+++ Versöhnungskirche Overath +++ Friedenskirche Steinenbrück +++
Suche:

Was bedeutet Beten für mich?

 

Beten bedeutet für mich, im Gespräch mit Gott zu sein. (18 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich beim Gebet die Ruhe im Saal und dadurch Klarheit im Kopf. Man hat kurz Zeit, völlig klar über Probleme nachzudenken. Ich bete nur in der Kirche. Aber Gott um etwas zu bitten, mach ich auch manchmal. (17 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich, einen Moment sorgenlos zu werden und Stärke zu finden. (27 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich, Zugang zu Gott zu finden, so, wie ich es möchte. (15 Jahre)

 

Beten ist für mich, Gott für etwas zu danken, und Gott um etwas zu bitten. (14 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich, an Gott zu denken und zu danken. (13 Jahre)

 

Beten ist für mich ein seltenes Ereignis. (15 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich, eine Brücke zu Gott zu finden oder es zumindest zu versuchen. (17 Jahre)

 

Beten ist für mich ein Zwiegespräch mit mir selbst und Gott. (16 Jahre)

 

Beten bedeutet für mich, ein Gespräch mit Gott zu führen, Vergebung zu finden, alle Sorgen los zu werden, Kraft und Mut finden zu können und Zeit zu haben, um Personen Dank auszusprechen. (22 Jahre)

 

Ich bete nicht, weil ich keine Zeit habe. (16 Jahre)

 

Ich bete am liebsten in Ruhe, was nicht heißt, dass ich dabei alleine sein muss. Auch in der Gruppe ist ein stilles Gebet sehr schön. Das Beten ist für mich eine Erleichterung der Seele, eine Bereinigung von den Gedanken, die mir zu viel werden. Man kann sie singen, man kann zu zweit oder in einer Gruppe beten, man kann Gebete auch ganz für sich in sich hineinsprechen. (19 Jahre)

 

 

 

Taizé

Ein Ort gelebter Ökumene

Wir, Jugendliche aus der evangelischen Gemeinde Overath, kamen auf die Idee, diesen Ort der Vielfalt zu besuchen. Dazu schlossen wir unsere sechsköpfige Gruppe mit der katholischen Gemeinde aus Hoffnungsthal zusammen. So fuhren wir also in zwei voll besetzten Kleinbussen nach Frankreich. Nachdem wir das Klostergelände erreicht hatten, wurden wir auch gleich von tausenden anderen Jugendlichen begrüßt. Nach einer kurzen Einführung in die örtlichen Gegebenheiten und der Schlafplatzverteilung erkundeten wir die Umgebung. Hier ein kleiner Einblick in den Tagesablauf für euch: 8 Uhr: Morgenandacht, anschließend Frühstück (bestehend aus einem Brötchen, zwei Riegeln Schokolade, Butter und Tee oder Kakao), 10 Uhr: Bibeleinführung und Gesprächsgruppen, 12 Uhr: Mittagsandacht, anschließend Mittagessen, 14 Uhr: Singen, 15 Uhr: Gesprächsgruppen oder Putzen, 17 Uhr: Teezeit, 19 Uhr: Abendessen, 20 Uhr: Abendandacht, 23.30 Uhr: Nachtruhe.

 

Neben diesen Aktivitäten gibt es in Taizé einen großen Park, in dem man Ruhe finden kann und das „Oyak“, wo man Getränke und Süßigkeiten kaufen kann. Außerdem kann man sich dort abends mit vielen Leuten treffen und lustige Spiele spielen. Samstags ist außerdem die Nacht der Lichter. Während dieser Abendandacht bekommt jeder Besucher eine Kerze, die während der Andacht brennt. Ein Aufenthalt in Taizé lohnt sich auf jeden Fall. Man trifft viele Jugendliche aus Deutschland und auch aus anderen Ländern, so dass man viele neue Kontakte knüpfen kann. Außerdem ist es eine Chance, Kirche einmal anders zu erleben.

