20 Jahre Atomreaktor-Katastrophe Tschernobyl
"Die Nacht war warm. Ich dachte, es sei das Dampfventil, das wir von Zeit zu Zeit hörten. Dann folgte sekundenschnell auf einen hellen, blauen Blitz eine enorme Explosion. Als ich zum Block hinüber sah, bemerkte ich, dass nur noch zwei Mauern standen. Ein, zwei Minuten danach begann es zu regnen. Ich dachte erst, das ist normaler Regen, aber als ich in ein nahe gelegenes Gebäude trat und in einen Spiegel blickte, sah ich, dass mein Gesicht mit Ruß bedeckt war. Es war keine Alarmsirene zu hören. Ich zog mein Hemd aus und wusch mich. Nach ungefähr zwanzig Minuten fühlte ich mich hundeelend ? meine Beine trugen mich nicht mehr, und dann verlor ich das Bewusstsein." (Aus: W. M. Tschernousenko, Tschernobyl die Wahrheit, 1991)
"Im Nachhinein zeigte sich, dass das Versuchsprogramm unzulänglich war, dass während der Durchführung des Versuchs unerwartete Bedingungen eintraten, und dass das Betriebspersonal auf ungeplante Weise in den Ablauf eingriff. Auf diese Weise geriet der Reaktor in einen Zustand, den niemand vorausbedacht hatte. Es kam zu einer so genannten "prompten Kritikalität", bei der die Leistung des Reaktors in sehr kurzer Zeit stark anwächst. (?) Dieser Vorgang lief innerhalb von etwa einer Zehntelsekunde ab. Durch die explosionsartige Energiefreisetzung wurden die oberen Verschlüsse der Druckröhren abgerissen. Es entstand ein so hoher Dampfdruck unter den 1.000 Tonnen schweren Abdeckplatten, die sich über dem Reaktorkern befanden, dass diese aus der Verankerung gerissen und in die Vertikale gestellt wurden." (Aus: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ? ein Gedenktag nach 20 Jahren Anlass zur Neu-Orientierung der Energiepolitik?, Heidelberg 2006)
20 Jahre Tschernobyl ? dieser Jahrestag ist ein Jubiläum, das nie hätte sein dürfen. Gerade deshalb ist Erinnerung notwendig.
Notwendig, weil 70.000 Menschen unmittelbar an den Folgen oder Spätfolgen des Reaktorunglücks starben, weil hunderttausende Menschen seit zwanzig Jahren und auf unabsehbare Zeit darunter leiden werden, weil Böden und Gewässer - die Grundlage des Lebens - in der Todeszone rund um Tschernobyl noch tausende Jahre verseucht sein werden. Erinnerung ist notwendig, weil das Vergessen längst eingesetzt hat und weiter um sich greift, weil Kernenergie durch die Hintertür mit Macht in das energiepolitische Denken eindringt, als Türöffner die Argumente "sichere" Energieversorgung und Klimaschutz. Manche sehen bereits eine Renaissance der Kernenergie am Horizont. Diskutiert werden verlängerte Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke. Hervorgehoben wird der angeblich so große Beitrag atomarer Energieerzeugung zur Versorgungssicherheit und zum Klimaschutz.
Ausgeblendet werden das nicht beherrschbare technische Risiko, die Endlichkeit der Uransreserven, die Gefahren der Plutoniumwirtschaft und die nach wie vor nicht geklärte Frage der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle.
20 Jahre nach Tschernobyl scheint es so, als wolle man den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Dürfen wir alles machen, was machbar ist? Ich denke: nein!
Das biblische Zeugnis lehrt: Chaos, Unheil und Verderben, treten immer dann auf, wenn Menschen aus dem lebensförderlichen Zusammenspiel der Schöpfung ausbrechen, wenn Menschen ihre potenzielle Fehlerhaftigkeit und Endlichkeit vergessen, kurz: wenn sie so sein wollen wie Gott.
Die biblischen Sagen z.B. vom Turmbau zu Babel oder der Sintflutgeschichte enthalten uralte Erinnerungen an einbrechende Katastrophen, wenn Menschen sich über Gott erheben.
Damit sind die aktuellen Fragen nach der Selbstbegrenzung, nach der Fehlerfreundlichkeit, nach der Reversibilität unseres Handelns aufgeworfen: Tschernobyl ist ein Lehrstück dafür, was geschieht, wenn Menschen sich nur noch auf sich selbst verlassen, allein auf Intelligenz und Technik setzen und dabei menschliche Begrenztheit und Fehlbarkeit ignorieren.
Das grundsätzliche Risiko der Kernenergienutzung befindet sich an der Schnittstelle von Mensch und Technik. Es liegt letztlich in der Unvollkommenheit und Irrtumsfähigkeit des Menschen begründet. Pointiert ausgedrückt: Das sog. "Restrisiko" der Kernenergie ist der Mensch! Der "sichere" Betrieb von Kernkraftwerken würde einen prinzipiell fehlerfreien Menschen erfordern, d. h. einen "neuen" Menschen. Nach christlicher Überzeugung ist dieser "neue Mensch" jedoch einer "neuen" Welt vorbehalten, die nicht in unseren Möglichkeiten liegt, sondern eine Verheißung Gottes ist.
