Dokumentation Landessynode 2004

Grußworte ökumenischer Gäste

Grußworte ökumenischer Gäste aus Namibia, Frankreich und Belgien an die Landessynode

Es gilt das gesprochene Wort!

G r u ß w o r t
des Generalsekretärs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Republik Namibia, Pfr. Henog Kamho auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 11.01.2004
(deutsche Übersetzung)

Verehrter Präses Schneider,
geschätzte Mitglieder der Synode,
ehrbare Gäste aus der Ökumene,
liebe Schwestern und Brüder,

es ist mir ein Vorrecht, eine Ehre und Freude, Sie im Namen unseres Herrn Jesus Christus grüßen zu dürfen. Ich wünsche Ihnen, auch im Namen von Bischof Zephania Kameeta, der ja ursprünglich hier stehen sollte, und im Auftrag der ganzen ELCRN-Family, einen erfolgreichen Verlauf Ihrer Synode.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Republik Namibia schätzt die Gemeinschaft mit der Evangelischen Kirche im Rheinland sehr, nicht allein wegen der gemeinsamen Geschichte, sondern vor allem wegen der engen Verbundenheit in Jesus Christus, die ja nicht abstrakt ist, sondern sichtbar durch Worte und Taten.
Ihre Kirche begleitete die ELCRN durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch im Gebet, durch moralische Unterstützung und finanzielle Beiträge. Durch Ihre Bemühungen ist die ELCRN zu einer prophetischen Kirche geworden, ungeachtet zahlloser Herausforderungen und Hindernisse.
 
Gegenwärtig ist die ELCRN  mit der schrecklichen Krankheit HIV-Aids konfrontiert, die unsere Gemeinden verwüstet. Trotz der Verbreitung einschlägiger Informationen über die Krankheit vergeht kaum ein Samstag ohne dass Pastoren und Pastorinnen in unseren Gemeinden fünf oder mehr Menschen zu Grabe tragen, die in Folge von Aids starben. Es gibt nur wenige Gemeinden, die nicht eine Fülle von Beerdigungen erleben, weil einige der Verstorbenen dann zu ihren Heimatstädten oder -dörfern überführt werden. Im letzten Jahr erzählte ein Pastor unserer Schwesterkirche im Norden, der bei der Taufe eines Kindes in die Beerdigungsliturgie verfiel: „Liebes Kind, von Staub bist du genommen und zum Staub kehrst du zurück.“ Einer der Presbyter unterbrach angeblich mit den Worten: „Pastor, es ist nicht eine Beerdigung, es ist eine Taufe.“ Schwestern und Brüder, die Kirche ist nicht nur betroffen, sie ist infiziert. Jeder und jede fühlt die Pein.
Abgesehen davon erfährt unser Land eine bisher unbekannte Trockenperiode, und Wasser ist  in einigen Teilen des Landes zu einer kostbaren Ressource geworden. Unsere eigene Martin-Luther-Oberschule litt im letzten Jahr an enormem Wassermangel und musste vor Abschluss des Schuljahres geschlossen werden. Wir bemühen uns sehr um Mittel für ein neues Bohrloch, um den Schulbetrieb fortsetzen zu können.

Eine andere Beschwernis der Kirche ist der Kampf gegen Korruption einiger Amtsträger in unseren Ministerien und halbstaatlichen Organisationen. Bischof Kameeta äußert sich dazu sehr freimütig und hat dafür vor kurzem den namibischen Preis für Freiheit der Meinungsäußerung 2003 erhalten. Während die Kirche, der Staatspräsident und die Minister unermüdlich Anstrengungen zur Förderung von „good governance“, Rechenschaftslegung und Demokratie unternehmen, bereichern sich diese Beamten über Nacht und bringen so die ganze Nation in Verlegenheit. Unser Rechtsberater, auch Mitglied der Kirchenleitung, ist wesentlich an den Untersuchungen in den öffentlichen Anhörungen beteiligt, die im letzten Jahr stattfanden und in diesem Jahr fortgesetzt werden.