Franziska Trodtfeld

 

 

Beten in Taizé ...

...ist nicht so wie das Beten, das ich als Kind kennen gelernt habe. Normalerweise bete ich mit gesprochenen Worten. In Taizé ist es anders. Hier beten viele Menschen gemeinsam durch Gesänge. Ein Lied besteht aus wenigen Worten, das mehrfach wiederholt wird und sich so schnell einprägen kann. In ein gesprochenes Gebet lege ich viel von mir persönlich hinein. Doch danach, in den Anforderungen des Alltags, ist es schnell verschwunden. Mit den Gesängen aus Taizé ist das anders: Sie begleiten mich auch im Alltag. Dieser oder jener Gesang, dieses oder jenes Gebet taucht in meinem Alltag plötzlich und unbeabsichtigt wieder auf. Und manchmal bete ich dann unbewusst weiter. Die Stille während des Gebets in Taizé ermöglicht mir das Hören auf Gott, auf das, was er mit mir vorhat. Das erste Mal, als ich nach Taizé kam und an einem Gebet teilgenommen habe, war diese Stille schwer zu füllen, schwer zu ertragen. Doch während der Zeit dort gewinnt sie immer mehr an Bedeutung. Sie wird zur Möglichkeit, sich Ruhe zu gönnen, sich Zeit zu nehmen, sich mit sich selbst zu beschäftigen und nach Antworten zu suchen. Ich kann mich darauf konzentrieren, was in meinem Inneren passiert und darauf hören, was mein Herz sagt. Das Gebet in Taizé soll niemanden überfordern, sondern ein Gebet des Herzens sein. Um das Gebet so vielen Menschen wie möglich nahe zu bringen, entstanden die einfachen und meditativen Gesänge in Taizé. Ihre Texte sind weitgehend den Psalmen und anderen Schrifttexten entnommen.

Isabel Schönig

 

 

 

Gedächt nis Lücken

Fortsetzungsroman von Florian Kranz

 

Angst und Panik liegen tief in mir. Ich will schreien. Aber die Frau hatte
in panischem Ton geflüstert, wir sollten still sein. Dann versteckte
sie uns im Schrank. Wir? Uns? Ja. Da ist noch jemand versteckt. Ich spüre deutlich die
tiefe Verbundenheit zwischen uns. Plötzlich höre ich einen Mann etwas
sagen und die Frau schluchzen und flehen. Ich will ihr helfen, denn ich
weiß: Der Mann ist böse. Leise und  zitternd öffne ich den Schrank ein
wenig und schaue hinaus. Genau in diesem Moment ertönt ein schreckliches
lautes Geräusch. Die Frau schluchzt nicht mehr, fleht nicht mehr. Der Mann ist anscheinend nicht mehr da. Erleichterung. Ich öffne den Schrank ganz und
sehe… Blut. Eine große Blutlache. Die Frau liegt darin. Alles um mich
herum wird plötzlich schwarz und…
Ich wachte auf. Und schrie, schrie, wie ich noch nie geschrien hatte.
„Oh Gott! Er ist wach!“, kreischte eine Frau. „Holen Sie sofort den
Chefarzt!“ Immer noch schrie ich, und ich konnte mich wieder bewegen.
Es fiel mir schwer, so als ob ich es Jahre nicht mehr getan hätte.
Ich bemerkte die Drähte, die an meinen Körper angeschlossen waren.
Jemand kam ins Zimmer. „Beruhigen Sie sich! Um Himmels Willen, bitte
beruhigen Sie sich!“, sagte dieser Jemand. „Ah… Oh…“, würgte ich
hervor. Ein starker Brechreiz überkam mich und ich übergab mich
über den Rand meines Bettes. Was war denn passiert? Einige Stunden später. Ich hatte
mich beruhigt und saß nun in meinem Bett im Krankenhaus. Man hatte
mir zu essen und zu trinken gegeben und gesagt, ich solle warten.
Worauf? Ich wusste es nicht. Ein Mann kam herein. „So…“, sagte er und setzte sich mir
gegenüber auf einen Stuhl. Er sah wie ein Arzt aus. „So. Ich möchte,
dass sie mir erst einmal zuhören.“ Warum siezte er mich? Ich war doch
erst 11 Jahre alt! „Sie sind vor wenigen Stunden aus dem Koma erwacht.
Und das nach neun Jahren! Wir hatten überhaupt nicht mehr
damit gerechnet, dass Sie noch aufwachen. Nun… Ich denke, Sie werden
sich nicht mehr daran erinnern, warum Sie ins Koma gefallen sind.
Naja… Ich will nicht lange darum herum reden, aber ihr Vater hat
damals ihre Mutter ermordet. Die Nachbarn hatten den Schuss gehört
und die Polizei alarmiert. Sie kam gerade noch rechtzeitig, als ihr Vater
Sie und ihren Zwillingsbruder im Schrank fand, in dem Sie sich versteckt
hatten. Sie selbst hatten bereits Ihr Bewusstsein verloren, doch Ihr Bruder war…
mehr oder weniger wohlauf.“ „Wo… Wo… ist mein Bruder?“ Das waren
meine ersten Worte. „Das kann ich Ihnen leider nicht genau sagen. Er wohnte die ersten
Jahre in einem Heim am Rande der Stadt und hat Sie monatlich besucht. Doch irgendwann ist er nicht mehr gekommen. Aus dem Heim ist er ausgezogen, und
die Heimleiterin war nicht bereit, weitere Informationen herauszugeben.
Es tut mir Leid.“ Meine Mutter tot. Mein Vater im Gefängnis. Mein Bruder weg. Und
sonst? Ich. Im Krankenhaus. Zu viel. Zu viel für einen Elfjährigen
im Körper eines Zwanzigjährigen. Viel zu viel...

