JOHANNESKIRCHE SAARBRÜCKEN

THEMEN UND TEXTE März 2012

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Predigtreihe „Suchet der Stadt Bestes“

Sonntag, 25.03.2012



Suchet der Stadt Bestes … und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl.
1. Welche wichtigen Beiträge leistet (das) Theater für die Stadt?

Ein Theater kann in einer Stadt ein Magnetfeld sein. Es ist ein Ort der öffentlichen Auseinandersetzung. Ein modernes Theater versteht sich nicht als Elfenbeinturm für Kunstbeflissene, sondern stellt sich in das Zentrum der Gesellschaft, greift wichtige Themen auf, vernetzt sich mit anderen Institutionen in der Stadt, bezieht die Bürger der Stadt in seine Arbeit mit ein. Wir versuchen, Menschen unterschiedlichster Herkunft für Kultur zu begeistern und mit ihnen zu kommunizieren.

2. Hat das SST eine Botschaft? Welche?

Das Saarländische Staatstheater hat keine Botschaft, die wir in einen Slogan fassen könnten, unsere Botschaft richtet sich nach den Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Natürlich ist es unsere Aufgabe, ästhetischen Genuss und Unterhaltung auf höchstem Niveau zu bieten, aber darüber hinaus wollen wir auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, indem wir auf Missstände aufmerksam machen und uns über Inhalte streiten. Theater ist eben auch ein Diskussionsforum. Zu einem lebendigen Theater gehört es dazu, Themen wie Fremdenhass, Arbeitslosigkeit, Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, Korruption, Skrupellosigkeit der Finanzmärkte, oder die Orientierungslosigkeit unserer Zeit aufzugreifen, um nur einige zu nennen.

3. Um welche „Werte“ geht es im Theater noch?“

Als Theatermacher wollen wir nicht den pädagogischen Zeigefinger heben. Wir können auch keine Antworten auf die Probleme unserer Zeit geben, denn wir sind nicht klüger oder gar besser als andere. Was wir aber mit den Mitteln des Theaters können, ist, dass wir Verhältnisse als veränderbar zeigen. Unser Ziel ist es, das Bewusstsein für die Eigenverantwortung eines jeden Menschen zu stärken. Wir glauben an die Vernunft des Einzelnen, wir glauben daran, dass eine gute Gemeinschaft möglich ist. Vor allem sind wir der Ansicht, dass Systeme oder gesellschaftliche Strukturen veränderbar, zu verbessern sind.

4. Wie sehen Sie das Verhältnis von Kultur und Religion? Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht Religion für Kultur?

Friedrich Schiller nennt in seinem Aufsatz „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ das Theater in einem Atemzug mit der Religion. Er ist der Meinung, dass beide für eine Gesellschaft gleichermaßen von immenser Wichtigkeit sind. Die Religion richtet sich, so Schiller, an das Herz des Menschen und zielt auf ein innigeres Miteinander der Menschen, wie das Theater. Aber während er bei der Religion moniert, dass sie sich Abbildern eines nicht zu fassenden Jenseits bedient, widmet sich das Theater der Realität und dem Konkreten. Aus diesem Grund sprach er dem Theater in seiner direkten Wirkung auf den Menschen sogar noch größere Bedeutung zu als der Religion. Ich denke, dass heute eine lebendige Kirche und ein lebendiges Theater nicht allzu weit in ihren Zielen voneinander entfernt sind. Es geht bei beidem um die Verbesserung des menschlichen Miteinanders.
Hier muss man auch erwähnen, dass unser abendländisches Theater aus dem mittelalterlichen Mysterienspiel entstanden ist (Parallelen gibt es bis zu Faust II von Goethe, denken Sie an den Schluss mit Höllenschlund und Himmelfahrt), dass die Jesuiten mit ihren Zöglingen schon vor vierhundert Jahren Schultheater gemacht haben, weil sie von der katartischen Wirkung des Theaterspielens überzeigt waren (Auch heute ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit die Projektarbeit mit jugendlichen Laien) und das im weitesten Sinn zumindest für uns Theatermacher jede Messe im weitesten Sinn auch ein theatralischer Akt ist, eine Inszenierung. Außerdem möchte ich betonen, dass das Spirituelle in der Kunst eine sehr große Rolle spielt. Zwar glauben die meisten Künstler nicht an einen personifizierten Gott, sind keine Anhänger einer monotheistischen Religion, aber sie sind dem Spirituellen zugewandt. Sie setzen sich gerne mit dem Nicht-Fassbaren, dem Nicht-Erklärbaren auseinander, ja man könnte meinen, das Spirituelle ist Bestandteil der künstlerischen Kreativität, dies ist wohl besonders in der Musik zu spüren.

(Anmerkung: Das Theater nach unserem abendländischen Verständnis hatte eigentlich schon seine Wurzeln in den Feiern zu Ehren des Gottes Dionysos! Ein kultischer Vorgang, der Sparsames, stand am Anfang: 1 Vorsänger und der Chor priesen den Gott, der für die Ambivalenz des Daseins stand. So wurde er verehrt als Gott des Weines, als Stiergott, als Gott der Fruchtbarkeit! Er erklärte den Menschen, warum etwas sterben musste, damit etwas neues entstehen konnte, so wie die Weintrauben gepflückt, zerstampft und nach dem Prozess der Kenterung in der Form des Weines in neuer herrlicher Gestalt wieder „auferstanden“, warum der Kreislauf der Natur notwendig war/ist, damit neues Leben entstehen konnte! Zu jener Zeit begannen die Kreter auch in der Sprache zu unterscheiden zwischen bios und zoé, wobei ersteres die wie auf einer unendlichen Perlenschnur aufgereihten Leben eines jeden Menschen meinten, also eher der biologische Prozess der Fortpflanzung sich darin manifestierte, während der begriff zoé eher das Bewusstsein eines einzelnen Menschen meinte; das Reflektieren über sich selbst. In den kultischen Feiern zu Ehren des Gottes und im Prozess der Berauschung formulierte sich der Wunsch, die Nähe zur Gottheit zu suchen, in Zwiesprache mit dem Gott zu treten! Und man begann, über sich selbst, seinen Platz im Leben / in der Gesellschaft und über seine entsprechende Verantwortung nachzudenken.)

5. Ein Zitat des bekannten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer lautet: „Kultur ist Spielraum der Freiheit.“ Wenn dem so ist, woran merken das Zuschauer im SST?

„Kultur ist Spielraum der Freiheit“. Natürlich ist das richtig, aber wir müssen zugeben, dass wir als Theatermacher so wie alle Bereiche unserer materiell ausgerichteten Gesellschaft dem Diktat der Ökonomie unterworfen sind. Unsere Zahlen müssen stimmen, der Druck wird immer größer, da stets neue Einsparungen drohen und die Künstler ständig in Gefahr kommen, sich für ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen. Die Betrachtung und Beschäftigung mit Kunst ist wie die Religion so alt wie die Menschheit selbst. Da liegt doch ein Grundbedürfnis vor. Das dem so ist, ist aber leider den wenigsten bewusst. Daran müssen wir arbeiten.
Natürlich muss auch ein Künstler seine Ware an den Mann bringen, muss verkaufen, aber er darf sich nicht ausschließlich nach einem vermeintlichen Publikumsgeschmack richten. Er muss ehrlich sich selbst gegenüber bleiben. Und er muss sich ausprobieren dürfen. Das Recht zu Scheitern ist wesentlich für seine Entwicklung.
Das Saarländische Staatstheater hat aus diesem Grund eine Nische geschaffen, einen „Spielraum der Freiheit“, den wir herausgenommen haben aus dem ökonomischen Zwang. Gemeint ist unsere Sparte4, die sich zum Glück dann auch noch größter Beliebtheit erfreut. Spielraum der Freiheit meint auch, dass man sich in extreme Positionen begeben müssen darf; Positionen, die die Grenzen des Konformismus aufbrechen, die uns einen neuen „Input“ im Sinne der Betrachtung scheinbar vertrauter Inhalte mitliefern.
Deshalb überraschen wir unser Publikum immer wieder mit Inszenierungen, die sie so nicht erwartet haben. Nehmen wir z.B. die jüngst zur Aufführung gebrachte Interpretation von „Parsifal“, so ist das die Sicht eines jungen Regisseurs auf Wagners Bühnenweihspiel. Diese Sicht hat Diskussionen ausgelöst. Ist aber – und das haben auch unsere Premierengäste so gesehen – das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Stoff, frei von Willkür und in sich stimmig. Theater ist kein Museum, es ist die Freiheit des Künstlers, in diesem Falle des Regisseurs, die Stoffe aus seiner Lebenssituation hinaus neu zu interpretieren, etwas anderes ist gar nicht möglich, wäre bestenfalls kunstgewerblich.

6. Zur Zeit ist in der Johanneskirche die Ausstellung „Macht und Ohnmacht“ des Künstlers Seiji Kimoto zu sehen. Welche Rolle spielt dieses Thema im Theater? Welche Qualitäten hat aus Ihrer Sicht die bildende Kunst im Unterschied zur darstellenden Kunst?

„Macht und Ohnmacht“ ist zentrales Thema der dramatischen Weltliteratur, es gibt keinen Spielplan, der dieses Thema nicht verhandelt. Viele Protagonisten der Dramatik sind Hoffnungsträger, auch wenn sie in ihren Anliegen scheitern. Sie bemühen sich um eine Veränderung und setzen auch in ihrem Scheitern eine Diskussion über die Berechtigung ihres Vorgehens frei. Im Idealfall vermitteln sie in ihrer Ohnmacht gegenüber Obrigkeiten, Systemen oder moralischen Instanzen – also gegenüber der „Macht“, - die Forderung nach einer besseren Welt.
Die Ausstellung, die unter diesem Thema hier in dieser Kirche zur Zeit zu sehen ist, gefällt mir sehr gut. Der Unterschied zwischen bildender Kunst und darstellender Kunst, lässt sich vielleicht so beschreiben. Die Betrachtung von Bildern ist kontemplativer als die Betrachtung von Theater. Als Besucher eines Museums oder einer Ausstellung habe ich die Freiheit, auszuwählen, ich kann selbst entscheiden, welches Bild mich besonders anspricht und kann verweilen und mich in das Bild versenken. Theater ist konfrontativer. Einmal in der Aufführung drin, habe ich nur noch die Wahl, das Theater zu verlassen, ansonsten werde ich mit dem Geschehen auf der Bühne konfrontiert. Meistens ist das ja nicht so schlimm, wie sich das jetzt anhört. Theater ist aber angewiesen auf die Bereitschaft des Publikums, sich auf das Geschehen einzulassen. Theater ist eine Kunst des Augenblicks, während ich mir Bilder von vor hunderten von Jahren auch heute noch anschauen kann, ist das Theater eine flüchtige Kunst. Der Zuschauer ist Mitspieler und der besondere Augenblick des Austausches zwischen Bühne und Zuschauerraum, diese ganz eigene Form der Kommunikation, lässt sich nicht festhalten.

7. Haben Sie als Intendantin des Staatstheaters und als „Kulturschaffende“ Erwartungen an die Kirche? Sehen Sie Berührungspunkte zwischen Theater und Kirche? Welches sind die Grenzen? Was könnte Kirche vom Theater lernen?

Meine Erwartungen an die Kirche ist, dass Sie sich wie das Theater um das Hiersein kümmert, dass sich Kirche einmischt und Verantwortung trägt. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, so hat es Bertolt Brecht treffend formuliert. Kirche muss sich öffnen und ich bedanke mich an dieser Stelle nochmals ganz ausdrücklich bei Herrn Hoffmann, dass er die Türen geöffnet hat für gleich zwei unserer Jugendprojekte, die auf sehr unterschiedliche Weise, aber durchaus auch provokant die Frage nach dem Sinn unseres Lebens gestellt haben. Auch dass ich hier heute sprechen darf, obwohl ich natürlich keine Predigt halten kann, ist alles andere als selbstverständlich, und so glaube ich, Herr Hoffmann, unsere beiden Wirkungskreise können noch enger zusammenrücken. Ich denke, wir ziehen an einem Strang.
Kirche und Theater arbeiten letztendlich an einer Verbesserung der Gesellschaft. Beiden geht es darum, Werte jenseits des Diktates des Geldes zu vermitteln. Beide versuchen, sich der Wahrheit zu verpflichten. Beide arbeiten daran, die Menschen glücklicher zu machen. Beide appellieren an den Gedanken der Solidarität und ermutigen zur Toleranz. In diesem Sinne wollen wir hoffen, dass wir etwas Gutes in unserer Stadt bewirken.

25.03.2012, Dagmar Schlingmann

 

Sonntag, 29.01. 2012

 

Thema „Menschen am Fluss“. Gastpredigerin Umweltministerin a. D. Dr. Simone Peter

Sehr geehrter Herr Hoffmann, meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde St. Johann,

ich möchte mich herzlich für die Einladung bedanken, zu Ihnen im Rahmen Ihres Gottesdienstes sprechen zu dürfen. - Eine nicht ganz neue Erfahrung, denn ich hatte als Umweltministerin bereits am 1. Januar des vergangenen Jahres die Gelegenheit, in der evangelischen Kirchen¬gemeinde St. Wendel eine Predigt zu halten. Trotzdem ist und bleibt es etwas Besonderes.

Zwar muss ich als Umweltpolitikerin auch immer wieder Überzeugungsarbeit leisten und versuchen, den Gedanken eines nachhaltigen, also gleichsam ökologischen, ökonomischen und sozialen Handelns in den Köpfen und Herzen der Menschen zu verankern. Aber in einer Kirche zu predigen, ist eine besondere Herausforderung.

Dass Sie, Herr Hoffmann, trotz meines Ausscheidens aus der Regierung nach dem Bruch der Jamaikakoalition vor 3 Wochen an der Einladung festgehalten haben, ehrt mich darüber hinaus. Und ich bin ebenfalls gerne bei der Verabredung geblieben, denn ich finde Ihre Idee überzeugend und nachahmenswert, sich im Rahmen einer Predigtreihe mit dem zu beschäftigen, was in Politik und Gesellschaft an Herausforderungen und Aufgaben ansteht.
Als Saarbrückerin werde ich mich selbstverständlich auch weiterhin für die Menschen und ihr Wohlergehen in der Stadt und im Land einsetzen.

Und dazu passt das Motto Ihrer Predigtreihe 2012 hervorragend: Es lautet "Suchet der Stadt Bestes" und stammt aus dem Brief des Propheten Jeremias an die jüdische Exilgemeinde in Babylon, wohin sie einst verschleppt worden war. Er enthält eine Aufforderung, sich dort einzurichten, zu engagieren und das Beste für die Stadt zu suchen.

Er fordert
- „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte“
- „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen,
- und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl.

Mir fiel in diesem Kontext direkt der Begriff „Heimat“ ein: Dort wo ich mich wohl fühle, fühle ich mich zuhause - daheim.
Als Definition des Begriffs Heimat findet man unterschiedliche Ansätze. Beim online-Dienst Wikipedia ist zu lesen:
„Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.“

Sicher ist Heimat aber nicht nur der Ort, in den ein Mensch hineingeboren wird. Ich habe ein paar Jahre in Berlin gelebt und mein kleiner Hauptstadtwohnsitz, den ich nicht so schnell aufgeben werde, ist auch ein Stück Heimat geworden. Ich fühle mich wohl und vertraut in dem Viertel, in der Straße und in der Wohnung. Das hat auch mit der Gewöhnung an die Umgebung und der sozialen Nähe zu Verwandten dort zu tun.

Die Veröffentlichung Was ist Heimat?, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung, hat mich dann eher überzeugt, denn sie beinhaltet, dass „Heimat auch neu gewonnen werden könne“, da der Heimatbegriff die Möglichkeit auf Beheimatung einschließe - also auf Aneignung einer vertrauten Lebenswelt und Ausbildung sozialer Zugehörigkeiten. Die Heimatfindung könne demnach gleichsam in beweglichen Modellen von Raumdefinitionen und persönlichen Zuordnungen erfolgen.
Die Heimat als sozialer Raum eröffne sich somit in lebens- und alltagsweltlichen Interaktionen im Rahmen von Bekanntschaften, Freundschaften und Nachbarschaften und erschließe sich in der Auseinandersetzung mit der lebensweltlich-kulturellen Umwelt.
So verstanden wäre Heimat Lebensmöglichkeit und nicht Herkunftsnachweis. Heimat würde „nicht länger als Kulisse verstanden, sondern als Lebenszusammenhang, als Element aktiver Auseinandersetzung“.
Dabei hat Heimat immer einen räumlichen Kristallisationskern. Zugrunde läge demnach ein dynamisches Konzept, dass dem Menschen als Kulturwesen von Natur aus ein sozialer Raum bedarf, der Heimat
- weshalb er sie in seinem Bewusstsein und durch sein Verhalten immer wieder neu schafft.
Nur darin liegt ja auch die Chance der Zuwanderinnen und Zuwanderer; sich nicht dauerhaft fremd in der neuen „Heimat“ zu fühlen.

Heimat nicht als Kulisse, sondern als Lebenszusammenhang muss auch Leitbild der Stadtentwicklung sein. Für diese war ich bis vor kurzem als Ministerin für Umwelt. Energie und Verkehr zuständig; ein Ressort¬zuschnitt, der es ermöglichte, einzelne Belange sektorübergreifend und im Zusammenhang zu betrachten.
Diese ressortübergreifende Betrachtungsweise wird in einer immer komplexer werdenden Lebensumwelt wird immer wichtiger, denn wir brauchen ein vernetztes Denken und vielschichtige Antworten auf die ökologischen, sozialen und ökonomischen Krisen, die sich global, aber auch ganz konkret lokal auf das Leben und Zusammenleben in unseren Städten und Gemeinden auswirken.
Der demographische Wandel, den wir im Saarland überdurchschnittlich erfahren, der wirtschaftliche Strukturwandel, der den Montan- und Industriestandort Saarland schon lange prägt und noch lange prägen wird, der Klimawandel, der Katastrophen in noch nicht fassbarem Ausmaß mit sich bringen wird und letztendlich der soziale Wandel, der mit kulturellen Veränderungen und den Auswirkungen der vorab genannten ökonomischen und ökologischen Wendungen einhergeht, sind mit riesigen Herausforderungen an Politik und Gesellschaft verbunden. Gerade auch im städtischen Kontext.
Um dem demographischen Wandel adäquat zu begegnen und die Klimaschutzziele zu erreichen, muss der Gebäudebestand in unseren Städten in den nächsten 30 bis 40 Jahren umfassend energetisch saniert und altersgerecht bzw. barrierefrei umgebaut werden.
Dabei müssen die sozialen Belange der Mieterinnen und Mieter gewahrt und bezahlbarer Wohnraum für alle gesichert werden. Das wird nur gelingen, wenn Staat, Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Mieterinnen und Mieter sich gemeinsam dieser Aufgabe stellen.

Um die Energiewende im Gebäudebereich voranzutreiben, werden deshalb verlässliche Rahmenbedingungen und beständige Förderbedingungen benötigt. Damit diese auch den Mieterinnen und Mieter nutzen, ist eine Anpassung des Mietrechts an die zentralen Herausforderungen einer breiten Sanierung für mehr Energieeffizienz und Barrierefreiheit notwendig.
Um im Bereich der Mobilität den Zielen der Nachhaltigkeit gerecht zu werden, ist eine auch wirtschaftlich wie ökologisch nachhaltige Verkehrspolitik notwenig. Hier haben wir in den vergangenen 2 Jahren das Ziel verfolgt, das Saarland und langfristig den Großraum Saar-Lor-Lux zu einer Modellregion für nachhaltige Mobilität zu machen.
Hierzu gehörte die Modell- und Testregion für den Einsatz moderner Antriebstechnologien ebenso wie die Stärkung des ÖPNV und des Alltagsrad- und fußverkehrs.

Auch die Betrachtung klimatischer Auswirkungen von städtebaulichen Projekten gewinnt vor dem Hintergrund des Klimawandels zunehmend an Bedeutung, so der Umweltdezernent der Stadt SB, Kajo Breuer, vor einigen Tagen bei der Vorstellung des neuen Klimamodells für Saarbrücken. Die Landeshauptstadt will in ihren Planungen zunehmend den Erhalt bzw. die Schaffung eines gesunden Stadtklimas berücksichtigen.
Wichtig ist dabei eine auf Dauer angelegte Verbesserung der Luftqualität. Hier spielt auch der Luftreinhalteplan für Saarbrücken eine Rolle, der derzeit in Zusammenarbeit mit dem Umweltministerium erstellt wird, um die Überschreitung von Schadstoffgrenzwerten, in diesem Fall Stickstoffdioxid, mit entsprechenden Maßnahmen rückgängig zu machen. Hierzu gehört aber auch die Beseitigung von Lärmimmissionen in der Stadt mit Fokus auf besonders belastete Stadtbereiche.
Zur Verbesserung der Lebensqualität und Steigerung der Attraktivität der Landeshauptstadt gehört nach meiner Überzeugung auch das Projekt „Stadtmitte am Fluss“, das vom Umweltministerium fachlich und planerisch begleitet wird. Die Grundlage für das Planfeststellungsverfahren für den Tunnel und weitere Maßnahmen ist die vor wenigen Wochen mit der Stadt SB vereinbarte Finanzierungsvereinbarung.

Die neue Stadtmitte am Fluss soll
- Lebens- und Umweltqualität schaffen durch Lärm- und Emissionsminderung durch den Tunnel, Schallschutzwände für Staden und St. Arnual, 7 Hektar neue Grünanlagen am linken Saarufer, die Sanierung des Osthafens und verbesserten Hochwasserabfluss;
- die Qualität der Verkehrswege gleichberechtigt für Fußgänger, Fahrradfahrer, KfZ und öffentliche Verkehrsmittel verbessern durch zeitgemäße Flächenverteilung im Straßenraum und intelligente Verkehrsleitung;
- neues Wohnen in der Innenstadt auf Baufeldern fördern, die heute von der Autobahn belegt sind: dabei geht es um 50.000 m2 Bruttogeschoßflächen am Park der Bismarckanlage oder im Herzen der Stadt zwischen Neumarkt und Saaruferstraße
- Saarbrücken für Tourismus attraktiver machen (z.B. der Festplatz unter dem Schlossfelsen, Wiederherstellung der historischen Bögen der Alten Brücke, neue Anleger für Flußkreuzfahrtschiffe, neue Fußgängerbrücke zwischen Kulturufer und Alt-Saarbrücken, Aufwertung Osthafen und archäologische Grabungen)
- den Einzelhandel stärken (betrifft v.a. Berliner Promenade mit Seitengassen, Umbau Eisenbahnstraße, „besucherfreundliches“ Parkdeck unter der Promenade, verbesserte und neue Brücken¬verbindungen mit Neubau Luisenbrücke, fußgängerfreundlichem Umbau Wilhelm-Heinrich-Brücke und Neubau Fußgängerbrücke am Steg)
Damit bündelt das Projekt „Stadtmitte am Fluss“ über ein Dutzend Einzelprojekte, die im Gesamten die städtebauliche, die ökologische, die verkehrliche und auch die ökonomische Situation der Landeshauptstadt verbessern.

