Aktuelles Thema

Zum Konflikt um das Duisburger WERA Forum und seinen Leiter

mehr
Veranstaltungen

Hier finden Sie Hinweise auf interessante Vorträge, Ausstellungen, Seminare u.v.a.m. zum Thema Sekten und Weltanschauungen in unserer Region.

mehr
Literatur- empfehlung
Literatur- empfehlung

Andreas Fincke,
Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus in Deutschland

Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2017
148 Seiten
ISBN  9783865692818

1. Auflage

16,00€

mehr
Kleine magische Alltagskunde

Freitag, der 13. - bringt dieser Tag Unglück? Oder nur dann, wenn man ihn überhaupt bemerkt?

mehr
Service

Die Christlich-Essenische Kirche

Plastikblume im Garten Gottes

Der in den Medien mittlerweile konstatierte Boom neuer oder vermeintlich neuer Religiosität bringt neben ernsthaften spirituellen Suchbewegungen auch manche Merkwürdigkeit hervor.

Zu diesen Merkwürdigkeiten zählt eine Kirche, die jetzt gelegentlich in der Presse erwähnt wird und seinerzeit die Besucher des Kölner Weltjugendtages mit fröhlichen Frauen im katholischen Priestergewand überraschte: Die „Christlich-Essenische Kirche“, im folgenden kurz CEK genannt.

Nach der Selbstdarstellung im Internet (www.cek-int.org/de) wurde die CEK in Deutschland 1971 „auf der Basis des Urchristentums“ gegründet, und zwar von dem später als Reiki-Meister bekannt gewordenen gelernten Kaufmann Eckard Strohm; als Mitgründer werden anonym diverse Religionsvertreter genannt: „Ein Rabbiner, ein Lama, ein katholischer Erzbischof, zwei katholische Bischöfe, ein evangelischer Bischof und ein Imam.“. Man bezeichnet sich als „überkonfessionell“ und akzeptiert „alle Glaubensrichtungen als zu uns gehörig“ Die Zuordnung zu einer konkreten christlichen Konfession ist nicht erkennbar und auch nicht beabsichtigt; die CEK sieht kein Problem in einer etwaigen Doppelmitgliedschaft mit einer der herkömmlichen Konfessionen. Von den im Namen genannten Essenern heißt es an anderer Stelle, sie hätten Verbindung zu den Engeln gehabt, geistiges Heilen praktiziert und mit Tieren und Pflanzen zusammengearbeitet. Das klingt weniger nach den historischen Essenern als nach der in esoterischen Zirkeln nicht ungewöhnlichen Spiritualisierung der Natur. „Kommunikation mit den Engeln als Lebenshilfe“ zählt denn auch zum ausdrücklich genannten seesorglichen Angebot. Es werden Gottesdienste gefeiert, die sich ausweislich der Bilder im Internet (Altartisch, Messbuch, Kelch, liturgische Gewänder) an die katholische Messe anlehnen. In diesen Feiern, die „Gleichdenkenden aller Religionen“ offen stehen, soll die Liebe Gottes „in Form von lichtvoller Energie in Brot und Wein (alkoholfrei)“ einfließen und dann geteilt werden. Segen und Handauflegen sollen dem „Heilen von Körper, Seele und Geist“ dienen. Heilung soll auch ein spezielles Heilwasser bringen, das an der „Gnadenstätte“ Burg Raiffershardt im rheinischen Windeck-Werfen aus einem eigens gebohrten Brunnen fließt. Mehreren Menschen sei auf Burg Raiffershardt die Gottesmutter erschienen und habe auf dieses Heilwasser aufmerksam gemacht. Als Visionär namentlich genannt wird nur Eckard Strohm.

Ein Bekenntnis und viele Ämter

Die CEK betrachtet das Johannes-Evangelium als ihre heilige Schrift, allerdings nicht in der in allen christlichen Konfessionen gültigen Fassung. Vielmehr habe das Oberhaupt der Kirche, der Großerzbischof und Primash (sic) Pax Immanuel II. dieses Evangelium „nach Quellen altaramäischer und altgriechischer Schriften sowie apokrypher Texte“ neu geschrieben und um Fehlendes ergänzt. So werden z.B. mehrfach die (im Urtext nicht vorkommenden) Essener eingeführt. Auf dieser Grundlage ergibt sich ein eigenes Bekenntnis jenseits der altkirchlichen Bekenntnisse: „Unser Vater ist Gott, unsere Mutter die Erde, Jesus der Christus, Maria die Königin der Engel, die Engel unsere Schwestern und Brüder.“ Die CEK kennt zwei Arten von Taufe, die anscheinend aufeinander aufbauen: Die „Taufe mit heiligem Wasser“ sei ein Reinigungsritual, die „Taufe mit dem Heiligen Geist“ sei vergleichbar mit der Einweihung bei den Katharern und sei „hilfreich bei unseren irdischen Lernprozessen“ und stelle „eine Harmonie in diesen und in uns“ her. Eine Aufnahme in die Gemeinschaft sei damit nicht verbunden.