...So hätte man also meinen können, meine Situation sei aussichtslos.
Doch der Chefarzt hatte mir am Ende unseres Gesprächs alle Unterstützung
zugesichert, die er aufbringen könnte, um wenigstens meinen Bruder zu
finden. Dazu mussten wir natürlich zusammenbleiben, und so wohnte ich
die nächsten Tage im Krankenhaus. Ich brauchte einige Zeit, um mich
davon zu erholen, neun Jahre lang im Koma gelegen zu haben, mich nicht
bewegt zu haben, keine feste Nahrung zu mir genommen zu haben,
einen halben Meter größer zu sein als ich vorher war und keinerlei Erinnerung
an mein Leben vor dem Koma zu haben. Ungefähr eine Woche, nachdem ich
aufgewacht war, lief mein Leben jedoch wieder einigermaßen normal ab,
bis auf die Tatsache, dass ich im Krankenhaus lebte und meine Familie
zerstört war. Dieser Gedanke quälte mich ständig.
Ich träumte oft, dass ich wieder elf Jahre alt wäre, mit meinem Bruder im
Schrank säße, die Tür langsam öffnete und dann… wachte ich Mal für Mal
schreiend aus diesem Albtraum auf. Jetzt aber stand ich mit dem Chefarzt
vor der Holztür eines alten, heruntergekommenen Hauses. Es war das
Heim, in dem mein Bruder früher wohnte, bis er plötzlich verschwand.
Hier, so hoffte ich, würde ich wenigstens herausfinden, wo mein
Bruder jetzt war und wie ich Kontakt zu ihm aufnehmen konnte.
Der Chefarzt klingelte an der Tür, und wenig später öffnete eine rustikal,
aber herzlich aussehende Frau. "Ja bitte?", sagte die Frau und schaute
uns an. "Guten Tag, mein Name ist Doktor Bachtal, ich komme vom…",
antwortete der Chefarzt, aber die Frau unterbrach ihn: "Sie schon wieder!
Wie oft soll ich Ihnen eigentlich noch sagen, dass ich Ihnen nichts sage?
Verschwinden Sie!" Die Frau wollte die Tür zuschlagen, aber der Chefarzt
schob seinen Fuß in den Türrahmen. "Ich bitte Sie, hören Sie mir doch
erstmal zu! Das hier ist der Bruder von Marko…" Und wieder wurde er
unterbrochen. Die Frau schnappte laut nach Luft. "Wa-wa… Wie… Meinen
Sie das ernst? Sein Bruder? Er ist aufgewacht? Aber das ist doch…"
Schlagartig ging die Tür wieder auf, und sie guckte mich mit großen Augen
an. "Ja, ich meine es ernst. Er ist letzte Woche plötzlich aufgewacht
und… nun ja, er sucht seinen Bruder. Er ist das Letzte, was ihm von seiner
Familie noch geblieben ist, und es ist jetzt das Wichtigste, dass er Kontakt
zu ihm aufnehmen kann", sagte der Chefarzt hastig. "Sie können sich sicher
vorstellen, dass beide dieses traumatische Erlebnis verarbeiten
müssen. Also bitte ich Sie in seinem, seines Bruders und meinem Namen…"
"Schon gut, ich hab verstanden. Kommen Sie rein", sagte die Frau. Wir
traten ein, und sie führte uns eine Treppe hinauf in ein kleines Büro.