Im Wettbewerb der Städte in der Großregion Saar-Lor-Lux gilt es, Saarbücken als Oberzentrum zu stärken. Während Städte wie Luxemburg und Metz, aber auch Trier und Kaiserslautern in den vergangenen Jahren zum Teil erhebliche Investitionen zur Steigerung ihrer Attraktivität getätigt haben, zeigen seit Jahren alle wesentlichen Indikatoren der Entwicklung der Landeshauptstadt Saarbrücken eine negative Tendenz:
Die Einwohnerzahl geht zurück, die Arbeitsmarktlage ist nach wie vor Besorgnis erregend, die Umsätze des Einzelhandels gehen zurück, die Zahl der Leerstände von Geschäften, Büros und Wohnungen nimmt weiter zu. Hinzu kommt eine erhebliche Lärmbelastung durch die entlang der Saar verlaufende Stadtautobahn sowie ein wenig attraktiver baulicher Zustand der überwiegend Ende der fünfziger Jahre wieder aufgebauten Innenstadt.

Auch die regionale und überregionale Erreichbarkeit Saarbrückens als Wirtschafts-, Bildungs- und Versorgungszentrums der Region ist beeinträchtigt durch das extreme Verkehrsaufkommen, das hohe Gefährdungspotenzial und die ungünstigen Prognosen für die A 620, für die dringend nachhaltige Lösungen gefunden werden müssen.

Im Rahmen umfangreicher Voruntersuchungen wurden alle Alternativen untersucht und bewertet. Das Ergebnis: Stadtmitte am Fluss ist nachweislich die wirksamste, nachhaltigste und effektivste Lösung für die Verkehrsprobleme und schafft gleichzeitig zwölf Hektar Entwicklungsflächen für Freianlagen und Innenstadtentwicklung.
Die Landeshauptstadt ist die Visitenkarte für das Saarland mit Strahlkraft ins gesamte Land und darüber hinaus. Sie kann Motor der Großregion sein, die wichtige Impulse für Innovation, Bildung, Forschung, Kultur sowie nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung setzt.

Das veranschlagte Finanzvolumen von 370 Millionen Euro kann einseitig als Überforderung interpretiert werden, es ist aber vor allem ein gigantisches Konjunkturprogramm. Es wird Menschen in die Region ziehen, die hier arbeiten, leben und somit auch Geld in die Kassen der Unternehmen lenken wird. Dies gilt v.a. für den Mittelstand, der durch Aufträge im Projekt stark profitiert. Hinzu kommen langfristige Effekte durch die Attraktivitätssteigerung der Stadt nach der Bauphase.

Natürlich dürfen die Kosten nicht zu einer finanziellen Überforderung führen, weder für die Stadt noch für das Land. Nach heutigem Stand ist
– zieht man die EU- und die Bundesförderung ab - mit durchschnittlichen jährlichen Kosten von 10 Mio Euro für Stadt und Land über 10 Jahre zu rechnen. Das sollte zu stemmen sein, wenn man sie als rentierliche Investitionen ansieht, die Stadt, Land und Region mehr Wertschöpfung, Attraktivität und Lebensqualität bringen.
Am Ende des Planfeststellungsverfahrens ist dies zu entscheiden, unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die ein solches Mammutprojekt mittragen müssen und als Chance begreifen sollen.
Franz Alt schreibt in seinem Buch „Der ökologische Jesus“:
„Täglich werden die Wüsten um 20.000 Hektar größer, produzieren wir 100 Millionen Tonnen Treibhausgase, vernichten wir 31.000 Hektar Wald und wächst die Menschheit um eine Viertelmillion zusätzlich. Wir führen einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur und damit gegen uns selbst. Sind wir noch zu retten?“
Ich meine, wir sollten es angehen, Versiegelungen rückgängig zu machen und Grünland zurück zu gewinnen, den Verkehr aus den Städten zugunsten von Lebensqualität und Gesundheit zurück zu drängen bzw. ihn umweltgerechter und damit auch sozialer zu gestalten, die Häuser zukunftsgerecht zu sanieren und insgesamt eine nachhaltige Entwicklung für eine zukunftsfähige Heimat einzuleiten.

Nachhaltiges Handeln setzt aber voraus, dass wir über den Kirchturm hinaus denken, sowohl in räumlicher wie in zeitlicher Hinsicht. Wir müssen das, was wir heute tun, verantworten mit Blick auf die gesamte Erde und auch mit Blick auf die zukünftigen Generationen. Also müssen wir – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft - heute mit der Energiewende, der Verkehrswende und der Wende beim Städtebau anfangen. Denn sie braucht Zeit und die Beteiligung aller Akteure.
Die Denkschrift des Rates der EKD „Umkehr zum Leben – Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“, aus dem Jahr 2009, mit der ich schließen möchte, fasst in Kapitel 5 „Theologische Orientierung“ meine Gedanken hierzu sehr gut zusammen:
„Die Aufgaben, vor die der Klimawandel Regierungen, Gesellschaften, Familien und jeden einzelnen Menschen stellt, sind gewaltig. Um sie zu bewältigen, brauchen wir Zuversicht und Beistand. Gott, der Schöpfer und Erhalter des Lebens, hat im Noahbund sein gnädiges und lebenserhaltendes Ja zu seiner Schöpfung auch angesichts von Sünde und Bosheit der Menschen bekräftigt. Der versöhnende Gott befreit in Jesus Christus zu einem Leben, das sich an den Schönheiten der Schöpfung freut, das Lebensrecht aller Menschen und den Eigenwert der nichtmenschlichen Natur achtet und sich einer Ethik der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit verpflichtet weiß.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gutes und vor allem gesundes neues Jahr, in dem wir alle mit verantwortlichen Taten der Stadt Bestes geben können und bedanke mich für die Aufmerksamkeit.


Fotos Elke Christmann

 




Gottesdienst 28.02.2010 Johanneskirche
„Wie ein Staubkorn im Wind...“

Predigt (Herwig Hoffmann)

Liebe Gemeinde,
sind wir Menschen tatsächlich allein im Weltall? Die Menschheit also wirklich nicht mehr wie ein Staubkorn in den unendlichen Weiten des Universums?
Nun, die Mehrheit (auch der seriösen Forscher) sagt: Das ist eher unwahrscheinlich. Auch wenn wir bisher keinen Kontakt zu außerirdischen Wesen hatten, so spricht vieles dafür, dass das Universum nicht nur hier auf Erden Leben hervorgebracht hat. Das Problem ist: wir werden solchen möglichen ET’s wohl nie begegnen; viel zu groß sind die Entfernungen im Weltall, die überbrückt werden müssten. Ein Menschenleben würde da bei weitem nicht ausreichen.
Also sind wir doch allein, und alles andere ist letztlich ohnehin nur Vermutung.
Doch das Alleinsein von uns Menschen hat ja noch eine sehr viel tiefere Dimension: Sind wir auch ohne einen Schöpfer, der alles (auch uns) ins Leben gerufen hat und der auch alles zu einem Ziel führen wird?

Radikale Atheisten unter den Naturwissenschaftlern wie Stephen Hawkins und Richard Dawkins glauben (!), dass in einem modernen Weltbild für Gott kein Platz mehr ist. Evolution, Zufall und Notwendigkeit sind die Zauberworte, welche die „Hypothese Gott“ ersetzen. Alles habe sich selbst organisiert (also sich selbst „erschaffen“), dazu sei kein Gott nötig gewesen. Die Vorstellung, ein göttliches Wesen habe die Welt erschaffen, sei reine Illusion des Menschen – Dawkins spricht sogar von einer „Wahnidee“ des Menschen.
Die „Weltformel“ wollte Hawkins finden, die das Geheimnis lüften sollte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nun, inzwischen musste er einräumen, dass dies dem Menschen wohl nie gelingen wird.
Je mehr wir Menschen forschen und entdecken, um so mehr wird uns bewusst, wie begrenzt der Horizont unseres Erkennens und Verstehens ist.
Dabei behandeln viele Zeitgenossen die Naturwissenschaften so, als seien sie die neue Religion unseres Zeitalters, als seien sie quasi allwissend. Zweifellos: Die Naturwissenschaften haben seit den Entdeckungen Galileis, Newtons, Darwins und Einsteins einen kolossalen Triumphmarsch hinter sich. Wir verdanken ihnen großartige Entdeckungen und Fortschritte. Die haben z.B. dazu geführt, dass wir Auto fahren können, Astronauten zum Mond geflogen sind und wir per Telephon ein Gespräch mit Menschen in Australien oder in Afrika führen können. Aber so überzeugend und bahnbrechend ihre Entdeckungen auch sein mögen, sie erfassen niemals alle Dimensionen unserer Wirklichkeit.
Ein Naturwissenschaftler beschreibt ein Orgelspiel als eine Abfolge von Schallwellen; einen lebenden Organismus (wie z.B. ein Hund oder eine Katze) als hydraulische Maschine. Physikalisch gesehen hat er recht. Doch ist damit die
Schönheit eines Orgelspiels oder die Grazie eines Tieres wirklich erfasst? Und so verhält es sich mit der Schöpfung bzw. der Natur überhaupt.
Naturwissenschaft ist auf das beschränkt, was man messen und beobachten und in physikalische, chemische und biologische Gesetzte gießen kann. Wenn Naturwissenschaft mehr will, dann verlässt sie ihre eigene Grundlage und wird schnell selbst zur Religion. Warum alles so ist, wie es ist, dass kann sie gerade nicht beantworten. Warum gibt es die Welt eigentlich? Welchen Sinn hat das Leben hier auf der Erde? Hätte es nicht auch ganz anders kommen können? Welchem Ziel streben Erde und Welt zu? Diese Fragen übersteigen die Möglichkeiten der Naturwissenschaften bei Weitem.

Schon der Philosoph Wittgenstein hat erkannt: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ Oder populärer ausgedrückt: "Durch die Naturwissenschaften kommt der Mensch auf den Mond, aber nicht in den Himmel."

Moderne Atheisten wie Richard Dawkins täten gut daran, ihren Tunnelblick aufzugeben und einzusehen: Wir Menschen haben eine Sehnsucht nach dem Himmel, welche die Naturwissenschaften nicht befriedigen kann.

Allerdings kann der Glaube an Gott, der alles erschaffen hat, auch nicht gegen die Erkenntnisse der Naturwissenschaften behauptet werden, so wie es die Kreationisten tun (die darauf beharren, biblische Texte gegen naturwissenschaftliche zu behaupten, nach dem Motto: „Und die Bibel hat doch recht). Auch die pseudo- wissenschaftlichen Theorien der Vertreter des Intelligent Design helfen nicht weiter, schaden eher dem Glauben an einen Schöpfergott, indem sie die Naurwissenschaften selbst zur Annahme drängen wollen, ein göttlicher intelligenter Designer sei am Werk gewesen. Man kann jedoch aus Naturphänomenen niemals auf die Existenz Gottes oder sein Wirken schließen.

Wir müssen uns nämlich eingestehen: Die Vorstellungen der Bibel sind im naturwissenschaftlichen Sinn sicher nicht haltbar. Einstein sagte mal treffend: „Religion ohne Wissenschaft ist blind.“
Andererseits: die Bibel erhebt nicht den Anspruch, ein naturwissenschaftliches Buch zu sein. Lassen Sie uns den biblischen Schöpfungstext (1. Mose 1,1 – 2.4a) etwas genauer betrachten, es lohnt sich:
* Es handelt sich in der Tat um keinen naturwissenschaftlichen Text, sondern um einen religiösen Text, genauer: um einen Hymnus, um ein LIED. Es ist nicht die Absicht des Textes zu sagen:
die Welt ist (im naturwissenschaftlichen Sinn) in 7 Tagen erschaffen worden, sondern die 7-Zahl gehört zur Form des Liedes. Wenn sie so wollen: Dieser Schöpfungshymnus hat 7 Strophen.
Bibelforscher haben herausgefunden: es gab eine frühe Fassung dieses Textes, der ohne das 7-Tage-Schema ausgekommen ist. Es ist nachträglich in den Text eingefügt worden. Geschehen ist das während des babylonischen Exils des Volkes Israel (587-520 v. Chr.). Damals wollte man den Sabbat als das Identifikationsmerkmal des Volkes in der Verbannung etablieren. Der Sabbat (nicht der Mensch!) ist die Krone der Schöpfung. Der Sabbat steht für die Ruhe am 7. Tage auch für die Schöpfung und ist damit auch ein Symbol der Hoffnung auf Ruhe und Frieden der gesamten Schöpfung am Ende der Zeit. Wenn wir uns den Text inhaltlich ansehen, dann
Ist eine Aussage zentral: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1): Überschrift oder „Mottosatz“ (Hans Kessler).
Damit soll offenbar gesagt werden: Gott ist von Anfang an da. Alles, was existiert, was lebt und vergeht, hat letztlich in Gott seinen Grund.

Dann erzählt der Schöpfungs-Hymnus nach Art eines Bilderbuches, wie Gott aus dem Chaos die Welt als eine Art Lebenshaus erschafft. (Vgl. Jes 27,1 Off 21,1-5: nicht ins Chaos fällt die Erde zurück, sondern in Gottes Hände.)
Die Bibel will also nicht erklären, w i e die Dinge entstanden sind. Sie geht vielmehr von den menschlichen Erfahrungen von Chaos, Zerstörung und Lebensbedrohung aus.

Sie will sagen: Egal, wie schlimm es kommt: letztlich liegt die ganze Welt in Gottes Händen. Also setzt Euer Vertrauen auf ihn!

Naturwissenschaftlich betrachtet, ist der Menschen in der Tat nicht mehr als ein Staubkorn im Wind oder in den unendlichen Weiten des Universums. V.a.: dass es ihn gibt, ist absolut nicht notwendig, eher zufällig.
Die Bibel sagt jedoch vom Menschen: Er ist (zwar nicht als Krone der Schöpfung, aber) als „Bild“ (eikon) Gottes geschaffen. Er steht in Verwandtschaft zu allen Mitgeschöpfen, aber nur der Mensch wird von Gott angesprochen. Der Mensch steht damit in einem besondern Verhältnis zu Gott, wir können das so sagen: eigentlich ist er für Gott offen, darauf angelegt, sein Leben auf ihn hin auszurichten. Ich frage mich in diesem Kontext: warum sind wir so geschaffen, dass wir nach Sinn fragen können, wenn es ihn gar nicht gibt? Warum können wir nach dem Unendlichen fragen, obwohl wir wissen, dass alles endlich ist? Ein Fehler der Evolution oder ein Hinweis auf „etwas“, dass aller Erfahrung und aller Wirklichkeit zugrunde liegt?

Fazit: Wir müssen Erkenntnisse der Naturwissenschaften nicht verleugnen, wir sollten sie schon gar nicht als Feinde von Religion und Glauben betrachten. Aber wir haben gute Gründe, an Religion und Glauben festhalten. Mehr noch: ich glaube, wir Menschen sind als religiöse Wesen geschaffen, die fragen und nach Antworten suchen, die sich danach sehnen, im Ganzen des Lebens einen Sinn und Halt zu finden, mit der Sehnsucht nach dem Himmel, nach dem Unendlichen, nach Gott.....
Oder mit dem Kirchenvater Augustinus zu sprechen:
„Du Gott, hast uns auf dich hin erschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es seinen Halt findet in dir.“ Amen.



Wieder nur Fragen? (Regine Eichholz)
Gottesdienst am 1.02.2010

Vielleicht sind Sie, liebe Gemeinde, etwas verwundert, mich hier als Nicht-Theologin zu sehen. Aber uns, den Trägern des Citykirchenprojektes, war es ein ausgesprochenes Herzensanliegen, zu dieser schrecklichen Katastrophe einen besonderen Gottesdienst zu veranstalten.
Erlauben Sie mir, einige persönliche Bemerkungen zu diesem schrecklichen Ereignis zu machen.
Als ich in den Nachrichten von den verheerenden Verwüstungen und Opfern hörte, war meine erste Reaktion Bestürzung und Fassungslosigkeit. Ich brauchte keine Bilder, keine Reportagen, um mir die Folgen für die Bevölkerung von Port – au – Prince vorzustellen. Wir sind ja bereits medial so weit „erzogen“, dass wir genügend Bilder im Kopf gespeichert haben, die zu einem solchen schrecklichen Geschehen abrufbar sind.
Mein zweiter Gedanke war : Wieder einmal trifft es die Ärmsten der Armen. Warum
wieder einmal Haiti ? Warum wieder einmal ein Land, das über Jahrzehnte unter Diktatur leidet ? Warum wieder einmal ein Land, das bereits unter anderen Naturkatastrophen zu leiden hatte – unter Tornados, Hurrikans und Über -
schwemmungen ? Gottes Plan? Für mich und meinen auf Logik und Einsehen genormten Verstand nicht nachvollziehbar, da ich keine Antwort auf meine Frage erhalte – wieder einmal ! Da mir Gott keine Antwort gibt, muss ich mir selbst eine suchen.
Sicher ist Spenden eine gute Antwort auf dieses Erdbeben: Das Gefühl meiner Untätigkeit und Ohnmacht wird verringert. Ich sehe mir im Fernsehen die Haiti-Spenden- Veranstaltung an, bei der sich Prominente von Uschi Glas bis zu der Frau unseres Verteidigungsministers zu Guttenberg engagieren, eine sinnvolle Sache , sicher!
Trotzdem beschleicht mich beim Zusehen ein ungutes Gefühl ! Dieser Wechsel von Katastrophenbildern mit unzähligen elternlosen Kindern auf der einen Seite, dann wieder die gestylten Personen in der glänzenden Atmosphäre eines Fernsehstudios macht mich nach einiger Zeit wütend ! Brauchen wir all diese schockierenden Aufnahmen, um Mitleid zu haben und anschließend zu spenden ? Müssen wir diese Glamour-Soße über das Elend gießen? Ich weiß es nicht ! Der Erfolg dieser Sendung ist auf jeden Fall unstrittig : An ihrem Ende steht eine Summe von über 17 Millionen Spendenvolumen.
Also wieder keine Antwort, wie ich mit meinem Schock über die Katastrophe umgehen kann. Vielleicht ist dieser Gottesdienst , bei der natürlich gespendet werden darf und soll, eine Möglichkeit : Hier in unserer vertrauten Kirche kann ich intensiver meiner Trauer nachgeben, muss mich meiner Verstörung nicht schämen und sehe Menschen, bekannte und unbekannte, denen es so gehen mag wie mir, die auch hier bei Gott Trost und Hilfe suchen und hoffentlich finden.

 

Predigt (Pfr. Herwig Hoffmann)

Am Donnerstag war im Fernsehen zu sehen, dass ein junges, 16-jähriges Mädchen nach Tagen aus Trümmern gerettet worden ist. Bewegend! Das Mädchen habe gute Aussichten zu überleben. Vielleicht ist es ein lebendiges Symbol der Hoffnung für ein Volk, welches mal wieder von einer schlimmen Katastrophe heimgesucht wurde. Im Filmbericht sagten mehrere Menschen: „Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir haben schon viele Krisen überstanden!“

Allmählich erwacht Haiti aus seinem Trauma.
Man darf dennoch das Drama nicht schön reden; das Elend ist groß, die Welle des Mitgefühls hat auch längst uns erreicht.

„Warum? Warum wieder die Ärmsten der Armen?“ Diese Frage höre ich häufig.
Auch ich kann diese Frage letztlich nicht beantworten.
Ein Blick in die Geschichte der Kirche hilft da auch nicht wesentlich weiter. Zumindest habe ich dort keine überzeugende Antwort gefunden auf die Warum –Frage. Diese Antworten kranken nämlich häufig daran, dass sie darauf abzielen, Gott zu entschuldigen und die Verantwortung beim Menschen oder gar in der Natur selbst zu suchen. Der Mensch habe einen freien Wille und stets Alternativen in seinen Entscheidungen. Manche weisen sogar der Natur so etwas wie einen freien Willen zu, durch den sie sich gegen Gottes Schöpfungsabsicht wenden könne. Doch was helfen solche Gedankenkonstrukte den Menschen in Haiti? Was ist das für ein Gott, der uns als Anwalt braucht, um verteidigt und gerechtfertigt zu werden?
Andere kommen daher zu der „Lösung“: Gott ist tot. Oder zumindest unbeteiligt und machtlos. Er habe vielleicht die Welt irgendwann ins Leben gerufen durch einen Schöpfungsakt, aber dann habe er die Welt sich selbst überlassen.

Auch diese Antwort bleibt für mich unbefriedigend, da die Welt m. E. ohne die Annahme: „Es gibt Gott“ letztlich nicht auskommen kann – obgleich auch ich zweifle, gerade wenn Menschen so leiden müssen wie jetzt in Haiti. Ebenso aber kann ich der Idee des hilflosen, ohnmächtigen Zuschauers nichts abgewinnen: Was nützt uns ein solcher Gott, der hilf- und tatenlos zusieht, was auf seiner Erde geschieht? Um einen solchen Gott brauchten wir uns wirklich nicht mehr zu kümmern.

Martin Luther prägte den Begriff des absconditus; des verborgenen Gottes, der sich uns nicht erschließt- damit geheimnisvoll und unverfügbar bleibt. So weiß ich auch nicht mehr zu sagen, als dass er sich nicht ins Tagebuch sehen lässt. Uns bleibt nichts anders übrig, als diese Spannung auszuhalten- nämlich von Gott nicht alles zu wissen.

Luther stellte jedoch dem deus absconditus den deus relevatus als der anderen Seite Gottes gegenüber: den sich offenbarenden Gott, wie er sich in Christus und zuvor in der Geschichte des Volkes Israel gezeigt hat und von Menschen erkannt worden ist:
Er ist ‚menschlicher’ Gott, der selbst mitleidet, auf Seiten der Armen und Schwachen zu finden ist, aber gewiss nicht bei seiner Betroffenheit stehen bleibt.
Vor allem schenkt er die Kraft zum traurig sein, mit Trauer, Wut und Angst fertig zu werden. Er stärkt Menschen darin , aufzustehen, neu zu beginnen, die Krise zu meistern.
Und er ermutigt Menschen, solidarisch zu handeln und den Leidtragenden das Vertrauen zu geben, nicht vergessen zu werden.

Die Vision des Hesekiel (Hesekiel 37) ist auf Israel bezogen. Es handelt sich um eine symbolische Vision: Zugrunde liegt ihr das Geschehen des Jahres 587 v. Chr., das Israel (das noch vorhandene Südreich) als Overkill erlebt hat. Die feindlichen Babylonier waren ins Land eingedrungen, hatten gemordet, geraubt und verwüstet. Jerusalem und vor allem der Tempel fielen dieser Zerstörung anheim. Die Oberschicht war nach Babylonien deportiert worden. Israel - ein zerteiltes, niedergedrücktes Volk, lange Zeit am Boden zerstört- vor allem in den Daheimgebliebenen war kein Lebenswille mehr, und das Exil wurde als Gefangenschaft empfunden. Hesekiel drückt diese Stimmung aus im Bild von Toten und Totengebeinen. Unschöne, gespenstige Bilder - beschönigt wird hier nichts, schließlich soll die Katastrophe Israels verarbeitet werden.
Nun aber malt er die Vision einer Auferstehung: das tote Volk bekommt Lebensatem eingehaucht, es darf wieder an seine Zukunft glauben. Starke Bilder – Bilder die tragen, die inspirierend sind, auch lebensnah! Ist es nicht das, was wir den Menschen von Haiti wünschen können?
Solidarität mit den Menschen aus Haiti besteht für mich auch darin, an die Kraft solcher Visionen zu glauben, neben aller praktischer Hilfe, die sich sicher nicht nur aus Mitleid speisen kann, vielmehr vom Glauben an die Zukunft dieses Volkes getragen sein muss.
Offenbar ist es so: Religion gibt den Menschen Kraft zum Überleben. „Sie ist Opium d e s Volkes, Aufschrei der Gequälten und stabilisierende Lebenshelferin in Not und Alltag“, schrieb ein Beobachter. Nähme man den Menschen ihren Glauben, verlören diese viel von ihrer Energie.
Wir sollten diese Menschen und dieses Land auch dann nicht vergessen, wenn die Welle des Mitgefühls abgeebbt ist. Haiti braucht Aufmerksamkeit, die bleibt. Nur mit eigener Kraft kommt das Land nicht aus seinem Elend. Yanick Lahens, haitische Schriftstellerin, sprach von der „Selbstbehauptung von Leben und Würde“ dieses Volkes. Ich hoffe, das Volk kann sich diese bewahren und wir können das unterstützen.

