr Leben kommen. Wenn diese bedrückenden Tatsachen immer wieder genannt und erörtert werden, dann soll das nicht heißen, daß es für Verkündigung und Praxis der Kirche keine anderen Themen und Inhalte mehr gebe. Das ist ja auch in der ökumenischen Bewegung nicht der Fall. Vielmehr drückt sich darin die Überzeugung aus, daß sich die Kirchen in dieser bestimmten historischen Situation mit einer unabweislichen Dringlichkeit und Priorität von Jesus Christus selbst vor diese Aufgaben gestellt sehen. Immer hat es für die Kirche ähnliche historische Herausforderungen gegeben, denken wir nur an die soziale Frage im 19. Jahrhundert oder die Frage des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert. Meist hat die Kirche versagt. An der Hypothek trägt sie bis heute. Eine ökumenische Gemeinde möchte sich daran beteiligen, der historischen Berufung der Kirche in dieser Zeit zu entsprechen.

3. Eine ökumenische Gemeinde ist eine Jesus Christus bekennende Gemeinde

Eine ökumenische Gemeinde widersteht der Tendenz, aus falsch verstandener "Toleranz" und im Geist scheinbar demokratischen Pluralismus' die Gestalt ihrer Botschaft in viele, sich gegenseitig bekämpfende Einzelmeinungen aufzulösen. Sie kann sich nicht damit abfinden, daß subjektive Willkür im Verständnis von Bibel und Glauben das Feld "beherrschen soll. Das Liebesgebot der Stunde heißt nicht, jedem "seinen" Glauben zu glauben und zu belassen. Individualismus ist nicht die Summe reformatorischen Erbes, sondern die Wiederentdeckung des Christusbekenntnisses. Eine ökumenische Gemeinde nimmt von neuem die Frage nach dem Bekenntnis der Kirche auf. Das Bekenntnis hat in der Kirche seit alters die Funktion gehabt, in Glaubens- und Lebensfragen in einer bestimmten Zeit Klärungen und Entscheidungen herbeizuführen. Es war der oft beschwerliche Versuch der Kirche, auf der Basis eines gemeinsamen Bekenntnisses neue Einheit zu stiften. Dieser Versuch war zwar immer mit Abgrenzungen und damit schmerzlichen Brüchen verbunden, andererseits bedeutete er eine große Hilfe, wenn es darum ging, Klarheit und Eindeutigkeit über den eigenen Auftrag zu gewinnen. Keine Kirche kann ohne Bekenntnis leben und ihre Einheit bewahren. Unsere Kirche hat deshalb Bekenntnisse, die hoch geschätzt werden: das apostolische und das nizänische Glaubensbekenntnis, die Bekenntnisse der Reformation und die Theologische Erklärung von Barmen 1934. Sie sollen ein einigendes Band darstellen, tun dies in gewisser Weise auch, ohne aber - wie wir erleben müssen - wirklich einigend zu sein. Das ist nicht verwunderlich. Das Wesen eines Bekenntnisses ist gerade seine Aktualität. Mit dem Bekenntnis antwortet die Kirche in Klarheit und Eindeutigkeit auf eine bestimmte Herausforderung. Es hat seinen Sinn, Bekenntnisse von früher lebendig zu erhalten, aber sie können die Notwendigkeit neuen Bekennens in einer neuen Herausforderung nicht überflüssig machen.

Bekenntnisse lassen sich nicht "machen". Die Erfahrung der Kirche ist: sie werden ihr geschenkt, wenn sie gehorsam ist und sich den Herausforderungen stellt. Dabei wird ihr auch eine unerwartete Einmütigkeit zuteil. Diese Erfahrung hat die Kirche in der Reformationszeit gemacht und auch während des Naziregimes. Sie macht sie heute im Zusammenhang der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft. Die Weltmissionskonferenz von Melbourne ist ein Beispiel dafür. Über 500 Delegierte aus vielen Ländern der Welt, aus den unterschiedlichsten politischen Situationen und kulturellen Traditionen, mit sehr voneinander abweichenden Glaubenstraditionen, kamen im Mai 1980 in Melbourne zusammen, um unter dem Thema "Dein Reich komme" zu einem gemeinsamen christlichen Zeugnis heute zu finden. Die Voraussetzungen dafür, daß sie sich einigen könnten, waren so begrenzt, wie es die Verschiedenheit der Delegierten erwarten ließ. Aber sie hatten besondere Gäste geladen: einen Bauern aus Guatemala, eine Industriearbeiterin aus Malaysia, Ureinwohner aus Australien usw. Sie repräsentierten keine Kirchen, sondern die weltweite Ungerechtigkeit mit ihren Folgen:

Hunger, Krankheit, Vertreibung, Ausbeutung, Unterdrückung und vielfacher Tod. Das Unerwartete geschah. Ungeachtet aller theologischen und ideologischen Unterschiede einigte sich die Konferenz auf klare und deutliche Aussagen. Sie nannte die Verhältnisse beim Wort, rief unüberhörbar zur Umkehr auf und bekannte sich in Vertrauen und Gehorsam zu Jesus Christus, dem alleinigen Herrn. Ähnliche Erfahrungen hat die Weltchristenheit bei ihren Vollversammlungen in Nairobi 1975 und in Vancouver 1983 gemacht.