"Setzen Sie sich, bitte", sagte sie, wies auf zwei Stühle vor einem
Schreibtisch und holte Gläser und eine Flasche Wasser aus einem Schrank an
der Wand. Sie stellte sie auf den Tisch und goss das Wasser ein. Auf eine unbestimmte
Art und Weise fühlte ich mich befreit, als ich das Wasser in die
Gläser plätschern sah. Meine Augen ruhten noch einen Moment auf den
Gläsern, bis die Frau wieder zu sprechen begann: "Also, jetzt bitte noch
mal von vorn. Er hier", und sie wies mit der Hand auf mich, "ist also der
Bruder von Marko Grensemann? Und ist aufgewacht, nachdem er neun Jahre
lang im Koma lag? Es fällt mir doch schwer, das zu glauben." Der Chefarzt
nippte an seinem Wasser. Es schwappte ungleichmäßig im Glas umher. "Ja.
Genau so ist es. Und, wie bereits gesagt, sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen,
um seinen Bruder zu finden. Ich bitte Sie. Verraten Sie mir, wo er
steckt. Egal, was er selbst Ihnen gesagt hatte, bevor er ging." Die Frau
schaute unsicher auf ihre Füße. "Er…er wollte nicht…", stammelte sie, "ich
sollte nichts sagen. Er wollte…" Schlagartig stand der Chefarzt auf und
sagte laut und nachdrücklich: "Hören Sie doch auf Ihr HERZ!!"
Und plötzlich war es da, dieses Gefühl. Leere und nichts als Leere in
meinem ganzen Körper. Diese drückende Leere.
Ich sitze wieder im Schrank. Mein zitternder Bruder neben mir, die tiefe
Verbundenheit zwischen uns. Angst und Panik in mir. Es verschreckt mich,
wieder hier zu sein. "Gehen Sie! Sie bekommen nichts!"
Die Frau. Meine Mutter. Eine rasche Bewegung, sie schnappt nach Luft.
"Das würden Sie nicht wagen! NIEMALS! Das können Sie doch nicht
ernst meinen! Hören Sie doch auf Ihr HERZ!!" Ich will ihr helfen. Ich stehe auf,
leise und zitternd, und öffne den Schrank ein wenig. Und… ich…
höre… dieses unheimlich schreckliche Geräusch. Die Leere füllt sich, auf
eine unbestimmte Art und Weise befreiend. Ungleichmäßig schwappt
mein Leben in mich herein und…Ich schrie. Und schrie, schrie, wie ich niemals
hätte schreien dürfen. Urplötzlich öffneten sich meine Augen,
und ich sah die Frau und den Chefarzt über mir knien. Anscheinend
musste meine Ohnmacht mich derart umgehauen haben, dass ich nun auf
dem Boden lag. "Beruhig dich doch, bitte. Um Himmels
Willen, alles ist gut, dir passiert nichts." Ich schrie nicht mehr, doch
ich atmete schnell immer wieder ein aus, ein und aus, als würde es alles
ungeschehen machen, meine Mutter lebendig machen, meinen Vater, meinen
Bruder… meine Familie ganz machen. Der Chefarzt sah die Frau vielsagend
und drohend an. Ihr Gesichtsausdruck wurde noch verlegener, sie stand auf
und kramte wohl im Schrank herum. "Es… war nicht mein Vater", keuchte
ich. "Er kann es nicht gewesen sein!"...