Ich hoffe wirklich, dieses 16-jähriges Mädchen wird überleben und eine Zukunft haben. Das würde mir es übrigens auch mir leichter machen, an Gottes Güte zu glauben.
Amen.



24.12.2009 Hl.Abend
Predigt von Christian Bauer und Jörg Metzinger

Tierische Weihnachten
Ochse und Esel unterhalten sich

Ochse: Also! Gans zu sein, ist Weihnachten ganz doof

Esel: Gans zu sein ist sowieso doof. Immerzu watscheln. Und dann noch nicht mal in den echten Weihnachtsliedern vorkommen.

Ochse: Naja, Lieder von der Weihnachtsgans gibt es sowieso nicht.

Esel: Doch! (singt nach der Melodie von Oh Tannenbaum:) "Oh Weihnachtsgans, oh Weihnachtsgans, du hast so leck're Beine..."

Ochse: Na super! Als Festmahl für dekadente Familienfeiern taugen wir Tiere also. Und sonst? Nix gelernt der Mensch. Nee, also Gans zu sein, ist Weihnachten echt doof.

Esel: Karpfen ist auch nicht besser. Drei Tage Badewanne und dann auf den Tisch. Damit Mensch nicht auf moderigen Schlammgeschmack kaut.

Ochse: Wahrscheinlich waren deshalb Gans und Karpfen auch nicht mit an der Krippe. Der Weihnachtsbraten beim frisch geborenen Gottessäugling. Das wäre den Bibelautoren wohl doch ein wenig zu pietätlos gewesen.

Esel: Aber wir waren dabei. Also nicht wir, aber zwei Vorfahren von uns. Sieht man in fast jeder Krippendarstellung. Ochs und Esel, wie sie friedlich das Kind beschnuppern. Echt romantisch.

Ochse: Naja, romantisch. So romantisch wie so ein Stall halt sein kann. Winter, kalt, Stroh. Das ist nur mit Zentralheizung wirklich romantisch. Aber die war damals noch nicht erfunden.

Esel:Aber Ochs und Esel waren erfunden!

Ochse: Hast du ne Ahnung warum?

Esel: Steht irgendwie in der Bibel, sogar mit Begründung.

Ochse: Jaja, steht bei Jesaja ganz am Anfang: "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn"

Esel: Und warum steht das da?

Ochse: Wenn ich dir das jetzt erkläre machst du den Bock zum Gärtner, oder aber den Ochsen zum Theologen. Aber egal: Mit Bezug auf das Alte Testament wird eine direkte Verbindung zwischen den Tieren und der Geburt Jesu gezogen.

Esel: Und deshalb gehören wir jetzt zur Basisausstattung jeder Krippe? So rechts und links vom liegenden Jesuskind platziert?

Ochse: Klar! Wir sind ja auch zwei typische Stalltiere. Das haben wir Gans und Karpfen voraus.

Esel: Krass! Deshalb gibt es uns in den Krippendarstellungen wohl auch schon seit dem 3. Jahrhundert, oder?

Ochse: Klar, in alten Schriften aus dieser Zeit ist sogar überliefert, dass Maria ihr Kind in einer Ochsenkrippe bettete und Ochse und Esel das neugeborene Kind angebetet hätten.

Esel: Ach. Und ich dachte immer, der Esel sei nur dabei gewesen, weil er später noch eine tragende Rolle spielen sollte.

Ochse: Wieso tragende Rolle?

Esel: Na also hör mal. Wer hat denn Mutter und Kind damals nach Ägypten getragen, als Herodes hinter dem Neugeborenen her war? Ich!

Ochse: Du?

Esel: Naja. Nicht ich... Aber einer meiner Vorfahren. Und überhaupt: Der Esel ist das Jesus-Tier überhaupt. Auf mir... äh... also auf einem von uns... ist er ja dann auch später nach Jerusalem geritten. Und alle haben sie Hosianna gerufen... und

Ochse: Jaja, das war später. Aber bleiben wir mal am Anfang...

Esel: Habt ihr Ochsen eigentlich auch was vorzuweisen? Außer, dass ihr dabei wart?

Ochse: Naja, der Ochse steht für das typische Opfertier des Alten Testaments. Insofern verweise auch ich schon auf die Kreuzigungsgeschichte.

Esel: Ein bisschen pietätlos, bei der Geburt schon vom Tod zu reden, oder?

Ochse: Aber ist das nicht das Leben? Dass wir bei der Geburt schon wissen, dass wir sterben müssen?

Esel: Ich habe das bei meiner Geburt nicht gewusst.

Ochse: Du weißt genau, was ich meine!

Esel: Jaja... aber meinst du, dass war damals in der Geburt Jesus schon so tiefschürfend und symbolisch angelegt.

Ochse: Bitte was?

Esel: Naja... so mit Opfertier und so. Und dass der Esel den Juden und der Ochse den Heiden verkörpert. Auch das habe ich irgendwo gehört.

Ochse: Ich verkörpere immer noch einen Ochsen – du Esel!

Esel: Ja... und man sagt dir nicht gerade nach, dass du schlau bist... Vielleicht ist auch das ein Hinweis... dass dieses Kind auch für die nicht so Schlauen geboren wurde...

Ochse: Hahaha, der Esel gilt ja dagegen wohl als DAS Symbol der Klugheit. Dass ich nicht lache.

Esel: Musst ja nicht gleich beleidigt sein. Aber wo wir schon dabei sind: Wir Esel gelten als demütige und dienende Tiere. Insofern sind wir auch ein Bild für das neugeborene Kind, das sich ja auch aufopfern wird...

Ochse: O ja. Mir kommen gleich die Tränen. Holder Knabe im lockigen Haar, und so. Aber mal im Ernst. Die Gans findet das gar nicht witzig. Die liegt morgen auf dem Teller. Und die ist auch Kreatur! Von Gott geschaffen!

Esel: Ist sie! Klar! Und man isst sie! Fressen und gefressen werden. Das ist das Leben, machen wir uns nichts vor. Gans und Karpfen teilen ein Schicksal. Heißt: die Schöpfung ist nicht heil. Sie ist nicht mit sich selbst versöhnt. Sonst wären alle Menschen Vegetarier. Und der Löwe und der Haifisch auch.

Ochse: Wie schmeckt eigentlich Löwe? Egal. Dass die Natur das gefressen werden vorsieht, ist so. Aber Massentierhaltung! Legebatterien! Das war früher mal anders... Ich war im Stall. Ganz nah beim Kind. Mein Atem konnte das Kind wärmen.

Esel: Jetzt werd bloß nicht tierisch sozialromantisch!

Ochse: Warum?

Esel: Weil’s nicht in die Zeit passt... Ich sagte schon: Fressen und gefressen werden. Und Ostern gibt’s dann Lamm.

Ochse: Und als Vorspeise Ochsenschwanzsuppe. Aber zurück zur Krippe. Wir waren ganz nah dran. Ochse und Esel. Zwei Tiere, die zu den einfachen Menschen passten. Kein königliches Dromedar und kein mächtiger Löwe standen an der Krippe.

Esel: Naja, der Löwe hätte ja auch Mutter und Kind fressen können. Dann wär’s nix gewesen mit der Rettung der Menschheit.

Ochse:

Bleib doch mal Ernst. Ich habe mir das so erklärt: in uns Krippentieren spiegeln sich die Menschen, für die das Kind gekommen ist. Die, die Hilfe brauchen. Die, die arm und verachtet sind. Die, die schwach sind. Die, die…

Esel: Für die anderen auch!

Ochse: Bitte?

Esel: Das Kind ist auch für die anderen gekommen. Für die Starken und Mächtigen, die Reichen und Schönen. Die müssen nämlich lernen, Schwäche auszuhalten und Machtlosigkeit. Denn vor Gott sind sie schwach und machtlos. Aber das ist eine andere Geschichte. Und die wird nicht an der Krippe erzählt. Wollte es aber mal gesagt haben.

Ochse: Esel! Du bist ja fast ein Theologe.

Esel: Sind wir das nicht alle?

Ochse: Nur einer nicht.

Esel: Wer?

Ochse (singt!!!): Rudolph, the red-nosed reindeer / had a very shiny nose.

Esel: Der war aber auch nicht an der Krippe. Willst du die Wahrheit über Rudolph wissen?

Ochse: Klar!

Esel: Den haben die Amis erfunden. Den gibt’s gar nicht. Ganz im Gegensatz zum Christkind! Das gibt’s wirklich. Und wir waren dabei…

 


03. Oktober - 09.November 2009

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit ist in der Saarbrücker Johanneskirche vom 3. Oktober bis 9. November
die Ausstellung "20 Jahre Mauerfall - 20 Deutsche Maler" zu sehen.
Es werden Werke der größten deutschen zeitgenössischen Künstler präsentiert: Zehn westdeutsche und zehn ostdeutsche Künstler.
Dazu gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm, unter anderem Gottesdienste mit Bildpredigten, Führungen und vieles mehr.
Die Ausstellung ist vom 3. Oktober bis 9. November täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Es wird um Spenden für die Renovierung des Gotteshauses gebeten.

Aus der saarländischen Privatsammlung Zimmer werden Werke von Rainer Fetting, Salomé, Jörg Immendorff, Bernd Zimmer, Karl Horst Hödicke, Markus Lüpertz, Helmut Middendorf, Walter Dahn und Walter Libuda. Die Stiftung Kunstforum der Berliner Volksbank überlässt Arbeiten von Wolfgang Mattheuer, Harald Metzkes, Bernhard Heisig, Gerhard Altenbourg, Hartwig Ebersbach, Wolfgang Peuker, Willi Sitte, Sieghard Gille und Werner Liebmann. Auch Elvira Bach und Georg Baselitz sind vertreten.

Bildpredigt "Mene Mene Tekel" zu Karl Horst Hödicke, Mauerzeichnung, 1972
Jörg Metzinger, 18.10.2009

Liebe Gemeinde,in dieser Ausstellung ist viel Farbe zu sehen. Ich habe mir das Bild ausgesucht, das kaum Farbe aufweist.
Karl Horst Hödickes "Mauerzeichnung" aus dem Jahr 1972. Es hängt hier vorn im Chorraum an der Seite.Es hat mich von Anfang an gefesselt -- ich weiß nicht wieso.
Betrachten wir es uns gemeinsam. Das Bild ist auf Nessel gemalt, nicht auf eine Leinwand. Dieser Untergrund gibt dem Bild seine Textur. Die Farben, vor allem Schwarz-, Grau- und dunkle Brauntöne schimmern dadurch.
Im oberen Bereich sieht man scheinbar flüchtig angedeutete Steine quer übers Bild, einmal durch die Fugen angedeutet und rechts schimmert Backsteinrot.
Das Bild ist figurativ, es sind Figuren auf dem Bild zu sehen. Gemalt mit dünnem weißen Strich, wie Kreide auf einer Tafel, flüchtig, ich habe den Eindruck, wenn ich will, kann ich es wegwischen und es verschwindet wieder.
Rechts ein großer Kopf. Ein dicker Hundekopf, mit Zähnen im aufgerissenem Maul, mit bösem Blick. Weiße Spritzer, wie gieriger Geifer, sehe ich unter dem Kopf.
Das Ziel seiner Begierde ist links zu sehen: offensichtlich eine Frau, schnell hingekritzelt wie eine Männertoilettenschmiererei. Alles nur angedeutet: ein Arm, die Beine, der Kopf mit scheinbar langem Haar und vor allem: eine dicke Brust. Und wieder diese weißen Spritzer.

Liebe Gemeinde,
als Bibeltext, den ich neben dieses Bild stellen möchte, habe ich die Geschichte vom sprichwörtlich gewordenenen "Menetekel"
ausgesucht: Daniel 5. Wir sprechen vom "Menetekel" wenn etwas passiert, was auf großes Unheil in der Zukunft hinweist -- ein
Zeichen, an sich harmlos, aber doch beunruhigend.
Kaum jemand kennt diese Geschichte aus dem Buch des Propheten Daniel -- obwohl das "Menetekel" ein häufig angewandter
Begriff ist.
Der König Belsazar feiert ein mächtiges Gelage, und als besonders dekadentes Highlight lässt er die kostbaren Gefässe kommen, die sein Vater aus dem Jerusalemer Tempel als Beute mitgehen ließ -- um daraus zu saufen.
Ein absoluter Affront für alle Juden, eine Geschmacklosigkeit sondersgleichen, ein billiger Ausdruck grenzenloser Macht.
Da erscheint ihm auf der Wand eine Leuchtschrift, die er nicht entziffern kann -- und trotzdem erschrickt sie ihn maßlos. Er ist
schlagartig wieder nüchtern, erbleicht, ist gelähmt, zittert. Er will die Schrift entziffern lassen -- Daniel wird gebracht, der jüdische
Prophet, der im Reich des Königs mit vielen anderen deportierten Juden lebt.
Und Daniel nutzt die Chance. Das angebotene Geld lehnt er ab -- er lässt sich nicht kaufen.
Stattdessen liest er dem Besazar die Leviten, spricht von Gier und Machtbmißbrauch und fehlender Demut. Und entschlüsselt ihm
dann die Schrift: Mene mene tekel u-parsin.
26 Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet.
27 Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden.
28 Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

Der König nötigt Daniel daraufhin Purpur und Goldkette auf, macht ihn zum Dritten in seinem Reich -- allein es nützt nichts,
Besazar stirbt noch in derselben Nacht.
Der Anfang vom Ende seines Reiches, der Anfang von der Rückkehr der Juden aus der Gefangenschaft in ihr Land.
Soweit diese Geschichte.

Liebe Gemeinde,
ich will Verbindungen zeigen, Verbindungen, die in meinem Kopf entstanden sind zwischen dieser Geschichte aus uralter Zeit --
d iesem Bild von Karl Horst Hödicke aus dem Jahr 1972 -- und der großen und kleinen Geschichte unseres Landes.

Für mich ist das Bild "Mauerzeichnung" ein Menetekel: ein Sinnbild der Gier, vordegründig der sexuellen Gier, darüber hinaus für
jede Gier.
1972 malt Hödicke das Bild -- eigentlich noch fette Zeiten, das erste allgemeine Menetekel, dass es so gierig in der westlichen Welt nicht weitergehen kann, kam ein Jahr darauf: die erste Ölkrise 1973, als man auf unwirklich leeren Autobahnen Fahrrad
fahren konnte.
Doch die Gelage der Gier gingen weiter in den achtziger, neunziger Jahren.
Der Fall der Mauer, das schnelle Ende der DDR -- es ist eine unangenehme Wahrheit -- aber dahinter und darunter stand auch
die Gier nach westlichem Konsum und Lebensstandard. Wer konnte es den Menschen damals, in den Wendejahren,
auch verdenken, den Menschen jenseits der Mauer, zu partizipieren am Reichtum: DM, anständige Autos, Weltreisen...

Die Gier hat uns weitergetrieben, die Menetekel erschienen und erscheinen weiter: Tschernobyl, die Klimaveränderungen,
schließlich der Bankencrash in unsren Tagen.
Der Geifer der Spekulanten ist noch nicht trocken, da sammelt er sich in diesen Tag neu: das Spekulationskarusell wird wieder
angeworfen, titeln die Medien in diesen Tagen.
Und die Mächtigen der globalisierten Menschheit versaufen weiter unser Wertvollstes, die Ressourcen der Zukunft.
Propheten wie Daniel gibt es viele, die uns die Zeichen enstchlüsseln -- allein, wir warten darauf, dass sich etwas ändert.

Es ist manchmal zum Verzweifeln -- schwarz wie dieses Bild. Soll die Gier wirklich eine Grundbefindlichkeit des Menschen sein,
ein derart beherrschender Trieb, der nicht zu bändigen ist -- sogar, wenn wir alle die Menetekel lesen und verstehen?
Aber trotzdem nicht umkehren?

Mene mene tekel u-parsin.
26 Und sie bedeutet dies: Mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt und beendet.
27 Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden.
28 Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben.

Liebe Gemeinde,
eine schwarze Predigt zu einem schwarzen Bild, ich weiß.
Amen.


Laudatio zur Ausstellung „20 Jahre Mauerfall – 20 deutsche Maler“ in der Saarbrücker Johanneskirche, 2.10.09. Von Jörg Metzinger

Meine Damen und Herren, liebe Besucher,

1
ich begrüße Sie hier in der Saarbrücker Johanneskirche. Mein Name ist Jörg Metzinger, ich bin Citykirchenpfarrer, meine Aufgabe ist es, diese Johanneskirche mit Veranstaltungen wie dieser heute zu füllen.
Für die, die zum ersten Mal hier sind: die Johanneskirche ist keine normale evangelische Kirche – und doch wieder auch.
Jeden Sonntag wird hier um 11 Uhr Gottesdienst gefeiert – und gleichzeitig ist sie Bühne für Veranstaltungen, die viele Menschen in einer Kirche nicht erwarten: Tanz und Kino, Performances, Jazz, Diskussionsrunden – und eben Ausstellungen wie dieser.
Baustelle ist sie auch, diese Johanneskirche: zur Zeit kämpfen wir darum, die Sanierung der maroden Außenfassade zu stemmen. Damit so etwas wie hier auch in Zukunft stattfinden kann. Ich sag es ganz direkt: Sie können mithelfen, vorne sind Behälter, wo Sie spenden können.

2
20 Jahre Mauerfall, Tag der deutschen Einheit: Wir Deutschen haben ein gebrochenes Verhältnis zu Staatsfeiertagen. Zwei selbst verschuldete und verlorene Weltkriege verbieten – so ist zumindest meine Meinung - stolze Gedenktage an ruhmreiche Schlachten zu begehen, wie das in anderen Staaten der Fall ist und auch zu Kaiserzeiten, als diese Johanneskirche gebaut wurde, mit dem Sedansfeiern selbstverständlich war.

Die Weimarer Republik wurde von Anfang an von weiten Teilen der Gesellschaft und auch unserer evangelischen Kirche damals wie ich eingestehen muss abgelehnt – und fand kaum zu neuen, demokratischen Symbolen und überzeugend begangenen Gedenktagen.

Nachdem die Nationalsozialisten dann das Nationale durch ihre völkisch-rassische Ideologie pervertierten, wurden die überlebenden Deutschen des Zweiten Weltkrieges sehr vorsichtig im Begehen nationaler Ereignisse.

In Bundes- und Deutscher Demokratischer Republik lief die Entwicklung nationaler Symbole und Feiern dann in unterschiedliche Richtungen. Die Bundesrepublik feierte den Tag der deutschen Einheit am Tag des von ihr als Aufstand gegen das sozialistische System in der Sowjetzone interpretierten 17. Juni, die Deutsche Demokratische Republik hielt mit dem Tag der Staatsgründung, dem 7. Oktober, dagegen.

Vor 20 Jahren wuchs dann durch die Wende-Ereignisse in der DDR zusammen, was nach Ansicht vieler Menschen zusammengehörte.

Der Mauerfall, jene euphorisch-ekstatischen Ereignisse an der innerdeutschen Grenze am 9. November 1989, sind ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt - und nicht der abstrakte Vollzug staatsrechtlicher Vereinbarungen, der nur im erstmaligen mitternächtlichen Hissen der deutschen Fahne am Berliner Reichstag am 3. Oktober 1990 sinnenfällig wurde.

3
Zum zweiten Mal nun ist das Saarland turnusgemäß an der Reihe, die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit zu gestalten. Die Landeshauptstadt Saarbrücken steuert dem Programm eine ungewöhnliche Ausstellung bei: 10 ostdeutsche und 10 westdeutsche Maler mit je einem Werk.
Die Auswahl umfasst große Namen, Künstlerpersönlichkeiten, die in den „Wendejahren“ und darüber hinaus wichtig für Kunstbetrieb und (jeweilige) Gesellschaft waren. Es hätten genauso gut je 15 sein können oder 30, und man kann trefflich streiten, ob da nicht der eine oder andere große Name fehlt.

Aber darum geht es gar nicht. Die zwanzig Bilder sind zahlreich genug, die Protagonisten mehr als hinreichend bedeutsam, um die Absicht dieser Ausstellung zu erreichen, nämlich auf Entdeckungsreise zu gehen in die Weltbilder von Künstlern, die aus ihrer unterschiedlichen gesellschaftlich-politischen aber auch persönlich-individuellen Biographie zu ganz persönlichen Statements in Form von Farbe auf Leinwand kommen.

Der Betrachter kann jenseits individueller Handschrift auf die Suche gehen nach Gemeinsamkeiten wie Unterschieden und dabei im Hinterkopf haben, was diese Malerei mit den Ereignissen vor 20 Jahren verbindet.
Dabei will die Ausstellung bewusst nicht die direkte Auseinandersetzung von Malern mit innerdeutscher Mauer und Grenze thematisieren. Es sind keine Mauerbilder zu sehen.

In den 80er Jahren ist gerade deutsche Malerei, die sich nicht mehr schämt, auf den deutschen Expressionismus bezug zu nehmen, weltweit ins Zentrum des Interesses gerückt. Nach Jahrzehnten der Dominanz abstrakter amerikanischer Kunst.
Malerei überhaupt, dazu auch noch klar figurative, die teilweise bewusst bricht mit über den großen Teich herübergebrachten vermeintlich verbindlichen Standards – das war aufregend und neu damals.

Und es ist schon interessant zu sehen, wie eine neue spezifisch deutsche Malerei in der Rückschau parallel geht mit einer politischen Entwicklung, die im für viele Undenkbaren endet: der Wiedervereinigung zu einem Nationalstaat.
Diese neue deutsche Malerei entwickelte sich übrigens im Westen wie im Osten parallel, auch wenn die Westkünstler medial mehr wahrgenommen und natürlich kapitalistisch besser vermarktet wurden. Die Aufbrüche im Osten sind erst nach der Wende im Rückblick langsam deutlich geworden.

Die Deutschen im Westen mussten sich gegenüber der Vorherrschaft des Abstrakten durchsetzen. Ihre Malerkollegen im Osten emanzipierten sich in persönlich und politisch heiklen Prozessen von den Vorgaben des sozialistischen Staates, der unter dem Schlagwort des „Sozialistischen Realismus“ am liebsten nur die Illustration vermeintlicher klassenkämpferischer Errungenschaften und die primitive Glorifizierung des neuen, sozialistischen Menschen sah.

Beides ist gelungen, am Ende steht deutsche Kunst, die auch nach 20 Jahren Bestand hat. Auch das lässt sich an dieser Ausstellung hoffentlich verifizieren.

Die Situation heute? Gute Kunst steht in ihrer Zeit und versucht Aussagen, die darüber hinaus gültig sein wollen. Das war vor 20 Jahren so und das soll auch heute sein. Die Kunstszene ist unübersichtlicher geworden, der Hype der großen Namen und der großen, spekulativ überteuerten Werke ist wohl vorbei. Nicht nur die Geldmärkte sind abgekühlt.

Heute ist alles zu haben auf dem Kunstmarkt: Malerei und Skulptur, Neue Medien, Installationen, Performances. Das war vor 20 Jahren anders, da kämpften die im Rückblick wichtigsten Künstler (wieder) vor allem mit Pinsel und Leinwand. Von Ihnen mussten sich nachfolgende Künstlergenerationen ebenfalls wieder emanzipieren.

