Rückblick auf das Seminar - Basel / Schweiz 2002


16. Internationales Seminar für Interkulturelle Seelsorge und Beratung
vom 8. - 13. September 2002 - Basel. Schweiz

Etwa 100 DauerteilnehmerInnen hatten sich zusammengefunden.

 

weitere Bilder hier


Zu den Vorträgen


Experten aus den verschiedenen Religionen

referierten zur Ethik des Helfens

Prof. Dr. Christoph Morgenthaler,
Prof. f. prakt. Theol., Univeristät Bern, Schweiz;

geboren 1946, studierte Theologie in Bern, Montpellier und Oxford, promovierte in Theologie und Psychologie, war Gemeindepfarrer und ist seit 1985 Professor für Praktische Theologie. Er leitet Weiterbildungsprojekte für PfarrerInnen und hat eine Reihe von Büchern geschrieben (zuletzt: Systemische Seelsorge, 2000; Religiös-existentielle Beratung, 2002).

Der Blick des Anderen - Ethik des Helfens im Christentum
In seinen Vortrag ging Prof. Morgenthaler von einem mittelalterlichen Bilderzyklus [Meister von Alkmaar, Die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1504] zu Mt 25 aus, in dem die Figur des Christus jeweils eingeordnet unter den 'Hilfe-personen' zu finden ist. Jeweils jedoch in der Perspektive seiner Augen so dargestellt, dass Christus den Betrachter direkt ansieht,- ihn gleichsam in das Bildgeschehen mit hineinnimmt. Von diesem Perspektiven-wechsel, dass nämlich der 'betrachtende' zum 'hineingenommen' Menschen wird, ging er u.a. auf diese Stichworte ein: Sei, was Du werden kannst: Barmherzig! / Im Nächsten Gott begegnen / der bildlich-erzählerische Teil biblischer Traditionen und ihr Einsatz im helfenden Dialog mit Menschen / die wechselseitige Ergänzung von Gemeinde und Amt / Reflexion und Spontaneität / Eigenliebe und Nächstenliebe / Helfende aller Länder, vereinigt Euch! / bürgerliche Verengung des Helfens und bürgerliches Engagement in einer Zivilgesellschaft

[ein interkulturelles Forum fand am ersten Seminartag noch nicht statt]

 

Dr. Jalaluddin Rakhmat
Direktor des Zentrums für Studien des Sufismus, Tazkiya Sejati, Jakarta, Indonesien

geboren 1949 in Bandung, hat in Politikwissenschaften und Internationalen Beziehungen und Philosophie promoviert. Er ist u. a. Mitglied des Deutschen Orient Institutes und Dozent für Kommunikation am Bandung Institut für Technologie. Er schreibt für Medien in Indonesien und hat viele Aufsätze und Bücher veröffentlicht.

Die Ethik des Helfens im Islam
Dr. Rakhmat beschrieb in seinem Vortrag den Ansatz des Helfens, wie er in der Tradition des Sufismus begegnet. Er bezog sich anfangs auf eine Hadithe, die der Szene aus Mt 25 sehr nahe ist und in der die Begegnung mit dem hilfe-suchenden Nächsten ebenso die (unwissende) Begegnung mit Gott-selbst ist. Er geht auf folgende Bereiche ein:
Für sie zu sorgen, ist für MICH zu sorgen! / Jede Person ist berechtigt zur Sorge für die anderen / Um Fürsorge nachzusuchen, ist eine Empfehlung -
Die islamische Weltsicht:
Die Sicht der Beziehung zwischen Gott und den Menschen / Die Sicht der menschlichen Natur / Die Sicht des Lebens
Die Ethik des Helfens im Islam:
Die acht Pflichten der Brüderschaft / Die Eigenschaften der geistlichen Führer
Die Praxis des Helfens im Islam:
Gebet / Zikr (Durch zikr wiederholt ein Moslem die Namen Gottes) / Dienst (Khidmat) Der Prophet sagt: "Gott hilft immer einem Diener, der seinen Brüdern hilft."