...Nachdem ich im Kinderheim in Ohnmacht gefallen war, war alles sehr schnell gegangen. Die Frau hatte dem Chefarzt ein Papier gegeben,sie hatten noch kurz miteinander gesprochen und ich habe nur dagesessenund unheimlich gezittert. Zurück im Krankenhaus, war ichsofort auf mein Zimmer gegangen, um zu schlafen, aber ich konntenicht. Das, was ich in meiner Ohnmacht gesehen hatte, terrorisiertemich noch einige Tage lang. Wenn ich essen wollte, hörte ich meineMutter schreien. Wenn ich schlafen wollte, hörte ich das schrecklicheGeräusch des Pistolenschusses. Wenn ich untersucht werden sollte,sah ich das Blut meiner Mutter sich rasch auf dem Teppich ausbreiten.Der Chefarzt machte sich erhebliche Sorgen, dass ich wieder ins Komafallen könnte. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mir dies sogar gewünscht,wäre da nicht mein innerlichster Wunsch gewesen, meinen Bruderund auch meinen Vater zu finden, der meine Mutter nicht umgebrachthaben konnte. Ich wusste es einfach. Ich wusste nicht, wieso. Ichwusste nur, dass es so war. Mir meinen innerlichsten Wunschzumindest teilweise zu erfüllen, kam der Chefarzt zum Glück baldnach. An diesem Tag kam er zu mir aufs Zimmer und meinte, ich sollemich darauf vorbereiten, meinen Bruder zu sehen, er habe ihn ausfindigmachen können. Ohne zu zögern, zog ich mich um, verließmit ihm das Krankenhaus und stieg in sein Auto. Ich hatte ein seltsamesGefühl im Bauch, eine Mischung aus Vorfreude und Angst.Würde er mich erkennen? Wie würde er reagieren? War er innerlich sozerrissen wie ich? Was wusste er über den Tod unserer Mutter, wasich nicht wusste? Fragen über Fragen, die noch immerin meinem Kopf tobten, als der Chefarzt und ich im obersten Stockwerkeines großen Hauses standen und darauf warteten, dass meinBruder die Tür öffnete. Wenige Sekunden später öffnete sie sich.Wenn man das Gefühl hat, sich selbst vor sich zu sehen, hat mandefinitiv das seltsamste Gefühl. Nicht nur das Gefühl, in einen Spiegelzu blicken, nein, auch die Gefühle des Selbstverständnisses unddes Unwissens beflügeln einen. Ehe ich etwas tun konnte, verschwandenZweifel, Angst, Verwirrtheit und Zwiespalt aus meinem Körper, wirschlossen uns in die Arme und begannen zu schluchzen und zu weinen,wie wir es nie hätten tun dürfen, es gab keine Gnade auf derWelt, zumindest nicht jetzt, zumindest nicht für uns.Meine Gedanken klärten sich erst wieder, als wir in dem kleinenWohnzimmer auf dem Sofa Platz genommen hatten. Der Chefarzt hatte von irgendwoher eine Flasche Wasser und Gläser mitgebracht, die mich heute nicht