Heute ist deutsche Kunst mehr als Figuration im Zeichen des Neoexpressionismus – aber eben auch. Die hier ausgestellten Maler, sofern sie noch leben, geben weiter international vielbeachtete und nicht nur pekuniär hochbewertete Statements ab.

Auch die selige Besoffenheit des November 1989 ist einer ernüchterten Erkenntnis gewichen: es muss noch lange zusammenwachsen, was solange nebeneinander wuchs. Aber immerhin, in den 20 Jahren seit dem Mauerfall ist auch einiges bereits zusammengewachsen.

4
Nun sind diese Werke in einem Kirchenraum gelandet. Noch dazu in einem, der nicht zum Museum umgewidmet ist, sondern weiter seiner ursprünglichen Absicht nach genutzt wird. Hier am Altar wird Brot und Wein ausgeteilt, dort hinten am Taufbecken Menschen mit Wasser auf den dreieinigen Gott getauft. Und das Predigtpult wird pünktlich zum Sonntag wieder hereingerollt.

Warum in einer Kirche?
Für Kunstmuseumsverwöhnte ist die Beleuchtung suboptimal, die kirchliche Ausstattung des Raumes, auch wenn sie so karg ist wie hier, immer noch störend.

Die Kunst hat sich schon lange emanzipiert von den Kirchen, die lange Jahrhunderte künstlerische Höchstleistungen in Auftrag gab. Das ist leider Vergangenheit, muss ich als Pfarrer angesichts vieler nichtssagender Ausstattung von Sakralräumen feststellen.

Für die Kunst war es ein Gewinn – sie wurde frei in Form und Sujet – auch wenn es heute andere Abhängigkeiten sicher gibt, und seien nur die „Kunstmarksgesetze“.

Die Johanneskirche ist ein Ort, wo Kunst und Kirche sich spannungsvoll begegnen sollen und können – und zwar auf Augenhöhe.

Ich fand es bei der Vorbereitung bemerkenswert, dass Dr. Martin Zimmer, der hier Leihgaben beigesteuert hat und dem ich dafür sehr danke, dass er und ich und alle, die hier mitgewirkt haben, uns einig waren: das ist eine Chance, solche Kunst in einem Sakralraum zu inszenieren. Vom Thema her sowieso – in Wendezeiten hat sich meine evangelische Kirche in der DDR in weiten Teilen vorbildlich verhalten, das macht mich stolz.
Aber es ist auch spannend zu beobachten, wie sich die Wahrnehmung hier verändert durch den Kontext Kirche.

5
Und so möchte ich schließen mit Dank: an alle, die diese Ausstellung möglich gemacht haben, neben dem bereits genannten Martin Zimmer nenne ich die Landeshauptstadt Saarbrücken mit den zahlreichen Mitarbeitern, die professionell und schnell gearbeitet haben, der „Art connexxion“, die beider Zusammenstellung vermittelte.

Ich wünsche mir in den nächsten Wochen viele Besucher, natürlich, die mit Gewinn für sich die Johanneskirche erleben. Vielleicht verirrt sich auch jemand sonntags in den Gottesdienst, wo der eine oder andere Pfarrer den Bogen schlagen wird von der großen Kunst zu seinem Gott.

Und schon am Montag werden hier von 20h bis 24h internationale Musikstudenten musizieren in der Nachtbar unterm Kreuz.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.



die Pflanzen, die wir heute hier in der Johanneskirche begrüßen dürfen
-- sie predigen eigentlich genug.

Vielleicht sollten wir schweigen und ihnen zuhören?

Was erzählt ihr Grün uns?

Die Blätter und Halme in ihrer Schönheit und Nützlichkeit loben den, der
sie erschaffen hat.

Wo lobe ich den, der mich erschaffen hat?

Was sagen uns die Wurzeln?

In welchem Boden wurzeln wir Menschen, was gibt mir festen Halt im Leben....

Ich schaue auf zarte Triebe und frische Knospen. Dieses ewige, stetige,
ruhige Wachsen. Das genügsame, langsame Umsetzen von Wasser, Licht.

Wo wachse ich, innerlich in meinem Leben? Wie nachhaltig gehe ich um mit
Zeit, Ressourcen, meinen Möglichkeiten?

Liebe Gemeinde,

es lohnt sich, ruhig und lange diese Pflanzen zu betrachten, zu
kontemplieren, zu vergleichen.

Sie predigen, in der Tat. Sie können uns viel sagen.

Es lohnt sich, unsere Beziehung zu den Pflanzen zu betrachten, darüber
nachzudenken, was sie für uns bedeuten.

Wir ernähren uns von ihnen, direkt als Gemüse, Salat, Körner --
indirekt, wenn wir Fleisch essen von Tieren, die von Pflanzen leben.

Pflanzen sind überlebenswichtig für unsre Erde. Wir wissen seit langen
von den grünen Lungen, der Bedeutung der Regenwälder für unser Klima,
wie wichtig genügend Bäume in unsrer Stadt sind, damit wir Luft bekommen.

Pflanzen regenerieren uns. Beim Spaziergang in den rauschenden Wäldern,
beim Wandern über Wiesen und Felder.

Liebe Gemeinde,

der Umgang von uns Menschen mit Pflanzen droht immer ins Ausbeuten, ins
bewusstlose Konsumieren, in technokratische Manipulation umzuschlagen.

Für mich ist die Gentechnik da ein Beispiel, wieweit die Verzweckung von
Pflanzen -- und Tieren -- durch den Menschen gehen kann.

Für einen ganzheitlicheren Umgang plädiert die Bibel in vielen Texten.

Schon ganz am Anfang -- das Paradies: ein Garten. In dem Gott des abends
lustwandelt, sich an ihm also erfreut ohne weitere Zwecke.

Der Mensch -- erschaffen, um diesen Garten mit und für Gott zu hüten. Zu
"bebauen" und zu "bewahren" heißt es in der Übersetzung Martin Luthers.

An anderer Stelle dann die in ihrer Wirkungsgeschichte verhängnisvolle
Aufforderung "Machet euch die Erde untertan" -- das klingt doch nach
Ausbeutung. Ja -- und nein: die Übersetzung des hebräischen Wortes ist
unglücklich, eigentlich ist eine bessere Übersetzung: kultivieren,
hegen, pflegen -- eben wie ein guter Gärtner mit den ihm anvertrauten
Lebewesen umgeht. Bebauen und Bewahren.

Und als der Garten Eden perdu war, weil Adam und Eva vom für sie ungute
Früchte aßen -- da blieb der Auftrag zu bebauen und zu bewahren auch
außerhalb der paradiesischen Landschaft. Nur kam nun ein weiterer Zweck
dazu: um sich zu ernähren vom Kraut des Feldes.

Liebe Gemeinde,

Sie haben ein Bild auf Ihrem Gottesdienstblatt, dass von einem sehr
bekannten Maler ist: Emil Nolde.

Eigentlich muss in Farbe sein, Grün und Braun, Rot und Gelb und auch ein
wenig Blau.

Braun wie Erde -- das Gesicht mit dem Bart.

Blau wie der Himmel -- das Gewand dessen, der so nachdenklich zärtlich
auf eine Blume blickt und sie berührt.

Diese Blume -- gelb wie die Sonne.

Grün -- die Blätter.

Das Bild heißt "Der große Gärtner" und ist ein bewegendes Bild von Gott.

Im Buch des Propheten Hesekiel spricht Gott selbst von sich als einem
Gärtner.

Und Emil Nolde macht aus ihm den "großen Gärtner".

Es gibt viele biblische Bilder von Gott. Er erscheint in der Feuersäule
oder im brennenden Dornbusch, er wird als Vater, Herr oder König
bezeichnet. Aber für mich ist das schönste anthropomorphe Bild, das
Menschen sich trotz Bilderverbot von Gott machen, die Vorstellung, dass
Gott ein Gärtner sei, der des Abends im Garten Eden lustwandelt und sich
an den Pflanzen dort erfreut.

Gott als Gärtner, der hegt und pflegt, der pflanzt und düngt, der aber
auch Unkraut vernichtet und zurückschneidet, was zu wuchern droht und
andere bedrängt: das drückt gut aus, was Christen ihrem Gott zutrauen.

Wenn ich das Bild mir betrachte, so vermute ich, dass Gott selbst
lauscht, was die Pflanze ihm sagt, kontempliert selbst über sein Geschöpf.

Das wünsche ich mir auch: dass Gott auch mich betrachtet, mir zuhört --
und mich sachte berührt.

Amen


 Valentinstag

 

Valentin, 15.2.2009, 11h, Johanneskirche, Jörg Metzinger

Ansprache Teil 1

Liebe Liebenden -- hoffe ich doch Liebende? -- ich hab uns mal was
mitgebracht.

Eine Doppelseite aus der Saarbrücker Zeitung von gestern, Samstag, den
14. Februar 2009, dem diesjährigen Vaelntinstag.

Erwachsene Menschen - ich geh mal davon aus, dass die Verfasser dieser
denkwürdigen Zeilen erwachsen sind -- also: erwachsene Menschen
schreiben und machen das auch noch öffentlich, bezahlen für den Abdruck
viel Geld, schreiben so denkwürdige Zeilen wie:

(Aus der Zeitung vorlesen)

Das ist sozusagen die Speerspitze der Valentinianer, einer Art Sekte,
die einmal im Jahr uns in einem Meer aus roten Herzen, roten Rosen,
plüschigen Sprüchen auf rosenroten Karten versinken lässt.
Selig versinken lässt natürlich.
Naja, ich muss gestehen: so richtig selig bin ich damit nicht.
Und einige, die gehört haben, das wir hier in der Johanneskirche heute
auch in diesem Meer der Liebenden selig versinken wollen -- die haben
auch ein wenig entsetzt geguckt: "Ihr auch?! Oh weh!"
Tja, passt das zur Kirche? Kitschige Liebesschwüre? Duftkerzen in
Herzform, weltliche Liebesgedichte, Küsschen -- in echt und aus Schokolade?
Und jener in Ehren ergraute Kollege, der jetzt vor meinem inneren Auge
erscheint, der wird wieder überlegen, ob er einen Leserbrief schreiben
soll, schmallippig, oberlehrerhaft. Über diesen blühenden Unsinn, der
hier in der Johanneskirche veranstaltet wird.
Wo doch Gottes Wort so dringend, rein und klar unter die Menschen zu
bringen ist.
Und sein Statement würde mit der rhetorischen Frage enden: "Was würde
Jesus dazu sagen?!"

Nun: wenn Jesus wirklich ein Mensch und Mann war, dann war ihm nichts
Menschliches fremd.
Wir Berufschristen beschränken das aber meistens auf den Gedanken, dass
er gestorben ist wie jeder andere Mensch. Und gelitten hat.
Aber der Gedanke sei erlaubt, dass Jesus -- wahrer Mensch -- auch
gelacht, gescherzt, geliebt hat.
Was ist schon schlimm an liebsdrunkenen Menschen, die sich mit
Puschl-Sprüchen und Liebesherzen -- zugegeben -- ein wenig lächerlich
machen?
Warum muss die Liebe immer bierernst rüberkommen -- gleich
lebenslänglich in die Ehe gegeossen werden, gar "bis dass der Tod!" Mit
dem Menetekel drohender Krisen, Streitreien und Scheidungen versehen.
Warum muss immer betont werden, dass die Liebe, von der Paulus (der
verklemmte zölibatär lebende Mann) und Jesus (holla, der sich mit vielen
Frauen ab- und umgab) was gaaaannz anderes ist, als das eine, an was wir
immer gleich denken und machen wollen?
Ich sage dazu: Nein. Der Gott, an den ich glaube, ist kein
lustfeindlicher, körperloser Asket -- wenn wir ihn schon
vermenschlichen. Er ist ein Schöpfer, ein Geniesser, ein sich freuender,
ein eifernder, ein eifersüchtiger -- kurz: ein Gott der Emotionen zeigt
quer durch die Bibel berichten Menschen von solchen Erfahrungen mit ihm.
Und wir sind -- sein Ebenbild.
Also, liebe Liebenden: immer weiter lieben, ruhig sich mal lächerlich
machen.
(Zeitung) Ich lese doch lieber so was, als von Mord und Totschlag, von
Krieg und Terror!
Und wie die Liebe dem Krieg ein Schnäppchen schlägt -- und was das mit
dem Valentinstag zu tun hat -- davon nach etwas Musik.

Ansprache 2

Liebe Liebenden,
also: Valentin. Das war mal ein Heiliger.
Nee, stopp.
Es gibt eigentlich drei Valentins.
Einer lebte als kleiner Mönch und Priester in Rom im dritten Jahrhundert.
Der zweite in Terni, ungefähr zuselben Zeit.
Der dritte beschäftigte sich in Rätien im 5. Jahrhundert mit der Mission
von Ungäubigen, predigte Busse und Umkehr. Begraben ist er in Passau,
der Stadt, in der es die CSU am Aschermittwoch immer krachen lässt.
Nun, den dritten Valentin können wir vergessen, genau wie einen vierten,
der war Bischof in Trier.
Bleiben die ersten beiden Valentins. Manche sagen: die beiden sind eine
Person.
Auf jeden Fall liegt hier die Wurzel des Valentintages.
Es ist schade, dass er heutzutage nur noch der Schutzheilige der
Blumenhändler ist.
Die machen mit seinem Namen ganz schön Kohle an jedem 14. Februar. Dabei
hat er die Blumen aus seinem Garten gar nicht verkauft sondern verschenkt.

Naja, so geht es anderen ja auch.
Er erscheint ja oft in Begleitung eines kleinen Engelchens, --der mit
Pfeil und Bogen -- Amor oder Cupidus genannt, der immer aussieht wie ein
mit zuviel Alete-Gläschen gefütterter 3jähriger. Dabei ist das
ursprünglich mal ein gestandener römischer Gott gewesen!
Aber das ist halt Marketing..

Valentins berühmteste Tat, die hat ihm dann auch später den Kopf gekostet.
Er hat junge Menschen verheiratet. Obwohl sie nicht durften. Weil die
jungen Männer Soldaten waren. Und der römische Kaiser Claudius hatte
verboten, dass seine Soldaten heiraten. Tja, wenn man sich nach der
Liebsten seht, der einzig-einen, dann geht das Töten eben nicht mehr so
schnell von der Hand. Da weiss man: wenn ich sterbe, dann fehle ich
jemandem.
Valentin hat also junge Menschen zusammengebracht. Er traute auch
Liebende, die standesgemäß nicht zusammenpassten, Sklaven zum Beispiel.
Und Paare, wo die Eltern gegen eine Verbindung waren.

Valentin hätte bei Romeo und Julia für ein Happy-End gesorgt!
Und Blumen hat er geschenkt. Aus seinem Garten.
Kaiser Claudius hat dagegen etwas unternommen. Er wollte ihn bekehren --
aber der Mönch Valentin versuchte seinerseits, den Soldatenkaiser
Claudius zu bekehren.
Das konnte nicht gut gehen.
Claudius ließ sich nicht überzeugen -- Valentin auch nicht.
Am Ende war unser Heiliger einen Kopf kürzer.
Am 14. Februar 269.
Manche meinen, dass der Mönch Valentin vor seinem Tod noch Bischof
wurde. In Terni nödlich von Rom.
Einige Legenden passen zu unserm Mönch. Er heilte ein blindes Mädchen
wird berichtet -- und als er wegen der Weigerung, ein heidnisches
Götzenbild anzubeten im Gefängnis gelandet war, schrieb er an dieses
Mädchen aus dem Gefägnis Briefe. Die ersten Valentinskarten -- denn, so
wird berichtet: er war in das Mädchen sehr verliebt. Der Bischof.
Soviel zum Thema Zölibat in den Anfangszeiten der Kirche...

Liebe Liebenden,

Liebe ist ein Zauberwort, immer. Der Urgrund, aus dem wir alle leben./
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt,
der bleibt in Gott und Gott in ihm.
/

// Die Liebe hält viel aus, Durststrecken, Enttäuschungen, Streit.
Die innere Verbundenheit, das Vertrauen ineinander, hält das Band
zueinander auch in den Zeiten, in denen es schwer wird.
Also, liebe Liebenden: immer einander gern haben!
Gibt viel Schlimmeres, als verliebt sein!

Amen.



Predigt: Bigger Than Life – oder Glaube, Liebe, Hitchcock
von Christian Bauer (25.01.2009)

Der Mensch ist ein Wesen, das der Erlösung bedarf. Das weiß nicht nur das Christentum. Diese Sehnsucht nach Erkösung kennen auch Autoren, Komponisten, die Kunst schlechthin.
Kein Wunder also, dass auch Drehbuchautoren und Filmemacher das Thema entdeckt haben. Zum Beispiel die Brüder Wachowski mit ihrer Matrix-Trilogie, in der ein Auserwählter die Menschheit retten soll und dessen Freundin auch noch Trinity heißt.

Die „Matrix“ bietet übrigens zahlreiche religiöse Referenzen, einen richtig schönen Patchworkteppich aus diversen Zutaten. Ein bißchen Buddhismus, ein Schuss Hinduismus. Es scheint fast so, als bemühten sich die Brüder Wachowski, eine neue Religion zu erschaffen, eine Mischreligion aus zahllosen Puzzleteilen.

Das Christentum liefert dazu den Rahmen: eine neu interpretierte Entstehungsgeschichte, die mit der Auferstehung des Auserwählten beginnt. Denkt man in neutestamentarischen Strukturen, dann liegt der Vergleich zu Jesus auf der Hand. Nur wusste dieser bereits mit 12 von seiner eigentlichen Bestimmung. Neo ist bis zu seinem Tod, den er aber dann auch außer Kraft setzt, nicht davon überzeugt, der Erlöser zu sein. Das ist übrigens nicht der einzige Unterschied zwischen Jesus und Neo.

Es ist müßig hier ins Detail zu gehen. Denn Filme wollen ja keine Religion stiften, auch wenn es einige durchaus geschafft haben KULT zu werden.

Aber Filme bedienen sich der Bilder aus dem religiösen Vorgarten. Denn diese Bilder erklären das Leben und antworten auf die Frage nach dem Sinn. Jesus selbst sprach hier ja oft in Bildern.

„Das ist so wie“ – ist die Formel, mit der komplexe Wahrheiten verständlich gemacht werden können. Mit denen Dinge verdeutlicht werden, die auf der sogenannten Metaebene vielleicht kaum auszusprechen, jedenfalls aber nur schwer zu verstehen sind.

Filme machen nichts anderes. Sie erzählen Geschichten, aber eben mehr als nur die auf der Leinwand sichtbaren. Filme sind Erklärungsversuche für die Wirklichkeit, sie sind oft der Versuch, Zukunft zu gewinnen. Sie haben moralischen Anspruch, wollen mindestens das Denken anstoßen oder aber gar die Welt verändern. Sie stellen die Frage nach „Gut und Böse“. Filme antworten auf das große Ganze und reagieren auf den Mikrokosmos des Einzelnen. Filme geben Antworten... und – für Insider – nicht immer ist das Ergebnis „zweiundvierzig“.

Kurz: Film macht das, was alle Kunst macht. Er tritt in einen Dialog mit der Wirklichkeit ein und sucht Antworten.

Zum Beispiel: Alfred Hitchcock! Der Meister des Suspense. Fast alle seine Thriller haben ein Muster: Ein Mörder treibt sein Unwesen, während der falsche Mann verdächtigt wird!

Was ist, wenn dem Unschuldigen die Todesstrafe droht. In Deutschland würde diese Konstruktion nicht funktionieren... deshalb sind wir in Sachen Suspense auch nicht erste Wahl – das nur nebenbei... also, was ist, wenn der Unschuldige am Ende büßen soll? Hitchcock nannte das einmal „moralische Angst, die Angst, mit dem Bösen in Berührung zu kommen“.

Hitchcock war übrigens katholisch erzogen worden – von Jesuiten. Und er erzählte packende Geschichten über den Tod und die Angst. Er ließ sein Publikum spüren, was das sein könnte: Schuld, Sühne und Erlösung.

Sicher wollte sich Hitchcock kein Missionar sein. Er machte Filme! Aber tatsächlich zielte er mit Filmen wie „Psycho“ oder „Die Vögel“ darauf, dem Publikum „heilsame moralische Schocks“ zu versetzen. Denn die Voraussetzungen seiner Geschichten war meistens, dass die Welt in Unordnung geraten ist. Das Böse hat eine Ursache. Und es ist menschengemacht.

Und wo bleibt jetzt das Befreiende? Denn sowohl Hitchcock als auch die Matrix zeigen eine Welt, die unerlöst ist, in der das Böse noch oben ist. Sie haben auch den Aufschein einer Hoffnung, dass Rettung möglich ist. Aber die erzählte Gegenwart ist eine andere.

Der Unterschied zwischen der Situation im Film und unserer Situation als Christen ist eine Nuance. Aber eine entscheidende.

Wir hier sollten wissen, dass wir erlöst sind. Zwar ist die Welt, wie sie ist. Aber die Zukunft ist schon gewonnen. Der Erlöser war da. Und selbst wenn in der Welt weiterhin Frieden und Gerechtigkeit Projekte für die Zukunft bleiben, so weiß der Christenmensch doch. Die Zukunft ist schon angebrochen.

Das ist sie im Film noch nicht. Sonst müsste der Film nicht mehr erzählt werden. Der Film ist einen Schritt vor der christlichen Gewissheit, dass am Ende Gott kommen und seine Schöpfung heilen wird.

Wenn der Film diese Gewissheit am Anfang hätte, warum sollte er die Geschichte noch erzählen?

Naja – eben weil wir noch in der Gegenwart leben und die Zukunft zwar angebrochen ist – wenn wir denn an dieser christlichen Erwartung festhalten wollen – aber sie eben noch nicht da ist. Übrigens: im Film nennt man eine solche Situation „in between“. Also zwischen zwei Möglichkeiten spielen, weil man noch nicht so richtig weiß... das war die klassische Situation von Ingrid Bergman in Casablanca, zwischen zwei Männern. Und sie musste damals „in between“ spielen, weil während des Drehs noch nicht klar war, für welchen Schluss, also für welchen Mann, sich die Regie am Ende entscheiden würde... Aber das nur am Rande. Beim Film geht es immer auch um Anekdoten. Da wird erzählt... und... naja...

Zurück zum „in between“ unserer Existenz! Auch Christen leben nicht nur in der Gewissheit, dass das Reich Gottes bereits angebrochen ist. Sie leben auch in der Gegenwart. In dieser ist unser Beitrag gefragt zur Interpretation der Wirklichkeit.

Dass Christen Filme machen ist gut. Das Christen Filme schauen ist gut. Und dass beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis die Kirche einen eigenen Preis hat, ist auch gut. Der Erlöser bei uns heißt nicht Neo. Aber wir zeigen: Wir setzen uns auseinander mit den Versuchen, Antworten zu finden. Antworten auf die Fragen des Lebens.

OK, Gott ist keine Schokoladenfachfrau. Und wenn wir uns auf den Highway knien, um zu beten, wird uns vermutlich ein Truck überfahren. Neo ist zwar Kult, aber nicht der Erlöser. Und alle Antworten im Film, mögen sie noch so durchdacht sein, sind nur vorläufig. Aber... es gibt immerhin Antworten.

Gebet

Wäre unser Leben ein Film
Wäre es eine Komödie?
Wäre es eine Tragödie?
Welche Musik würde dazu passen?
Eine aufgeregte?
Eine ruhige?
Rapp oder Bach?
Wäre unser Leben ein Film
Gäbe es auf jeden Fall ein Happy End?
Bliebe das Ende offen
Mit ganz vielen Fragen?
Wäre unser Leben ein Film
Wo ist der Höhepunkt?
Die Wende?
War die schon?
Oder kommt die noch?
Gott weiß es...