Eine ökumenische Gemeinde weiß sich der ökumenischen Belegung und dem Ökumenischen Rat der Kirchen zugehörig. Sie ist überzeugt, daß der Weg der Ökumene auch ihr Weg ist. Sie dankt Gott für das in der Ökumene immer klarer und eindeutiger hervortretende Bekenntnis zu Jesus Christus unter den Bedingungen und Herausforderungen der Gegenwart. Sie sucht und empfängt in der Ökumene auch die Klarheit und Eindeutigkeit, die sie für ihr eigenes Reden und Tun braucht. Sie glaubt, daß auch bei uns nur über diesem neuen, aktuellen Bekennen die Einheit der Kirche wiedergewonnen wird.

EINE PROPHETISCHE GEMEINDE

Das "Prophetische" gehört nicht zu den traditionellen Merkmalen der Kirche. Trotzdem hat es einen festen Platz in der Tradition der Kirche. Schon die Bezeichnung "Mose und die Propheten" für die Schriften des Alten Testaments zeigt die Bedeutung der prophetischen Überlieferung für die ersten christlichen Gemeinden. Jesus stellt . sich selbst und seine Jünger in eine Linie mit den Propheten (vgl. Lukas 4,24 u. Matthäus 5,12). Die frühen Gemeinden kennen ein Prophetenamt, das sie z.T. dem Apostelamt gleichsetzen (vgl. Epheser 2,20). Später wird die Lehre von einem "prophetischen Amt" Jesu entwickelt, das vor allem in seiner Verkündigung besteht.

Wenn wir heute "das Prophetische" als Kennzeichen der Kirche aufgreifen, beziehen wir uns wieder mehr auf die Propheten des Alten Testaments. Wie wird die Kirche der Tatsache gerecht, daß sie eine so aufregende und explosive Überlieferung wie die prophetische zu ihren "Heiligen Schriften" zählt? Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, die Propheten von damals heute zu kopieren. Zum Propheten wird einer oder eine von Gott berufen, in einer einmaligen Situation zu einem außergewöhnlichen, oft gewaltsam beendeten Leben. Eine prophetische Gemeinde will also keine Gemeinde von Propheten sein, wohl aber eine Gemeinde, die sich der prophetischen Tradition verpflichtet weiß. In der biblischen Überlieferung treten die Propheten zu dem Zeitpunkt auf, als Israel sich einen König gibt, weil es der Sachzwang einer zeitgemäßen staatlichen Ordnung zu erfordern scheint. Gegen die so entstehende Konzentration von Macht und ihren schnell einsetzenden Mißbrauch stehen die Propheten: Nathan gegenüber David (vgl. 2, Samuel 11 und 12), Elia gegenüber Ahab (vgl. l. Könige 21) oder Jeremia gegenüber Hof und Höflingen in Jerusalem (vgl. Jeremia 26 und folgende). Wie ein Stachel in der Selbstherrlichkeit der Macht begleiten die Propheten die politische Existenz Israels. Sie erinnern an Gottes Gebot und Gerechtigkeit, an das allen geltende Heilsversprechen Gottes, seit er Israel aus Ägypten befreit und einen Bund mit ihnen geschlossen hatte. Ihrem Wirken weiß sich eine prophetische Gemeinde in dreifacher Weise verbunden.

1. Eine prophetische Gemeinde widersteht der Versuchung der Anpassung an die jeweils herrschenden Interessen und Überzeugungen.

Sie ist wachsam gegenüber jeder Form von Macht und mischt sich ein, wenn Macht mißbraucht wird. Sie bleibt auf Distanz zu den Mächtigen, die Religion schon immer zur Legitimation ihrer Macht zu vereinnahmen suchten. Sie sieht in dieser Distanz gerade ihren Beitrag zum politischen Leben. Sie begleitet die Politik mit ihrer ständigen, an der prophetischen Überlieferung geschärften Machtkritik.

2. Eine prophetische Gemeinde widersteht der Versuchung der ausgewogenen, betulichen Neutralität, durch die sie nichts anrichtet, aber auch nichts ausrichtet.

"Weh euch, wenn euch alle Leute loben," warnt Jesus seine Jünger (Lukas 6,26). Eine prophetische Gemeinde ist parteilich. Sie steht auf der Seite der Opfer der Macht, der Armen und Unterdrückten, der Geringen und Übergangenen, der Diskriminierten und an den Rand Gedrängten. Für sie ist der Rand die Mitte. Im Gefolge prophetischer Überlieferung weist sie auf Werk und Wort Gottes. "Sie erinnert an Gottes Reich, Gottes Gebot und Gerechtigkeit", wie es in der Barmer Theologischen Erklärung heißt.

3. Eine prophetische Gemeinde strebt nicht nach Macht und Erfolg. Mit ihrer Ohnmacht stellt sie die Macht der Mächtigen bloß.

Sie taktiert nicht und schüchtert niemanden ein. Sie will sich nicht durchsetzen. "Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt" (5. Barmer These). Ihre Worte und Taten sind Zeichen, die auf Jesus Christus hinweisen sollen, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist.

Eine prophetische Gemeinde weiß, daß Propheten wenig Ansehen genossen und oft erst im Nachhinein recht behalten haben. Sie sind ins Leiden geraten und verfolgt worden. Vielen ist Gewalt angetan worden. Jesus und vielen, die ihm nachfolgten, erging es ebenso, bis heute. Eine prophetische Gemeinde weiß aber auch, daß solches Leiden neues Leben bewirkt, daß Heil und Segen für diese Welt oft von der Bereitschaft weniger Menschen abhängt, sich in Mitleidenschaft ziehen zu lassen. Sie weiß: wenn sie an und durch die Welt, wie sie ist, leidet, dann, weil die neue Welt Gottes sie schon erreicht hat und anfängt, ihr Leben zu bestimmen. Sie glaubt dem Wort Jesu:

"Freuen dürfen sich alle, die verfolgt werden, weil sie tun, was Gott verlangt, denn sie werden mit ihm in der neuen Welt leben" (Matthäus 5,10).

EINE DIAKONISCHE GEMEINDE

Zu den traditionellen Merkmalen der Kirche wird ihre "Heiligkeit" gerechnet. Damit will sich die Kirche nicht selbst "heilig sprechen", sondern darauf hinweisen, daß sie unter dem Zuspruch und Anspruch Jesu Christi steht und stehen möchte, der ihre Rechtfertigung und Heiligung ist. "Durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen" (2. Barmer These). "Diakonie" ist der Fachausdruck für diesen Dienst. Es ist der Dienst der Liebe, der sich an Jesu Wort und Werk orientiert: "Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich.euch" (Johannes 20,21). Es ist der Dienst der Versöhnung der Welt, die in Jesus Christus schon ihren Anfang genommen hat: "Wir bitten für Christus: Lasset euch versöhnen mit Gott" (2. Korinther 5,20). Aus Liebe und um der Versöhnung der Welt willen predigen, mahnen, warnen, protestieren und bitten wir. Aus Liebe und um der Versöhnung der Welt willen helfen, heilen, begleiten, kämpfen und verändern wir. Dabei sind vor allem drei Gesichtspunkte für eine diakonische Gemeinde wesentlich:

1. Eine diakonische Gemeinde weiß von der Zweideutigkeit alles Religiösen und der Problematik theologischer Systeme und dogmatischer Rechtgläubigkeit.

Sie weiß, daß Religion zum Paradies des ichbezogenen, sich dem Nächsten und der Welt entziehenden Menschen werden kann. Sie hält ihren Glauben nicht für eine Kuriosität oder das Hobby einiger wider Erwarten noch religiös veranlagter Menschen, sondern für eine Lebenspraxis, die alle Bereiche des Lebens durchdringt und meist ganz "weltliche" Züge trägt. Wenn der Gottesdienst endet, ist ihr Gottesdienst nicht zuende. Sie lebt nicht für den Sonntag, sondern für den Alltag, nicht für das Jenseits, sondern das Diesseits, nicht in frommer Verschlossenheit, sondern in tätiger Entschlossenheit. Sie lebt auch nicht für die Theorie, sondern für die Praxis, ihr Glauben ist keine Sache des Kopfes, sondern des Herzens und der Hand. Ihre Wahrheit beruht nicht auf Doktrinen und Lehrsätzen, ihre Wahrheit ist der lebendige Jesus Christus, der unter ihr als der Herr gegenwärtig handelt (3. Barmer These) und ihr dorthin vorangeht, wo er ihren Dienst erwünscht.

2. Eine diakonische Gemeinde orientiert sich nicht an ihren eigenen Belangen.

Sie ordnet ihre Verhältnisse nicht nach ihrem institutionellen Interesse. Sie macht sich nicht zum Maß und Mittelpunkt ihres Lebens. Sie dient sich nicht selbst und sie bedient sich nicht. Sie weiß, daß auch sie gemeint ist, wenn Jesus sagt: "Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es retten" (Markus 8,35). Sie lebt und arbeitet nicht nur in der Kirche oder für die Kirche. Sie kann selbstvergessen mit anderen zusammenarbeiten. Sie schließt Bündnisse und achtet nicht auf ihr Prestige. Es geht ihr ja um einen freien, dankbaren Dienst an Gottes Geschöpfen, nicht um einen krampfhaften, tötenden Dienst, der ihre Unentbehrlichkeit beweisen, ihre Privilegien sichern oder eine, feinere Form von Herrschaft darstellen soll.

3. Eine diakonische Gemeinde stellt ihren Dienst in den Horizont des Reiches Gottes.

Weil sie dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus nachfolgt, ist ihr Dienst Zeichen und Zeugnis für die österliche Macht des neuen Lebens. Auch das Helfen und Heilen Jesu war viel mehr als die liebevolle Hinwendung eines guten Menschen zu den Armen und Kranken. Es war ein Hinweis auf die schon anbrechende neue Welt Gottes. Es bedeutete gleichzeitig die Verurteilung der Verhältnisse und Strukturen einer vergehenden Welt. Wie sonst hätten Petrus und Johannes, als sie einen Gelähmten heilten, für eine schlichte "gute Tat" ins Gefängnis kommen können (Apostelgeschichte 3-5)? Christliche Diakonie ist etwas anderes als eine Form von "Sozialarbeit", die mit Billigung und Förderung des Staates die Schandflecken .einer Gesellschaft, die peinlichen Folgen ihres Anteils an der Ungerechtigkeit beseitigen oder das Unerträgliche erträglicher machen soll. Eine diakonische Gemeinde wird sich davor bewahren, mit ihrem Dienst ungerechte Verhältnisse zu verklären, zu verschleiern oder zu stabilisieren. Sie weiß sich der Opfer eines Systems verbunden und verpflichtet und wird alles, auch das Geringste, tun, um ihnen zu helfen. Aber sie wird es sich dabei nicht nehmen lassen, für deren Recht und Würde einzutreten und auf eine "Wende" zu verweisen, wo die Letzten die Ersten, und die Ersten die Letzten sein werden, wie es die Vaterunserbitte um das Reich Gottes meint. Gerade als diakonische Gemeinde wird die Gemeinde ihre ökumenische und prophetische Berufung nicht vergessen.

