TelefonSeelsorge Düren
   
   
 

Jahresbericht

Man sieht durch die Wörter immer die Seele. Virginia Woolf

 

TelefonSeelsorge - mehr als ein Markenname

Seit 1999 ist der Name TelefonSeelsorge geschützt. Als Markenname. Das war leider nötig, weil sich findige Werbeleute den guten Namen der TelefonSeelsorge für ihre Zwecke zu eigen machen wollten.

Seit über 50 Jahren arbeitet die TelefonSeelsorge in Deutschland unter diesem Namen und das hat nicht nur mit der Tradition zu tun. Sie hat sich nicht umbenannt in "Telefonberatung" oder "Krisentelefon", sondern hält ganz bewusst an diesem in die Jahre gekommenen Wort "Seelsorge" fest. In ihrem Logo schreibt sie das Wort Seelsorge mit großem S und zeigt damit, dass "bei uns Seelsorge groß geschrieben" wird.

In unserem Jahresbericht gehen wir der Frage nach, was es bedeutet, TelefonSeelsorge zu heißen. Warum wir ganz bewusst an diesem Namen festhalten und uns als einen wichtigen und unverzichtbaren Baustein in der Seelsorgearbeit der beiden Kirchen verstehen.

Seelsorge, "Sorge für die Seele", verstehen wir in einem ganzheitlichen Sinn. Es geht um den ganzen Menschen - nicht nur einen bestimmten Teil von ihm, "Seele" genannt. Menschen in ihren vielfältigen Lebensbezügen stehen im Blickpunkt. Es geht um ihre Lebensthemen und Fragen, um Glücksmomente und Krisen, um Freude und Frust, Trauer und Lust.

Indem diese Vielfalt des Lebens zur Sprache kommt, schwingt in zahlreichen Seelsorgegesprächen auch die religiöse Dimension mit. Gar nicht so selten wird sie auch offen angesprochen. Ein Raum öffnet sich für die Frage nach dem, "Was uns unbedingt angeht" (Paul Tillich). Oder wie es der zeitgenössische Berliner Theologe Wilhelm Gräb in Bezug auf die christliche Religion ausdrückt: "Das Symbol des Kreuzes bringt die wider-sprüchlichen Erfahrungen - von Schuld und Vergebung, Tod und Leben - in den Horizont einer auf letzte Gedanken ausgreifenden Lebensdeutung."

"Lebensdeutung", der Versuch, sein Leben in Sprache zu fassen, nach Worten zu suchen für das, was kaum aussprechbar ist und Geschichten seines Lebens zu (er)finden und zu erzählen: das braucht ein Gegenüber. Die Seelsorgerin, den Seelsorger am Telefon, der aufmerksam und wach zuhört, und hilft Bilder, Symbole, Geschichte, überhaupt erst eine Sprache zu finden, die dazu verhilft, das Erlebte zu integrieren.
So dass sich beide Anrufer und Seelsorgerin vergewissern, dass "wir unser Leben aus der Gründung in einem Unbedingten, einer absoluten Realität führen".

TelefonSeelsorge in einem ganzheitlichen Sinne bedeutet dann aber auch für die Seele der Seelsorgerinnen und Seelsorger Sorge zu tragen. Sie mit ihren Erfahrungen und Geschichten nicht alleine zu lassen, mit dem was sie persönlich mitbringen und mit dem, was sie in der Seelsorge am Telefon erleben. Auch dieser Aspekt wird uns zunehmend wichtig und braucht Ausdruck in Seelsorge und Supervision, aber auch in spiritueller Fortbildung und liturgischen Formen.

Wo suchen?
"Dein Irrtum ist, dass du Gott außerhalb von Dir suchst",
sagte der Meister.
"Soll ich ihn in meinem Inneren suchen?"
"Siehst Du nicht, dass dein Inneres außerhalb von Dir ist?"
erwiderte der Meister.
A. De Mello

 

 

 

 

TelefonSeelsorge - mehr als ein Seelsorge-Geschäft

Das Nachdenken über Seelsorge und Religion lässt sich erweitern und bereichern um den Begriff der Kompetenz, wie bei dem Trierer Theologen Wahl eindrücklich zu lesen ist . Ausgehend von Lévinas` Buchtitel "Wenn Gott ins Denken einfällt" stellt er dem Leser die Fragen: "Wie kommt Gott konkret in das seelsorgerliche Handeln der Kirche? Was muss getan werden, damit Gott für die Menschen ausdrücklich vorfindlich wird?"

