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für den 19.09.2018

Du stillst das Brausen des Meeres und das Toben der Völker.

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Begegnung im Hambacher Forst: Teilnehmende des Klimapilgerwegs im Gespräch mit Waldbewohnerinnen und Waldbewohnern. Begegnung im Hambacher Forst: Teilnehmende des Klimapilgerwegs im Gespräch mit Waldbewohnerinnen und Waldbewohnern.

Ökumenischer Pilgerweg für Klimagerechtigkeit

Tiefe Wunden

Mitten im Hambacher Forst zieht Pfarrerin Martje Mechels ihren Talar aus dem Rucksack, streift ihn über, steckt das Beffchen fest. Hier, an der Wegkreuzung, soll der Gottesdienst stattfinden, einigt sich die Pilgergruppe. Es ist ein warmer Spätsommertag. Einen Tag später wird die Polizei zur Räumung im Hambacher Forst anrücken.

Der Klimapilgerweg erreicht das Rheinische Braunkohlerevier. Der Klimapilgerweg erreicht das Rheinische Braunkohlerevier.

Aber diese Geschichte handelt noch von dem Tag vor Beginn der Räumung. Der Gottesdienst soll nicht in Oaktown (Eichenstadt) stattfinden, ein paar hundert Meter weiter. Dorthin wollen sie anschließend gehen. In Oaktown, einem der vielen Baumhausdörfer im Hambacher Forst am Rand eines riesigen Braunkohletagebaus, gibt es mehr Waldbesetzer; und viele von ihnen wollen nicht fotografiert werden. Die Pilgerinnen und Pilger wollen sie zum Gottesdienst einladen. Aber Fotos müssen sein, denn die Aktion soll dokumentiert werden. Manche im Wald hätten ein schwieriges Verhältnis zur Kirche, heißt es.

Fünf junge Menschen, Waldbesetzer, die vorbeigekommen sind, lassen sich in der Runde nieder, drei mit vermummten Gesichtern, und nehmen Gesangbücher. „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein“, stimmt die Gruppe an.

Aus dem Weg - letztlich zur Weltklimakonferenz. Aus dem Weg - letztlich zur Weltklimakonferenz.

Es ist Tag vier des ökumenischen Klimapilgerwegs, den ein breites Bündnis von Kirchen und Hilfswerken schon zum dritten Mal veranstaltet. In diesem Jahr führt die Route über 78 Stationen und 1.700 Kilometer und endet am 9. Dezember im polnischen Katowice. Dort findet die 24. Weltklimakonferenz statt.

Am vergangenen Sonntag hat der rheinische Präses Manfred Rekowski die Pilgerinnen und Pilger mit einem Gottesdienst in Bonn auf den Weg geschickt. Er selbst hat sich klar positioniert und ein Ende des Tagebaus verlangt. „Der Ausstieg muss doch gehen, denn unser Weltklima ist massiv bedroht“, erklärte er. Zudem stehe die Evangelische Kirche im Rheinland an der Seite der Menschen, die ihre Häuser und Orte verlassen müssten, weil unter ihren Grundstücken Braunkohle weggeschürft werden soll.

Damit sprach Rekowski das Motiv der Menschen an, die sich auf den Weg gemacht haben. „Die Frage, wie wir den Klimawandel stoppen können, ist die große Gerechtigkeitsfrage dieses Jahrhunderts“, hat die frühere Bundesumweltministerin Barbara Hendricks erklärt. Sie ist eine Schirmherrin des diesjährigen Klimapilgerwegs. Von solchen Sätzen wie den der beiden fühlen sich die Pilgernden verstanden.

Ein "Schmerzpunkt"

Heute, am Mittwoch, erreicht der Pilgerzug den ersten von drei „Schmerzpunkten“ in Deutschland, den Braunkohletagebau am Hambacher Forst in der Nähe von Düren. Fünfzig Pilgerinnen und Pilger sind von der Kirche im Dorf Morschenich mit seinen vielen leeren Häusern aufgebrochen. Morschenich soll bis 2024 der Braunkohle weichen. Bewohner pilgern aber nicht mit.

Der Energiekonzern RWE baut seit 2015 ihren Ort etwas weiter neu auf, auch die Kirche. Darauf müssen sie Rücksicht nehmen, erläutert der Religionswissenschaftler Stefan Schlang, der sich für den Pilgerweg engagiert. Die Menschen hier steckten in einer Zwickmühle, und man könne ihnen nicht verdenken, wenn sie dem Protest keine Perspektive für sich selbst abgewinnen könnten. Das textile Transparent an der Spitze des Zuges, von zwei Stangen gehalten, bläht sich wie ein Segel im Wind. Darauf steht das Pilgermotto „Geht doch!“ auf deutsch und polnisch.

Größter Teil bereits gerodet

Der Weg führt in den Rest das Hambacher Forstes, der ebenfalls dem Tagebau weichen soll. Der größte Teil ist schon gerodet, nur ein Zehntel des früheren Bestands steht noch. Polizei und Mitarbeiter von RWE haben begonnen, den letzten Teil des Waldes freizumachen und damit die schon lange dauernde Besetzung des Waldstücks zu beenden. Die ältesten Baumhäuser im Forst sind vor acht Jahren entstanden.

„Wir besetzen bis zum Kohleausstieg“ steht auf einer Fahne, die von einer der luftigen Behausungen herabhängt, die die Gruppe später sehen wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner wehren sich gegen die Abholzung des Waldes, gegen den Abbau und die Kohlendioxidemission, die durch die Verstromung der Braunkohle in die Atmosphäre gelangt.