Diese Entwicklungen, liebe Schwestern und Brüder, haben uns in der Kirche aufgeweckt. Wir schauen nun sehr ernsthaft auch auf unsere Strukturen, Einrichtungen und Gemeinden. Wir haben deshalb ein vergleichbares kircheninternes Anhörungsverfahren. Obwohl kirchliche Mitarbeitende eigentlich in dieser Welt ehrbar leben und arbeiten sollten, werden sie doch nicht von Versuchungen verschont, auf unehrliche Art  zu ihrem mageren Gehalt etwas hinzuzufügen.

Es scheint, liebe Schwestern und Brüder, als zeichnete ich Ihnen ein nur düsteres Bild unserer Kirche und unserer Nation, aber in all diesen Herausforderungen und Hindernissen sind da doch Menschen, treue und engagierte Christinnen und Christen, die selbstlos und unermüdlich hart daran arbeiten, die falschen Einstellungen der Egoisten zu verändern.
 
ELCAP, unser HIV-Aids-Programm und andere Nichtregierungsorganisationen sind sehr beschäftigt, nicht nur mit der Verteilung von Informationen, sondern auch mit der Fürsorge für die Betroffenen durch häusliche Pflegeprogramme für die Infizierten und Angehörige. In diesem Jahr wird unser Aids-Programm sechs Regionalbüros einrichten. Die Regierung hat damit begonnen, den Hospitälern Medikamente zur Verhinderung der Übertragung von Aids zur Verfügung zu stellen.

Ich bin der Meinung, dass wir unter allen Umständen und zu allen Zeiten sehr offensiv das Instrument der Kommunikation nutzen sollten. Ich stimme voll mit dem überein, was Winston Churchill einst sagte. Er sagte: „Es bedeutet Courage aufzustehen und zu sprechen, es bedeutet auch Courage, sich zu setzen und zuzuhören.“

Bezüglich der Zukunft haben wir, insbesondere in diesem Jahr, wo wir uns an den Völkermord der Jahre 1904 bis 1908 als herausragendes Ereignis in der Geschichte Namibias erinnern, Courage nötig, uns zu erheben und uns öffentlich gegen die Grausamkeiten der Vergangenheit zu äußern, ohne Hass und Rachsucht, vielmehr auf der Suche nach Zeichen der Heilung der Wunden, um unseren Prozess der Versöhnung und des nationalen Aufbaus zu stärken.

Das Jahr 1904 wird jährlich durch die Herero bzw. Mbanderu am 26. August in Okahandja erinnert, ebenso von den Nama im Süden des Landes und von deutsch sprechenden Gruppierungen. Diese Erinnerungszeremonien waren durch rassische und tribale Grenzen bestimmt, aber seit 2000 oder sogar etwas früher wurden Stimmen, die der Meinung waren, man solle das Jahr 1904 auf nationaler Ebene erinnern, gehört. Dies führte zu einem Treffen im Jahr 2002, um die Gedenkveranstaltungen für das Jahr 2004 zu planen. Es wird örtliche, regionale und nationale Aktivitäten geben, mit prominenten Personen. Ein Schwerpunkt dieser Veranstaltungen wird wohl der August sein. Am 11. Januar um 15.00 namibischer Zeit wird in der Friedenskirche, unserer alten Kirche in Windhoek-Zentrum, ein ökumenischer Gottesdienst zur Eröffnung des Gedenkjahres stattfinden.

Das berühmte "Blaue Buch" (von der britischen Regierung erstellte Dokumentation deutscher Kolonialverbrechen in Namibia) über diese Grausamkeiten ist nachgedruckt worden.