Unserer Verantwortung vor Gott und für Mensch und Natur können wir daher nur gerecht werden, wenn wir auf Techniken ? wie die Kernenergie - verzichten, deren Anwendung durch menschliches Versagen zu unüberschaubaren und irreversiblen Folgen führen.
Die schreckliche Erfahrung von Tschernobyl und das wachsende Ausmaß der Umweltzerstörung mahnen uns, zu einem neuen Umgang mit unseren Möglichkeiten und Grenzen zu kommen, zu einem Handeln in Solidarität mit Mitmenschen und Mitwelt.
Wenn wir der Verheißung unseres Glaubens, der Verheißung eines kommenden Reiches der Gerechtigkeit vertrauen, dann kann und darf nicht unser Lebensmotto sein: "Und nach uns die Sintflut!".
Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat (Gal. 5.1), ist eine Freiheit zur Selbstbegrenzung. Eine Selbstbegrenzung, die die Würde und die Freiheit anderer Menschen, zukünftiger Generationen und die Bewahrung der Schöpfung zum Maßstab hat.
"Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." (5. Mose 5,6f) - so lautete die Losung im Tschernobyljahr 1986.
Wenn der Mensch sich gottgleich wähnt, glaubt, alles zu beherrschen, seine eigene Unvollkommenheit nicht annimmt, den Glauben an Gott durch den Glauben an sich selbst ersetzt, dann verlassen wir Gott und Gott verlässt uns in unserem Tun und unserem Handeln. Der Turmbau zu Babel, ein Symbol des Größenwahns und des Allmachtsstreben, ist ein wiederkehrendes Ereignis. Im Zeitalter der Atomtechnik geht er einher mit bisher ungekannten, zerstörerischen und tödlichen Auswirkungen.
"Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Die Jahreslosung 2006 spricht uns Mut zu: Gott wird uns nicht verlassen, wenn wir ihn nicht verlassen! Er ist bei uns und schenkt uns Kraft, zu widerstehen: gerade heute, wo das Risiko der Kernenergie verharmlost, Klimaschutz vernachlässigt und die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke verlängert werden sollen:
Tschernobyl darf sich nie wiederholen!
Quelle: www.ekvw.de, denk-mal zum 26.04.1996
Schon gelesen?
Politik und Bürgerwille
Mehrheit der Bundesbürger will mehr Engagement der Regierung beim Klimaschutz, ein Tempolimit und keine neuen Kohlekraftwerke Weiter...
Neues aus der Arbeit der Klima-Allianz
Einladung zum Multiplika- torenworkshop Klima- Aktiv - Information und Mobilisierung zum weltweiten Klima- Aktionstag 2007; Schwerpunkt: NRW Weiter...
Dritte Europäische Ökumenische Versammlung wird klimafreundlich organisiert
Klimakompensation für Flugreisen - Nahrungs- mittel aus der Region - Umweltmanagement- System für die Evang. Kirchengemeinde Sibiu/Hermannstadt Weiter...
Es ist nicht zu spät für eine Antwort auf den Klimawandel
Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat an Politik, Gesellschaft und Kirche appelliert, Verantwortung angesichts des Klimawandels zu erkennen und entschlossen zu handeln. Weiter...
FlugFairCare - ein kirchliches Kompensationsangebot
Flugverkehr beschleunigt den Klimawandel. Wer trotzdem auf eine Flugreise keinesfalls ... Weiter...
Dramatische Hilferufe aus den Tropen
"Immer mehr Umweltgruppen aus den Tropen richten sich mit dramatischen Hilferufen zum Thema Bioenergie an uns ..." Weiter...
(nach)gedacht
Wie kann die Menschheit die nächsten 100 Jahre überleben?
Diese grundlegende Frage hat Stephen Hawking (Physiker, Bestseller-Autor von 'Eine kurze Geschichte der Zeit'), im Web-Portal Yahoo! gestellt. (Weblink zu einem Artikel auf www.nureinewelt.de) Weiter...
20 Jahre Atom- Reaktorkatastrophe Tschernobyl
"... zu einem neuen Umgang mit unseren Möglichkeiten und Grenzen zu kommen, zu einem Handeln in Solidarität mit Mitmenschen und Mitwelt." Weiter...
Das Restrisiko ist der Mensch!
"... Das grundsätzliche Risiko der Kernenergie- Nutzung befindet sich an der Schnittstelle von Mensch und Technik. Es liegt letztlich in der Fehlerhaftigkeit und Irrtumsfähigkeit des Menschen begründet." Weiter...
Was unterscheidet uns von Greenpeace?
Von Hoffnung, die sich nicht beirren lassen muss Weiter...
Gott in allen Dingen schauen
"...Öffne darum deine Augen, wende dein geistiges Ohr ihnen zu, löse deine Zunge und öffne dein Herz, damit du in allen Kreaturen deinen Gott entdeckest..." Weiter...
7 Regeln zum Umgang mit Gottes guter Schöpfung
Nachdenkliches, um Gottes Schöpfung achtsam zu behandeln (Weblink zu einem Artikel auf www.nureinewelt.de). Weiter...
