Kirche und Umwelt
 
 

20 Jahre Atomreaktor-Katastrophe Tschernobyl

26. April 2006

"Die Nacht war warm. Ich dachte, es sei das Dampfventil, das wir von Zeit zu Zeit hörten. Dann folgte sekundenschnell auf einen hellen, blauen Blitz eine enorme Explosion. Als ich zum Block hinüber sah, bemerkte ich, dass nur noch zwei Mauern standen. Ein, zwei Minuten danach begann es zu regnen. Ich dachte erst, das ist normaler Regen, aber als ich in ein nahe gelegenes Gebäude trat und in einen Spiegel blickte, sah ich, dass mein Gesicht mit Ruß bedeckt war. Es war keine Alarmsirene zu hören. Ich zog mein Hemd aus und wusch mich. Nach ungefähr zwanzig Minuten fühlte ich mich hundeelend ? meine Beine trugen mich nicht mehr, und dann verlor ich das Bewusstsein." (Aus: W. M. Tschernousenko, Tschernobyl die Wahrheit, 1991)

Das biblische Zeugnis lehrt: Chaos, Unheil und Verderben, treten immer dann auf, wenn Menschen aus dem lebensförderlichen Zusammenspiel der Schöpfung ausbrechen, wenn Menschen ihre potenzielle Fehlerhaftigkeit und Endlichkeit vergessen, kurz: wenn sie so sein wollen wie Gott.

Die biblischen Sagen z.B. vom Turmbau zu Babel oder der Sintflutgeschichte enthalten uralte Erinnerungen an einbrechende Katastrophen, wenn Menschen sich über Gott erheben.

Damit sind die aktuellen Fragen nach der Selbstbegrenzung, nach der Fehlerfreundlichkeit, nach der Reversibilität unseres Handelns aufgeworfen: Tschernobyl ist ein Lehrstück dafür, was geschieht, wenn Menschen sich nur noch auf sich selbst verlassen, allein auf Intelligenz und Technik setzen und dabei menschliche Begrenztheit und Fehlbarkeit ignorieren.

Das grundsätzliche Risiko der Kernenergienutzung befindet sich an der Schnittstelle von Mensch und Technik. Es liegt letztlich in der Unvollkommenheit und Irrtumsfähigkeit des Menschen begründet. Pointiert ausgedrückt: Das sog. "Restrisiko" der Kernenergie ist der Mensch! Der "sichere" Betrieb von Kernkraftwerken würde einen prinzipiell fehlerfreien Menschen erfordern, d. h. einen "neuen" Menschen. Nach christlicher Überzeugung ist dieser "neue Mensch" jedoch einer "neuen" Welt vorbehalten, die nicht in unseren Möglichkeiten liegt, sondern eine Verheißung Gottes ist.

Unserer Verantwortung vor Gott und für Mensch und Natur können wir daher nur gerecht werden, wenn wir auf Techniken ? wie die Kernenergie - verzichten, deren Anwendung durch menschliches Versagen zu unüberschaubaren und irreversiblen Folgen führen.

Die schreckliche Erfahrung von Tschernobyl und das wachsende Ausmaß der Umweltzerstörung mahnen uns, zu einem neuen Umgang mit unseren Möglichkeiten und Grenzen zu kommen, zu einem Handeln in Solidarität mit Mitmenschen und Mitwelt.

Wenn wir der Verheißung unseres Glaubens, der Verheißung eines kommenden Reiches der Gerechtigkeit vertrauen, dann kann und darf nicht unser Lebensmotto sein: "Und nach uns die Sintflut!".

Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat (Gal. 5.1), ist eine Freiheit zur Selbstbegrenzung. Eine Selbstbegrenzung, die die Würde und die Freiheit anderer Menschen, zukünftiger Generationen und die Bewahrung der Schöpfung zum Maßstab hat.

"Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." (5. Mose 5,6f) - so lautete die Losung im Tschernobyljahr 1986.

Wenn der Mensch sich gottgleich wähnt, glaubt, alles zu beherrschen, seine eigene Unvollkommenheit nicht annimmt, den Glauben an Gott durch den Glauben an sich selbst ersetzt, dann verlassen wir Gott und Gott verlässt uns in unserem Tun und unserem Handeln. Der Turmbau zu Babel, ein Symbol des Größenwahns und des Allmachtsstreben, ist ein wiederkehrendes Ereignis. Im Zeitalter der Atomtechnik geht er einher mit bisher ungekannten, zerstörerischen und tödlichen Auswirkungen.

"Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht." Die Jahreslosung 2006 spricht uns Mut zu: Gott wird uns nicht verlassen, wenn wir ihn nicht verlassen! Er ist bei uns und schenkt uns Kraft, zu widerstehen: gerade heute, wo das Risiko der Kernenergie verharmlost, Klimaschutz vernachlässigt und die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke verlängert werden sollen:

Tschernobyl darf sich nie wiederholen!

Klaus Breyer
Quelle: www.ekvw.de, denk-mal zum 26.04.1996

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