Fallgeschichte im interkulturellen Forum:
Dr. Rakhmat wird als Sufi-Gelehrter von einer Familie ans Sterbebett des Vaters (wie alle Anwesenden nach Information über die Diagnose der Ärzte meinen) gerufen. Die gesamte Großfamilie ist im Raum. Der Vater stellt präzise formulierte und aufgereihte Fragen zu offenen Punkten seines Lebens, seines Glaubens, die er beantwortet bzw. geklärt wissen möchte, bevor er stirbt. Dr. Rakhmat beantwortet die Fragen teils eher dialogisch, teils im eher lehrenden Rückgriff auf Traditionen. Es entsteht einer sehr dichte Situation der Trauer, in die alle hineingenommen sind. Wegen anderer Verpflichtungen muß Dr. Rakhmat nach gewisser Zeit gehen.
Nach seiner Rückkehr von einer wichtigen Reise stellt sich heraus, dass der Patient nicht verstorbenen ist, sich deutlich erholt hat, und die Situation als sehr wertvoll und helfend erlebt und in Erinnerung hat.

 

Rabbiner Marcel Ebel,
Rabbinat-Stellvertreter der israelitischen Cultusgemeinde in Zürich, zugleich in Zürich jüdischer Spitalseelsorger.

Rabbiner Ebel ist in Zürich aufgewachsen. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er als Spitalseelsorger tätig. In dieser Zeit machte er in Deutschland eine Aus- und Weiterbildung als Seelsorger (Klinische Seelsorge Ausbildung KSA). Gleichzeitig besuchte er verschiedene Kurse und Seminare auf dem Gebiet der Trauerberatung und der Begleitung von Hinterbliebenen. In Israel schloss er seine beraterische Zusatzausbildung am Institut für Familien-Therapie in Givat Brenner in psychologischer Krisenintervention und Gesprächstherapie ab.

Die Ethik des Helfens im Judentum
(Hinweis auf Vortrag folgt später)

Fallgeschichte im interkulturellen Forum:
Rabbiner Ebel wird Zeuge eines schweren Verkehrsunfalles mit einer Motorradfahrerin als schwerverletztem Opfer. Er geht (nach der Erstversorgung) zu der Frau, einer Schweizer Christin, spricht sie an, baut einen Kontakt auf, stellt sich vor, erkundet ihre Bereitschaft zum Gespräch, schließlich auch zum Lesen biblischer Texte. Die Frau geht sehr darauf ein und wünscht es. Rabbiner Ebel holte eine deutschsprachige Ausgabe der Psalmtexte aus seinem Auto, wählt entsprechend seinem Urteil 'passende' Texte aus, liest und begleitet die Frau so bis zu ihrem Abtransport ins Spital nach geraumer Zeit des Wartens auf die Ambulanz. Die Frau bleibt in dieser Zeit im Wachbewußtsein und im Kontakt mit ihm und ist offensichtlich gestützt in ihrer Situation.

 

Dr. Shekar Seshadri,
Kinderpsychiater,
Additional Professor für Psychiatrie,
National Institute of Mental Health and Neurosciences, Bangalore, Indien

Dr. Seshadri lehrt an dem größten indischen Lehr- und Ausbildungszentrum dieser Art. Seine Interessen gelten der Psychiatrie-Vorsorge, den Fragen des sexuellen Kindesmissbrauches und seiner Verhinderung, sowie der Suizidprophylaxe. Er ist in entsprechenden NGO's engagiert. Mit den religiöse Traditionen seiner Heimat hat er sich auf profunde Weise bekannt gemacht.