interessierten, wozu auch, ich war ja nicht ohnmächtig. Als der Chefarzt sich hingesetzthatte, ergriff er das Wort: "Nun, mein lieber Herr Grensemann,ich bin froh, dass Sie beide sich nach Jahren endlich gefunden haben.Es erfüllt mein Herz mit tiefer Zufriedenheit, dass Sie wieder beisammensind." Mein Bruder funkelte den Chefarzt an. "Nun, mein lieberHerr… Bachtal? Ich denke, es ist selbstverständlich, dass sie uns beideallein lassen. Als so unwissend, dass Sie nicht einmal fühlen, wieviel wir uns jetzt zu sagen haben, schätze ich Sie nicht ein." Der Chefarztfunkelte zurück, stand auf und sagte knapp: "Ich warte dann imAuto auf dich." Mein Bruder lächelte mich freundlichan. Abgesehen von dem Kinnbart sah er genauso aus wie ich,sogar seine Wangenknochen waren wie meine.Zuerst unterhielten wir uns über alle möglichen Dinge. Wie er dieletzten Jahre verbracht hatte, wie es mir nach meinem Aufwachen gegangenwar, was er jetzt machte, wie das Krankenhaus so wäre, ob erseine Wohnung gemütlich fände und so weiter.Ich erfuhr, dass er jetzt studierte und nebenbei Geld als Kassiererverdiente. Ich erzählte, dass ich mich an mein Leben vor dem Komanicht erinnern könne und dass ich im Krankenhaus freundlich aufgenommen wurde. Dann lenkte ich das Gespräch auf den Tod unserer Mutter, die Nacht,
die mich ständig in meinen Träumen heimsuchte. Seine Augen blitzten
auf. "Also… zuerst solltest du wissen, dass unsere Eltern Forscher
waren, auf dem Gebiet der Pharmazie. Sie waren kurz davor, ein Heilmittel
gegen AIDS entwickelt zu haben. Das wäre einer der größten
Durchbrüche in der Geschichte der Medizin gewesen." Auf einen fragenden
Blick meinerseits fügte er hinzu: "AIDS ist eine unheilbare
Krankheit, die das Immunsystem angreift und sehr schwächt. Bisher
ist es aber noch niemandem gelungen, ein Heilmittel zu erfinden." Er
räusperte sich. "Dann soll unser Vater in einem Anfall der Selbstsucht
unsere Mutter getötet haben, um allein den Ruhm für das Heilmittel
einzuheimsen. Das Heilmittel hat unsere Mutter aber nicht herausgegeben,
und niemand hat es bisher irgendwo finden können."
Er blickte auf seine Uhr. "Oh! Es ist schon so spät. Der Chefarzt wartet
sich wohl schon kaputt. Aber bevor du gehst, möchte ich dir das hier
noch geben." Er holte einen tränenförmigen Anhänger aus seiner Tasche,
der anscheinend mit einer grünen Flüssigkeit gefüllt war. "Den
hat unsere Mutter mir gegeben, bevor sie uns im Schrank versteckt
hat. Ich weiß es noch genau. Aber jetzt nimm du ihn bitte, und pass
sehr gut auf ihn auf, versprich mir das!"...