Oberhaupt der CEK ist der „Großerzbischof und Primash Seine Heiligkeit Pax Immanuel II“. Auf der deutschsprachigen Homepage wird er zwar im Bild gezeigt, nicht aber mit bürgerlichem Namen genannt. Ein link (www.pax-info.com) zu seiner persönlichen Homepage führt jedoch zum Namen Eckard Strohm sowie zu einer sehr legendarisch anmutenden Biographie, in der viel von paranormalen Fähigkeiten schon im frühen Kindesalter sowie von diversen esoterischen Heilkünsten die Rede ist.. Eigenen Angaben zufolge verfügt die CEK über Landeskirchen in Deutschland, Ungarn, der Slowakei, Spanien und der Schweiz. Der deutschen „Bischofskonferenz“ gehören 18 Mitglieder (männlich und weiblich) an, darunter 6 Erzbischöfe, 4 Bischöfe, 6 Titularbischöfe, 1 Äbtissinn und 1 Erzäbtissin . 20 weitere (nebenamtliche) Priesterinnen und Priester zählt die Homepage mit Adresse auf. Offen bleibt hingegen die Zahl der Gläubigen, die sich geistlicher Betreuung durch diese Bischöfe und Priester erfreuen. Die Ausbildung zur Priesterin oder zum Priester findet in 3 „Modulen“ statt, bei denen es sich offenbar um 3 einwöchige Kurse handelt. Mit „Praxiszeiten“ dazwischen erstreckt sich die Ausbildung über ca. 1 Jahr. Ein theologisches Studium wird weder gefordert noch vorausgesetzt. Äußeres Merkmal der Priesterschaft ist die liturgische Kleidung im Gottesdienst bzw. das Kollar im Alltag; beides ist auf Bildern der Homepage zu sehen.
Im strahlend weißen, erkennbar dem päpstlichen Gewand nachempfundenen Outfit präsentiert sich dort der mutmaßliche Gründer der CEK, Eckard Strohm. Der „Primash“ hat eine längere spirituelle Biographie hinter sich.. Im Klappentext eines seiner Bücher wird er als „Medium, Geistheiler und Seminarleiter“ vorgestellt sowie als „Reiki-Großmeister“; er trage den Ehrentitel „Magus“, das heiße „Eingeweihter“. Nach Zeitungsberichten aus dem Jahr 1999 wurde gegen Strohm ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren, wegen Betruges sowie Verstößen gegen das Waffengesetz und das Arzneimittelgesetz eingeleitet. Das Ergebnis war eine Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz; folgt man Strohm selbst, geht dies auf seine Unkenntnis der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen zurück (vgl. www.pax-info.com, Ansichten, Artikel, "...der werfe..."). Mit Datum vom 15.07.2002 veröffentlichte das Amtsblatt der Erzdiözese Köln eine Warnung vor Strohm bereits mit Bezug auf die hier erstmals genannte „Christlich-Essenische Kirche“.

Überschneidung mit Reiki-Schule

Eine Reihe von Namen aus dem Kreis der Priester und Priesterinnen der CEK taucht auch auf einer anderen website (www.essenia.net) als Reiki-Meister und –Meisterinnen auf. Die Seite steht für ein „Essenisches Schulungs- und Handelszentrum GmbH“ in Erfurt. Hier können esoterische Bücher, u.a. von Eckard Strohm, erworben werden wie z.B. die „Engel von Atlantis“ oder das „Meisterwissen von Atlantis“. Auch Schutzamulette (z.B. „Amulett der Überwindung von Karma“) stehen zum Verkauf oder Engelweihrauch „nach original essenischer Rezeptur“. Es werden aber auch Behandlung und Seminare der „Reiki Association International“(R.A.I.) angeboten, die wiederum von Eckard Strohm 1990 gegründet wurde und als deren Sitz wieder Burg Raiffershardt in Windeck genannt wird: zugleich die „Gnadenstätte“ der CEK. Die R.A.I. pflegt „energetische Heilmethoden“ abseits der großen Verbände, in denen Reiki, eine aus Japan stammende Form der Geistheilung, sonst organisiert ist. Sie ist in der esoterischen Zunft umstritten; von den größeren Verbänden wurde der R. A. I. und Eckhard Strohm Ausbildung zu Dumpingpreisen vorgeworfen. Eben auf der Liste dieser umstrittenen Reikischule tauchen viele Namen aus der Priesterschaft der CEK auf.

Fazit

Bei der „Christlich-Essenischen Kirche“ handelt es sich allem Anschein nach um ein Kunstprodukt, das keiner christlichen Konfession gleichzusetzen oder zuzuordnen ist. Im wesentlichen handelt es sich wohl um Anhänger/-innen und Mitarbeiter/-innen eines Mannes, der zuvor als Anbieter esoterischer Lebenshilfe in Erscheinung getreten ist und sich dabei auf sehr spekulative Erkenntnisse, z.B. auf Einblicke in die fiktive „Akasha-Chronik“ berufen hat. Seit wenigen Jahren, wohl ausgelöst durch die Visionserlebnisse auf Burg Raiffershardt, ,tritt die „Christlich-Essenische Kirche“ verstärkt in die Öffentlichkeit. Gesucht werden offenbar die äußeren Insignien einer christlichen Kirche in starker Annäherung an katholische Formen und Symbole. Auffallend ist die reichliche Vergabe hoher kirchlicher Titel, die offenbar auch mit feierlichen Weihehandlungen einhergeht. Zu der vorher schon praktizierten esoterischen Lebenshilfe käme damit ein neues Angebot hinzu: eine vermeintliche spirituelle Alternative für Menschen, die sich im herkömmlich verfassten Christentum nicht recht zu Hause fühlen, christlichen Traditionen aber näher stehen als etwa fernöstlichen Religionen. Dass aber ausgerechnet die „Christlich-Essenische Kirche“ das geeignete Instrument darstellt, die Weltreligionen zusammenzuführen, ist nach den diffusen Lehraussagen, aber auch nach ihrer esoterischen Vorgeschichte nicht zu vermuten.

Stand August 2006

 

Lutz Lemhöfer, Frankfurt a. M. / 28.04.2006



© 2019, Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung