Presse-Echo zum Herero-Befreiungskampf |
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| WAZ 15.08.2004 |
| Herero-Führer: Verzicht auf Entschädigung
WAZ Okakarara. Ein Führer des Herero-Volkes in Namibia hat der Bundesregierung zugesichert, auf eine Entschädigungsklage zu verzichten. Hundert Jahre nach dem deutschen Vernichtungsfeldzug gegen die Herero sei es Zeit zu vergeben, sagte Kuaima Riruako nach Gedenkfeiern in Namibia. Die Bitte um Vergebung von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul für die Verbrechen der deutschen Kolonialmacht nahm er an. Die Ministerin hatte zuvor um Vergebung für den "Völkermord" gebeten. Deutsche Kolonialtruppen hatten 1904 den Aufstand der Herero niedergeschlagen. Bis 1908 kamen etwa 65 000 Herero und 10 000 Nama um. |
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| WAZ 15.08.2004 |
| Deutsche bitten um Vergebung |
![]() Ministerin Wieczorek-Zeul sprach mit Vertretern der Herero: Alphons Maharero (Mitte) und Christian Zeraua. Koehler-Bild |
Es ist eine grausame, in Deutschland fast vergessene Geschichte. Vor 100 Jahren startete im damaligen Deutsch-Südwestafrika - dem heutigen Namibia - ein brutaler Kolonialkrieg. Als erstes Mitglied einer deutschen Regierung gedachte in Okakarara (200 km nördlich der Hauptstadt Windhoek) Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul der mindestens 75 000 Herero und Nama, die der deutschen Schutztruppe zum Opfer gefallen waren. "Ich bin mir der Gräueltaten schmerzlich bewusst", sagte Wieczorek-Zeul vor rund 3000 Herero, die in farbenfrohen Trachten und Uniformen zu der Gedenkfeier gekommen waren. Die kaiserliche Schutztruppe war ab 1904 gnadenlos gegen die Herero und Nama vorgegangen, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung den Aufstand wagten. Auf die Schlacht am Waterberg folgten vier Jahre Krieg und die Einrichtung von Konzentrationslagern. 1908 waren etwa 65 000 Herero und 10 000 Nama tot. Erschossen, von Reiterhorden massakriert, in der Wüste verdurstet, in KZ elendig zu Grunde gegangen. Zwischen Kämpfern, Frauen und Kinder machten die rassistischen Herrenmenschen aus Deutschland keinen Unterschied. Sie verübten einen Völkermord. Ein Augenzeugenbericht aus dem Jahr 1905 schildert die fürchterliche Realität in dem berüchtigten Lager auf der Haifischinsel. Dort mussten die Gefangenen schwerste körperliche Arbeiten verrichten. "Die Lasten, die sie tragen müssen, stehen in keinem Verhältnis zu ihren Körperkräften. Oft habe ich Frauen und Kinder zusammenbrechen sehen. Wenn sie stürzten, wurden sie von den Aufsicht habenden Soldaten so lange ausgepeitscht, bis sie sich wieder erhoben." Wieczorek-Zeul, die dem Festakt sichtlich bewegt folgte, bekannte sich zu "unserer historisch-politischen, moralisch-ethischen Verantwortung und zu der Schuld, die Deutsche damals auf sich geladen haben". Direkt an die Herero gewandt erklärte sie mit tränenerstickter Stimme: "Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen ,Vater unser´ um Vergebung unserer Schuld." Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden applaudierte. Auf die Rufe einiger Herero "Entschuldigen Sie sich!", reagierte die Ministerin nicht. Die Folgen des Krieges sind noch heute spürbar und sichtbar. Vor allem die ungleiche Verteilung des Landbesitzes spiegelt das wider. Knapp 4000 Großfarmer, überwiegend Weiße, besitzen etwa 40 Prozent der Gesamtfläche Namibias, das 1,9 Millionen Einwohner zählt. Unter der deutschen Kolonialmacht waren die Ureinwohner seit 1885 in immer größere Schwierigkeiten geraten. Die Herero waren ein Volk von Viehzüchtern, doch deutsche Siedler raubten ihnen ihr Land und damit die Lebensgrundlage. Als 1896 auch noch die Rinderpest ausbrach, waren die letzten Möglichkeiten für die Herero dahin. Ihnen blieb nur noch der bewaffnete Widerstand. Für die deutschen Offiziere war der Aufstand fast eine willkommene Ablenkung. In Briefen zeigten sich die deutschen Soldaten stolz, die "aufständischen Stämme" zu vernichten. Der deutschstämmige Farmer Stephan Cranz stellt sich dieser Vergangenheit. "Die Gefühle der Herero müssen berücksichtigt werden. Deshalb ist auch eine Landreform dringend notwendig", sagte er. Sein Kollege Rainar von Hase machte deutlich: "Es brodelt und gärt, wir müssen schnell handeln, damit uns der Deckel auf dem Topf nicht wegfliegt." Wiezcorek-Zeul sagte zu den Herero: "Nach vorne schauend will und wird Deutschland Namibia weiter dabei unterstützen." Reparationszahlungen an die Herero lehnte sie ab. Auch die namibische Regierung will aus innenpolitischen Gründen keine Sonderhilfe für die Herero. Präsident Sam Nujoma meinte zu Wieczorek-Zeul: "Das ist lange her. Wir müssen jetzt die Freundschaft fördern. Wir leben im 21. Jahrhundert." Für den Bürgerrechtler Phil Ya Nangoloh ist diese Position nicht ausreichend. "Nicht alle haben im heutigen Namibia unter den Deutschen gelitten. Die Herero jedoch wurden massakriert." Von WAZ-Redakteur Hendrik Groth, zzt. Windhoek
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| WAZ 15.08.2004 |
| Kommentar: Deutsche Verantwortung
Von Hendrik Groth
Furcht vor Klagen und Entschädigungszahlungen bestimmten lange die deutsche Namibia-Politik. Weder Ex-Bundespräsident Herzog noch Außenminister Fischer waren bei ihren Namibia-Besuchen bereit, Vertreter der Herero zu empfangen. Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul hat endlich für die notwendige Kehrtwende gesorgt und bekam dafür in der früheren deutschen Kolonie viel Beifall. Tief bewegt bekannte sich die SPD-Politikerin zu den Verbrechen der kaiserlichen Schutztruppe, die in der Bundesrepublik weitgehend ignoriert werden. Dabei konnte sich Wieczorek-Zeul auf den damaligen SPD-Chef Bebel berufen, der 1904 im Reichstag den Herero-Aufstand als gerechten Befreiungskampf bezeichnete. Die Sozialdemokratin hat in Namibia weit die bisherige Regierungslinie überschritten. Sie bat um Vergebung und betonte, dass Vergebung auch Erinnerung brauche. Auch wenn sie das von einigen verlangte Wort "Entschuldigung" nicht aussprach, die überwiegende Mehrheit der Herero sah durch den Auftritt der Ministerin ihre menschliche Würde wiederhergestellt. Dieser Dialog könnte beispielhaft für die deutsche Afrika-Politik sein, die derzeit eher für Schlagzeilen im Sinne von Innenminister Schily sorgt. Dessen populistische Forderung nach Flüchtlings-Auffanglagern im nördlichen Afrika versperrt den Blick auf die Notwendigkeiten. Notwendig ist eine langfristige Strategie, damit die Menschen auf dem riesigen Kontinent Perspektiven für sich entdecken. In Namibia bedeutet dies, dass eine Landreform endlich die Strukturen aufbricht, die von den deutschen Kolonialherren und den südafrikanischen Rassisten hinterlassen wurden. Das kann wiederum nur in einem Dialog geschehen, für den sich Wieczorek-Zeul bei all ihren Gesprächen eingesetzt hat. Klar wird, dass aus der Erinnerung Verantwortung erwächst, der sich Deutschland stellen muss. |
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