Liebe Schwestern und Brüder, ich könnte jetzt noch einiges dazu sagen, aber ich muss mich kurz fassen und im Rahmen eines Grußworts bleiben. Ich möchte mit einer solchen Situation nicht umgehen, die eine Bekannte mir im letzten Jahr erzählte: "Ich werde niemals einem Pastor eine Gelegenheit geben, ein Grußwort auf einer Veranstaltung zu halten, durch dessen Programm ich führe. Denn entweder wird er eine Predigt oder er wird eine Vorlesung halten."

Liebe Freunde und Freundinnen, bei allem was ich hier sage, bin ich überzeugt, dass wir uns von Vorurteilen frei machen müssen, um in Liebe die Worte unserer Schwestern und Brüder zu hören, ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Position, ihrer Rasse, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Hautfarbe. Nur dann werden wir in der Lage sein, echte Kommunikation aufzubauen und tapfer und hoffnungsvoll in die Zukunft zu schreiten. Ich bin überzeugt, dass die ELCRN und die namibische Nation eine leuchtende Zukunft haben, vorausgesetzt dass wir einander in Liebe und Frieden zuhören und dass unsere Taten durch Liebe und Frieden unseres Herrn Jesus Christus geleitet werden.

Abschließend erlauben Sie mir ganz offiziell und sehr herzlich, Präses Schneider und seine Gattin sowie Vizepräsident Drägert, Oberkirchenrat Neusel und seine Gattin zum Besuch im Oktober dieses Jahres nach Namibia einzuladen.
Nochmals wünsche ich Ihnen eine erfolgreiche und fruchtbare Synodaltagung, die zu weisen Taten führt, in der Liebe zur Kirche unseres Herrn in Ihrem Land und weltweit.



 

Es gilt das gesprochene Wort!

G r u ß w o r t
des Vorsitzenden der Kommission für Ämter und Dienste der Eglise Reformé de France (ERF), Denis Heller, auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 11.01.2004
(deutsche Übersetzung)

Liebe Schwestern und Brüder in der Ev. Kirche im Rheinland,

ich danke Ihnen für Ihren Empfang und für die Gelegenheit, zum ersten Mal an den Verhandlungen Ihrer Synode teilnehmen zu können. In dieser beeindruckenden und großen Versammlung fühle ich mich allerdings weder verloren noch fremd. Ich begegne bekannten Gesichtern, die ich erst kürzlich im Verwaltungsrat des Foyer le Pont sowie bei der Begegnung zwischen der Reformierten Kirche in Frankreich und der Ev. Kirche im Rheinland am 26. November 2003 getroffen habe. An diesem Tag haben wir uns über die vielschichtige und fruchtbare Zusammenarbeit austauschen können, die unsere beiden Kirchen verbindet und wir haben gemeinsame Fragestellungen behandelt, wie Europa, der Platz der Religionen in der Gesellschaft, das interne Leben unserer Kirchen und die Wahrnehmung der Ämter und Dienste.

Zusätzlich zu all Ihren Themen möchte ich kurz zwei Bereiche ansprechen, die uns beschäftigen: zunächst einmal den Bereich, der vom Ausland aus gesehen, unverhältnismäßig erscheinen mag: das Tragen von Kopftüchern in der Schule. Wenn wir den Schleier des Problems lüften, so stellen sich unseren westlichen Gesellschaften und unseren Kirchen wichtige Fragen: der Platz des Islam und die Stellung der Frau, der Platz des Religiösen in der Gesellschaft und das Verständnis von Laizität, die soziale Integration und die Realität der Ghettos, das Konzept der öffentlichen Schule.

Als französische Protestanten setzen wir uns ein für eine offene Form der Laizität, für eine Laizität des Dialoges und nicht für eine Laizität der Enthaltung. Wir setzen uns ein für eine notwendige soziale und politische Dimension der Religion, im Gegensatz zu denjenigen, die die Religion auf  die Privatsphäre beschränken wollen.

Um diese Frage vertieft behandeln zu können und auch im Hinblick auf das 100-jährige Jubiläum des Gesetzes von 1905 über die Trennung von Staat und Kirche, wurde folgendes Thema für die nächste Synode unserer Kirche ausgewählt: "Jesus Christus in einer laizistischen Gesellschaft bekennen - Was hat Autorität in unserem Leben ?"