Abbau frisst sich in die Landschaft

Der Pilgerzug geht vorbei an sonnenbeschienenen, abgeernteten Maisfeldern, im Hintergrund die kahle, terrassierte Erhebung der Sophienhöhe, der Halde mit dem Abraum des quadratkilometergroßen Abbaus, der sich immer weiter in die Landschaft und immer tiefer in die Erde frisst. Dann ist der Wald erreicht.

Die Polizei bleibt zurück. Sie hat vor dem Aufbruch ein paar Autos von Teilnehmenden kontrolliert, auch am Weg stand ein Transporter mit einer Polizeimannschaft. Vor kurzem haben RWE-Mitarbeiter unter Polizeischutz alle Barrikaden und Gräben im Wald eingeebnet, die die Besetzer errichtet hatten. Viele sind inzwischen wieder aufgebaut oder ausgehoben.

Pfarrerin Martje Mechels predigt beim Gottesdienst im Hambacher Forst. Pfarrerin Martje Mechels predigt beim Gottesdienst im Hambacher Forst.

Martje Mechels‘ Predigt an der Wegkreuzung handelt vom Bundesschluss Gottes mit Noah nach der Sintflut. Sie arbeitet für den Gemeindedienst für Ökumene und Mission (GMÖ) der rheinischen Kirche. Der Gemeindedienst hat den Weg durchs Rheinland organisiert. „Wir müssen den Bund Gottes mit uns neu entdecken“, sagt Mechels.

„Wir sind gefragt mitzumachen. Es braucht Menschen, die sich in den Wald setzen und sagen: Nein, hier soll nicht gerodet werden!“ Und es brauche Menschen, die sich auf Pilgerwege begeben. Nötig sei auch eine neue Sprache in der Theologie: „Wir Menschen sind mit der Schöpfung verbunden.“ Es gelte, sich zum Handeln aufzumachen, zum Beispiel anders einzukaufen. „Und Fliegen müsste teurer werden.“

"Schöpfung statt Profit"

Am Beginn des Weges hat Mechels die Pilger gebeten, jeweils einen Stein mitzunehmen. Den legen sie jetzt mitten auf der Wegkreuzung auf ein blaues Satintuch, das sie unter einer Pyramide aus Ästen ausgebreitet hat, und sprechen eine Klage aus. „So tiefe Wunden werden gerissen“, sagt sie selbst zum Auftakt, „und Geld ist immer noch wichtiger.“ Ein Mann im roten Polohemd wünscht sich „Schöpfung statt Profit“. Die drei Vermummten schauen zu.

Nach dem Gottesdienst bittet Eva Töller um einen Moment Ruhe. Alle fassen sich an den Händen. „Wir wollen uns mit dem Wald verbinden“, sagt sie, und Tränen machen ihr das Sprechen schwer. Die Vermummten haben sich eingereiht. Einen Augenblick herrscht Stille. Seit vier Jahren bietet Eva Töller Waldführungen durch den Hambacher Forst und zu den Waldbesetzern an. 60.000 Menschen hat sie schon hierher gebracht. Heute pilgert sie mit.

Lebhafte Fragerunde

Die Baumhaussiedlung Oaktown liegt auf einer Lichtung. Vom höchsten Haus, vielleicht zehn Meter über dem Boden, wird ein Rucksack heruntergelassen. Dann seilt sich eine junge Frau ab, das Gesicht mit einem blau geblümten Tuch verhüllt, nur die Augen sind ausgeschnitten. Eine lebhafte Fragerunde entspinnt sich.

Drei Bewohner erzählen von ihrem freien Alltag im Wald und von den Unterstützern, die ihnen Lebensmittel und Kletterausrüstungen bringen. Und von der Polizei. Marc (Name geändert) berichtet, dass sie Pfefferspray an Seile gesprüht habe.

Vor kurzem hätten die RWE-Mitarbeiter unter dem Schutz der Polizei angeblich Müll weggeräumt, aber tatsächlich „unsere Infrastruktur auf dem Boden zerstört“, zum Beispiel die Komposttoiletten und alle Häuser auf dem Boden. Marc hat das Haus hoch oben in einer Astgabelung vor vier Jahren gebaut.

Problematische Mittel

Und die Polizei habe Farben für eine Kunstaktion beschlagnahmt, weil sie Terpentin enthalte, mit dem man auch Molotowcocktails füllen könne. Unter den Pilgerinnen und Pilgern kommt Empörung auf. Wie lange wollen die jungen Leute im Wald bleiben? „Solange es legal ist“, sagt einer, der Hermann genannt werden will. „Es mag auch Menschen geben, die mit problematischen Mitteln protestieren“, hat Stefan Schlang vorher erklärt. „Aber das ist kein Grund, alle Waldbesetzer zu kriminalisieren“, so wie es Politiker und ein paar Medien getan hätten.

Die Stimmung steht auf Solidarität. Und bereitwillig versammeln sich die Pilgerinnen und Pilger für ein Foto unter den Baumhäusern, als Geoffrey sie darum bittet, einer der Besetzer. Ein paar von ihnen setzen und stellen sich mit erhobener Faust zur Pilgergruppe, manche mit und manche ohne Vermummung. Und einige der Pilger trauen sich die Baumstammleiter hoch zum großen Baumhaus jenseits der Lichtung, bevor ihr Weg weitergeht.

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ekir.de / Wolfgang Thielmann / 13.09.2018



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