Apologie des glatzköpfigen Christkindes (Jörg Metzinger)

(nimmt den Heiligenschein ab)

Is das nicht albern? Dieser Heiligenschein geht mir so was von auf den Sack.
Ich wäre froh, ich hätte einen echten Sack zu tragen wie der Kollege Weihnachtsmann da.
Die goldene Langhaarperücke hat mir übrigens so ein missratener 6jähriger eben vom Kopf gezogen.
Naja, auch nicht schade. Schwitzt man nur drunter. So, den heiligen Schein nehm ich jetzt auch ab.
Ich mach das jetzt gut 400 Jahre, ich hab schon richtige Riefen am Knausen.
Ah, das tut gut.
Ich bin auf jeden Fall froh, dass der Rummel jetzt vorbei ist. Anfangs macht’s ja noch Spaß, aber spätestens in der dritten Woche ist dieses Christkind-Geseiche mit Löckchen und Flöckchen und Glöckchen echt ätzend. Ich krieg dann echt die Pöckchen!
Früher, ja früher, da zitterte man vor dem Christkind. „Das Christkind sieht alles“ sagten die Leute. Na schönen Dank, ich will gar nicht alles sehen. Da krieg ich ja noch schneller die Pöckchen.
Muss ich mal dem Schäuble erzählen, wie ätzend das ist, alles zu sehen, zu hören, zu wissen.
Nun, Ihr könntet euch fragen: was macht dieses Christkind überhaupt hier? Schließlich ist das doch katholisch: Engelshaar, Heiligenschein – glasklar: katholisch.
Tja, da liegt ihr echt daneben.
Ich bin eine Erfindung von – Martin Luther. Hättet ihr nicht gedacht, gelle? Dem war der da, der Kollege Weihnachtsmann – Vorname: Nikolaus – nämlich ein heiliger Dorn im Auge.
Hat er mal kurz „das Christkind“ zum Geschenkebringer erklärt, und zwar nicht am 6. Dezember, dem Tag dieses katholischen Bischofs, sondern am Geburtstag dieses Jesus, Nacht vom 24. auf den 25. Dezember.
Nun, blöd waren die Leute auch 1535 nicht. Ein Baby soll Geschenke bringen? Hahaha. Du würdest hohoho sagen, ich weiß.
Krippenspiele waren damals schon Mode, Engel spielten da immer schon mit – und schwupps: über die Zeit wurde aus dem Christkind Jesus ein christliches Kind, engelsgleich. Den Rest kennt ihr: Flügelchen, Wallelocken, Heiligenschein.
Nun, den Job find ich gar nicht so verwerflich. Schließlich hab ich ja noch was mit dem Geschehen in Bethlehem zu tun – himmlische Heerscharen und so, you know.
Der Kollege da ja eher weniger. Oder warst du dabei damals, Weihnachtsmann? Nee, also.
Früher kam ich ja auch nur in die Häuser, nicht in die Kaufhallen. Durfte mich auch keiner sehen, brauchte ich nur einen Lichtschein und ein Glöckchen, nix verschwitzte Langhaarperücke.
Richtig geheimnisvoll war das – die Geschenke brachte das Christkind, zurückschenken musste man nix.
Oder doch: brav sein, ehrlich, ein bisschen dem lieben Jesus nacheifern. Dann gab’s das Jahr drauf wieder Geschenke. Ist doch ein fairer Deal, oder? Für alle von Nutzen.
Wäre nicht schlecht, wenn sich die Herren Finanzjongleure in den letzten Jahren mal aufs Christkind besonnen hätten. Wäre für alle von Nutzen gewesen.
Weniger gierig sein,
mal kurz drüber nachgedacht, woher das kommt, wovon wir leben,
mal kurz drüber nachgedacht, dass die Erde endlich ist,
mal kurz dran gedacht, was man da mit diesen Luftnummern anrichtet,
vielleicht auch mal etwas weniger in den eigenen Sack gescheffelt, sondern an den Sack gedacht, der an die vielen vielen Kinder in dieser Welt ausgeteilt werden muss. Vom armen Kollegen Weihnachtsmann.
Naja, ich hab auf jeden Fall an diesem Weihnachten einige Herrschaften mal richtig heimgesucht. Nix Geschenke.
Ihr wisst ja – das Christkind sieht alles. Ich weiß, wer wo was versenkt hat….
Nix Geschenke, bisschen Innerlichkeit hab ich verordnet.
Mal sehen ob’s hilft…
(und ab)

Apologie des Weihnachtsmanns (Christian Bauer)

(Mütze wieder auf! Schluck Cola aus der Pulle…)


Ich hasse das Zeuch! Schmeckt irgendwie nach Phosphat und Zucker.
Soll ja beides auch zu den Hauptbestandteilen der Brühe aus Atlanta gehören. Was das mit Weihnachten zu tun hat? Nix! Aber dafür bin ich als Santa Claus ziemlich erfolgreich. Ein Werbegag zur Weihnachtszeit, der ein Eigenleben entwickelt hat. Und mal ehrlich. Wäre der Weihnachtsmann in Weihenstephan geboren worden und würde mit einem Weizenbiertruck assoziiert wären – niemand in Deutschland würde sich aufregen. Nicht mal die Kirchen – hat doch selbst Martin Luther dem Gerstensaft reichlich zugesprochen.
Ob an Weihnachten ist allerdings nicht überliefert. Aber Cola – ok – das ist wirklich wider den guten Geschmack. Passt aber von der Süße ganz gut zu Christstollen und so…
Also: was kann der Weihnachtsmann dazu, dass er so beliebt ist. Das er herhalten muss für Geschenke, für Freundlichkeiten unter Menschen, für gute Stimmung, für das richtige Gefühl? Nix kann ich dafür! Wenn’s mich nicht gäbe, müsste man mich erfinden. Und so ganz weit weg von Weihnachten ist das auch gar nicht. Und wenn jetzt einer meint, ich würde jetzt hier für die „wahre Botschaft“ sprechen und mich damit gleich selbst abschaffen, neeeeneeeeneeee oder besser hooohoooohoooohooooo…
OK. Der Weihnachtsmann, wie das Kollega Christkind, das ja geschlechtsneutral ist, hat nichts mit der Weihnachtsgeschichte zu tun. Einer meiner Geburtshelfer – Sie wissen, ich bin erfunden – ist der keltische Knecht Rupprecht, der die Sonne über den Himmel zu ziehen hatte. Blöder Job übrigens, aber von dem habe ich die warmen Klamotten geerbt und die Rentiere mit dem Schlitten. Vom Nikolaus erbte ich dann die Aufgabe, Geschenke zu bringen. Und so wurde ich zur Werbeikone. Ihr Kinderlein kaufet ist übrigens das Lieblingslied meiner Bosse. Oder: Süßer die Kassen nie klingen!
Aber Leute, macht es Euch nicht zu einfach! Der Weihnachtsmann ist mehr als nur ein Werbegag! Zumindest im kollektiven Bewusstsein! Genau wie bei Kollega Christkind, sind da Bilder im Herzen der Menschen angelegt, die aus tiefer Sehnsucht kommen. Sehnsucht nach Frieden, Sehnsucht nach Versöhnung, Sehnsucht nach Geschenken für alle! Denn der Weihnachtsmann – so die Idee – besucht alle! Arm und reich! Nur brav müssen sie gewesen sein. OK. Das ist halt der american way of live. Aber diese Idee jetzt mal gekreuzt mit der Rechtfertigungslehre. Mit der Idee, dass Gott allen eine Chance gibt, ohne Ansehen der Person, des Vermögens, der Leistung. Dass jeder, nur weil er ein Mensch ist, gewollt ist. Dass jeder, nur weil er einen Namen hat, von Gott gerufen ist. Die Idee ist ja nicht falsch, dass jeder seine Chance hat und notfalls auch eine zweite und eine dritte, solange man lebt. Nur was die Menschen daraus gemacht, darüber müssten wir reden. Als Gott in dieser Krippe Mensch wurde, und vielleicht ein paar Momente so aussah wie Kollega Christkind, als dieser Gott Mensch wurde, da war genau das gemeint, oder besser: jeder war gemeint. Sogar ich! Der Weihnachtsmann!
Und wenn jeder gemeint war – du – ich – alle – dann ist viel an Leben möglich. Dann ist das, was wir an Bildern unseren Kindern erzählen gar nicht falsch. Weder das Christkind noch der Weihnachtsmann sind dann fehl am Platz.
Denn auch der kommerzielle Teil der Weihnacht ist ja nicht nur schlecht – mag so mancher EKD-Ratsvorsitzende anders sehen – ok – aber wir in Atlanta sichern darüber Arbeitsplätze… Das hat was mit Solidarität zu tun.
Denn: Schenken ist nicht schlecht! Menschen zu zeigen, dass man sie gern hat, ist nicht schlecht! Das ist die Idee des Weihnachtsmannes! Dieses Verhältnis der Menschen untereinander ist – schauen wir mal auf die Wirklichkeit – auch immer noch nicht selbstverständlich.
Allein deshalb muss es mich geben!
Naja dann
Noch jemand ne Cola?
(Weihnachtsmann setzt Mütze wieder auf und sich hin!)


Gottesbilder

24. August 2008, Superintendent Christian Weyer
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und von dem Herrn Jesus Christus! Amen.
Liebe Schwestern und Brüder!
„Wie stellen Sie sich Gott vor? Welches Bild haben Sie von Gott?“ fragte ich im Bibelkreis. Eine Teilnehmerin schaute mich irritiert, ja fast entrüstet an. Fast 90 Jahre alt war sie, eine fromme Frau, in guter christlicher Tradition aufgewachsen. Sie kannte ihre Bibel und sie lebte von den vielen guten Worten, die gläubige Christen in der Heiligen Schrift finden. Irritiert schaute sie mich also an und sagte: „Aber man darf sich doch kein Bild von Gott machen. Das steht doch in der Bibel: Du sollst dir kein Bildnis machen ...“

Ja, diese gute Frau, die ich sehr geschätzt habe, sie kannte ihre Bibel. Das steht da wirklich. Und viele Generationen von Konfirmandinnen und Konfirmanden haben diese Worte auswendig gelernt, wenn sie die zehn Gebote gepaukt haben:

Das zweite Gebot: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist ab vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (2. Mose 20, 4-6)

Das längste und ausführlichste unter den zehn Geboten. Verbunden mit einer handfesten Drohung. Und dennoch hatte die alte Dame aus meinem Bibelkreis dieses Gebot gründlich missverstanden. Missverstanden, weil es in der Tradition der evangelischen Kirche eben so ausgelegt und von Generation zu Generation weiter getragen wurde. Nahe liegt dieses evangelische Missverständnis an der Auffassung des Judentums und des Islam, die beide eine bildliche Vorstellung oder Darstellung als Sünde betrachten. Wieder einmal müssen wir unterscheiden zwischen dem, was in der Bibel gemeint ist, und dem, was die Tradition daraus gemacht hat.

Schauen wir genau hin: Was ist mit dem zweiten Gebot des Dekalogs wirklich gemeint?
Dieses Gebot stammt aus einer Zeit, in der der Ein-Gott-Glaube Israels gegen den Viel-Gott-Glauben der Umwelt zu kämpfen hatte. Die Gottheiten der Völker, die das Gottesvolk damals umgaben, waren weitgehend Fruchtbarkeitsgottheiten. Gottheiten also, die Fruchtbarkeit bei Mensch und Tier, sowie gute Ernten garantierten oder verweigerten – je nachdem, wie die Menschen sie bedienten und verehrten. Opferte man ihnen viel und gut, dann war das ein gutes Vorzeichen für die Ernte und dann klappte es auch gut mit der Viehzucht. So glaubte man. Deshalb stellten diese Völker ihre Götter als Fruchtbarkeitssymbole dar: Sie verehrten heilige Bäume, Standbilder von Stieren oder auch weibliche Göttinnenfiguren. Diese beteten sie an. In diesen manifestierte sich die Gottesmacht. Das Bild wurde auf diese Weise mit Gott der Gottheit gleichgesetzt.

Der Gott des Volkes Israel setzt sich davon deutlich ab. Auch zu ihm wird für gute Ernten und das Gelingen der Viehzucht gebetet. Auch ihn bitten die Gläubigen um Familiensegen. Aber dieser Gott bindet sich vor allem an eine Sippe, die Sippe Abrahams, die später zum Volk Gottes wird.
Dieser Sippe verspricht er kontinuierliche Begleitung durch die Geschichte. Die Naturgottheiten der Umwelt Israels bewegten sich gewissermaßen im Kreislauf des Jahreszeitenwechsels. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bewegt sich auf der Zeitachse der Geschichte. Aus einer kreisförmig verlaufenden Religion wird eine zukunftsorientierte Religion. Das hinter dem Gott der Geschichte herwandernde Gottesvolk bricht gewissermaßen aus aus dem ewig sich nie verändernden Kreislauf der Jahreszeiten. Aus den beeinflussbaren Fruchtbarkeitsgötzen wird ein Gott der Geschichte. Und der Gott der Geschichte will unverfügbar sein und bleiben. Er wandert vor dem Gottesvolk her, aber sein Weg ist weder beeinflussbar, noch vorherbestimmbar.

Und dieser Gott sagt: Macht euch keine Götzenbilder, wie die Völker eurer Umwelt. Nehmt nichts aus der vorfindlichen Welt und legt mich darauf fest. Betet keine Götzenbilder an, sondern betet zu mir, dem unverfügbaren Gott, der von sich sagt: Ich bin, der ich bin.

Das zweite Gebot verbietet es also nicht, dass man sich eine Vorstellung von Gott macht oder Gott bildlich denkt. Das zweite Gebot warnt jedoch davor, Gott auf eine bildliche Vorstellung festzulegen.
Gott will sich nicht zum Götzen unserer Vorstellungen machen lassen. Er ist nicht das Stierbild, um das wir tanzen müssen, damit es regnet. Er ist auch nicht die Marmorstatue, vor der wir irgendwelche Opfergaben ablegen müssen, damit wir Glück im Leben haben. Solche Stufen der menschlichen Religiosität hat der Gott Israels, der Vater Jesu Christi überwunden.

Gott will aber auch nicht „Jenes höhere Wesen, das wir verehren“ sein – wie es einst Heinrich Böll in Dr. Murkes gesammeltes Schweigen formulierte. Das protestantische Missverständnis des zweiten Gebots hat dazu geführt, dass Gott konturenlos, ja geradezu gesichtslos wurde – zumindest in evangelischer Tradition. Und so kommt es auch, dass in vielen evangelischen Köpfen Gott reichlich unkonkret geworden ist: Gott ist so etwas wie ein ewiges Prinzip, der auf die Erschaffung der Welt reduziert wird und ansonsten eher theoretisch vorkommt, nie aber lebenspraktisch. Und das ist nun auch wieder falsch. Aus den frühreligiösen Götzenanbetern sind in der Postmoderne Gottestheoretiker geworden, die nur noch ganz abstrakt von Gott denken können und ihm keinen Zugang mehr in den Alltag gestatten.

Das hat sich Gott aber ganz anders vorgestellt. In der Bibel des Alten und neuen Testaments finden wir ganz viele Bilder von Gott. Gott wird als der Herr der Heerscharen bezeichnet; Gott wird als ein Hirte gezeichnet, der sich liebevoll um seine Schafe kümmert; mit einem Adler wird Gott verglichen; und sogar mit einer Mutter, die sich um ihre Kinder sorgt; als feste Burg beschreibt der 46. Psalm Gott; Psalm 103 vergleicht Gott mit einem barmherzigen Vater und Jesus nimmt dieses Bild im Gleichnis vom verlorenen Sohn auf; ja, in den Gleichnissen malt Jesus Gott immer wieder plastisch und farbig aus: Von Gott wird dort z.B. als von einem König gesprochen, oder Gott wird mit einem Sämann verglichen.
Es ließen sich viele weitere Beispiele anführen, um deutlich zu machen, dass die Bibel keineswegs bildliche Vorstellungen von Gott verweigert. Die Bibel ist voller Gottesbilder.
Aber gerade diese Vielfalt macht wiederum auf das Anliegen des zweiten Gebots aufmerksam: Es gibt eine Vielzahl von möglichen Gottesvorstellungen und es ist keine nur und allein richtig. Gott lässt sich nicht auf ein Bild festlegen, weil Gott nicht mit einer Vorstellung zu begreifen ist. Gott ist immer höher und mehr, als wir uns vorstellen können.

Das heißt aber nun wiederum auch nicht, dass es keine konkreten Anhaltspunkte gibt, wer und wie Gott ist. Wir dürfen Gott nicht auf ein Bild festlegen, das in unseren Köpfen ist oder das in irgendeiner Kirche hängt. Wie Gott aussieht, das weiß niemand. Selbst Mose durfte Gott nicht ins Gesicht schauen. Aber wer und wie Gott ist, das wissen wir sehr wohl. Die Bibel des Alten Testaments gibt uns dazu Anhaltspunkte. Jesus Christus aber hat es dann ganz genau auf den Punkt gebracht. Jesus Christus sagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ (Joh 14,8)
Wenn wir also wissen wollen, wer und wie Gott ist, dann können und dürfen wir uns an Jesus Christus orientieren. Jesus Christus hat uns eine klare Selbstvorstellung Gottes mitgebracht: Gott ist barmherzig und gütig, er sucht das Verlorene; aber Gott ist auch der Richter über die, die ihn verachten, die seine Güte verdrehen in Gesetzlichkeit und Unmenschlichkeit; Gott vergibt Schuld; Gott besiegt den Tod. So ist Gott. Wenn wir uns ein Bild von Gott machen, dann so.

Deshalb ist es auch richtig und sinnvoll, dass in christlichen Kirchen das Kreuz hängt – mit oder ohne Korpus. Das Kreuz sagt uns: Wenn wir uns schon ein Bild von Gott machen wollen, dann dieses. Wenn wir wissen wollen, wie und wer Gott ist, dann müssen wir uns an Jesus Christus – dem Gekreuzigten und Auferstandenen – orientieren. Nicht an einem bestimmten Künstler, der den Gekreuzigten so und nicht anders dargestellt hat, sondern an der Heilstatsache des Kreuzes. Und nicht das Bild des Kreuzes beten wir an, sondern das Geschehen von Kreuz und Auferstehung, von dem es viele Darstellungen gibt, die alle aber nur Teilaspekte zeigen.
Bilder gibt es von Gott. Sie sind in der Bibel. Sie füllen die Kunstgeschichte. Und wir haben sie auch in unseren Köpfen. Die Bibel verbietet das alles nicht. Bilder helfen uns, den Glauben anschaulich und alltagstauglich zu machen. Das zweite Gebot warnt aber davor, diese Bilder zu verabsolutieren, dass wir Gott darauf festlegen. Nur ein Ab-Bild von Gott führt uns nicht von Gott weg, sondern zu Gott hin: Jesus Christus.
Amen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Superintendent Christian Weyer


*Predigt "Projektionen" am 31.8.2008 in der Johanneskirche* von Jörg Metzinger

Am Anfang der Bibel steht diese uralte Geschichte von der Erschaffung
der Welt, der Tiere und Pflanzen, des Menschen.
Von dem heißt es dort, Gott schuf ihn nach seinem Bilde, also Gott nahm
sich selbst zum Vorbild, als er den Menschen bildete.

Wer die Geschichte der Religionen studiert, wie sie entstanden sind, wie
sie sich ausbreiten und dabei verändern, wie sie abgelöst und Teile
ihrer Ideen hinein genommen werden in eine andere, neue Religion -- der
dreht das biblische Wort schon mal um und sagt:

Der Mensch schafft Gott nach seinem Bilde.

Und dann ist der nächste Schritt nicht weit: Gott ist "nur" eine
Projektion des Menschen. Ein Konstrukt, eine Phantasie. Kindisch zudem,
für einen wirklich erwachsenen Menschen überflüssig.

Liebe Gemeinde, wir projizieren auch Bilder, die Kinder gemalt haben,
auf diese große runde Scheibe hinter mir. Naive Bilder, und doch voller
Überraschungen und Poesie. Kinder greifen ganz unbefangen in ihren
Erfahrungsschatz, wenn sie Gott malen. Kleiden ihn in Mäntel, geben ihm
Accessoires aus ihrer Alltagswelt mit.

Irgendwann werden diese Bilder zertrümmert. Mit dem Älterwerden, dem
Erwachsenwerden. Durch Erfahrungen der eigenen Stärke aber auch durch
Bekanntschaft mit der dunklen Seite des Lebens. Irgendwann ist dann eine
Leerstelle da, dort, wo einst ein tröstliches, kindliches Bild von Gott war.

Für viele Menschen ist dort ein Bruch, nach dem nichts mehr kommt.
Andere ringen nach Worten, um weiter auszudrücken, was sie zu empfinden
glauben. Stammeln vom Urgrund, dem Urvertrauen, dem Wirken in der
Geschichte. Darunter sind auch professionelle Stammler, liebe Gemeinde.
Die dies zu ihrem Beruf machen. Poeten, Maler, Filmemacher -- eine
bestimmte Sorte Künstler. Zu den professionellen Stammlern gehören wir
hier im schwarzen Talar auch, wir Pfarrerinnen und Pfarrer.

Manche suchen systematisch die Welt der Projektionen ab, bauen sich aus
verschiedenen Stücken ihre Weltsicht, ihre Religion, ihr Bild von Gott.

Nicht wenige versuchen, den Bruch mit dem Kinderglauben zu verhindern.
Halten fest am gütigen Mann im Rauschebart, träumen weiter vom Paradies
mit gebratenen Tauben und einem Wiedersehen mit den lieben Gestorbenen.
Das kann rührend sein, das kann aber auch gefährlich unduldsam werden,
wenn alle, die diesen naiven Bildern nicht folgen wollen, als
persönliche Bedrohung empfunden und schließlich sogar bekämpft werden.
Fundamentalismus.

Liebe Gemeinde, als professioneller Stammler, kurz: Pfarrer, muss ich
mich in dieser Gemengelage bewegen. Darf gestalten, aufgreifen, anregen,
vermitteln, was Menschen noch glauben wollen, soll helfen, dass sie ihre
Projektionen entwerfen. Kann dabei Modelle anbieten aus der christlichen
Tradition darf auch einen Blick auf die anderen Stammler werfen, um
Anknüpfpunkte zu finden.

Mehr -- so glaube ich -- haben wir nicht.

Auch dieses Buch da, die Bibel -- Projektionen. Faszinierende,
bewegende, auch ärgerliche, verstörende und sperrige. Ich finde es
faszinierend und tröstlich, wie frei uns unsere christliche Tradition
machen kann im Umgang mit Gottesbildern. Wir dürfen sie gebären, wir
dürfen sie zerstören, wir dürfen sie bewerten, wir dürfen sie
nebeneinander stellen. Wir dürfen sogar über sie lachen und scherzen.
Wir dürfen sogar wieder naiv werden, obwohl wir keine Kinder mehr sind.
Bewusst naiv. Warum? In der Sprache der Bibel gesprochen: Weil Gott uns
nach seinem Abbild geschaffen hat -- und er sich selbst uns nach unsrem
Abbild gezeigt hat. Im Menschensohn Jesus.

Alles was du suchst -- da ist es. Entdeck es in dir, entdeck es im
andern, entdeck IHN, Jesus, wo du kannst, entdeck Gott, wo du kannst. Du
suchst Gott? Dann blick dem Menschen ins Gesicht!

Der Rest ist Demut und Schweigen.

Ich lese aus dem ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth 1.
Korinther, Kapitel 13:

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist
Stückwerk.

10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein
Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab,
was kindlich war.

12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von
Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde
ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Amen




Jörg Metzinger, Über den Beginn menschlichen Lebens

Ich wurde nicht gefragt
bei meiner zeugung
und die mich zeugten
wurden auch nicht gefragt
bei ihrer zeugung
niemand wurde gefragt
ausser dem EINEN

und der sagte
ja

Ich wurde nicht gefragt
bei meiner geburt
und die mich gebar
wurde auch nicht gefragt
bei ihrer geburt
niemand wurde gefragt
ausser dem EINEN

und der sagte
ja

/Kurt Marti/

Liebe Gemeinde,

wann beginnt menschliches Leben?

Was heißt das, heutzutage?

Das heißt heute: Forschung an Embyronen. Stammzellentherapie. Gentherapie. Künstliche Befruchtung.

Fruchtwasseruntersuchung. Abtreibung. Fristenregelung. "Mein Bauch gehört mir!" Verhütung.

Wann beginnt menschliches Leben?

Da schwingt mit: Wann hört menschliches Leben auf?

Und: was heißt das dann?

Das heißt heute: Freitod. Euthanasie. Lebensunwertes Leben. Humanes Sterben. Hirntod. Organspende.

Ein schwieriges, vermintes Terrain. Hart diskutierte Themen, schon immer.

Schon immer? Menschliche Forschung hat das Thema vorangetrieben. Treibt auch uns Christen vor sich her, die wir
ethische Entscheidungen wollen, die alle Aspekte umfassen -- nicht nur einfach das medizinisch-technisch Machbare.

Das Thema kann niemand erschöpfend in einer Predigt darstellen. Nicht in 10, nicht in 20, nicht in 30 Minuten. Und vor
allem: nicht allein. Da gehören eigentlich Erfahrungen von Betroffenen gehört. Frauen, die abgetrieben haben.
Angehörige, die zusammen mit Ärzten die Maschinen der alten Mutter im Koma abgestellt haben.

Ich möchte mich nur zum Thema Beginn des Lebens äußern. Dazu eigene Erfahrungen, ein Blick in die Bibel, ein paar
Schlussfolgerungen -- nur Anmerkungen, die zum Nachdenken anregen wollen, ohne erschöpfend sein zu wollen, zu
können.

Ich will zuerst von mir sprechen. Ich denke, das gehört sich so bei diesem Thema.

· Ich bin ein Mann. Ich habe nie ein Kind in meinem Bauch gehabt. Das relativiert alles, was ich sage -- so sehe ich das.
Männer haben Gesetze verfasst, die Frauen vorschreiben, wie sie Kinder zu bekommen haben, wann abgetrieben werden
darf. M änner haben Frauen bestraft, wenn sie sich anders verhalten haben. Ich habe früh für mich entschieden, dass der
Satz "Mein Bauch gehört mir!" viel Wahres enthält. Aber auch eine Gefahr: dass ich als Mann mich auch damit gut der
Verantwortung entziehen kann...

·Auf der Messe "Welt der Familie" war ein Stand von scharfen Abtreibungsgegnern. Sie verteilten Info-Material mit
abgetriebenen Föten. Es waren Männer. Ich habe mich schrecklich aufgeregt über die platte Argumentation. Noch im Auto
geschimpft auf dem Parkplatz beim Wegfahren. Und dann bin ich an einen Baum geschrammt, die ganze Tür war
eingedellt.

· Ich erinnere mich an die Zeit, als ich im Studium war. Wir waren jung und liebten uns. Einmal dachten wir, es könnte
passiert sein. Nach dem ersten Schreck war klar: keine Abtreibung, das kommt nicht in Frage. Und wenn ich mein
Studium aufgeben müsste. Sie war dann nicht schwanger.

· Ich bin Vater. Ich habe einen Sohn. Er ist für mich zurzeit das Wichtigste auf der Welt. Das macht mich befangen. Wann
begann sein Leben - für mich? Nicht als er im Bauch seiner Mutter war. Es begann, als ich ihn gesehen habe,
ihn anfassen konnte.

Was sagt unser heiliges Buch, die Bibel? Ich habe recherchiert und will einiges, was ich vorher nicht wusste, Ihnen
darstellen:

Zum Thema Abtreibung sagt die Bibel -- nichts. Weder im Alten noch im Neuen Testament. Im Alten Testament sind viele
Vergehen einzeln genannt und es wird im Detail vorgeschrieben, wie sie zu ahnden sind. Von Abtreibung hingegen kein Wort..

Das ist erstaunlich, war doch Abtreibung in der Entstehungs-Zeit der Bibel bekannt und in den Gesetzbüchern von Nachbar-Völkern der Hebräer, zum Beispiel der Assyrer und Sumerer, erwähnt wird. Der Theologe Dr. John Swomley führt
dies darauf zurück, dass Frauen bei den Hebräern mehr galten als bei ihren Nachbarn.

Abgesehen davon, dass Abtreibung in der Bibel nirgends erwähnt ist, gibt es auch keine Hinweise, dass vorgeburtliches Leben einem Menschen gleichzustellen wäre, Abtreibungen also unter das Tötungsverbot fallen würde. Eher ist das Gegenteil der Fall.

Voraussetzung für das Menschsein ist in der Bibel die Atmung bzw. das Vorhandensein von Geist oder Seele:
"Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase.
Und also ward der Mensch eine lebendige Seele" (Gen. 2:7).

Dass die Bibel ungeborenes Leben nicht gleichsetzt mit dem Menschen, geht auch aus der einzigen Bibelstelle hervor,
die im Zusammenhang mit Abtreibung genannt werden kann. Allerdings geht es hier um eine fahrlässig provozierte
Fehlgeburt: "Wenn zwei Männer raufen und sie verletzen dabei ein schwangeres Weib, sodass eine Fehlgeburt eintritt,
aber kein weiterer Schaden entsteht, so soll es mit Geld gebüßt werden; was der Ehemann dem Täter auferlegt, das soll
dieser geben für die Fehlgeburt. Entsteht aber ein weiterer Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge,
Zahn um Zahn" (2. Mos. 21:22-25). Der Verlust des Fötus wird dem Ehemann bloß als materieller Schaden vergütet.
Der Tod der schwangeren Frau hingegen wird mit der Todesstrafe geahndet.

In verschiedenen Bibelstellen kommt zum Ausdruck, dass es besser sein kann, nicht geboren zu werden, als ein
freudloses Leben in Trübsal, Leid und Unterdrückung zu leben (Pred. 6:3-5): "Wenn einer hundert Kinder zeugte und viele
Jahre lebte, bis ins hohe Alter, aber er könnte sein Glück nicht genießen - ich müsste sagen: Glücklicher ist die
Fehlgeburt Denn sie kommt in Nichtigkeit, [...] sie weiß von nichts [...]."

Wollte man solche Bibelstellen in die heutige Zeit übertragen - es ließ sich damit wohl eine psycho-soziale Indikation zum
Schwangerschaftsabbruch begründen ...

Ich breche ab. Ich könnte jetzt auf die andere Seite wechseln, andere Bibelstellen zusammenstellen: das Gebot, nicht zu
töten, den Gott, der mich im Mutterleib schon kannte.

Hilft mir das wirklich bei der Frage, wann menschliches Leben beginnt?
Und wenn -- hilft es bei der Frage, die mit schwingt: wann darf ich mich an seiner Beendigung beteiligen?

Die Bibel ist ein heiliges Buch, sicher. Aber sie ist nicht ein Steinbruch eherner Wahrheiten. Sie ist enstanden über
Jahrtausende, sie ist von Menschen geschrieben, die gerungen haben um ein Gott wohlgefälliges Leben.

So mag die Geringschätzung ungeborenen Lebens auch damit zu tun haben, dass Fehlgeburten, Totgeburten viel mehr
zur Realität gehörten als heute -- wo der Beginn menschlichen Lebens machbar, der Geburtstermin planbar und fast alle
Komplikationen und Gefahren weitgehend beherrschbar geworden sind.

Für mich ist immer wichtig, hinter den Worten der Bibel das zu suchen, was "Christum treibet" wie Luther sagte.

Also das Prinzip, das mir hilft, mich in einer sich verändernden Welt zu entscheiden. Das, was Jesus wollte. Das, was
dieser Gott, den er seinen Vater nennt, von uns will -- und woran sich über Jahrtausende Menschen abgearbeitet haben.
Zu lesen in der Bibel -- und deshalb ein heiliges Buch.

Ich habe deshalb eben die Geschichte von der Frau, die Ehebruch begangen hat, vorgelesen.

/Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie./

/Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde./

/Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau,
die in der Mitte stand./

/ Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?/

/Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht
mehr./

Erstens: Jesus verdammt niemanden. Warum? Weil niemand unfehlbar ist.
Menschen laden Schuld auf sich. Das gehört zu ihrem menschlichen Leben dazu.

Ob ich ein Kind abtreibe -- oder es auf die Welt bringe und dann verwahrlosen lasse an Leib und Seele.

Schuld.

Ob ich die Fristenregelung befürworte -- oder das ungeborene Leben höher setze als alles andere und damit die Mutter
schädige an Leib und Seele.

Schuld.

Jesus verdammt niemanden. Und wie er -- so sein Vater. Unser Gott.

Und dann fordert Jesus von der Frau, in Zukunft nicht mehr zu sündigen.

Warum? Weil Menschen lernen können. Weil Menschen zu jeder Zeit sich ändern können. Das gehört zu unserem
Menschsein dazu. Das ist der Geist, der Lebensodem Gottes, den wir haben. Den jeder Mensch hat.

Wenn ich ein Kind abgetrieben habe -- oder mich in seinem Leben an ihm versündigt habe.

Es besteht immer die Möglichkeit, es anders zu machen.

Eltern abgetriebener Kinder spüren Schuld -- und ziehen ihre Schlüsse. Nicht mehr abzutreiben. Oder nicht noch einmal
in diese fürchterliche Situation zu kommen, abzuwägen, wo größere Schuld liegt.

Und sie spüren hoffentlich in sich und durch andere: auch mit einer Abtreibung bleiben wir selbst weiter Gottes geliebte
Kinder. Auch wenn manche fanatisierte Lebensschützer Steine werfen.

Wenn ich ein Kind in die Welt gesetzt habe und mich an ihm versündige, es schädige an Leib und Seele, - was das
heißen kann sehen wir fast täglich im Fernsehen und manchmal auch live in unserer eigenen Nachbarschaft - , dann
heißt das: auch da gibt es keine Zwangsläufigkeit. Auch da gibt es Umkehr. Jedes verwahrloste Kind, jeder Fall Pascal ist
Anlass zu überdenken, wie unsere Gemeinschaft den Müttern, Vätern, Eltern der Pascals, die zwischen uns leben, helfen
können, dass sie "hinfort nicht mehr sündigen".

Liebe Gemeinde, wann beginnt menschliches Leben?

Für uns Menschen, wenn wir es an uns heranlassen, es begreifen, sehen, lieben.

Für Gott schon vor der Zeugung. Gott sagt zum Propheten Jeremia: "Noch ehe ich dich bildete im Mutterleib, habe ich dich
erwählt".

Matthäus 20, 1-16: Von den Arbeitern im Weinberg

Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

(2)Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

(3)Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen

(4)und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

(5)Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

(6)Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

(7)Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

(8)Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn
und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

(9)Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

(10)Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.

(11)Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

(12)und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze
getragen haben.

(13)Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen
Silbergroschen?

(14)Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.

(15)Oder (a) habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

(16)So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.


Predigt vom 10.02. 2008 von Pfarrer Herwig Hoffmann

48 Millionen Euro haben die Vereine der Fußball- Bundesliga in der Winterpause investiert. Um sich zu verstärken, haben
sie neue Spieler eingekauft. Man braucht schließlich gutes Spielermaterial.
So über die sog.' Wechselbörse' im Fußballgeschäft zu sprechen, ist üblich- nicht nur bei Fußballmanagern, Trainer und Journalisten,
auch bei der riesigen Schar der Fans. Hört sich an wie auf dem modernen Sklavenmarkt. Ob da noch jemand merkt, wie zynisch
diese Sprache ist?

Wie auch immer: Für ihre Vereine sind die Profikicker so etwas wie humanes Kapital oder wie Ware, die eingekauft und wieder verkauft wird.

Nun kann man einwenden: diese Spieler leben und verdienen auf ziemlich hohem Niveau. ...
Da kann es einem egal sein, wie man sie betrachtet.

Aber Sprache ist verräterisch- Ich frage mich: welches Bild vom Menschen verbirgt sich dahinter?

Das Wort "humanes Kapital" ist immerhin Unwort des Jahres 2005 gewesen. Es steht dafür, dass auch in anderen ,normalen' Bereichen
der Arbeitswelt mehr und mehr eine Sprache Einzug hält, die den Menschen auf seinen wirtschaftlichen Nutzen reduziert.
So ein Wort degradiert den Menschen zu einer nur noch ökonomisch wahrnehmbaren Größe.

So sprach einst der Präsident des Verwaltungsrates im Nestle- Konzern Helmut Mauder von ,Wohlstandsmüll' (1997).
Er meinte damit Menschen, die aufgrund mangelnder Schulbildung, ihres hohen Alters oder wegen einer Krankheit usw. auf dem Arbeitsmarkt kaum noch oder gar nicht mehr zu vermitteln sind. Müll!

Längst haben wir uns ja daran gewöhnt, dass Aktienkurse steigen und damit die Gewinne der Aktionäre, wenn Mitarbeiter entlassen werden.

Aber es kommt wohl noch schlimmer: Es gibt jetzt schon Firmen, da müssen Bewerber einen sog. "Integritätstest" machen.
Dieser soll dem Personalchef zeigen, welche Charaktereigenschaften der Bewerber hat und wie integer der ist.
Durch "Motivationssysteme" soll gar der Wert eines Mitarbeiters ermittelt werden. Dieser Wert steigt und fällt wie eine Aktie.
Spielermaterial -- humanes Kapital -- Wohlstandmüll -

Der Mensch, dessen Wert steigt und fällt wie eine Aktie an der Börse.

Welches Bild vom Menschen wird also hier gezeichnet? Oder mit dem Titel der Predigtreihe formuliert:
"Wann ist ein Mensch ein Mensch?"
In der Logik solcher Sprach- und Denksysteme: Wenn er einen hohen Wert auf dem Arbeitsmarkt besitzt, wenn er über Geld verfügt,
um Waren zu kaufen- wenn er selbst als Ware interessant ist, die man gemäß dem Schema von Angebot und Nachfrage kaufen oder abstoßen kann; dessen Kauflust man durch gezielte Stimulation in der Werbung dazu reizen kann, möglichst viel zu konsumieren.

Menschen werden mithin auf einzelne Aspekte des Lebens beschränkt -- und letztlich dreht sich alles ums Geld und ums Geldverdienen. Geld regiert die Welt.
In einer solchen Welt überlebt man letztlich nur, wenn man viel haben will und viel bekommt.

Wo bleibt da der Gegenentwurf? Die andere Vorstellung vom Menschen und seinem Leben? Oder sind wir schon so in dieses Weltbild verstrickt, dass wir da gar nicht mehr herauskommen?

Ich habe ja nach einem Gegenentwurf zu dem eben skizzierten Bild vom Menschen gefragt. Wo und wie finden wir es?
Ich glaube, dazu braucht man so etwas wie eine Vision, und in der Tat bin ich der Meinung:
das eben gehörte Gleichnis Jesu von den Arbeitern im Weinberg enthält so eine Vision. Dass es ein Gegenentwurf ist, merkt man ja sofort:

Alle Arbeiter erhalten am Abend den gleichen Lohn: ob sie zwölf, acht, vier oder nur eine Stunde gearbeitet haben.
Nun können wir einwenden: "Das ist doch auch nicht gerecht: wie kann jemand, der nur eine Stunde arbeitet, genau so viel bekommen wie jemand, der den ganzen Tag hart schuftet?"

Unser Blick ändert sich wahrscheinlich, wenn wir uns vor Augen halten:
es geht in dieser Geschichte um sog. Tagelöhner: Der Lohn, den diese Menschen an einem Tag verdienten, reichte aus, um den Lebensunterhalt für einen Tag zu bestreiten. Wer also weniger Lohn bekam, dessen Lebensunterhalt war gefährdet. (TL lebten ohnehin von der Hand in den Mund).

Jeder bekommt am Abend den gleichen Lohn. Das bedeutet: der Weinbergbesitzer sorgt dafür, dass jeder leben kann von dem, was er
verdient. Das ist schon sehr viel, wenn man bedenkt, wie sehr die soziale Schere bei uns auseinandergeht und zunehmend mehr Menschen auch hier bei uns in die Armutszone abrutschen (Familien....).

In diesem Gleichnis wird der Mensch nicht nur nach seinem ökonomischen Wert bemessen, und niemand fällt als ,Wohlstandsmüll' unter den Tisch.

Vielmehr kommen Menschen hier in ihrer Not und Bedürftigkeit in den Blick. Damit werden sie zugleich in ihrer Würde geachtet. Der
Weinbergbesitzer bringt doch durch seine ungewöhnliche Entscheidung zum Ausdruck: jeder Mensch hat ein Recht darauf zu leben, weil jedes menschliche Leben an und für sich wertvoll ist- zumindest mit den Augen Gottes betrachtet.
Nach dieser Vision muss es dann auch möglich sein, ein Leben in Würde zu führen.

Dann geht es aber nicht, Menschen wie Ware zu behandeln, Menschen auf dem Arbeitsmarkt zu diskriminieren, weil sie jenseits der vierzig oder fünfzig sind. Und auch in der Medizin dürfen Zustände Einzug halten, in denen Patienten nur als Kostenfaktoren oder als lukrative
Einkommensquellen betrachtet werden.

Reformen in Staat und Gesellschaft sind nach wie vor notwendig, und die können auch weh tun.
Ich möchte hier nicht Strömungen egal welcher Herkunft unterstützen, die Leute in der Illusion wiegen, es könne alles beim Alten bleiben.

Aber in die notwendigen Debatten um Reformen und Veränderungen dürfen wir das christliche Bild vom Menschen einbringen:
Er darf nicht zur Ware degradiert werden, denn er ist -- mit den gütigen Augen Gottes betrachtet- gewollt, angenommen und geliebt und verdient es, entsprechend behandelt zu werden. Folglich sollten wir auch mit uns selbst entsprechend umgehen. Wir haben es nämlich nicht nötig, uns in ein Weltbild pressen zu lassen, welches uns mehr oder weniger nach unserer wirtschaftlichen Potenz misst. Wir selbst sind Gottes geliebte Töchter und Söhne und somit mit einer Würde begabt, die wir auch selbstbewusst leben dürfen.
Amen.


Seele Mensch, Christian Bauer - Über die göttliche Seite des Menschen

Psalm 42

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist. Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, / darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar. Deine Fluten rauschen daher, / und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens. Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, / wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott? Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Gen 2

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch eine lebendige Seele.

Predigt
Die Seele ist so etwas wie eine Banane. Wenn sie aufgegessen ist - ist sie weg! Klingt albern? Ok! Ist aber deshalb noch lange keine unangemessene Behauptung. Jedenfalls dann nicht, wenn man betrachtet, was über die Seele in den letzten Jahren und Jahrhunderten so geschrieben und gedacht worden ist. Also ich finde - mit Banane bin ich da noch richtig nett zur Seele.

Eine These der modernen Philosophie besagt zum Beispiel, dass das Wesen der Seele einem Computerprogramm gleiche. Schaltet man den Computer aus so bleibt auch das Programm nicht erhalten. Oder ins Leben übertragen: stirbt der Mensch den körperlichen Tod, dann erlischt auch die Existenz der Seele. Diese Vorstellung ist mit der modernen naturwissenschaftlichen Sichtweise vereinbar. Sie ist sehr anschaulich. Macht man die Maschine aus, ist es eben aus. Mensch aus! Seele aus! Ende! Ein Maschinenparadigma. Der Mensch als zugegeben leidlich intelligente biologische Fressmaschine, die aufgrund von Verschleiß irgendwann den Geist aufgibt. Tschüss Seele.

Immerhin - auch die materialistische Theorie und die Neurophysiologie haben sich früher mal mit der Existenz der Seele befasst. Sie haben sie nicht negiert und nicht reduziert, zum Beispiel auf das Bewusstsein. Ich denke also bin ich. Ich fühle also Mensch. Heute ist die Wissenschaft da weiter. Die Seele ist vollends in Verruf geraten - oder besser ins wissenschaftliche Abseits. Sie spielt in der empirischen Wissenschaft, in der Neurophysiologie und der Hirnforschung einfach keine Rolle mehr. Ja der Gebrauch des Begriffs ist schon verdächtig. Das war mal anders. Früher hat sich der Materialismus wenigstens die Mühe gemacht, zu erklären. hat gesagt: Alles ist nur Materie, Geist wird durch Physik und Chemie erklärt. Die Seele - ein biochemischer Prozess. Und die Hirnforschung wollte beweisen: Geist und Seele sind nur Halluzinationen des Hirns. So eine Art Sicherungsschaltung, die dem Bewusstsein der eigenen Ohnmacht entgegenwirkt, wenn es denn man zu Ende geht. Sie wissen: Das Licht am Ende des Tunnels bei der Nahtoderfahrung. Dieses Gefühl: Alles wird gut! Die Seele - also das, was wir eigentlich sind - das bleibt erhalten. Trügerischer Trost einer Maschine. Ist der Rechner erst runtergefahren, ist auch das Programm nicht mehr aktiv. Der einzige Unterschied: Den Computer kann man wieder hochfahren. Dann ist auch das Programm wieder da. Mit dem Menschen ist das schwieriger. Da ist der Tod dann der totale Festplattencrash. Kann man nix mehr retten! Nur noch entsorgen. Banane aufgegessen. Bleibt nur noch die Schale übrig! Schade!

Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch eine lebendige Seele.

Die Lutherbibel übersetzt hier "ein lebendiges Wesen". Das meint aber dasselbe. Im Hebräischen heißt es hier: näfäsch haja! und näfäsch haja ist mit lebendige Seele oder vielleicht auch atmendes Leben am besten übersetzt - den näfäsch hängt ganz nah mit "atmen" - nafasch - zusammen. Das Leben hängt hier am Atem. Gott bläst seinen Atem in den Menschen - und deshalb lebt er, das bestimmt sein Wesen, sein Sein, seine Seele. Der Mensch ist Atem Gottes. So die Bibel. Und auch das Griechische Psychä bedeutet Hauch, Atem. Da ist das Neue Testament mit seinem Begriff dem Alten ganz nah.

Der Mensch – ein lebendiges Wesen, eine "näfäsch haja". Die hebräische Sprache ist eine geerdete Sprache - im doppelten Wortsinn: Der Mensch ist vom Acker genommen und er zerfällt wieder zu Staub. Der Mensch verliert seine Lebendigkeit, wenn der Atem ihn verlässt. Das heißt: Die Seele des Menschen ist der Atem. Mund zu Mund beatmet vom Schöpfer.

"Näfäsch haja" – die lebendige Seele – das ist die lebendige Kehle. Das Arbeiten der Lunge. Im Atem zeigt sich der Hunger nach Leben. Halten sie mal die Luft an. Sie merken schnell, dass das nicht lange geht. Dann schnappen Sie nach Luft. Denn Sie wollen ja weiter leben. Ohne Atem bist du tot! Durch die Kehle fließen die elementaren Lebensfunktionen des Menschen: Atem, Nahrung, Sprache. Ohne Atem ist es vorbei. Der Atem als Zeichen von Lebenshunger. Von Lebendigkeit. Aber auch von Bedürftigkeit, wenn man nach Luft schnappen muss. Beides ist unauflöslich miteinander verbunden: Lebendigkeit und Bedürftigkeit. Gott gibt und Gott nimmt.