Ein anderes Thema innerhalb der ERF ist das der Ämter und Dienste. Muss man schon von einer pastoralen Unzufriedenheit sprechen, von einem "Frust unter der Pfarrern" wie es kürzlich in der Zeitung "Le Figaro" stand ?

Die Überlegungen, die wir anstellen, nehmen die Veränderungen zur Kenntnis: ein veränderter Platz des Pfarrers im Verhältnis zum Presbyterium, im Verhältnis zu den nicht theologischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die zahlenmäßig zunehmen und zunehmend besser ausgebildet sind, das Problem, das sich ein Pfarrer in seinem Dienst verzettelt.

Anstatt von einer Krise zu sprechen, gilt es vielmehr, Veränderungen wahrzunehmen und der Begleitung der Pfarrerinnen und Pfarrern und ihres jeweiligen persönlichen Berufsweges sowie der Auswertung ihres Dienstes verstärkt Aufmerksamkeit zu schenken.

Mit hoher Aufmerksamkeit und in Begleitung eines guten Übersetzers verfolge ich Ihre Debatten, insbesondere die Diskussion über den Pfarrdienst und stelle eine große Ähnlichkeit der Problemstellungen und der Überlegungen fest. Jesaja sagt, "dass in der Ruhe und im Vertrauen eure Kraft liegen wird". Ich wage es zu sagen "in der Diskussion und im Vertrauen wird unsere Kraft liegen". Vielen Dank.


 

Es gilt das gesprochene Wort!

G r u ß w o r t
des Vorsitzenden des Synodalrates der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien, Daniel Vansecote, auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland am 11.01.2004
(deutsche Übersetzung)

Liebe Brüder und Schwester,
Ich bringe Ihnen die Grüße der Vereinigten Protestantischen Kirche in Belgien.
Ich möchte Ihnen herzlich danken für die Einladung zu Ihrer Synode. Es gibt uns die Gelegenheit, die Sorgen miteinander zu teilen; es gibt uns einen besseren Blick auf die Weltkirche und wir beten zu Gott, dass Er Seine Kirche immer segne und ihren Weg leite.

Die  EPUB feiert ihren 25. Geburtstag
Es war der vierte November 1978 als die Deklaration der Vereinigung unterschrieben wurde, die am ersten Januar folgenden Jahres in Kraft treten sollte. Aber welche Distanz zwischen einer Unterschrift auf einem Dokument und der Mühe, diese Deklaration zu  einer Realität werden zu lassen!
Gewisse Kirchen im Ausland haben vorsichtigerweise den Ausdruck „uniting/vereinigend“ dem Ausdruck „united/vereinigt“ vorgezogen. Man wusste, dass eine Einheit immer wieder aufs Neue vollstreckt werden muss, und man wollte ebenfalls die Tür offen lassen für eventuelle andere Partner, die sich  in die Vereinigung einzugliedern wünschten.
Wir möchten nicht wieder die Diskussion über den Namen aufnehmen, aber wir sind uns bewusst, dass unsere Einheit nicht ein für allemal abgeschlossen ist. Auf der einen Seite ist die Synode kein abgeschlossenes Grundstück. Als Beweis: einige Gemeinden sind in diesen 25 Jahren Mitglieder oder assoziierte Kirchen der EPUB geworden. Auf der andern Seite zeigt der vor kurzem begonnene Dialog über die Reichhaltigkeiten und Grenzen des Pluralismus, wie verschieden und oft gefährdet unsere Einheit sein kann. Aber wir haben diese Piste gewählt und werden sie auch weiter verfolgen.
Wir sind uns ebenfalls bewusst, dass - wie auf einem Weg die Landschaft sich ändern kann - dass aber das Ziel das Gleiche bleibt: die Botschaft Jesu Christi von der allumfassenden Liebe, die wir gestalten, und der wir Inhalt geben sollen.