...Einige Stunden nach dem Treffen mit meinem Bruder war ich wieder
in meinem Zimmer im Krankenhaus. Ich hatte soeben zu Abend gegessen
und saß nun auf meinem Bett, wo ich den grünen, tränenförmigen
Anhänger ansah, den mein Bruder mir gegeben hatte. Der Chefarzt
betrat das Zimmer. "Hallo! Ich hoffe, du hast dich gut mit deinem
Bruder unterhalten können und fühlst dich etwas besser." Ich sah
weiterhin den Anhänger an. "Was hast du denn da?", fragte der Chefarzt.
"Ist das eine Kette?" "Mhm…", sagte ich und sah immer
noch nicht auf. "Ist die… von deinem Bruder?", sagte der Chefarzt,
etwas ratlos ob meiner Ignoranz. "Zeig doch mal her." Er nahm sie
mir aus der Hand, ohne eine Antwort abzuwarten. So ein netter
Mensch, der Chefarzt. "Wie schön. Sag mal, die ist doch nicht etwa mit
Wasser gefüllt?", meinte er und drehte den Anhänger in der Hand.
"Vielleicht kann man ihn ja aufdrehen, Sekunde…" Jetzt drehte er
daran herum. "Ich glaube, Sie sollten das nicht tun…", protestierte
ich schwach. Er tat es ja sowieso. "Wird schon nichts passieren.", sagte
er und hielt den geöffneten Anhänger unter seine Nase. "Urgh, das
riecht ja scharf. Was ist das bloß?" Der Chefarzt sah mich fragend an,
dann auf einmal, für den Bruchteil einer Sekunde, leuchteten seine
Augen auf, als wäre ihm urplötzlich etwas Wichtiges eingefallen. Er
starrte mich an, dann den Anhänger, dann wieder mich und dann
seine Uhr. Dann wieder den Anhänger. "Entschuldige, ich muss… ich
hatte noch… ich gebe dir den Anhänger später wieder, tschüß, dann
sehen wir uns später.", stammelte er und verließ in Windeseile das
Zimmer. Ich würde den Anhänger wohl nie wieder sehen. So ein netter
Mensch, der Chefarzt! Wenige Wochen später. Mein Bruder
und ich saßen auf einer Bank, von der wir den Krankenhauseingang
sehen konnten, neben dem eine kleine Bühne stand, vor der sich
eine große Menschenmenge angesammelt hatte. Viele der Menschen
hatten Kameras und Mikrofone in der Hand, es blitzte fast ununterbrochen.
Auf der Bühne stand der Chefarzt.
Mein Bruder stöhnte verächtlich und faltete die Zeitung zusammen,
deren Hauptartikel er gerade gelesen hatte. Auf der Titelseite stand
groß und einnehmend: "Genialer Arzt entdeckt Heilmittel gegen
AIDS!" "Entdeckt", sagte mein Bruder noch verächtlicher, "ja, entdeckt hat er
es in der Tat." "Tut mir Leid…", sagte ich, denn irgendwo war es ja
meine Schuld, dass der Chefarzt den Anhänger in die Finger bekam. "Hm.
Naja, sei's drum. Wenigstens können wir jetzt wieder zusammensein, das
haben wir dem Chefarzt zu verdanken. Netter Mensch, dieser Chefarzt.
Chefarzt, was für eine Bezeichnung.", sagte mein Bruder und
lachte, aber es war kein fröhliches Lachen.
Einige Minuten schwiegen wir. Dann sagte ich: "Und was passiert jetzt
mit unserem Vater? Werden wir jemals herausfinden, ob er wirklich
unsere Mutter umgebracht hat?" Mein Bruder rümpfte die Nase und
meinte: "Sagen wir es mal so. Unser Vater ist freiwillig ins Gefängnis
gegangen, und der Chefarzt hat unsere Mutter symbolisch umgebracht.
Reicht das?" Nein, natürlich tat es das nicht.
Wieder schwiegen wir. "Findest du nicht auch, dass das dieser ganzen…
Geschichte eine klischeehaftdurchschaubare und zynische Wendung
gibt?", sagte ich. Mein Bruder sah mich verblüfft an und schien zu
überlegen. Irgendwann sagte er: "Ja." Von der Bühne her klang die Stimme
des Chefarztes, durch ein Mikrofon verstärkt. "Besonders zu verdanken
habe ich diese Entdeckung allen, die zu mir gehalten und mich
immer unterstützt haben." Die Menschen applaudierten und noch mehr
Fotos wurden geschossen. Einer stellte die Frage: "Wie fühlen Sie
sich dabei, wenn Sie bedenken, dass Sie bald vielen Leuten in großer Not
helfen können?" "Das ist natürlich ein sehr erhebendes Gefühl. Ich
helfe sehr gerne allen, die Hilfe brauchen.", kam als Antwort. Mein
Bruder fing an, laut zu lachen. Ich ebenfalls. Es war ein glückliches
Lachen, so glücklich, wie es niemals hätte sein dürfen, aber egal. So ein
netter Mensch, dieser Chefarzt!


Florian Kranz