Internationaler Handel mit Bioenergie
Große Möglichkeiten, aber auch große Risiken
Wo Nahrungsmittel aus dem Süden importiert werden, profitieren die Exportländer von den Erlösen, die Konsumenten hier von den günstigeren Anbaubedingungen im Süden. Andererseits können dadurch Landwirte hier einer übermächtigen Konkurrenz ausgesetzt werden, und in den Exportländern werden Kleinbauern von ihrem Land verdrängt und Primärwälder unwiederbringlich abgeholzt. Ähnliches ist zu erwarten, wenn Biomasse aus dem Süden als Energiequelle importiert wird. Nicht erst seit ein Fass Öl 60 US$ kostet, aber jetzt erst recht wächst der internationale Markt für Biomasse. Die Folgen, positiv wie negativ, sind erheblich. Wenn nicht die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt werden, kommt es u. a. zur Konkurrenz zwischen Nahrung für die Armen im Süden und Energie für die Reichen im Norden. Um so wichtiger ist es, dass wir uns jetzt schon damit beschäftigen und dass die christlichen Kirchen, besonders die kirchlichen Hilfswerke, die Entwicklung aufmerksam verfolgen.
Von Visionen aus 1980 bis zu aktuellen Entwicklungen
50 Mio. tSKE Energie sollten im Jahr 2030 in Deutschland aus Biostoffen stammen, die Hälfte der insgesamt eingesetzten Energie und mehr als alle anderen erneuerbaren Energien zusammen genommen. So stellten es sich Krause et. al. 1980 als möglich vor in ihrem Buch "Energiewende". Danach ist es ziemlich still geworden um die Energiegewinnung aus Biomasse. Windenergie, Photovoltaik, Solarthermie hießen seitdem die Schlagworte. Inzwischen hat sich das Bild geändert. Die Chancen der Biomasse werden wieder hoch gehandelt. Das gibt neue Möglichkeiten für deutsche Land- und Forstwirte, öffnet aber auch neue Exportmöglichkeiten für die Länder des Südens.
Schon bisher wurde weltweit mit Äthanol und Palmöl gehandelt. Aber jetzt entwickelt sich ein regelrechter Boom. Dafür einige Beispiele:
- In Rotterdam wird ein eigener Hafen gebaut für den Import von Holzpellets aus Russland als Brennstoff für Kraftwerke, während dort Pelletfabriken mit einer Produktionskapazität von 1/4 Mio t pro Jahr hochgezogen und spezielle Frachtschiffe auf Kiel gelegt werden.
- In Indonesien sollen in den nächsten drei Jahren auf drei Mio. ha neue Palmölplantagen angelegt werden vor allem für den Export von Biokraftstoffen.
- In Brasilien soll der Anbau von Zuckerrohr für Äthanol als Benzinersatz bis 2013 um 2,3 Mio ha erweitert werden, zum größeren Teil für den eigenen Markt, aber auch für den Export.
Welche Möglichkeiten bietet die Biomasse als Energielieferant?
Etwa 10% des Weltenergieverbrauchs stammt heute aus Bioenergie. In armen ländlichen Regionen des Südens ist sie die wichtigste Energiequelle, in den OECD-Ländern dagegen deckt sie gerade einmal 3% des Verbrauchs. Die Schätzungen über ihr Potential für die Zukunft gehen extrem weit auseinander. So rechnet das Ökoinstitut mit einem Potential von 20% des gegenwärtigen Weltenergieverbrauchs. Andere Schätzungen gehen bis zum Vierfachen dieses Verbrauchs.
Welche Folgen hat der weltweite Handel mit Bioenergie?
Zunächst sehr positive:- Hier ergibt sich eine Möglichkeit, einen erhebliche Teil des weltweiten Energiebedarfs zu decken, und zwar an den jeweils günstigsten Standorten für die Gewinnung von Biomasse.
- Fossile Brenn- und Kraftstoffe werden ersetzt und klimaschädigende Emissionen vermieden.
- Die Erzeugerländern im Süden mindern ihre Abhängigkeit von Erdölimporten oder/und gewinnen eine wichtige Exportquelle. Zugleich können viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden.
- "(Denn) damit erreicht die Globalisierung des Handels nicht nur die Nahrungsmittel, sondern auch die Bioenergieträger. Die Armen in Afrika konkurrieren so mit den Wohlhabenden im Norden nicht nur um Nahrung, sondern auch um Energie. Das beheizte Schwimmbad in Europa konkurriert so mit dem Feuerholz für die Nahrungszubereitung in Afrika." So schreibt ein Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ.
- Noch gravierender: Der Biomasseanbau konkurriert mit dem Anbau von Nahrungsmitteln. Der Biomasseexport wird zum Konkurrenten der Versorgung der Armen mit Nahrungsmitteln.
- Riesige Plantagen mit Zuckerrohr, Soja oder schnellwachsenden Hölzern verdrängen die Kleinbauern (siehe z.B. den Artikel von Norbert Suchanek "Umweltzerstörung durch Bioalkohol").
- Sie verdrängen ebenso die Urwälder. Schon jetzt gilt in Brasilien: Wenn der Sojapreis steigt, steigt auch die illegale Rodung der Wälder.
- Durch die Plantagenwirtschaft können Böden erodieren und das Oberflächenwasser kontaminiert werden.
Konsequenzen
Erneuerbare Energie ist kostbar. Auch erneuerbare Energie aus Biomasse ist kostbar, selbst wenn sie, in den Ländern des Südens gewonnen, uns hier in Deutschland nicht viel kostet. Es ist wie mit anderen landwirtschaftlichen Produkten aus dem Süden: Wenn sie bei uns billig sind, haben sie Menschen und Umwelt am anderen Ort viel gekostet.
Folgerungen für
a) die Gewinnung von Bioenergie:
- Es muss ein Zertifikat eingeführt werden vergleichbar z. B. dem FSC-Siegel für Holz, das eine sozial und ökologisch verträgliche Gewinnung der Biomasse garantiert. Solche Zertifikate werden diskutiert. So gibt es bei der Internationalen Energieagentur IEA eine Arbeitsgruppe zum Thema Sustanable International Bioenergy Trade. Umweltverbände befassen sich mit der Entwicklung von Kriterien. Ein Positionspapier des Forum Umwelt & Entwicklung findet man unter www.forumue.de/ -> Positionspapiere.
- Dieses Zertifikat sollte nicht nur der Orientierung der Verbraucher dienen, sondern seine Kriterien sollten Bedingung für den Export und Import von Bioenergie sein.
b) die Nutzung von Bioenergie:
- Vor ihrem Einsatz müssen die Möglichkeiten zum Energiesparen ausgeschöpft werden, auch wenn sie im Vergleich teurer sind.
- Bioenergie sollte primär da eingesetzt werden, wo sie den größten Energienutzen bringt. In der Regel sind das Kraft-Wärme-gekoppelte Anlagen. Als Treibstoff ist Bioenergie zu kostbar, jedenfalls solange die technischen und organisatorischen und Verhaltens-Einsparpotentiale nicht genutzt sind.
Ulrich Denkhaus
Wetzlar, 3.10.2005
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