Ungefähr zehn Jahre nach dem Entstehen der EPUB wurden die ersten Kontakte mit den evangelikalen Denominationen aufgenommen; schwierige Kontakte, die eher einem Scharmützel um die Macht glichen. Überspringen wir diese Jahre der verschiedenen Dispute, die nicht gerade zur Ehre des Protestantismus dienen, um zu dem Zeitpunkt anzulangen, wo die Geistesverfassung sich grundlegend geändert hat, und als  sich die Verhandlungen freimütig und offen abspielten. Die EPUB wusste, dass es ein schwieriger Weg des Verzichtens für sie sein würde: man verzichtet nicht gern ohne Hintergedanken auf die Hälfte seiner Vorrechte, wenn man sie seit 160 Jahren allein ausgeübt hat. Und diesen Schritt des Teilens der Verantwortungen haben wir voriges Jahr akzeptiert, ein riskanter Schritt, der uns aber legitim erschien, da wir uns darüber klar sind, dass der Protestantismus außerhalb der EPUB zahlengemäß  genau so groß ist wie der innerhalb unserer EPUB.

Hier hat sich tatsächlich das Landschaftsbild verändert. Wir tragen von nun ab gemeinsam mit der Föderalen Synode der protestantischen und evangelikalen Kirchen Belgiens die Verantwortung der Repräsentation und Verwaltung des protestantischen Gottesdienstes auf den Gebieten, die von den Behörden anerkannt werden, das heißt: die Anerkennung einzelner Kirchengemeinden und den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, sowie Militär-, Gefängnis-, Krankenhaus- und Altenheimseelsorge, ebenso Migrantenseelsorge und die Vergabe und Verwaltung der Protestantischen Rundfunk- und Fernsehsendezeiten. Einfach wird es für uns nicht sein, aber wir haben uns dazu verpflichtet. Und die ersten Monate haben keinen Dementi gebracht auf unsere Hoffnungen einer möglichen Zusammenarbeit.

Und morgen?  

Die Religion eingeschränkt auf die private Sphäre

In Belgien ist die aktuelle Tendenz, alles Eingreifen religiöser oder philosophischer Art aus der öffentlichen Sphäre zu verdrängen um es zu einer strikt persönliche Angelegenheit zu machen. Eine Religion zu haben oder nicht, ein Bekenntnis, eine Zugehörigkeit... ist die Sache jedes einzelnen Menschen, es ist seine persönliche Wahl. Diese Tatsache verhindert allerdings nicht, dass diese persönlichen Wahlen auch einen großen Einfluss auf das
öffentliche Leben haben können.

Mehr und mehr werden die Religionen - darunter auch das Christentum - kritisiert und beschuldigt, Rivalitäten zu schüren und somit Ursache für eine Vielzahl von Übeln zu sein, unter denen die Menschheit leidet.
 
Das bekannte Buch von S. Huntington "Der Schock der Zivilisationen" zeigt deutlich, wie viele Bruchstellen es gibt und das diese religiös bedingt sind.

Wenn wir heute gerufen sind, Zeugnis von der Hoffnung zu geben, die in uns ist (1. Petrus 3,15), so geht es in Wahrheit darum, die Sache des Christentums zu verteidigen; dies wird notwendig in der heutigen Zeit, die in unseren westeuropäischen Ländern von einer zunehmenden Laizisierung und Säkularisierung geprägt ist.

Belgien, wie im übrigen auch Frankreich, um nur diese beiden Länder zu nennen, ist  laizistisch geprägt und der laizistische Geist, der in unserm Land weht, strebt danach, alles, was eine religiöse Konnotation hat, aus dem Bereich des öffentlichen Lebens zu verbannen.

