Kirche und Umwelt
 
 

Was unterscheidet uns von Greenpeace?

Bei einem Treffen der rheinischen Kirchenkreis-Umweltbeauftragten stellte einer der Teilnehmer die Frage: "Was unterscheidet uns eigentlich von Greenpeace?" Und er erzählte, wie er am Ende bei einem Wort hängen geblieben ist, das in jedem Gottesdienst gesagt wird: Gott "lässt das Werk seiner Hände nicht fahren". Ihm sagt dieses Wort soviel, daß er es als entscheidendes Motiv in seine Internet-Seite schreiben will.

Was sagt es mir? Was kann ich nach 25 Jahren Umweltarbeit sagen? "Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück." So habe ich unser Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung erlebt. Seit den 70er Jahren gab es in Deutschland eine wachsende Bewegung für Umweltschutz, auch unter Christen und in Kirchengemeinden. Es war schön, immer mehr Gleichgesinnte zu finden. Und es ging ja auch vorwärts. Blei verschwand aus dem Benzin, Ruß und SO2 kam kaum noch aus den Kaminen, sehr viele Atomkraftwerksbauten wurden verhindert oder wenigstens verzögert, für die gebauten hohe Sicherheitsstandards durchgesetzt, der Gedanke der Energieeffizienz verbreitete sich, erneuerbare Energien wurden geradezu zum Modewort.

Aber was bedeutet das alles gemessen an der Aufgabe, die Erde für unsere Enkel so zu bewahren, wie sie uns überkommen ist? Wieviele Arten sind in den letzten Jahrzehnten ausgestorben, wieviele Urwälder abgeholzt worden, wieviel Ackerland ist unfruchtbar geworden, wieviel Grundwasser verseucht oder abgepumpt, wieviel Treibhausgas in die Atmophäre geschickt? Zwar wurden neue Techniken für eine nachhaltigere Lebensweise entwickelt, aber auch für unumkehrbare Eingriffe in die Natur und für immer ressourcenschluckendere Konsumangebote. Vor allem, die Schrift drohenden Unheils steht unübersehbar an der Wand: Der menschenverursachte Klimawandel hat unwiderruflich begonnen.

"Schöpfung bewahren"? Ein schönes Wort. Die Realität ist anders. Nun war und ist, denke ich, unter Christen klar: Nicht wir bewahren die Schöpfung. Wenn überhaupt, dann Gott selber und wir nur als seine Mitarbeiter. Das heißt: Wir sind auch nicht für den Erfolg verantwortlich. Aber wenn wir sehen: Rückschritt statt Erfolg? Wo ist dann die Bewahrung?

Oft haben wir uns an das Bibelwort erinnert: "Ich will in Zukunft nicht mehr schlagen, was lebt... Es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." Das klingt tröstlich, beruhigend. Aber da bleiben noch Fragen.

Hindert Gott uns Menschen, selber zu "schlagen, was lebt"? Auch wenn dank unserer Aktivitäten das Grönlandeis schmilzt und der Meeresspiegel um viele Meter steigt, der grundlegende Rhythmus der Natur wird davon nicht angetastet, allenfalls bei Saat und Ernte.

"Gott bewahrt die Schöpfung." Das hat Meteoriteneinschläge und das Aussterben sehr vieler Arten nicht verhindert, nur der Evolution eine neue Richtung gegeben. Muss "Gott bewahrt die Schöpfung" denn wirklich heißen, daß die Bedingungen für das Leben von Menschen auf der Erde so bleiben, wie wir sie kennen und wünschen?

Zudem, es gibt jüdische und christliche Tradition, die die Geschichte als einen von Gott gewollten Weg in eine endzeitliche Katastrophe sieht. Viele Christen fühlen sich durch die heutigen Katastrophenszenarien in solcher Sicht bestätigt.

Wo stehe ich selber? Ich kann nicht mehr unreflektiert sagen: Gott bewahrt seine Schöpfung, soll heißen: Es wird für die Menschheit schon nicht so schlimm kommen. Nicht nur die Erfahrung spricht anders.

Auch das habe ich in den Jahren zu buchstabieren gelernt: Auf die Geschichte Jesu muss sehen, wer erfahren und verstehen möchte, wie Gott ist, was er tut. Die zeigt zuerst: Gott ist gerade nicht einer, der den Menschen mit Gewalt in den Arm fällt. Vielmehr lässt er es durchaus geschehen, daß der "verlorene Sohn" bei den Schweinen landet. Die Menschheitsgeschichte zeigt das auch deutlich genug. Warum sollte es in Zukunft anders sein?

Aber nun wird in jedem Gottesdienst gesagt: Gott "lässt das Werk seiner Hände nicht fahren". Und in der Tat, man kann kaum deutlicher sagen, was die Geschichte Jesu ausmacht: Gott lässt das Werk seiner Hände nicht fahren. Der Vater lässt den verlorenen Sohn nicht einfach laufen. Er folgt ihm in Gedanken, gibt seine Würde auf, läuft ihm entgegen aus einer geöffneten Tür. So widersinnig es ist, Gott ist gerade da am aktivsten, wo er scheinbar am passivsten ist. Von dem gottverlassen verendeten Jesus sagen die ersten Christen: "Den hat Gott auferweckt." Er war und ist in dieser Geschichte drin.

Was heißt das für heute? Was unterscheidet uns damit von Greenpeace? In einer Morgenandacht (Dr. Hermann Schalück) wurde kürzlich an Jesu Gleichnis vom Bauern erinnert, der nach der Saat "schläft und aufsteht Nacht und Tag, und der Same wird groß und bringt Frucht, er selbst weiß nicht, wie." Ein Bild für Wartenkönnen, auch wenn gilt: "Er selbst weiß nicht, wie". "Das Bild vom Sämann öffnet gerade in unserer turbulenten Zeit Perspektiven", hieß es in der Andacht. "Auch und gerade angesichts aller Gewaltbereitschaft .... ist vieles vom Samen des Reiches Gottes, seiner Gerechtigkeit und seines Friedens im Wachsen begriffen. .....Und dies ist das eigentliche Wunder: Gott ist in unserem Leben anwesend."

Dann ist es nicht nur Sturheit oder - positiv gesehen - Tapferkeit, sondern begründete Geduld, sich weiter einzusetzen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Unsere Perspektive reicht weiter als bis zu nachweisbaren Fakten. "Gottes künftige Welt schlägt auch Wurzeln in unserem grau erscheinenden Alltag. Nichts ist ohne Bedeutung. Wer scheitert, ist nicht am Ende. Wer stirbt, geht nicht verloren. Es mag kalter Winter sein. Aber die Knospen wissen es besser: Jahr für Jahr springen alle Knospen auf und fangen an zu blühen." (Präses Alfred Buß)

Ulrich Denkhaus

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