Die Ethik des Helfens im Hinduismus
In seinem Vortrag beschreibt er wesentliche Ansätze der religiösen Tradition, die wir als Hinduismus bezeichnen. Seine Stichworte: Bhagavad-Gita und Umgang mit Stress / Religion, Yoga und Texte / Glaube, Fatalismus und 'Lila' (Leben als 'Spiel') / Das Dharma-Konzept / indische Mythologie und der Einsatz mytholog. Texte in der Therapie / traditionelles Heilen

Fallgeschichte im interkulturellen Forum:
Beschreibung seiner therapeutischen Begleitung eines Mädchens, das der vielfältigen sexuellen Gewalt in seiner häuslichen Umgebung durch die Flucht in ein Leben auf der Straße zu entrinnen versuchte, dort den gleichen Gewalten um so mehr ausgeliefert war, den Schutzraum eines Mädchenhauses zunächst nicht aushalten konnte, wieder auf die Straße floh, schließlich ins 'Schutzhaus' zurückgebracht wurde.
In der dann beginnenden Therapie setzte Seshadri eine mythologische, sehr bekannte (sogar als eine Art 'Telenovela' ausgestrahlte) Geschichte ein, durch die das Mädchen nach und nach tief verstehen lernte, wie Schutzräume nur schützen, wenn sie sich innerlich an die dortigen, nötigen engen Regeln halten kann, wenn sie dadurch ihre eigene Kraft erkennt - für sich, für Aktionen, auch für den nötigen Rechtsstreit mit den Gewalttätern.

 

Ron Maddox,
Vorsitzender der Englischen Buddhistsischen Gesellschaft, London, GB

R. Maddox ist das buddhistische Teammitglied für geistliche Dienste in der psychiatrischen Einrichtung der staatlichen Gesundheitsfürsorge (NHS) für den Bereich der "South London und Maudsley-Stiftung". Er bietet Meditation als Gruppentherapie an. Er wendet buddhistische Meditationspraktiken als Modell für ganzheitliche, auf die Person gerichtete Entspannung an.


Buddhismus und Gesundheitsfürsorge:
Seelsorgliche Präsenz -
Warum sorgen wir für andere?

In seinem Vortrag beschreibt er wesentliche Ansätze buddhistischer Lehre: Weisheit, Liebe, Freundschaft, Mitgefühl, selbstloser Dienst (wie auch die 'klassischen' Wahrheiten und Pfade). In seiner speziellen Arbeit setzt er auf Konzepte um die Stichworte 'die Freundschaftshand anbieten' / 'aufmerksam, geduldig, vorurteilsfrei zuhören' / das Gespräch sich entwickeln, es natürlich, leicht, unterhaltsam, zusammenhanglos fließen lassen' / Einsatz von buddh. Methoden und Praktiken [z.B. Schweigen, Stille] zur Unterstützung der Entwicklung ähnlicher Haltungen beim Klienten: Sicherheit, Wohlbefinden, Achtsamkeit, Konzentration, Geduld, Zufriedenheit, positive Haltung, Mut zum Neustart.

Fallbeispiel im interkulturellen Forum:
R. Maddox führt mit der gesamten Seminargruppe eine längere Meditationsübung durch, wie er sie normalerweise bei seiner alltäglichen Arbeit mit psychiatrischen, häufig psychomotorisch sehr auffälligen, zumeist jüngeren PatientInnen in seiner Institution durchführt. Die tief beruhigende, zentrierende Wirkung der Meditation hat sich bei dieser PatientInnengruppe wieder und wieder bewährt.

 

Zu den Fallbesprechungen

Fallarbeit in Gruppen

"Seelsorge und Beratung mit Menschen aus 'anderen' Religionen und Kulturen":

in jeweils sieben Gruppen (3 deutsch- und 4 englisch-sprachige) wurden
am Tag für den Islam und am Tag für den Hinduismus Fallbeispiele besprochen.

Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen christlichen Denominationen stellten Situationen ihrer Arbeit vor, in denen sie helfende Gespräche, Beratungs- oder Gruppenarbeit mit muslimischen Personen oder Personen aus dem hinduistischen Religionsbereich durchführten.

 

"Islam-Tag"

Fallbeispiel aus Deutschland:
eine deutsche, evangelische Gemeindepfarrerin unterstützt eine bosnisch-muslimische Asylbewerberfamilie, die von Abschiebung bedroht ist. Erst der Kontakt zwischen der Pfarrerin und der Mutter der Familie ermöglicht den Kontakt zu dem Vater, der nach vielfachen Folterungen kaum mehr in der Lage war, sich selbst zu verteidigen und um das Bleiberecht angemessen zu kämpfen.

Fallbeispiel aus der Schweiz: BS


Fallbeispiel aus Deutschland: AK


Fallbeispiel aus Südafrika:
Pfarrerin Dr. W., eine weiße, christliche Dozentin für Seelsorge und Beratung an der theologischen Fakultät einer staatlichen Universität, beschreibt ein Gespräch mit einem Theologiestudenten, der auch zu ihren Studenten gehört. Er ist als Zulu und als Christ geboren und hat eine christliche Zulu-Frau geheiratet. Vor einem Jahr konvertierte er zum Islam. Seit dem begannen ernsthafte Beziehungsprobleme auf mehreren Ebenen. Er suchte selbst das Gespräch mit Dr. W. als Beraterin.
In zwei Gesprächen war es um die bisherige Kinderlosigkeit gegangen, auch um den Widerstand der selbstbewußten und gut ausgebildeten Ehefrau gegen seinen Wunsch, dass auch sie konvertieren solle. Nach seinem Koranstudium hatte er einen festen Glauben gewonnen und viele Fragen für sich abgeklärt, aber ein Beratungsangebot vermißt und sich so an Dr. W. gewandt. In dem aufgezeichneten Gespräch geht es um die Ungeduld und das Drängen des Mannes, seinen verletzten Stolz, keine 'Macht' über seine Frau zu haben, und darum, wie er mit mehr Gelassenheit die Situation und seine Wünsche an die Beziehung neu bewerten kann bzw. neu in eine echte Beziehungsauseinandersetzung eintreten kann.

Fallbeispiel aus Indonesien (Sumatra):
eine protestantische Pfarrerin einer der Batak-Kirchen erfährt vom plötzlichen Unfalltod (Motorrad-Unfall) des jüngsten Sohnes der muslimischen Nachbarsfamilie, die auch zu den Karo-Batak gehört und gleichzeitig Vermieterin des Hauses für die Pfarrerin ist. Bei einem ersten, spontanen Besuch sind viele Familienangehörige und Freunde der Moscheegemeinde dort. Die Eltern bitten die Pfarrerin, für den Sohn zu beten, was die Pfarrerin verspricht. Einge Tage nach der Beerdigung gibt es einen zweiten Trauerbesuch; es kommt zu einem längeren Gespräch mit der Mutter über die Umstände des Unfalls, über den Kauf des Motorrades, das ein Geschenk der Eltern für das bestandene Examen sein sollte, über den Trost in ihrem Glauben und ihre heftigen Trauergefühle. Die Pfarrerin betet zum Abschluß, und die Mutter dankt ihr sehr.

Fallbeispiel aus Nigeria: Prof. Daisy Nwachuku
Professor Nwachuku lehrt 'Psychologie der Beratung' und arbeitet daneben auch als Seelsorge-Beraterin an der Universität von Calabar, Nigeria.
Sie hat eine Fachdiskussion mit einer muslimischen Dozentin und Kollegin von einer anderen Universität aufgezeichnet. Beide legen im offenen Dialog ihre Sicht der religiösen Krisen-Situation zwischen den beiden Religionen in Nigeria dar und suchen nach Lösungsansätzen,- eingebettet in eine nachhaltige Demokratisierung. Sie sind zum Teil verwundert über die Nähe ihrer Ansichten und verabreden konkrete Punkte einer solchen Strategie und erste Umsetzungsschritte.

Fallbeispiel aus England: BC

 

"Hinduismus-Tag"

Fallbeispiel aus Deutschland:
ein südindischer Pfarrer aus der Kirche der Thomas-Christen, der seit langem in Deutschland lebt, besucht im Krankenhaus ein ältere, verwitwete Frau aus Sri Lanka, deren Familie zur Kaste der Brahmanen gehört. Sie spricht kein Deutsch, ist einsam und steht vor einer schweren Operation. Sie ist dem Pfarrer seit langem bekannt. Im Gespräch geht es um Karma, um die Frage von Schicksal und Schuld, um Strafe und Leiden und Angst und 'Versuchung'. Der Pfarrer spricht am Ende des Gespräches auf Bitten der Frau ein Gebet. Sie ist getröstet und erleichtert. Der weitere Kontakt für die Reha-Klinik wird verabredet.