[Der Wetzkopp, Nr. 25, Mai 1983, Mayen]

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Evangelische Kirchengemeinde Maifeld

Gemeinschaft an der Seite der Leidenden -
Gemeinschaft der Leidenden

 

Jahresbericht 2007 / 2008


I Einleitung:


Unsere Kirchengemeinde als eine Gemeinschaft an der Seite der Leidenden - ist das nicht ein zu hoher Anspruch? Ist dies nicht ein Etikett, das der volkskirchlichen Wirklichkeit einfach übergestülpt ist? Wir glauben: Nein!

 

Nach unserer Überzeugung ist es (erst recht in der Krise der Volkskirche) der richtige Weg für eine Ortsgemeinde, sich ein erkennbares Profil zu geben. So können wir versuchen, den aktuellen Versuchungen für eine Kirche nicht zu erliegen: Wir wollen nicht das Alte unreflektiert weitermachen und ebenso wenig als potenter Anbieter auf dem (Freizeit-, Wohltätigkeits-, Sinn-) Markt auftreten. Beide Sackgassen sind auch in unserem aktuellen Gemeindeleben erkennbar und müssen als solche erkannt werden (siehe unter II).

 

Parteilichkeit für die Armenist ein Thema, das unsere Gemeindearbeit seit Jahrzehnten prägt. Darüber hinaus wird in den letzten Jahren immer deutlicher, dass viele Gemeindemitglieder Verlierer der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen sind, die unter dem Stichwort Globalisierung diskutiert werden. Wir, die Mitglieder der Kirchengemeinde, wollen nicht nur die Anwälte der Leidenden sein, sondern wir leiden selbst in einer unerlösten Welt (siehe unter III).

 

Unseren Glauben an den gerechten und liebenden Gott und das Erleben der Gemeinschaft in der Gemeinde wollen wir als Widerstandspotential entdecken: Wir sind getragen (siehe unter IV) und können diese Welt verändern (siehe unter V).

 

II Sackgassen

 

Aufgrund der besonderen Bedingungen unserer Kirchengemeinde treffen uns die rasanten Veränderungen im Sozialverhalten der Menschen unverzerrt und ungebremst: Die große Mehrheit der Evangelischen auf dem Maifeld ist in den letzten 10 - 30 Jahren zugezogen. Es besteht kaum eine traditionelle Bindung an unsere Kirchengemeinde. Die Bereitschaft zur Beweglichkeit zeigt sich genauso deutlich wie das Vermeiden einer längeren zeitlichen Bindung und mangelnde Kontinuität. All dies wird kaum durch traditionelles Teilnahmeverhalten gemildert: Unser Gemeindeleben wird durch eine Vielzahl attraktiver und großer Veranstaltungen und Gottesdienste genauso geprägt wie durch eine immer noch erschreckend kleine Beteiligung in ereignislosen Zeiten. Die enttäuschend geringe Beteiligung an der Presbyteriumswahl (2008 8,3 % gegenüber 2004 8,4 %) trotz massiver und phantasievoller Vorarbeit und Werbung spricht dieselbe Sprache.

 

Die beschriebene Situation, verbunden mit der allgemeinen Krise der Volkskirche, kann zu Irrwegen in der Gemeindearbeit führen, die auch bei uns z.T. eine Rolle spielen:

 

1) Die erste Sackgasse: Das Alte weitermachen

 

Auch bei uns gibt es die Verführung, das Gewohnte immer weiter zu machen. Aber immer wieder erkennbare kurzfristige Veränderungen im Teilnahmeverhalten (große Schwankungen im Gottesdienstbesuch - Sonntagsgottesdienst und Kindergottesdienst/KIBIZ, Schwankungen in der Teilnahme an unseren musikalischen Veranstaltungen, Schwankungen in dem Maß der Verbindlichkeit in unseren internen Gruppen ...) zwingen zur Überprüfung und zu neuen Strategien.

 

a) Geburtstagsbesuche: Die Bindung der hauptamtlich und ehrenamtlich Aktiven in den gleichen Arbeitsfeldern wie vor 30 Jahren, verbunden mit hohem Anspruchsdenken sonst kaum aktiver Mitglieder, gibt es auf dem Maifeld allerdings kaum. So wurden z.B. alte Menschen seit Jahren nur sporadisch an ihrem Geburtstag besucht. Die Auslastung des Pfarrers und die nicht erkennbare Auswirkung auf den Gemeindeaufbau führten dazu. Die kontinuierliche Wahrnehmung der Geburtstagsbesuche durch den Pfarrer zur Anstellung Michael Stoer in den letzten beiden Jahren wurde freundlich angenommen, hatte aber keine Auswirkung auf das aktive Teilnahmeverhalten. Der jetzt wieder notwendige Wegfall dieser "Dienstleistung" wird wahrscheinlich keine erkennbaren negativen Reaktionen hervorrufen.

