Losung

für den 22.04.2019

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Jesaja 2,2.4

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Leonardo da Vinci (1452-1519): Das Abendmahl Ein Guerilla an der Tafel des Herrn: Beim Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern, von Leonardo da Vinci 1494 bis 1497 gemalt, ist auch Judas (4. v. l.) dabei.

Judas

Von einem, der nicht warten wollte

Er sitzt an der langen Tafel, zwischen ihm und Jesus nur noch Johannes und Petrus, der sich gerade rüberbeugt. Wer will, der kann in der Gestik des Mannes erkennen, dass der sich bereits abwendet; wer will, kann in seiner Mimik Verschlagenheit lesen. Mit Leonardo da Vinci (1452-1519) bekommt Judas ein Gesicht.

Lange soll der Künstler nach einem Modell gesucht haben, das ihm als Judas dienen könnte. Schließlich war Leonardo da Vinci einer, der malte, was er sah, der einfache Bürger und den hohen Adel Modell sitzen ließ, um seinen Bildern echtes Leben zu verleihen. Und dieser Judas, der machte ihm Sorgen – glaubt man der Legende.

Vier Jahre malte da Vinci an seinem größten Werk und als Jesus und Petrus, Johannes und Bartholomäus, Jakobus der Jüngere und Andreas, Thomas, Jakobus der Ältere und Philippus, Matthäus, Thaddäus und Simon Zelotes längst feine Gesichtszüge erhalten hatten, da soll dort am Tisch eine auffällige Lücke geklafft haben. Die Verzweiflung des Künstlers soll groß gewesen sein.

Und dann jener Moment: Er begegnet in den Straßen Mailands dem Richtigen - dessen Züge zerklüftet, sein Gesicht gezeichnet vom Leben und von Schicksalsschlägen, etwas kantiger als das der anderen. Der Mann erklärt sich bereit, Modell zu sitzen und leiht dem Verräter sein Gesicht.

Als da Vinci den Stift zur Seite legt - geht die Geschichte weiter, überliefert in Legenden -, da setzt der Mann an und fragt, ob der Künstler sich denn nicht erinnere. Einst habe er auch für ein anderes Gesicht auf dem Gemälde Modell gesessen. Damals. Er deutet auf Jesus. Der Verräter und der Gottessohn. Ein Gesicht.

Also: Schublade öffnen, Kategorien überdenken, das Verräter-Label überprüfen und sich auf die Suche machen nach diesem Judas.

Dr. Volker Lehnert Dr. Volker Lehnert

„Er trägt an manchen Stellen den Beinamen Iskariot“, sagt der Theologe Dr. Volker Lehnert. Und dahinter verbirgt sich die Geschichte der Zeloten. Sie waren Fanatiker im Kampf gegen die römische Besatzung, Partisanen, eine bewaffnete Widerstandsgruppe. „Und diesen bewaffneten Guerilla-Kämpfer beruft Jesus in den Kreis seiner Jünger“, sagt Lehnert. „Das hat Symbolwert.“ Waffen treffen auf Worte, Hass auf Liebe.

  • „Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen und dass sie Vollmacht hätten, die Dämonen auszutreiben.“ Markus, 3,13

Und nun sitzt er also mit am Tisch, der „Che Guevara“, in einer Gruppe von mittelständischen Unternehmern, einem Spiegel der damaligen Gesellschaft, von Männern, die ihre Familien zurückgelassen hatten, um diesem Jesus zu folgen.

Sie reisen gemeinsam, sie beobachten, wie sich Jesus einen Namen macht, wie er heilt, wie er sich mit Hohepriestern anlegt, neue Regeln aufstellt. Sie glauben daran, dass Jesus alles ändern, die Machtverhältnisse auf den Kopf stellen wird.

„Judas ist einer, der glaubt“, sagt Lehnert, Kirchenrat und Leitender Dezernent für Personalentwicklung im Landeskirchenamt. „Judas ist sicher: In diesem Jesus steckt die Power Gottes.“

Und Judas wartet. Er wartet auf den Moment, in dem Jesus seine Macht endlich offenbart und die Welt auf den Kopf stellt, der römischen Besatzung ein Ende macht.  „Judas ging davon aus, dass Jesus irgendwann die politische Macht an sich reißen werde“, sagt Lehnert.

Das geht dem Zeloten zu langsam. Er verliert die Geduld. „Deswegen der Verrat“, erklärt der Theologe. Judas habe die Dinge vorantreiben wollen. Und er kam zu der Überzeugung: Wenn die Militärbesatzung eingreift, dann muss er sich als Sohn Gottes äußern. „Er wollte Jesus dazu zwingen, seine wirkliche Identität zu zeigen“, erklärt der Kirchenrat.

  • „Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohepriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küsse werde, der ist’s: den ergreift und führt ihn sicher ab.“ Markus 14, 43+44

Aber nicht mit Jesus. Kein Aufbäumen, keine Schlacht, kein Krieg. „Er zieht die Gewaltlosigkeit durch“, sagt Lehnert. Gottes Sohn reagiert nicht mit Gewalt und Macht, "sondern mit Liebe“. Der Geist wird in der Flasche gelassen. Statt Darwins Prinzip vom „Überleben der Stärksten“ gilt auch bei der Verhaftung noch Jesu Prinzip vom „Überleben der Liebe“.  

Judas stirbt – die Bibel ist sich nicht ganz einig über sein Ende. Aber als Jesus schließlich am Kreuz hängt, ist der missverstandene Verräter bereits tot. Die Auferstehung bekommt er nicht mehr mit. Den Triumph verpasst Judas.

Und die Geschichtsschreibung? Sie lässt selten ein gutes Haar an dem zwölften Jünger. Der Satan sei in ihn gefahren, schließen die Gelehrten. „Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird“, sagt Jesus, bevor er das Brot bricht und den Wein ausschenkt – auch an Judas. Antisemitischen Prozessionen dient er als Hassobjekt, das in Flammen aufgeht. Über Jahrhunderte wird er als Verräter des Messias verflucht.

„Gott bleibt hier ein Rätselhafter“, sagt Lehnert. Eine Logik suche man zwischen den Zeilen des Evangeliums an dieser Stelle vergebens. Von Gott her betrachtet sei mit Judas ein Plan erfüllt worden. Erst der Verrat, dann Kreuzigung und Auferstehung. Was wäre das Christentum ohne Judas?

Und was antwortet man nun jenen, die Judas nicht aus der Schublade lassen wollen? Denen, die in den Zügen des zwölften Jüngers vor allem Habgier, List und den Satan selbst sehen? „Vorsicht Falle“, sagt Lehnert. Judas eigne sich immer gut für das Böse. „Dann geht es den anderen besser“, sagt der Kirchenrat.

Was für eine tragische Funktion: Es sei der Versuch, den Schatten auf einen anderen zu projizieren, damit man ihn selber loswerde. Jeder werde im Alltag zum Verräter. Aber Judas wird zum Sündenbock. „Dabei vergessen wir dann, dass ein anderer als Sündenbock am Kreuz gestorben ist und uns erlöst hat."

  • Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief lauf: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ Lukas 23. 44-46

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ekir.de / Theresa Demski, Fotos: "Abendmahl": commons.wikimedia.org; Lehnert: ekir.de/Hans-Jürgen Vollrath; Bibelzitate: Lutherbibel 2017 / 15.04.2019



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