Von der Unsterblichkeit der Seele spricht übrigens die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments nicht. Da ist sie fast schon materialistisch. Staub ist Staub und tot ist tot! Das muss uns Christen aber nicht schrecken! Können ja nicht alles gewusst haben, die geerdeten Hebräer vor mehr als 3000 Jahren! Halten wir aber fest: Seele ist das, was Gott dem Menschen gibt. Wie Gott das biochemisch hinkriegt, ist seine Sache. Kann Christ drüber nachdenken. Muss Christ aber nicht!

Von der Unsterblichkeit der Seele spricht das Alte Testament nicht. Dafür aber davon, dass nicht nur der Mensch eine lebende Seele ist. Auch von anderen Lebewesen wird in der hebräischen Bibel gesagt, sie seien »näfäsch haja«. Die Beseelung der Schöpfung umfasst nicht den Menschen allein – heißt: Gott atmet sich aus in die ganze Schöpfung.

Allerdings: Nur dem Menschen wendet er sich direkt und intim zu. Bläst ihm selbst den Atem ein. Ihn macht er zu seinem Ebenbild. Und deshalb wäre es doch schade, wenn die liebe Seele mit dem Tod verloren ginge. Hätte die liebe Seele zwar Ruh – aber das will der Mensch ja gar nicht. Und deshalb ist die Seele unsterblich... hoffentlich.

Nach vielen alten Glaubensvorstellungen löst sich die Persönlichkeit des Menschen nach seinem Tod vom Körper ab und lebt in unsichtbarer Gestalt weiter. Der Buddhismus glaubt, die Seele besiedelt nacheinander zahlreiche Körper, auch solche von anderen Lebewesen. Sie ist dem "Ich", dem Bewusstsein, zugehörig: Mit dem Tode des Menschen geht das Bewusstsein ebenfalls aus ihm aus.

Sie merken schon – der Begriff „Seele“ wird hier anders verstanden als bei den Hebräern. Die haben dagegen Aristoteles auf ihrer Seite, der in der Seele die Kraft sah, die den Leib zum Lebendigen macht. Plato dagegen sah im Leib ein "Fahrzeug" der Seele. Die Seele sozusagen als "Steuermann". Was ist also die Seele?

Etwas, das per Gottes Willen in den Körper hineinschlüpft und diesen auch wieder verlässt?
Ist sie Bestandteil einer an sich unteilbaren "Allseele", ein Teil Gottes, der sich in der gesamten Welt manifestiert?
Oder ist sie eine steuernde Kraft, die den Körper lenkt?

Und – wie ist das nun mit der Unsterblichkeit? Also: was bleibt von der Banane, wenn sie gegessen ist?

Es gibt in der Geschichte viele Fragen. Es gibt auch viele Antworten! Allein: Die Beweiskraft fehlt. Sie ist aber auch nur dem materialistischen Ansatz wirklich wichtig. Dem, der das Wesen gerne auf den biochemischen Prozess reduzieren will. Dem, der uns als biologische Fressmaschine definiert.

Für die anderen Ansätze ist die Frage nach der Seele eher eine Suchbewegung. Der Mensch auf der Suche nach Wahrheit, auf der Suche nach sich selbst, und auf der Suche nach Gott und nach dem, was denn das Band zwischen Gott und Mensch ist. Das Alte Testament hat es über die Atemhilfe definiert. Wir atmen Gottes Luft. Das macht uns lebendig.

Etwas ist in uns, das uns mehr sein lässt als unsere biologischen Funktionen. Etwas ist in uns, das uns für die Ewigkeit vorbereitet. „Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ – Sie erinnern sich.

Doch nicht zu vorschnell hier die Begriffe verwischen. Denn, dass die Seele als unsichtbare Substanz den Körper verlässt und zu Gott schwebt, ist eine Vorstellung jüngeren Datums. Sie kommt von der frühchristlichen Vorstellung, die Auferstehung umfasse den ganzen Menschen. Mit Haut und Haaren. Das überstieg für viele die Vorstellungskraft: Wie sollte das funktionieren? Mit welchem Leib soll ich auferstehen? Mit dem Leib, mit dem ich gestorben bin – alt und faltig – oder mit dem eines 20jährigen? Und was, wenn ich mir gar nicht gefallen habe??? Und was ist mit Krüppeln, mit Verstümmelten?

Nach Paulus mangelt es solchen Fragen an grundsätzlichem Verständnis über das Wesen der Auferstehung. By the way: Paulus kann die Fragen auch nicht beantworten – muss er aber auch nicht, weil er auf Wesentliches setzt: Der Zusammenhang zwischen irdischem Leib und Auferstehungsleib ist ähnlich dem zwischen Weizenkorn und Weizen, sagt er: Das Korn enthält den Keim, es hat insofern sehr viel mit dem Weizen zu tun, aber man sieht dem Korn nicht an, wie der Weizen aussehen wird. Das Korn fällt in die Erde und stirbt. Es kommt zu neuem Leben im aufkeimenden Weizen. Im ersten Korintherbrief beschäftigt sich Paulus intensiv mit allen möglichen Einwänden um dann zu dem Schluss zu gelangen:

„Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der zweite Mensch ist vom Himmel. Wie der irdische ist, so sind auch die irdischen; und wie der himmlische ist, so sind auch die himmlischen. Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen.“

Noch Fragen? Äh ja – die bleiben offen. Paulus will keine materialistische Vorstellung dessen geben, WIE denn Auferstehung funktioniert. Er will sich dem nähern WAS Auferstehung sein kann. Den Rest überlässt er Gott. Der kennt sich mit so was aus! Mit Biochemie und all dem anderen auch.

Was aber festzuhalten bleibt. Leib und Seele werden bei Paulus nicht begrifflich getrennt – nicht auseinander dividiert – denn: Sie gehören beim Mensch zusammen. Der Mensch ist Leib und Seele. Und da ist Paulus ganz auf der Linie des Alten Testaments: Der Mensch ist „näfäsch haja“ – lebende Seele und mit der Auferstehung – und da ist er dann doch weiter – unsterbliche Seele.

Ach ja – wie gesagt – Beweiskraft hat das nicht. Das ist eine Frage des Glaubens. Da geht es nicht um „Wissen“ und trotzdem können wir „gewiss“ sein! Aber das ist ein anderes Thema und eine andere Predigt.

Für die Seele halte ich fest: Christen kann es ziemlich egal sein, wo die Seele sitzt und welche biochemischen Prozesse da ablaufen. Hauptsache ist – es gibt sie – sie kommt von Gott, der uns mit »Atemhilfe« zum Leben brachte. Was mit ihr wird, wenn wir sterben, wissen wir nicht. Aber, da bin ich sicher: Sie ist bei Gott gut aufgehoben.

Amen!

Katastrophe Krieg - 18.11.2007 - Jörg Metzinger
Liebe Gemeinde, eine alte Geschichte, übertragen in die Zeit heute.

Ein Zimmer, Raufasertapete, Sitzecke.
Flachbildschirm, Beistelltisch, eine Flasche Urpils.
Erstes Deutsches Fernsehen, ARD-Brennpunkt, 20.15h, nach der Tagesschau.
Auf dem Sofa: Jonas Mittermayer (Jona Ben Amittai, 2. Kön 14,25).
"Mein Gott, so ein Mist!" flucht Jonas vor sich hin, "was ist denn mit
dem Fernseher los!"

Jonas geht es gut, er wohnt in der Stadt Tarsis, die liegt in einer
Gegend, die man den "Goldenen Westen" nennt. Schöne Häuser, schöne
Gärten, manche sogar mit Pool.
Wer da wohnt und einen Job hat, der braucht sich keine Sorgen zu machen.
Jonas arbeitet bei der größten Direktversicherung des Landes. Er lässt
die Wahrscheinlichkeit, mit der große Katastrophen eintreten können, in
die Berechnung von Prämienhöhen für alle Arten von Versicherungen
einfließen. Angewandte Mathematik, dazu ein wenig Kaffeesatzlesen.
Manchmal nennt er sich einen Unheilspropheten, wenn die
Wahrscheinlichkeit mal wieder ein paar Prozentpunkte steigt und die
Prämien für die Versicherten damit auch.
Dass sein Fernseher jetzt streikt, das war sehr unwahrscheinlich.
Jonas springt auf und hämmert auf den Apparat. "Mensch, das darf doch
nicht wahr sein, gerade als es losgehen soll, macht dieser blöde Kasten
schlapp!"
Jonas will unbedingt die Live-Übertragung aus Ninive sehen. Ninive, die
große Stadt am Tigris, Millionen Menschen leben dort. Seltsame Menschen,
braungesichtig, in Hütten, arm sind sie auch -- ganz anders als Jonas.
Gewalttätig sind sie, sprengen sich und andere in die Luft, jeden Tag
gibt's Tote, mal Dutzende, mal Hunderte.
Sie haben auch eine andere Religion, manchmal sagen die Sprecher im
Fernsehen, das mit der Gewalt dort hätte auch mit deren Religion zu tun.
Jonas interessiert das aber nicht wirklich.
Der Rest der Welt hat Soldaten nach Ninive geschickt, damit dort Ruhe
und Ordnung einkehrt. Die Menschen sollen irgendwann genau so leben wie
die Menschen in den Ländern, aus denen die Soldaten kommen. Wollen die
aber nicht.
Jonas versteht das auch nicht. So ein Reihenhaus mit Garten - ist doch toll!
Nun, seit ein paar Wochen haben die Chefs von den Soldaten genug, sie
wollen aufräumen mit dem aufmüpfigen Volk da in Ninive. Ein neuer
Feldzug gegen das Böse. Und Jonas will dabei sein, live. Nein, nicht als
Soldat, am Fernseher dabei sein.
Heute soll es losgehen, genau zur besten Sendezeit.
"Na endlich" sagt Jonas erleichtert. Das Bild ist wieder da. Der
Reporter sagt: "Wie wir soeben aus gutunterrichteten Kreisen erfahren,
ist der Feldzug kurz vor Beginn abgebrochen worden. Die Diplomatie hat
gesiegt. Auf Vermittlung des UNO-Generalsekretärs setzen sich die
Aufständischen und Klanführer sowie die Vertreter der Besatzungsmächte
an einen Tisch."
Jonas zappt weg. Er ist enttäuscht. Sehr enttäuscht. So live dabei zu
sein, das wäre es gewesen...

Predigt zu Jona 4: Zweiter Teil

Liebe Gemeinde,
Krieg ist jeden Tag auf der Erde. Und wir sind dabei -- medial vermittelt.
Aus sicherer Entfernung, vor dem Fernseher sitzen die Zuschauer, die
Schüssel auf dem Dach macht's möglich, rund um die Uhr, mit CNN, Al Jazeera.
Mich hat diese paradoxe Situation erinnert an das alttestamentliche Buch
Jona, wo der Prophet in sicherer Erwartung darauf wartet, dass Gott die
böse Stadt Ninive vernichtet -- und dann doch Gnade vor Recht ergehen
lässt. Und eben enttäuscht ist.
Und -- mal ehrlich -- sind wir nicht scharf auf aufregende Bilder von
den Kriegsschauplätzen, so ein wenig Voyeur-Gelüste, Schauder vor echtem
Blut, echtem Krieg?
Die Jungen ziehen selbst in den Krieg. Den virtuellen am Bildschirm.
Ballern sich durch 1337 Kriegsszenarien in Counterstrike, Battlefield,
Battlefront und wie sie alle heißen, Werbeslogan: „erlebe den krieg im
21. jahrhundert hautnah in ego-perspektive.“
Tja, die Ego-Perspektive.
Die Alten, sofern sie davon reden, könnten von einer ganz anderen
Ego-Perspektive reden. Sie waren wirklich live dabei, beim Schießen,
beim Granaten Abfeuern, beim Stechen mit dem Bajonett, beim
Bomben Abwerfen, beim Töten, beim Getötet Werden in Uniform.
Wir können froh und dankbar sein, dass diese Ego-Perspektive bei uns
seit 1945 niemand mehr einnehmen musste.
Doch sie kommt wieder, diese unmittelbare Beteiligung. Oder präziser:
Sie hat nie aufgehört.
Deutsche Waffen haben auch nach 1945 getötet.
Deutsche Wirtschaftsinteressen haben auch nach 1945 kriegerische
Konflikte sonst wo in der Welt mit beeinflusst.
Und seit einigen Jahren dürfen auch deutsche Soldaten wieder mit in den
Krieg ziehen. Real.
Und es wird auch wieder gestorben. Echt.
Krieg ist und bleibt ein Mittel zur Durchsetzung von Interessen auf der
Welt.
Mal werden Machtinteressen ganz unverblümt und direkt mit Krieg
durchgesetzt, mal werden sie versteckt hinter Befriedungs- und
Befreiungsaktionen.
Gerechte Kriege? Gibt's wohl kaum. Selbst Hitler wäre wohl ohne Krieg zu
stoppen gewesen -- allerdings vor 1933.
Krieg ist und bleibt ein Mittel zur Durchsetzung von Interessen auf der
Welt.
Obwohl die Religionen der Welt ihn ächten.
Obwohl Menschen, die weltweit geachtet werden, sich gegen ihn aussprechen.
Obwohl wir jedes Jahr einen Friedensnobelpreis vergeben.
Woran liegt das? Warum ist das so?
Wieso meinen Menschen, Krieg könne nützlich sein, gerecht? Wieso meinen
Menschen, die Auswirkungen des Krieges an Unschuldigen als
"Kollateralschäden" gegenüber irgendeinem Nutzen aufrechnen zu dürfen?
Johanneskirche, 18. November 2007, Volkstrauertag, irgendwo sind die
Geschäfte in diesem Land bestimmt den ganzen Tag offen zum Shoppen --
liebe Gemeinde, ich kleiner Pfaffe kann darauf keine Antwort geben.
Ich halt mich an die Bibel, 1. Mose 6, Noah und seine Leute haben gerade
die Sintflut überlebt. Gott sagt das -- übrigens nachdem er jede weitere
Vernichtung von Menschen für sich ausgeschlossen hat:
„Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend
auf.“
Böse Menschen haben böse Ideen. Dagegen müssen die Guten sich schützen.
Mit Krieg hat das aber zunächst nichts zu tun.
Liebe Gemeinde, wir Christen uns übrigens nicht nur vor dem Bösen
schützen. Also uns draußen halten, wenns schwierig wird auf der Welt,
wenn Macht und Geld nach noch mehr Macht und Geld gieren.
Liebe Gemeinde, wir Christen sollen das Böse sogar bekämpfen. Das in uns
und in anderen.
Mit Gutem bekämpfen, sagt der Apostel Paulus. Nicht mit Gewehren,
Panzern, Granaten, Sprengstoffgürteln.
Mit Gutem. Mit Liebe. Die im Feind nicht den Feind, sondern wie in einem
Spiegel sich selbst sieht. Und Gott. Im Feind.
Das ist mühsam, so zu kämpfen.
Es ist schwer, auf eigene Macht zu verzichten.
Es ist nicht zeitgemäß, eigene Interessen hintanzustellen.
Es ist kaum vermittelbar, Ressourcen an Energie und Rohstoffen nicht für
sich zu sichern, sondern zu teilen.
Aber das ist es wert.
Denn es bekämpft die Wurzel des Krieges.
Amen


Innere Katastrophen - 28.10.2007 - Christian Bauer

9/11 – natürlich erinnern sie sich – 3035 Menschen kommen 2001 – wie von den Terroristen geplant – medienwirksam ums Leben.

Der Tsunami Weihnachten 2004 – natürlich erinnern sie sich – die Zahl der Opfer ist nicht genau zu bestimmen– es waren mehr als eine Viertel Millionen.

Natürlich erinnern wir uns – denn die großen Katastrophen bleiben im kollektiven Bewußtsein haften.

Aber wer kennt schon Tina. Tina ist gerade mal 15 und hat Leukämie. Sie ist eigentlich ein fröhliches Kind – unterwegs auf dem Weg zur Frau. Und sie ist verliebt. Doch die Krankheit wirft Schatten über ihr Leben. Der Ausgang ist ungewiss. Und Tina hat Angst.

Oder wer kennt schon Walter. Vor zwei Wochen hat er seine Frau begraben. Sie war erst 52. Und sie wollten doch gemeinsam alt werden. Und jetzt? Welchen Sinn hat das Leben noch?

Tina und Walter haben etwas gemeinsam. Sie haben eine Katastrophe erlebt. Eine, die von außen nicht für jedermann wahrnehmbar ist. Eine, die das bislang gelebte Leben radikal in Frage stellt. Eine, die die Zukunft ins Dunkel taucht. Eine innere Katastrophe. Äußerlich mögen sie so weiter funktionieren wie bisher. Tina geht zur Schule. Walter zur Arbeit. Aber innen – wie sieht es in ihnen aus?
-
Tina ist vor kurzem erst zur Konfirmation gegangen. Sie fragt schon mal halblaut: Gott – wo bist DU? Aber eine Antwort hat sie bislang nicht bekommen. Walter hat das mit Gott aufgegeben. Bei der Beerdigung seiner Frau war zwar ein Pfarrer dabei. Aber das war mehr Formsache, weil man das eben so macht.

Innere Katastrophen führen in die Einsamkeit. Das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl keine Chance mehr zu haben, das Gefühl „Alles ist vorbei“ wird so mächtig, dass man sich nicht mal mehr unter dem Bett versteckt sicher fühlt. Kindliche Ängste, Mißtrauen und magische Vorstellungen gewinnen Macht. Haß und Wut, die nicht mehr verdrängt werden können, verbinden sich mit Schuldgefühlen und können eine wahnhafte Welt böser Geister und Dämonen erzeugen. Manch einer, verliert sich nach einer inneren Katastrophe selbst...

Schnitt!

Hiob, ergeht es offenbar anders. Auch er erlebt eine Katastrophe nach der anderen – und das nur, weil Gott mit dem Teufel eine blödsinnige Wette eingegangen ist. Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Und der Teufel macht ganze Arbeit: Rinder, Schafe, Kamele geraubt, Knechte und Kinder tot. Und Hiob trauert zwar, kommt aber zu dem Schluss: „Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“

Eins zu Null für Gott gegen den Teufel. Aber das Spiel läuft noch weiter. Doch in guter biblischer Regie, hat die Geschichte ein Happy End. Nach all den vielen Prüfungen und endlich auch Zweifeln, denen Hiob unterworfen wird, bekommt er Gotteslohn. Er bekommt neue Rinder, Schafe und Kamele, sieben neue Söhne und drei wunderhübsche neue Töchter und wird 140 Jahre alt, damit er die Ur-Ur-Ur-Enkel noch erleben kann.

Natürlich wissen wir, dass das Buch Hiob ein weisheitliches Lehrbuch ist, das die Frage behandelt, wie es denn sein kann, dass der gerechte Gott duldet, dass guten Menschen Böses widerfährt. Schade eigentlich, dass dieses Buch ein Happy End hat. Ohne, wäre es vielleicht ehrlicher gewesen. Aber, was wäre dann die Botschaft, wenn nicht doch am Ende alles gut würde? Was, wenn das Ende schrecklich und offen bliebe, wie so oft im Leben. Was, wenn Tina und Walter nicht zurück ins Leben finden? Was, wenn da am Ende nur die offene Frage bleibt: Gott – wo bist DU?

Es gibt kein Leid, in dem Gott nicht gegenwärtig ist! Das ist die Antwort des Glaubens auf die offene Frage: Gott – wo bist DU?
Gegen diese Antwort steht das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl der Abwesenheit Gottes.

Das Leben folgt oft nicht dem Hollywood-Rezept: Geboren Werden – Wohlergehen – Krise und Katastrophe – doch schließlich: Rettung. Es gibt auch durchgängige Katastrophen. Auch wenn wir Wohlstandswesteuropäer das hin und wieder vergessen mögen.

Und so leid uns Tina und Walter mit ihrem persönlichen Schicksal tun mögen. Innere Katastrophen finden milliardenfach statt. Zu jeder Zeit an vielen Orten. Jede große und sichtbare Katastrophe zieht viele innere Katastrophen nach sich. Wie viele Opfer haben 9/11 oder der Tsunami wirklich. Wie viele sind betroffen, wie viele Leben zerbrochen, wie viele finden aus der folgenden inneren Katastrophe keinen Ausweg mehr.

Das macht übrigens die Katastrophen von Tina und Walter nicht kleiner. Es relativiert sie nicht. Geteiltes Leid ist eben nicht unbedingt halbes Leid. Warum sollten sie etwas davon haben, dass es anderen auch katastrophal ergeht?

Und doch ist die Antwort des Glaubens: Es gibt kein Leid, in dem Gott nicht gegenwärtig ist! Und irgendwo in uns ist die Hoffnung, dass Gott der Vater alles „heilmachen kann“. Uns und Tina und Walter auch. Gott – wo bist Du?

Denn unsere Erfahrung und unser Erleben sagen: Gott macht nicht alles heil. Tina stirbt vielleicht und Walter ist innerlich schon tot.


Wir reden als Christen von Hoffnung und wissen, dass Hoffnungen sterben können – sie sterben den realistischen Tod, nicht erfüllt zu sein am Ende der Zeit.

Warum hat Tina Leukämie und warum stirbt Walters Frau so früh. Kann Gott am Ende gar nichts für uns tun? Oder will er nur nicht? Hat er gar am Ende wieder eine Wette mit dem Teufel laufen?

Ich weiß es nicht! Es gibt keine Antwort!

Ich weiß nur, wovon der Glauben redet. Vom Hoffen auf Gott. Vom Hoffen darauf, dass wir bei aller Chancenlosigkeit doch eine Chance haben, dass wir bei all dem Elend doch gerettet werden.

Und ich will mich da nicht auf ein später oder auf ein danach vertrösten lassen, denn es gibt ein Leben vor dem Tod. Doch was kann da helfen?

Zunächst mal: Wir können da helfen. Wir können dem Mensch ein Mitmensch sein, oder als Mensch in der Krise uns von anderen helfen lassen. Nicht jeder muss da alleine durch, so wie Hiob. Der redet zwar auch mit seinen Freunden, aber im wesentlichen redet man in diesem Buch aneinander vorbei. Das gehört zur Komposition des Lehrstückes, damit Hiob am Ende als leidender Gerechter dastehen kann.

Als leidender Gerechter dazustehen hilft uns aber heute nicht wirklich weiter. Das einzige was uns weiterhelfen kann ist Solidarität. Solidarität mit denen in der Krise, mit denen in der Katastrophe. Dabei gibt es Stärkere und Schwächere. Manch eine ergreift in der Krise die Chance, wie die schwedische Jazz Sängerin Sofia Pettersson. Ihr Lebensgefährte gehörte Weihnachten 2004 zu den Opfern der Tsunami-Welle. Sie hat sich den Schmerz förmlich von der Seele gesungen. Das Album heißt: "Still Here" und redet berührend und klug vom Verlust, aber auch davon was es heißt, noch da zu sein. Da teilt jemand Leid, aber auch die Erfahrung, mit diesem Leid produktiv umzugehen.

Und die Sängerin erhält aus aller Welt anrührende Briefe von Menschen, die sich verstanden fühlen. Vielleicht nur ein kleines Beispiel, aber eins, das zeigt, dass Leben nicht zu Ende sein muss, bevor es wirklich zu Ende ist.

