Litauenfahrt 29.7.-12.8.1999

Bericht für den Sonntagsgruss

Eigentlich ist es eine verrückte Idee. Da kommen sechzehn Leute aus Denver nach Saarbrücken, fahren nach einem Tag Pause nach Blankenfelde bei Berlin und wieder zwei Tage später nach Litauen. Nachdem sie dort ein paar Tage lang Schulräume angestrichen und mit Kindern gespielt haben, fahren sie in einer wahren Gewalttour in drei ganzen Tagen über Polen und Berlin wieder zurück nach Saarbrücken, um kurz danach wieder nach Hause zu fliegen. Das ganze nennt sich "Mission Trip" eine Art Arbeitseinsatz. Wäre das nicht einfacher gegangen? Wäre den Litauern nicht mehr geholfen, wenn man ihnen einfach das Geld, das diese ganze Reise kostete, überwiesen hätte? Rein rechnerisch mag das vielleicht stimmen. Wozu also dieser ganze Aufwand und was haben Saarbrücken und Blankenfelde damit zu tun?

Seit den Fünfziger Jahren gibt es eine Partnerschaft zwischen den evangelischen Kirchengemeinden St. Johann und Blankenfelde. Zur Zeit des Eisernen Vorhangs bestand diese vor allem darin, daß von Saarbrücken aus Hilfspakete "in die DDR" geschickt wurden. Nach der Wende war Hilfe dieser Art nicht mehr nötig. So kam also die Idee, daß beide Gemeinden zusammen andere unterstützen. Man wollte die Brücke, die schon von Saarbrücken nach Blankenfelde reichte, weiter schlagen.

Man begann damit, gesammelte Spenden nach Bosnien zu schicken. Mit diesem Gedanken war man aber im Frühjahr 1994 nicht allein, und scheiterte an übervollen Zwischenlagern. Der zweite Versuch war schon erfolgreicher: Zusammen mit der Katholischen Gemeinde Blankenfelde wurde ein Hilfstransport für ein Krankenhaus in Litauens Hauptstadt Vilnius organisiert. Nach einigen Fahrten stellte sich das Problem, daß das Spendenaufkommen (Kleider Spielsachen, Haushaltsgeräte) nicht so richtig den Bedürfnissen eines Krankenhauses entsprach. Dort brauchte man eher Röntgengeräte, Medikamente und medizinische Apparate.

Trotzdem, Litauen hatte es den Blankenfeldern angetan und es ist auch relativ einfach zu erreichen. Es mußten also nur Partner gefunden werden. Schließlich kam über die Litauenbeauftragte der EKD der Kontakt mit dem Diakonieprojekt "Sandora" in Kretinga zustande. "Sandora" betreibt unter anderem eine Kleiderkammer , unterstützt ein Kinderheim an der litauisch-lettischen Grenze, verteilt gespendete Medikamente und kümmert sich um Bedürftige im Ort. Bei den nun regelmäßig durchgeführten Fahrten nach Kretinga geht es bald schon nicht mehr vorrangig um materielle Hilfe, sondern um Begegnung und Austausch zwischen Freunden.

Genau das ist auch der Kern des seit einigen Jahren bestehenden Kontaktes zwischen der Evangelischen Kirchengemeinde St. Johann und der Columbine United Church in Littleton bei Denver, Colorado, die relmäßig aktiv bei Arbeitseinsätzen im In- und Ausland teilnimmt. Als im September 1998 eine 14köpfige Gruppe aus Saarbrücken in Littleton war, kam die Idee auf, gemeinsam mit Jugendlichen eine 'Fahrt nach Litauen zu unternehmen. Das ganze sollte ein Hilfseinsatz werden nach dem Vorbild von "Habitat for Humanitas".

Diese Idee reifte dann fast ein Jahr lang und wurde schließlich Anfang August Realität. Sechzehn Leute aus Littleton, vier aus Saarbrücken und sieben aus Blankenfelde machten sich am 3. August um fünf Uhr morgens von Berlin aus auf den Weg nach Rügen, um dort mit der Fähre über das baltische Meer nach Klaipeda in Litauen überzusetzen. Ziel der Reise war eine Schule in Kretinga. Sie war für 5 Tage Domizil und Stützpunkt und dort sollten zwei Klassenräume frisch gestrichen werden. Außerdem stand ein Besuch im Kinderheim von Laukzeme auf dem Programm.

Dieses Kinderheim am "Ende der Welt", das schon länger von "Sandora" und damit auch von unseren beiden Gemeinden unterstützt wird, beeindruckte die amerikanisch Gruppe ganz besonders. Das kleine Haus - ein ehemaliger russischer Kindergarten -, das in einem miserablen baulichen Zustand ist, bietet im Sommer 25 Kindern ein geborgenes Zuhause. Im Winter können nur 10 Kinder bleiben, da nur ein Raum heizbar ist. Die Betreuung wird mit viel Phantasie und Improvisation von Ehrenamtlichen durchgeführt. Alles ist sehr einfach, aber sauber und gemütlich. Eine französische Organisation und "Sandora" helfen mit Material und Einrichtungsgegenständen. Für alle Ausgaben müssen DM 400 im Monat reichen, ein Betrag, den manche unserer jungen Amerikaner locker nebenher für Überflüssiges wie Süßigkeiten, Limonade, und Eis ausgeben. Der Gegensatz zwischen den Gästen und den teils gleichaltrigen Laukzeme Kindern könnte nicht größer sein. Allen wurde klar, wie wenig wirklich notwendig ist, um einen harmonischen Kinderalltag zu schaffen.

An drei Vormittagen wurde gebastelt, gesungen und gemeinsam gespielt. Die Verständigung klappte gut, da die größeren litauischen Kinder, die zur Schule gehen, alle recht gut englisch sprechen.

Vier Tage verbrachte die bunte Reisegruppe so in Litauen. An den Nachmittagen ging es bei bestem Sommerwetter zur Kurischen Nehrung und an den schönen Badeort Palanga. Ein kurzer Besuch galt auch dem großen evangelischen Jugendlager, das zufällig zur gleichen Zeit stattfand.

Drei ganze Tage dauerte die Rückfahrt. Sie führte um die russische Enklave Kaliningrad herum, durch das Masurische Seengebiet in Polen nach Blankenfelde und schließlich nach Saarbrücken zurück. Dort kamen alle rechtzeitig an um am 11. August die totalen Sonnenfinsternis zu beobachten. Im Europäischen Kulturpark Reinheim hatte man auch mit viel Glück ein Wolkenloch erwischt.

Die Fahrt hat ihren Zweck mehr als erfüllt. Mag sein, daß es verglichen mit einem Hilfstransport wenig Greifbares für die Menschen in Litauen gebracht hat. Auf jeden Fall war diese Reise aber der Anfang eines längerfristigen Kontakts, der von Kretinga über Blankenfelde, Saarbrücken nun schon bis nach Denver reicht. Im kommenden Jahr ist schon der Besuch einer gemischten Europäischen Jugendgruppe zu einem Mission Trip in USA geplant. Die Reise wird dann von den neuen Freunden aus Littleton organisiert.

Die Reise wäre übrigens nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung des Diakonischen Werks an der Saar sowie den evangelischen Kirchengemeinden St. Johann und Brebach-Fechingen, die einen PKW-Kombi und zwei Kleinbusse mit auf die Reise schickten. Auch einige Gemeindeglieder von St. Johann haben durch Spenden die Renovierungsarbeiten ermöglicht. Hier klafft allerdings noch ein Finanzloch. Last but not least gilt der Telekom besonderer Dank für die Stiftung eines Computers. Dieser soll, dem Sandoraprojekt in Zukunft Zugang zum Internet ermöglichen, nicht zuletzt damit Deutsche, Amerikaner und Litauer per Email den Kontakt untereinander pflegen können.

Johannes Mueller

Spendenkonto: Ev. Kirchengemeinde St. Johann, Nr. 30 5555.00.09, Volksbank Dudweiler BLZ 590 920 00, Stichwort: "Litauen"

Mehr dazu in http://www.ekir.de/st.johann/lmk/