 

b) Pfarrer-Zentriertheit:Die scherzhafte Titulierung des Pfarrers als "Chef" oder als "Kapitän des Kirchenschiffes" hat auch bei uns durchaus ernste Hintergründe. Für die Kirchendistanzierten genauso wie für unsere katholischen Geschwister ist die Person des Pfarrers und seine Ausstrahlung nahezu mit der Kirchengemeinde identisch.

 

Aber die Volkskirche ist nach unserer Auffassung nicht notwendig pfarrer-zentriert. Vielmehr ist die Dominanz des Amtsträgers in allen Bereichen des Gemeindelebens von der Verkündigung über Repräsentanz bis zu Management-Funktionen Ausfluss einer Entwicklung, die wesentlich mit Ausübung und Delegation von Macht in den unterschiedlichen historischen Ausprägungen zu tun hat.

 

In der Mündigkeit der Gemeindemitglieder in allen Bereichen sehen wir sowohl einen Motor als auch ein Ziel des Gemeindeaufbaus:

  • "Gottesdienste von uns für euch": Die jetzt so umbenannten Teamgottesdienste einmal im Monat am Sonntag sind seit Jahren fester Bestandteil unseres Gottesdienstplans und gehören zum Selbstbewusstsein unserer Gemeinde. Der Mirjamgottesdienst im August 08 steht für viele andere: eine Gruppe von vier Frauen gestaltete einen anspruchsvollen, lebendigen, phantasievollen, gut besuchten Gottesdienst.
  • Seit Jahrzehnten haben in allen Gottesdiensten die LektorInnen ein großes Gewicht. Sie beginnen mit der Salutatio nach dem Gloria, sprechen das Themengebet, lesen die Sonntagslesung und leiten das Glaubensbekenntnis an. Die Zahl der LektorInnen ist leider auf 3 - 4 geschrumpft. Interessierte müssen neu angesprochen und begleitet werden. Ein großer Lichtblick ist eine 14jährige Lektorin, die seit Monaten mit großem Engagement mit dabei ist. Ihre selbst formulierten Themengebete haben große Authentizität und sprühen von Lebendigkeit.
  • Wir versuchen, den Pfarrer immer mehr aus seiner Rolle als "Gemeindemanager" zu entbinden. Ein Ehrenamtlicher als Vorsitzender und sehr kompetent und selbstständig arbeitende Bau- und Finanz-Kirchmeister sind Schritte in diese Richtung. Noch Weitergehendes ist vorstellbar und wird diskutiert.
  • Wir versuchen, die Repräsentierung der Kirchengemeinde nicht nur dem Pfarrer zu überlassen: Z.B. Neujahrsempfang und ökumenische Segnung des Feuerwehrautos in einem unserer Dörfer. Einzelne PresbyterInnen oder aktive Mitarbeitende werden mittlerweile in einigen Dörfern als "evangelische Repräsentanten" wahrgenommen.


2) Die zweite Sackgasse: Die Marktförmigkeit der Kirche

 

Der Rollenwechsel der Kirche von einer unverzichtbaren gesellschaftlichen Institution hin zu einem der vielen Anbieter auf dem (Freizeit-, Wohltätigkeits-, Sinn-) Markt geschieht manchmal bewusst, meistens unreflektiert. Wir dürfen nicht widerspruchslos an der Ökonomisierung der ganzen Lebenswelt teilnehmen. Wenn soziale Sicherheit, Bildung, Lebensglück und Religion auch bei uns und mit unserer Beteiligung zur Ware wird (selbst wenn wir für unsere "Angebote" kein Geld nehmen), ändert sich im Verhalten der Menschen sehr grundlegend etwas: Orientierung am augenblicklichen Bedürfnis und Spaß, Verzicht auf Kontinuität, Verherrlichung des Individuums, Orientierung an den Zahlen und nicht an der evangelischen Qualität, Bevorzugung der potenten "KundInnen", Verzicht auf das Einüben von Achtsamkeit auf andere ... . Die selbstverständliche Übernahme der Begriffe aus der Wirtschaftswelt (Angebote, KundInnen, ...) ist ein deutliches Indiz. Was hier geschieht, ist mehr als die Anbiederung an den Zeitgeist. Nach unserer Einschätzung übernehmen neue Götzen die Herrschaft in unserer Gesellschaft, sogar in unseren Kirchen. "Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben" (Barmer Theologische Erklärung) wird geleugnet.