Fallbeispiel aus der Schweiz:
ein Schweizer, evangelisch-reformierter Krankenhaus-Seelsorger wird hinzugezogen, um für das Krankenhauspersonal (das ihn in den Aufbahrungsraum rief) und die betroffene Migrantenfamilie (und Freunde) aus Sri Lanka Unterstützung in einer schockartigen Trauersituation herzustellen. Nach und nach gelingt es, die Pflegenden zu Geduld zu bewegen und mit den Angehörigen ein Ritual zu finden, das diesen ersten Moment der Trauer und des vom Personal wahrgenommenen 'Chaos' abzuschließen konnte: Der Pfarrer und ein Onkel der Familie, der eine entsprechende Position hat, sprechen Gebete.

Fallbeispiel aus den Niederlanden:
eine niederländische, evangelisch-reformierte Pfarrerin indonesischer Herkunft berichtet von einem Fall, in dem sie eine Frau begleitete, die ursprünglich aus Bali kam und dem hinduistischen Glauben angehörte. Sie hatte einen evangelischen Holländer geheiratet und war mit ihm nach Holland gekommen. Sie hatten christlich geheiratet; ja, sie war aufgrund eigenen Interesses auch schließlich übergetreten und hatte sich taufen lassen. Die Ehe war nach längerer Zeit gescheitert, eins der Kinder drogensüchtig geworden. Die Frau hatte nie richtig Holländisch gelernt und viele Probleme gehabt sich zu integrieren. Das berichtete Gespräch ging um den Glauben und das schier unverwüstliche Gottvertrauen dieser Frau, - ihre einzige Kraftquelle in einem fremden Land.

Fallbeispiel aus Großbritannien (Schottland): LM

 

Fallbeispiel aus Großbritannien (England):
ein anglikanischer Priester, der lange Zeit in Indien arbeitete und verschiedene Landes-Sprachen beherrscht, leitete eine multikulturelle Therapiegruppe im lokalen, psychiatrischen Zentrum des Nationalen Gesundheitsdienstes. Durch verschiedene Interventionen konnte der Zustand einer Patientin stabilisiert werden, die aus der Tradition einer Sikh-Familie kam und die nach dem Tode ihres Mannes ihren 'Status' im Exil neu finden, gegen den Familien-Verband verteidigen und 'selbständig' festigen mußte.
Die Bedeutung der Sikh-Tradition im Rahmen Hindustans wurde hier besonders beachtet.

Fallbeispiel aus Indien: P KM

Fallbeispiel aus den Niederlanden:
ein holländischer, evangelisch-reformierter Pfarrer mit langer Erfahrung als Psychiatrie-Seelsorger wird hinzugezogen bei einer jungen Patientin aus einer indisch-surinamesichen Familie, die nach dem Tod ihres Mannes wegen auffälligen, aggressiven und unkontrollierten Verhaltens zwangseingewiesen wurde. Sie schwieg bisweilen beständig, auch bei dem Erstkontakt des Pfarrers. Durch seine Erfahrung und Kenntnis verband er die Symptome mit kulturellen bzw. religiösen Ritualen, die in diesem Falle nicht stattgefunden hatten. Statt einer 'Patientifizierung' der Frau und einer Pathologisierung der Phänomene schlug er die Einschaltung eines Pandits zur Durchführung entsprechender religiöser Rituale vor, um die Position der trauernden Witwe hervorzuheben, ihr selbst Gelegenheit zum traditionellen und religiösen Ausdruck ihrer Trauer zu geben und ein Fundament für eine parallele Psychotherapie zu schaffen. Im Verlauf dieses Geschehens beginnt die Frau bei kurzen Gelegenheiten dem Pfarrer auch von ihrer Ehe und ihrem Leiden unter der Schwiegerfamilie zu erzählen. Vier Wochen nach Abschluß der hinduistischen Rituale konnte sie weithin ein stabiles Leben führen.

 


zum Seitenanfang
Seminar Basel Start
Seminare Startseite
Seminar Wuppertal 2001