Essenberger Erklärung zum ökologischen Auftrag der christlichen Gemeinde
"Die Erde gehört Gott und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnt".
(Psalm 24,1)
Sie ist dem Menschen auf Zeit anvertraut und wartet auf die Weitergabe an die folgenden Generationen.
Im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist es eine vorrangige kirchliche Aufgabe, darauf hinzuwirken, dass der Lebensraum Erde vor zerstörerischen Angriffen der Menschen bewahrt bleibt und weitestgehend Heilung erfährt.
Wir, die in Essenberg zum MITWELTTAG am 11.9.1994 versammelten Christinnen und Christen, wollen Ernst machen mit der Verpflichtung zu einem Prozess schöpfungsgemäßen Handelns auf allen kirchlichen Ebenen.
Wir bekennen uns zum ökologischen Auftrag der christlichen Gemeinde.
Dieser ökologische Auftrag bedingt einen anderen Umgang mit den natürlichen Grundlagen des Lebens. Dies heißt für uns:
1. Gottes Schöpfung wahrnehmen, die Umwelt als Mitwelt entdecken und über sie staunen lernen.
"Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut".
(1. Mose 1, 31)
Wir wollen lernen, Gottes Schöpfung mit wachen Sinnen wahrzunehmen und über die Vielfalt des Lebens zu staunen.
Nur zu oft gehen wir mit Gottes Schöpfung um wie mit einem Baukasten, ohne die Folgen unseres Tuns abzuschätzen:
- wir setzen chemische und radioaktive Substanzen frei;
- wir verändern das Weltklima, gefährden unsere Gesundheit und die unserer Kinder,
- wir manipulieren jetzt auch noch mit der Gentechnologie Pflanzen, Tiere und Menschen.
Staunen über Gottes Gabe kann die Mitwelt vor zu schnellen nutzorientierten Zugriffen bewahren. Es muss als bleibende Einstellung zur Welt unsere Verantwortung und unser glaubwürdiges Handeln bestimmen.
2. Verantwortung wahrnehmen und glaubwürdig handeln
"Tu den Mund auf für die Stummen und die Sache aller, die verlassen sind." (Sprüche 31,8)
Verantwortung wahrnehmen heißt für uns Anwaltschaft übernehmen
- für die Opfer unseres verschwenderischen Wirtschaftens in der "Dritten Welt" (CO2 Emissionen hier - Überschwemmungen in Bangladesch, Getreide aus Afrika als Viehfutter in Europa ...)
- für die Opfer der ökologischen Krise auch vor der eigenen Haustür (Krebs, Allergien, Pseudokrupp...)
- für die nachfolgenden Generationen (Rohstoffverbrauch, Altlasten, Abholzen von Wäldern...)
- für die Bürgerinnen und Bürger in der politischen Auseinandersetzung mit den "Mächtigen" /Verbrennungsanlagen, Großkraftwerke, neue Autobahnen, Tagebau...)
- für die Mitgeschöpfe (Massentierhaltung, Tierversuche, Gentechnologie, Zerstörung der Lebensräume)
Wir verteufeln nicht Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik. Wir wollen vielmehr Mut machen, Verantwortung zu übernehmen zur Bewahrung der Erde als Lebensgrundlage.
Glaubwürdig handeln heißt für uns, die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche wahrzunehmen und zu nutzen. Ihrem Handeln und Wirtschaften kommt dabei eine Vorbildfunktion zu. Zum Beispiel:
- Energie und Rohstoffe sparsam einsetzen (Heizung, Bauwesen, Papierverbrauch ..)
- Abfälle so weit wie möglich vermeiden (Verpackungen, Einweggeschirr...)
- Verzicht auf Einsatz umweltgefährdender Stoffe (Farben, Reinigungsmittel...)
- Autoverkehr auf das notwendige Maß einschränken (Fahrrad, ÖPNV bei Dienstfahrten, sanfter Tourismus...)
- Außenanlagen möglichst natürlich gestalten (Flächenentsiegelung, Lebensraum für einheimische Tiere und Pflanzen ...)
- Mitgeschöpflichkeit umsetzen in Verbrauchsverhalten (Fleischkonsum, tiergerechte Haltung...)
- "als Träger öffentlicher Belange" sich aktiv an kommunaler Umweltpolitik beteiligen (Flächennutzungspläne, Öffentlicher Personen-Nah-Verkehr / ÖPNV...
Zum glaubwürdigen Handeln gehört auch eine ökologische Bilanz, in der das Presbyterium selbst die Verträglichkeiten des eigenen gemeindlichen Handelns für die Mitwelt und zukünftiges Leben auf der Erde überprüft (entsprechendes gilt für Gremien der Kirchenkreise, der Landeskirche sowie anderer kirchlicher und diakonischer Einrichtungen).
Unserer Verantwortung und unserem Handeln entsprechen grundlegende Aussagen und Bekenntnisse unseres Glaubens:
"Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünde ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen." (Barmer Theologische Erklärung II)
Im Vertrauen auf diese befreiende Kraft setzen wir der gottlosen Zerstörung von Leben und Lebensräumen entschieden Widerstand entgegen und nehmen alles Lebendige in Schutz.
"... und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und bewahrte."
(1. Mose 2, 15)
Auch 1. Mose 1,28: Macht euch die Erde untertan (wörtlich: stellt sie unter euren Fuß) meint eine Schutzgeste: Nehmt sie unter eure Fittiche.
Das Apostolische Glaubensbekenntnis zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, beinhaltet auch die Selbstverpflichtung des Menschen zur Diakonie an der Schöpfung.
In Jesus Christus ist der Mensch "nach dem Bild des Schöpfers zur Erkenntnis erneuert" (Kol 3,10) und damit erneut in die Gemeinschaft der Mitgeschöpfe gestellt "auf die Hoffnung hin, dass auch das Geschaffene selbst befreit werden wird von der Knechtschaft des Verderbens zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes"
(Römer 8, 21)
So hat die christliche Gemeinde in der Welt ein Zeichen zu sein, ein Hinweis auf die kommende Befreiung, sie hat in Ehrfurcht vor den Mitgeschöpfen diese zu schützen und Ihre Lebensräume zu bewahren.
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