Er rückt ab von der Art der Fragestellung und den Untersuchungsergebnissen, wie sie von den organisations- und kirchenberatenden "McKinseys" für das "Kerngeschäft" der Kirche vorgelegt worden sind. Stattdessen bestimmt er gemeinsam mit der Autorin Pohl-Patalong die religiöse Kompetenz wie folgt:

Wir müssen uns auf die Wahrnehmung der pluralen und oft diffusen Religiositäten einlassen und konstruktiv mit ihnen umgehen. So erlaubt er sich auch die Gegenfrage zu stellen: "Wie kommt denn die Seelsorge zu Gott bzw. in die Religion?" Dazu verdichtet er für die pastorale Kompetenz vor allem das Anforderungsprofil von OFFENHEIT.

Er fordert von der Seelsorge, in das Feld der modernen Religiositäten hineinzugehen, sie dürfe sich davor nicht scheuen, wenn sie die Menschen bei ihren Suchbewegungen begleiten wolle. Dabei gilt es, ihnen in der christlich motivierten Seelsorge die kirchlichen Sprachmuster nicht als alleingültige Ausdrucksform aufzudrängen. Ausdrücklich nimmt er damit keine relativistische Position ein, sondern eine relationale, die das Gegenüber, den Partner in der konkreten pastoralen Beziehung, wirklich ernst nimmt.

Des weiteren sind bei Wahl jene Momente beschrieben, in denen Gott ins seelsorgliche Handeln "einfällt" bzw. darin oder daraus auftaucht. Immer wieder legt er uns seine Gottesvorstellung des "Schon-drin-Seins" nahe und verweist auf Berdjajew's zugespitzte Äußerung: "Der Mensch ist unheilbar religiös". Gott gerät dort in die Pastoral, wo "ungeschützte Nähe" zum anderen Menschen wirklich zugelassen wird. Das verwundbare Ich des/der SeelsorgerIn wird dann von der eigenen Identitätsfixierung erlöst. Es ist befreit von seiner " Allergie gegen alles Andere und jeden Fremden".

Gott ereignet sich gerade dort, indem und wenn die Klage eines Menschen sein Gegenüber veranlasst, sich "unvernünftig zu öffnen", d.h. sich aussetzt, sich anbietet in passiv-sinnlicher Verwundbarkeit und Affizierbarkeit, denn die Klage ist das "Organ" jener schutzlosen Nähe. Diese Überzeugung findet sich auch in der psychoanalytischen Schule nach Winnicott, in der die haltende Beziehungsperson fähig sein soll, sich ge-brauchen zu lassen, sich aggressiv angehen zu lassen ohne sich zu rächen. Selbstverständlich ist damit weder eine masochistische noch eine depressive Grundhaltung gemeint!

Wahl ist sich sicher, dass Gott oder Religion dann nicht in unsere Seelsorge fällt und umgekehrt die Seelsorge dann nicht ins religiöse Feld kommt, wenn wir allzu schnell in Beratung oder Supervision dem eigenen Deutungswahn oder einer raschen, vermeintlichen Sinnfindung erliegen. Wir würden damit die Begegnungen um ihre religiöse Dimension bringen. Vielmehr geht es darum, ihnen neue Namen zu verleihen wie z.B.: " Ein Möglichkeitsraum" oder "der dritte Bereich des Schöpferischen".

Solche lebensspendenden Spielräume müssen wir - religiös gesehen - nicht aus eigenen Kräften schaffen, sondern uns ihnen "nur" öffnen und sie dadurch zur Entfaltung kommen lassen. Dann kann die oftmals verschüttete Religiosität "emergieren", kann sie auftauchen und sich kreativ einspielen. Unsere grundsätzliche Offenheit und Empathiefähigkeit vorausgesetzt, können wir darauf vertrauen, dass ein "pneumatisches Biotop" entstehen wird, das freilich mit der hier beschriebenen Kompetenz fortschreitend gepflegt werden will.

Wer mehr über die inhaltliche Arbeit der TelefonSeelsorge und die Zahlen lesen möchte, der kann sich die Jahresberichte

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