 

a) Event-Hascherei oder Aushängeschild: Attraktive Großereignisse bestimmen einen erheblichen Teil unseres Gemeindelebens. Es sind punktuelle Ereignisse, die unsere räumlichen Kapazitäten vollständig ausreizen und unser Verliebtsein in Zahlen befriedigen:

  • traditionelle "Events": Weihnachten (an 2 Gottesdiensten am Heiligabend muss der Eintritt vor Beginn wegen Überfüllung verwehrt werden), Konfirmation mit über 600 Teilnehmenden in der Stiftskirche in Münstermaifeld, von den KIBIZ-Kindern vorbereitete Gottesdienste am Ostersonntag (Steigerung von 20 Gottesdienstbesucher 2002 bis zu 170 im Jahr 2008) und Erntedankfest, musikalische Gottesdienste
  • Ökumenischer Gottesdienst auf dem Kaaner Hoffest im Festzelt
  • Ökumenische Schulgottesdienste: Die Entlassklassen der Polcher weiterführenden Schulen feiern nach aufwendiger Vorbereitung mit den SchülerInnen im unserem vollbesetzten Gemeindehaus, die anderen Schulen in Polch und Münstermaifeld in von Hunderten besuchten Gottesdiensten im Stadthaus oder in einer katholischen Kirche
  • Ü13-Party, eine Disco für Jugendliche mit bis zu 200 BesucherInnen, zweimal im Jahr
  • Afrikatag, unser Gemeindefest im Juni: Die Konzeption mit zwei BesucherInnenschwerpunkten am Vor- und Nachmittag und der thematischen Orientierung hat sich sehr bewährt, gegenüber ca. 100 Teilnehmenden bei unserem letzten traditionellen Gemeindefest im Jahr 2002 besuchten uns mehrere hundert Menschen im Laufe des Tages.
  • Presbyteriumswahl: Trotz attraktiv gestaltetem Wahltag (Wahlfrühschoppen) mit vielen BesucherInnen und guter Werbung war die Wahlbeteiligung enttäuschend. Sogar regelmäßig Teilnehmende haben z.T. nicht gewählt und konnten also von der Notwendigkeit der Wahl nicht überzeugt werden (siehe unter II oben). Trotzdem sehen wir uns darin bestätigt, keine allgemeine Briefwahl durchgeführt zu haben: Wenn das Abschicken einer Postkarte eine Schwelle ist, die die Wahl verhindert, dann sollte die Unlust zur Mitgestaltung durch die Wahl auch als solche respektiert werden.

Selbstkritisch müssen wir aber einräumen, dass kaum eine Auswirkung der großen Veranstaltungen auf die kontinuierliche Arbeit und die Verbindlichkeit der Teilnahme erkennbar ist. Als ein Aushängeschild für unsere Lebendigkeit werden diese Veranstaltungen wohl notwendig bleiben. Auch die Erfahrung engagierter Mitarbeit von vielen ist sehr positiv (Afrikatag, Ü13-Party, ökumenische Schulgottesdienste). Wir sollten aber ihre Zahl bewusst eingrenzen, um nicht der Gefahr zu erliegen, das Gesicht eines Veranstalters für besondere Events zu bekommen. Nicht punktuelle Teilnahme erwarten wir von unseren Mitgliedern, sondern verbindliches Mitgestalten.

 

b) Kirche für einzelne: Die Kultur des Kaufens und Verkaufens setzt einzelne Menschen als Gegenüber voraus. Wir empfinden es als fatal, dass die strukturelle Ähnlichkeit dieser Vereinzelung mit der Betonung der Einzel-Seelsorge und der Einzelbesuche bis hin zur Zergliederung der Gruppen in der Pädagogik in unserer Kirche nicht erkannt wird. Dazu kommt, dass Erfolge bei einzelnen überprüfbarer zu sein scheinen, während komplexe Systeme unbeeinflussbar erscheinen. Der Kampf gegen die Individualisierung scheint von vielen aufgegeben zu sein.

 

In unserer Gemeindepraxis ist die Einzelseelsorge eine dem gemeinschaftlichem Leben untergeordnete Funktion: Die weitaus meisten Nachfragen um Einzelseelsorge kommen von den kontinuierlich Teilnehmenden. Darüber hinaus ist Gruppenseelsorge ein wichtiger Aspekt unseres Gemeindelebens: der seelsorgliche Charakter unserer Gottesdienste wird immer wieder betont und die "Gefühlsrunde" am Beginn vieler Gemeindegruppen hat oft seelsorglichen Charakter.

 

III Unser Leiden

 

Wir wollen nicht nur Anwälte der Leidenden sein, sondern wir erkennen uns selber als Leidende:

 

1) Materielle Not

 

Auch auf dem Maifeld ist erkennbar, dass es immer mehr Menschen gibt, die einen sozialen Abstieg erleben oder befürchten. Uns ist als Gemeinde wichtig, dass sie selbstverständlich als notwendiger Dienst der Gemeinschaft an den Mitgliedern unterstützt werden und in das normale Gemeindeleben unauffällig integriert sind. Ihr Leiden ist das Leiden der Gemeinde. Ihnen zu helfen hilft der Gemeinde.

 

Der "Münstertreff" ist eine Gemeinwesenarbeit mit angegliederter Spiel- und Lernstube zur Unterstützung und Begleitung der sozial Benachteiligten auf dem Maifeld in Kooperation mit Caritas. Auch hier spielt neben der materiellen Unterstützung die soziale Integration eine wesentliche Rolle. Nicht Armenfürsorge, sondern das Leben an der Seite der Armen ist die Absicht. Aufgrund der Wandlung vieler Schulen auf dem Maifeld in Ganztagsschulen und der Angliederung der Jugendhilfe an diese Schulen wird sich die Arbeit grundlegend ändern. Wir arbeiten an einer Konzeption, die die Arbeit mit den Vorschulkindern in den Mittelpunkt rückt.

 

Ende 2007 schied Bernhard Wibben aus seinem Dienst im Münstertreff aus (bedingt durch seinen stärkeren Einsatz im Religionsunterricht an den Maifelder Schulen). Für ihn wurde Ursula Lamm eingestellt.

 

2) Immaterielle Not

 

Die rasanten Veränderungen im Sozialverhalten sind auf dem Maifeld genauso wie anderswo spürbar: weitere Vereinzelung, individualisierte Menschen, die sich oft in virtuellen Lebenswelten besser zurechtfinden als in sozialen Zusammenhängen, immer mehr verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, überforderte und gehetzte Menschen, hemmungslose Rücksichtslosigkeit und Egozentrik, das Verlernen von Verhaltensformen in der Gemeinschaft und von Ritualen, Unfähigkeit und Unlust auf Kontinuität und Bindung.

 

Wir erkennen in diesen Phänomenen soziales Leiden. Wir sind in der Gemeindepraxis andauernd mit dieser Not konfrontiert, in unseren Gruppen, besonders auch in großen Veranstaltungen, wenn z.B. die Rücksichtslosigkeit von Eltern beim Schulanfangsgottesdienst sowohl den Gottesdienst empfindlich stört als auch die Kinder unter starken Druck setzt. Wir versuchen dem in unseren Zusammenhängen soziales Lernen entgegenzusetzen.

 

3) Leiden mit anderen / Compassion

 

Die Besucherinnen aus unserem Partnerschaftsprojekt ekupholeni, einem psychologischen Anti-Aids- und Anti-Armuts-Projekt in den Townships von Johannesburg in Südafrika, veranstalteten bei uns im März 2008 einen Infoabend und gestalteten einen Gottesdienst. Sie signalisierten uns sehr deutlich, dass wichtiger als finanzielle Unterstützung das gegenseitige voneinander Wissen und das Wahrnehmen des Leidens ist.

 

Wir versuchen in der Gemeindearbeit zu vermitteln, dass es um das Mitleiden mit den anderen geht und dass "süße Wohlfahrt", die Erleichterung des Gewissens durch Zuwendungen an die Armen, letztlich nicht hilfreich ist.

 

Das Erinnern an geschehenes Unrecht spielt in diesem Zusammenhang ebenso eine Rolle. Seit Jahren gestalten wir den Gedenkgottesdienst anlässlich der Reichspogromnacht gemeinsam mit der jüdischen Kultusgemeinde, der katholischen Kirchengemeinde und dem Förderverein Synagoge in der Stiftskirche und in der alten Synagoge in Münstermaifeld. Die gemeinsame intensive Vorbereitung und die Feier des Gottesdienstes einschließlich des gemeinsamen Kaddisch nach dem jüdischen Klagegebet sind ein besonderes Erlebnis für viele.

 

IV Getragen in der Gemeinde

 

Unseren Glauben an den gerechten und liebenden Gott und das Erleben der Gemeinschaft in der Gemeinde wollen wir als Widerstandspotential gegen eigenes und fremdes Leiden entdecken:

 

1) Getragen von Gott

 

Die bewusste Entscheidung für den Weg mit Gott bekommt in der Gemeinde mehr Gewicht. Dies wird im Bibelkreis, in den jeweiligen Bibelgesprächen in unseren Gruppen und in selbstbewusst von Gemeindegliedern gestalteten Gottesdiensten deutlich. Es ist auch auffällig, dass als Jugendliche und Erwachsene getaufte Gemeindemitglieder bei uns eine größere Rolle spielen: In den letzten zwei Jahren wurden vier Erwachsene nach aufwendigem Taufunterricht getauft und sind weiterhin in der Gemeinde aktiv. Von den 26 Jugendlichen des MitarbeiterInnenkreises sind mehr als ein Viertel (7) als Jugendliche getauft worden.

 

Im Berichtszeitraum waren zwei aktive Gemeindemitglieder lebensgefährlich erkrankt. Das Gebet für sie im Gottesdienst und in den Häusern haben wir als befreiend und hilfreich erlebt.

 

2) Getragen in der Gemeinschaft

 

a) Hohe Gruppenidentifikation: In unseren Gruppen wollen wir Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Achtsamkeit für andere miteinander einüben.

Viele Gruppen (Spiritualchor, Blockflötenensemble, MitarbeiterInnenkreis für den KonfirmandInnenunterricht, Bibelkreis, Frauenhilfe, MitarbeiterInnenkreis für KIBIZ, Presbyterium ) üben eine hohe Gruppenidentifikation aus. Anteilnahme und Helfen, gleichberechtigter Umgang, gemeinsames Feiern und Trauern und gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes sind hier verwirklicht. Die Mitarbeitenden empfinden ihre Teilnahme auch als persönliche Stärkung. Eine junge Frau sagte: "Der MitarbeiterInnenkreis und meine Mitarbeit im KonfirmandInnenuntericht gibt mir mehr Sicherheit und hilft mir, mich vor vielen Menschen auszudrücken."

 

Das Presbyterium versteht sich neben seiner Funktion als Gemeindeleitung auch als Gruppe, in der sich die Mitglieder gegenseitig Halt geben. Das Presbyteriumswochenende mit PartnerInnen im November 2007 auf den Spuren der Elisabeth von Thüringen hat dem Zusammenhalt einen neuen Schub gegeben. Zur Presbyteriumswahl ist es gelungen, 11 engagierte KandidatInnen für die 8 Plätze zu gewinnen. Nach der Wahl sind zwei von acht PresbyterInnen und eine Mitarbeiterpresbyterin neu im Presbyterium. Die Nichtgewählten bringen sich in Ausschüssen und im sonstigen Gemeindeleben gut ein. Im November 2008 ist ein Presbyteriumswochenende auf den Spuren von Thomas Müntzer geplant.

 

Im Sommer 2008 konnte die Kirchengemeinde erstmalig eine (rein ehrenamtlich organisierte) Kinderfreizeit anbieten: 23 Kinder zwischen 6 und 12 Jahren erlebten 10 Piratentage im Hunsrück.

 

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die in den verschiedenen Bereichen Aktiven auch diejenigen sind, die im Gottesdienst und anderswo regelmäßig teilnehmen. Passive Konsumtion findet fast nur in den "Events" statt.

 

b) Ausbau der Treffpunkte: Der Blick für die anderen Bereiche und für das Ganze der Kirchengemeinde konnte verbessert werden: Die zweite MitarbeiterInnensegnung im Januar 2008 ( Segnung der neu eingestiegenen und der ausscheidenden MitarbeiterInnen und anschließendes gemeinsames Essen) war genauso erfolgreich wie die neu eingeführte MitarbeiterInnenparty nach dem Reformationsgottesdienst 2007. Dies, die gemeinsame Mitarbeit beim Afrikatag im Juni 2008 und die gemeinsame Verabschiedung von Michael Stoer als Pfarrer unserer Gemeinde im August 2008 hat das Kennenlernen und voneinander Wissen verstärkt. Die Christmette mit anschließender kleiner "Gemeindeweihnachtsfeier" im Pfarrhaus, das Tischabendmahl am 2. Weihnachtstag (2007 das zweite Mal gefeiert) und der Osterfrühgottesdienst auf dem Sammetzkopf mit anschließendem Osterfrühstück haben eine ähnliche verbindende Funktion.

 

V Subjekte der Veränderung

 

Wir wollen uns als Versammlung von Menschen verstehen lernen, die nicht nur Leidende, sondern auch Subjekte der Veränderung hin zu einer anderen, besseren Welt sind. Wir sind uns dabei bewusst, dass die letztliche Erlösung dieser Welt nicht unser Werk sein wird. Und doch ist es wichtig, unsere Aufgaben als Gottes Mitarbeiter am Gottesreich zu erkennen:

 

1) Gemeindegruppen als Orte der Mitgestaltung und Veränderung

 

Wir verstehen unsere Gruppen nicht als Angebote der Kirchengemeinde zur Freizeitgestaltung und Sinnfindung (siehe unter II,2), sondern als Orte der Mitgestaltung und Veränderung der Gemeinde und der Welt. Z.B.:

  • In den MitarbeiterInnenkreisen (für KU und KIBIZ) werden viele (jugendliche) Gemeindemitglieder als Pädagogen eingeübt und treten dann als solche auf.
  • Die musikalischen Gruppen (Spiritual-Chor, Blockflötenensemble und beiden neuen Gospelchöre für Kinder und Jugendliche) prägen unser Gesicht nach innen und außen.
  • Der Redaktionsausschuss verantwortet die wöchentlich erscheinende Gemeindeseite, unseren Gemeindebrief, in dem amtlichen Mitteilungsblatt, die weit über die Gemeinde hinaus Öffentlichkeit für unsere Themen bewirkt. Für die aufwendige ehrenamtliche Arbeit des Layouters (mehrere Stunden in der Woche) konnte nach dem Ausscheiden des bisherigen Layouters wieder jemand gewonnen werden.
  • Der Ausschuss für Theologie und Gottesdienst soll sich wieder monatlich treffen und wird u.a. das seit 4 Jahren in intensivem Gebrauch befindliche Gemeindeliederbuch neu bearbeiten und herausgeben.
  • Die Steuerungsgruppe ist neu einberufen und erarbeitet auf der Grundlage des Leitbildes eine Gemeindekonzeption. Auf die Beschreibung einer solidarischen Sicht auf die Gemeinderealität wird die Formulierung konkreter Visionen für die nächsten Jahre folgen. Diese Arbeit und die jährliche Auswertung werden die Arbeit der Gemeinde verändern.


2) Teilhabe an gesellschaftlicher Einflussnahme

 

Die Gemeinde beteiligt sich (wenn auch oft nur mit wenigen Personen) an Gruppen oder Aktionen, die unsere Gesellschaft auf eine menschlichere Welt hin erändern wollen:

  • Unsere Gemeinde ist Mitglied im Ökumenischen Netz. Dessen aktive Arbeit im Vorstand und im Arbeitskreis Theologie und Politik wird von einigen von uns mitgetan.
  • Wir sind als Kirchengemeinde Mitglied im Förderverein Synagoge Münstermaifeld und im Förderverein Münstertreff und arbeiten jeweils im Vorstand mit.
  • Wir haben uns an der Demonstration gegen das Atomwaffenlager in Büchel beteiligt.
  • Nach unseren Gottesdiensten liegen immer wieder Unterschriftenlisten zu gesellschaftlichen Themen im Zusammenhang von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung aus.

In unserm Engagement gegen Leiden wird unser Leitbild konkret:
Wir wollen ein Haus mit offenen Türen sein.

 

Erarbeitet und beschlossen im Presbyterium am 9. September 2008