Was sich uns da anbietet ändert zunächst nicht viel. Denn die Welt bleibt katastrophal – nicht für jeden – es gibt auch die lucky guys – vielleicht gehören sogar viele von uns hier dazu – aber sie bleibt katastrophal für viele. Und was sich uns da anbietet ist deshalb vielleicht nicht viel – aber es ist auch nicht nichts! Die Frage „Gott – wo bist Du?“ wird immer bleiben. Wir werden Menschen in Not nicht retten können.

Wenn die Medizin Tina nicht helfen kann – wird sie sterben. Und wenn Walter aufgibt und niemanden an sich heranlässt, dann gnade ihm nur noch Gott. Andererseits, wenn Walter Menschen findet, die ihn verstehen, die ihn stützen können, denen er sich öffnen kann, dann lebt vielleicht auch in ihm wieder Hoffnung auf – dass die Welt auch anders sein könnte.

Das ist unsere einzige Chance gegen den Teufel, dass der seine Wette dann langfristig verliert.

Deshalb: Was wir tun können – sollten wir tun. Was wir nicht vermögen – müssen wir lassen. Was wir zu klagen haben – sollten wir klagen. Und was wir zu hoffen wagen – dürfen wir hoffen. Amen

Lesung
Hiob 1,6-22: Hiob bewährt sich in schwerer Prüfung

6 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen.
7 Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 8 Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. 9 Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet? 10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. 11 Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen! 12 Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN. 13 An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, 14 kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, 15 da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte. 16 Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte. 17 Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte. 18 Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, 19 und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte. 20 Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief 21 und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt! - 22 In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Halleluja, Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind; aber die Gottlosen führt er in die Irre. Halleluja


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Jüngster Tag - 7.10.2007 - Patrick Fries

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater
und unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Amen.

Text: Mk 13, 1-13
1 Und als er aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer seiner Jünger:
Meister, siehe, was für Steine und was für Bauten!
2 Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.
3 Und als er auf dem Ölberg saß gegenüber dem Tempel, fragten ihn Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas, als sie allein waren:
4 Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wenn das alles vollendet werden soll?
5 Jesus fing an und sagte zu ihnen: Seht zu, daß euch nicht jemand verführe!
6 Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin's, und werden viele verführen.
7 Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so fürchtet euch nicht. Es muß so geschehen. Aber das Ende ist noch nicht da.
8 Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen.
9 Ihr aber seht euch vor! Denn sie werden euch den Gerichten überantworten, und in den Synagogen werdet ihr gegeißelt werden, und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis.
10 Und das Evangelium muß zuvor gepredigt werden unter allen Völkern.
11 Wenn sie euch nun hinführen und überantworten werden, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid's nicht, die da reden, sondern der heilige Geist.
12 Und es wird ein Bruder den andern dem Tod preisgeben und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie töten helfen.
13 Und ihr werdet gehaßt sein von jedermann um meines Namens willen. Wer aber beharrt bis an das Ende, der wird selig.

Heute ist der jüngste Tag. Und? Schon irgendwelche Pläne gemacht?
Nein, liebe Johanneskirchengemeinde, mal ganz ernsthaft. Haben Sie irgendwelche Pläne oder auch nur eine Vorstellung davon, wie Sie den jüngsten Tag verbringen wollen?
So wie die anderen Tage Ihres Lebens auch? Geschäftig und gestresst wie sonst? Oder sorglos und mit Muße angefüllt? Allein vor dem Fernseher oder abends mit Freunden gemeinsam in der Stammkneipe? Letzteres soll gerade für Jüngste Tage ein sehr probates Mittel sein. Geteiltes Leid ist schließlich nur noch halbes Leid. Vor Urzeiten brachte Herbert Grönemeyer das in einem ’Bombenlied’ bemerkenswert schön auf den Punkt:
„Komm, lass uns darauf einen trinken gehn’, die Bombe ließ alle Kneipen stehn’.
Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen starken Abgang wert“.
Also: Was wäre Ihr Masterplan für den Tag X? Oder haben Sie am Ende gar keinen?
Müssen Sie sich gar nicht für schämen. Vermutlich würden wir alle eher etwas ratlos aus der Wäsche schauen. Oder uns gleich der spannenderen und vielleicht sogar relevante-ren Frage zuwenden: Wie wird Tag X überhaupt ablaufen?
Ein mehrfacher Super-, Hyper-, Mega- oder Giga-GAU, bei denen alle Krümmels, Tschernobyls, Harrisburgs dieser Welt zugleich hochgehen? Schmelzen an einem Tag alle Gletscher und Polkappen und die Erde wird endgültig ein blauer Planet – nur noch Wasser, so weit das Auge reicht? Oder kommt es am Ende doch noch zur Erprobung von Atomwaffen am lebenden Objekt? Vielleicht haben wir’s ja verges-sen, aber nicht nur die angebliche Achse all der bösen Schurkenstaaten spielt mit waffenfähigem Plutonium herum, die russischen und die US-Arsenale sind immer noch mehrfach overkilltauglich gefüllt. Und können Sie mir garantieren, dass nicht doch noch irgendein wahnsinniger General dies- und jenseits des ehedem so Eiser-nen Vorhangs Lust verspürt, an irgendwelchen Knöpfchen zu spielen? „Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“?
Seit Menschen gedenken und seit sie sich bewusst sind, wie schnell die Erde von einem Finale furioso überrollt werden kann, haben sie ihre offenbar unerschöpfliche Phantasie immer auch dafür bemüht, sich ebendieses Finale furioso auszumalen. Vieles davon fand seinen Weg ins Kino (ein Beispiel dafür gibt es ja heute Abend hier zu sehen), manches andere war ein durchaus ernstes, wissenschaftlich kalkulier-tes Planspiel. Was, wenn ein riesiger Asteroid auf der Erde einschlüge, sagen wir im Atlantik zwischen New York und Portugal? Kam vor kurzem im Fernsehen.
Es wäre nicht das ultimative globale Endspiel, es wäre aber das Ende der Welt, wie wir sie kennen: Naturkatastrophen würden sich die Klinke in die Hand geben – Tsunamis im Atlantik, Aufheizung der Erdatmosphäre durch Asteroidpartikel, hernach eine neue Eiszeit mit 50, 60 grad unter Null, wo einst Capri oder Santorin waren. Der Menschheit bliebe vermutlich das Schicksal der Dinosaurier erspart, sie wäre nicht zwingend ausgestorben, müsste sich aber neu organisieren, alle zivilisatorischen Netze (von den technischen gar nicht zu reden) wären ja zusammengebrochen.

Handys und Laptops könnten Sie wegschmeißen, Keulen und Spieße zur Jagd nach was Essbarem und zur Selbstverteidigung wären angemessener:. „Es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein“.
Und? Schon irgendwelche Pläne für den jüngsten Tag?
Vielleicht, liebe Geschwister im Herrn, wären uns finalere Aussichten lieber. Die Erkenntnis, das in ein paar Stunden Schicht im Schacht und Ruhe ist, mag uns erträglicher erscheinen als die Aussicht auf eine postkatastrophale Existenz als Neu-Neandertaler in Jeans und Norwegerpulli. Wenn schon untergegangen werden muss, dann richtig und mit Schmackes. Oder aber vielleicht doch mit einer minimal denkbaren Hoffnung, mit der Aussicht des Filmes heute Abend, mit der sich auch manche Sekten trösten. Ein paar Auserwählte kommen raus aus dem Schlamassel und können mit einem zweiten Leben neu anfangen. Im Himmel, im wieder zugänglichen Garten Eden oder wenigstens auf einem neuen Planeten – „wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon einen starken Abgang wert“. Der jüngste Tag ist für die paar Glückspilze dann doch nur die ’amazing story of the end of the world’ (so der Werbeslogan des Films) – mit der wahrhaft ’amazing’, also erstaunlichen Erfahrung, dass man einfach eine Welt nur gegen eine neue und bessere eintauscht. In der macht mensch dann alles besser, geht sorgsamer mit der Umwelt um und friedlicher mit den Mitmenschen, spielt nicht mehr wahnsinnig an irgendwelchen bösen Knöpfen herum, sondern geht geläutert durch die neue Welt. Schön wär’s. Ich bin da aber eher skeptisch: „Seht zu, daß euch nicht jemand verführe!“ Wer garantiert mir, dass wir tatsächlich eine neue zweite Welt besser behandelten als die erste? Vielleicht machten wir nicht dieselben Fehler, höchstwahrscheinlich aber andere. Denn Menschen bleiben Menschen, ihr Trachten, so lehrt schon das Alte Testament, ist böse von Jugend auf. Der neue Planet, so steht zu befürchten, wäre vielleicht auch bald vergiftet, verdreckt, von Vernichtung bedroht. Und überhaupt: es wären ja nur ein Paar Glückspilze. Wie viele eigentlich? Und die anderen? Bleibt denen wirklich nur das Leben als Neu-Neandertaler in Jeans und Norwegerpulli? Oder am Ende doch gar nix mehr? Stellen nicht gerade wir Christenmenschen uns Gott, so er uns solch eine neue Chance eröffnete, fairer vor? Der Kampf um eventuelle Erwählungs-plätze könnte ziemlich brutal verlaufen: „Und es wird ein Bruder den andern dem Tod preisgeben und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen die Eltern und werden sie töten helfen“.
Also: Was ist nun mit dem Masterplan für den Tag X?
Es hilft nichts, liebe Johanneskirchengemeinde: Am Ende haben wir tatsächlich kei-nen Masterplan für alle Fälle in der Tasche. Umsonst malen wir uns das eine oder andere Finale furioso für die Welt wohl nicht aus. Die Ängste, die unsere offenbar unerschöpfliche Phantasie dazu beflügeln, sind allzu real. Manche davon werden in der Vorstellung vom Ende im Markusevangelium genannt: „Kriege und Kriegsge-schrei“, Erhebung eines Volkes „gegen das andere“, „Erdbeben“, „Hungersnöte“. Keine Hirn-gespinste, sondern reine Erfahrungswerte. Die können wir auch heute so unterschreiben und getrost (siehe oben) um das eine oder andere Denkbare, Lieber-nicht-Denkbare und Undenkbare erweitern. Gegen manches (wie die Planspiele vom Asteroiden-einschlag) wird, Gott sei’s geklagt, wohl auch auf Dauer kein oder nur ein unge-nügendes Kraut gewachsen sein. Vielleicht hilft da wirklich nur beten. Wenn aber Gott der uns Menschen zu gewandte Gott ist, von dem Jesus erzählt, der Gott, „der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich“, dann will ich mir und Ihnen die Hoffnung nicht rauben lassen, dass Gott uns auch in tiefdunklen, überfluteten, höllisch heißen oder eisig kalten Zeiten nicht tiefer fallen lässt als in seine Hand.
Gegen alles andere, ist uns Christenmenschen durchaus ein Kraut gewachsen: „Das Evangelium muß zuvor gepredigt werden unter allen Völkern“. Nicht die missionarische Keule, sondern die frohe Botschaft, die uns auch klar macht, dass wir mit unserer Erde eben nicht alles machen können, was wir wollen. Sonst helfen uns wahrlich weder Steine noch Bauten: „Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde“. Schon der Psalmist warnt sehr treffend: „Verlasset euch nicht auf Für-sten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen“. Weil wir eben keine zweite Erde im Reserveschrank haben, die wir wie die erste irgendwann auch bald vergiftet, ver-dreckt, vernichtet haben könnten, sondern nur den einen Himmel und die eine Erde, von der wir Christenmenschen sagen, dass sie in Gottes Hand ist und bleibt. Weil wir eben keinen Masterplan für den Tag X haben oder danach, müssen wir sorgsam sein mit unserem Leben und unserem Lebensraum. Und mal ehrlich: zu einem mit Muße angefüllten Leben, auch abends mit Freunden gemeinsam in der Stamm-kneipe, müssen wir nun wirklich nicht auf den Jüngsten Tag warten, oder? Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon mehr als einen starken Abgang wert. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Begreifen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.




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Predigt vom 13. Mai 2007 zur Ausstellung von Stoll & Wachall in der Saarbrücker Johanneskirche
von
Pfarrer Jörg Metzinger

Seit mehreren Wochen bevölkern Frauenporträts diese Kirche. Merkwürdige
Porträts: strenge Haltung, direkte Blicke, altmodische Kleidung, moderne
Accesoires.

Dazu englische Wörter, in undurchsichtigen Kombinationen.

Warum tun wir uns das an, hier in der Johanneskirche?"

..... Damit wir Menschen in dieses Gebäude locken, die sonst keinen Fuß hineinsetzen?
In der Hoffnung, damit ein paar neue Schäfchen an uns heranzuführen?
Da ist zwar etwas dran, wie ich zugebe – aber das ist zu vordergründig.

Denn die Kunst und die Menschen, die sie machen und sehen wollen, mit denen kommt ja auch viel Unruhe und Störung in die gewohnten Abläufe dieser Kirche. Und bei manchen provoziert das auch Ablehnung: „Ah ja, moderne Kunst… Schnickschnack, unverständlich, englische Wörter, Fernsehen auch noch in einer Kirche, muss das sein!?“

Warum tun wir uns das an, hier in der Johanneskirche?

Liebe Gemeinde, wie Sie vielleicht wissen, bin ich ja hier an der Johanneskirche seit 1. April nur Teilzeitpfarrer, für eine Übergangszeit. Den größeren Teil meiner Arbeitszeit absolviere ich in der Kirchengemeinde Schafbrücke. Dazu gehören auch vier Stunden Religionsunterricht in der Woche an der Grundschule dort. Im 4. Schuljahr schauen wir uns gerade die Zehn Gebote an. Erst haben wir sie sortiert: Gebote, die das Verhältnis von Mensch-Gott regeln, dann die bekannteren Gebote, die das Verhältnis Mensch-Mensch betreffen. Und jetzt gehen wir sie einzeln durch.

Warum erzähle ich Ihnen das? Hier, inmitten dieser Videoinstallation?

Nun, ich möchte Ihnen meinen Zugang zu dieser Arbeit darlegen, und das ist kein kunstgeschichtlicher sondern ein theologischer. Schließlich bin ich Pfarrer und kein Kunstexperte. Womit wir uns langsam dem eigentlichen Grund nähern, warum Kunst, solche Kunst, in einer Kirche präsentiert wird, ja präsentiert werden muss.

Ich lese Ihnen das 2. Gebot vor:

Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.

Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

Dieses Gebot wird gern zusammengefasst unter dem Titel „Bilderverbot“.

Und meine pfiffigen Grundschüler haben gleich gemerkt, dass da was nicht stimmt: „Wie, dürfen wir dann gar nichts mehr malen, keine Tiere, keine Pflanzen, keine Menschen?“ Und einer erinnerte sich: „Du hast uns doch mal Gott malen lassen. Das darf man ja dann eigentlich gar nicht!“

Es gibt zwei Religionen, die haben solche radikalen Schlüsse aus diesem Gebot gezogen: der Islam und das Judentum. Keine Bilder in den Moscheen. Islamische Kunst – das sind Ornamente und Schriftzeichen. Unsere christliche Tradition geht einen anderen Weg. Sie produziert Bilder ohne Ende über die Jahrtausende. Die Kunstgeschichte des Abendlandes ist über weite Teile eine Geschichte der Bilder, die in kirchlichem Auftrag und für kirchliche Zwecke produziert wurden. Die Glaubensinhalte zum Gegenstand haben und sich auch nicht scheuen, Gott zu malen.

Wie das?

Nun, das 2. Gebot verbietet nicht das Bild an sich. Es verbietet nur den götzendienerischen Umgang mit Bildern, das Anbeten eines Bildes, die Fetischisierung eines Bildes, wodurch ein menschliches Werk zum Götzenbild wird, in dem das Abgebildete mit dem, auf den es verweist, in eins gesetzt wird. Sie kennen sicher die Geschichte vom goldenen Kalb, das angebetet wurde als Gott – und nicht mehr als Abbild, das nur auf IHN, den eigentlich Undarstellbaren in aller Vorläufigkeit und Begrenztheit verweist.

Nicht die Produktion von Gottesbildern ist gefährlich. Dem können wir gar nicht entrinnen, wir Menschen. Denn wir leben mit Bildern, Sprachbildern, Schriftbildern, Abbildern. Nur wenn wir meinen, die eigentlich nie endende Bilderproduktion – auch Gottesbilderproduktion – stoppen zu müssen an einem bestimmte Bild, weil wir meinen: „Das ist es jetzt, wir haben es greifbar, anfassbar“ – dann gilt dieses Gebot.

Damit zurück zu dem, was wir hier sehen, was wir in diese Kirche hineingelassen haben. Die Arbeit von Stoll & Wachall dient den Zwecken des 2. Gebotes wie alle gute Kunst, alte wie neue: Sie verstört, sie bricht festgefahrene Bedeutungsblöcke auf, sie irritiert, sie generiert neue Verbindungen, sie zerstört vermeintlich allgemeingültiges. Hier durch die Kombination scheinbar unvereinbarer Dinge: Renaissance-Menschen, moderne Fetische wie Handy, Gewaltsymbole wie die Pistole, dazu englische Begriffe, die die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen in immer neuen Kombinationen anbieten. Wer sich mit dieser Arbeit beschäftigt, sich auf sie einlässt, der – ich sag’s mal platt – übt das 2. Gebot ein.

Und Fragen ergeben sich, gerade hier im Kirchenraum: Ein Frauenportät wie eine Madonna, mit entrücktem Blick gen Himmel blickend, in der Hand ein Handy. Menschlein, an was hängt dein Herz…... Schweineköpfe, Rassehündchen, eine Waffe. Spielekonsolen. Edle Kleidung, herausfordernde Blicke. Nägelkauen. Englische Begriffe, die Weltsprache, die längst in allen Sprachen große Inseln besetzt hält. Musik wie aus einem Film von David Lynch, beunruhigend. Feelings, dreams, trust. Gefühle, Träume, Vertrauen.

Warum tun wir uns das an, hier in der Johanneskirche?

Weil wir als Kirche, als Christen, Kunst – und nicht Illustration – brauchen, um unseren Geist, unseren Glauben beweglich und wach zu halten!
Amen

 



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Gottesdienst zum Thema "Schöpfung":

Der Mensch des Menschen Schöpfer?
Warum dabei nichts Gutes heraus kommt

Als Dr. Frankenstein erkennt, dass sein Geschöpf sich von ihm abgewendet hat,
ja schlimmer noch:
dass es alle getötet, die er geliebt hat
und schließlich auch i h m nach dem Leben trachtet,
da fasst er den Entschluss,
sein eigenes Werk zu zerstören
und niemals das Geheimnis preis zu geben,
welches sich ihm aufgeschlossen hat,
um selber Leben zu erwecken.
Zu spät erkennt er,
dass er nicht mehr Herr ist über das,
was er geschaffen hat.
Dass sein Geschöpf, ihm gleich,
ihm nicht zu Füßen liegt, ihn anzubeten.
Und dass es ihm flucht, weil er ihm die Liebe versagt.

Irgendwie hat der Mensch es im Gespür:
Das wird nicht gut gehen,
wenn der Mensch sich selber Menschen schafft.
Nach seinem Bilde.
Ein wenig niedriger als er selbst.
Wie soll er denn aussehen, dieser Mensch,
welche Fähigkeiten sollen ihm gegeben sein
und welche nicht?
damit er sich n i c h t über seinen Schöpfer erhebe?

Irgendwie hat der Mensch es im Gespür:
Das wird nicht gut gehen.
Denn er weiß wohl,
wie oft sich das, was er zum Guten erdacht,
dann nachher gegen ihn gewendet hat.
Es ist nicht gut,
dass der Mensch des Menschen Schöpfer sei.
Denn Gott hat ihn zu S e i n e m Ebenbild geschaffen
und nicht nach dem Bilde des Menschen:
Gottes Geschöpf und sein Gegenüber,
jeder einzelne Mensch -
von Gott ins Sein gerufen – Gottes Kinder:
einzigartig, keines dem anderen gleich.

Und während Gott
den Menschen, den er geschaffen hat, trägt
und, wenn er sich gegen den Schöpfer erhebt,
an ihm leidet,
und sich von ihm ans Kreuz schlagen lässt,
bleibt er doch Gott.

Der Mensch dagegen?
Er würde sich selbst vergessen.
Und zunichte machen, was er geschaffen,
und seinesgleichen und sich selbst.

Gott aber verdammt den Menschen nicht.
Er leidet wohl an ihm und mit ihm.
Und bleibt ihm dennoch zugewandt.

J-M.Rief

Der Mensch des Menschen Schöpfer?
Warum der Mensch sich über Gott erhebt

Gott hat den Menschen nur wenig niedriger gemacht
als sich selbst, ja mehr noch:
zu seinem Ebenbild hat er ihn geschaffen.

Und der Mensch erkennt in Seinesgleichen
s i c h als Schöpfer,
denn er schafft die wunderbarsten Dinge:
erzeugt Licht und Wärme, bringt Wüsten zum Blühen,
errichtet erhabene Bauten, die ihn schützen vor Sonne, Sturm und Regen,
schafft göttliche Musik und kunstvolle Gemälde ...
Was muss er da nach Gott fragen,
der über allen Himmeln thront?
Ja, hat nicht Gott i h m die Erde anvertraut,
dass er sie sich untertan mache
und herrsche über alles, was da lebt?
Hat Gott nicht gar die Welt verlassen,
nachdem er sie geschaffen hat,
und sie dem Menschen in die Hände gelegt,
damit e r in ihr schaffe und wirke
mit all den Gaben,
die Gott ihm gegeben hat mit Wissbegier und Verstand ...?
Dass er dem Tode widersteht und den Naturgewalten.
Sollte es ihm da nicht auch gegeben sein,
Leben neu zu erwecken aus dem Tod
oder es neu zu erschaffen?
J-M.Rief


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Goldener Sonntag
(Text: Bianca van der Heyden)

Kennen Sie das Sonntagsgefühl?
Wenn man morgens aufwacht und weiß: Heute ist Sonntag, die Straßen sind so ruhig und die Menschen irgendwie auch.

Schon als Kind habe ich sie geliebt, die Sonntage.
Sicherlich auch deshalb, weil ich meine Mutter, die sonst immer arbeiten musste, den ganzen Tag für mich hatte.

Ich habe es geliebt. Das Sonntagsgefühl, wenn alles etwas langsamer, alles ein wenig heiterer verlief als an den anderen Tagen.
Vielleicht spielt dabei auch eine Rolle, dass ich ein Sonntagskind bin.

Sonntage sind für mich schwarz und golden Edel und feierlich. Auch dann, wenn die Sonne nicht scheint.
Und wenn sich keine familiäre Harmonie ausbreitet.

Der Sonntag ist und bleibt etwas besonderes.
Und von mir aus soll das bitte auch so bleiben.
Nicht nur der Erinnerung wegen, sondern aus ganz anderen, nicht weniger menschlichen Gründen:

Am siebten Tag sollst du ruhen, so lautet eines der zehn Gebote, die dazu da sind, das Leben menschenfreundlicher zu machen.
Am siebten Tage, so heißt es in der Geschichte von der Erschaffung der Welt, hat Gott Pause gemacht.
Und sich ausgeruht, bevor es am nächsten Tag frisch ans Werk ging.
Dieser eine Tag sollte uns heilig sein.
Lassen wir ihn uns nicht wegnehmen oder verplanen.
Der Sonntag ist dazu da, genossen zu werden.
Auch wenn Sie zu den Menschen gehören, die heute arbeiten müssen, denn warum sonst sollten Sie sonntags so früh aufstehen,
wünsche ich Ihnen, dass sie sich ein Stückchen vom Sonntagsgefühl bewahren können.
Dass Sie sich eine kleine Pause, ein bisschen mehr Ruhe gönnen können als an anderen Tagen.
Wie das möglich ist?
Gott hat es uns vorgemacht.
Machen wir mit.

Schönen Sonntag noch!


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