Dies geht soweit, das man jede religiöse Zeremonie bei offiziellen Feierlichkeiten abschaffen möchte, um solche Feierlichkeiten zu Ereignissen zu machen, bei denen zwar alle philosophischen Richtungen vertreten sind, denen eine spirituelle Dimension jedoch völlig fehlt.

Ich muß sagen, dass ich mit Bestürzung auf ein Volk blicke, welches sich seiner eigenen Wurzeln beraubt, seine Herkunft verleugnet, und nur zu gerne die Spuren dessen, was es heute ablehnt, verwischen möchte. Ich stelle mir daher die Frage mit ernster Besorgnis: Wird das Europa von Morgen das Religiöse verleugnen ?

Bis heute ist es nicht gelungen, dass in der Europäischen Konvention erwähnt wird, dass Europa auf einem christlichen, einem jüdisch-christlichen und sogar an manchen Orten auf einem muslimischen kulturellen Erbe aufgebaut ist. Alles, was der Text sagen will, ist, das von einem religiösen, spirituellen und humanistischen Erbe gesprochen wird.. Ich plädiere gar nicht nicht dafür, dass Gott in der Europäischen Konvention erwähnt wird und dass er sozusagen als Schirmherr für das neue Europa genannt wird, aber ich plädiere dafür, dass wir wissen und anerkennen, woher wir kommen und was die Werte geprägt hat, denen wir soviel Bedeutung beimessen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Lesen Sie in den Evangelien nach und Sie werden dort auch den Begriff der Solidarität verankert finden - Solidarität hätten wir heute oft viel eher nötig als Freiheit.

Gleichzeitig werden die Politiker gewahr, dass sie vielleicht etwas zu weit gegangen sind. Daher rührt der - noch umstrittene - Artikel 51, der einen ständigen Kontakt zwischen den Kirchen (aber auch den nicht-kirchlichen Organisationen) und den Europäischen Institutionen regelt.

Wußten Sie, dass Belgien mit der Stimme seiner aggressiven Verfechter der Laizität das einzige Land ist, welches sich gegen die Einführung des vorgenannten Artikels 51 wehrt ?

Der gleiche Dialog steht den nicht-kirchlichen Organisation noch bevor, aber da sie dieses Thema nicht interessiert, hätten sie es lieber, wenn die Diskussion erst gar nicht geführt würde.

In unserem Land gibt es einige soziale Einrichtungen, die die schmerzliche Erfahrung machen mußten, dass ihnen zustehende Subventionen verweigert wurden, mit der Begründung, dass die Statuten  zu deutliche christliche Bezüge enthielten: zum Beispiel bei einem Sozialdienst, der laut Satzung "im Geist des Evangeliums Christi" arbeitet. Um gut angesehen zu sein, müßte man diese Passagen streichen und nur noch von "humanitärer Hilfe" sprechen.

Seien Sie bereit, die Hoffnung zu verteidigen (und nicht nur zu bezeugen), die in Ihnen ist. Heute gilt es, die christlichen Projekte  zu verteidigen, für die wir einstehen.

Ein letztes Wort mit einem gewissen Augenzwinkern:
Sie erinnern sich mit welcher Subtilität Jesus der Falle entkommen ist, die man ihm mit der Frage nach der Steuer gestellt hat. Er hatte darum gebeten, ihm eine Münze zu zeigen. Das Bild des römischen Kaisers lieferte ihm die Grundlage für seine Antwort. Europa hat auch seine Währung mit den dazugehörigen Münzen. Ist es eine Einheitswährung ? So einheitlich ist sie nun auch wieder nicht, da jedes Land seine eigenen Münzen prägt und eine Seite der Münze selbst gestalten kann.

Belgien hat sich nicht sonderlich originell gezeigt mit dem Bild des Königs auf allen Münzen; Frankreich hingegen stellt die trinitarische Formel "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" zur Schau.

Und wo ist Gott in all dem? Ich habe noch nicht das Privileg gehabt, Münzen aus dem Vatikan zu sehen, wo Gott wohl das Bürgerrecht haben könnte, aber ich habe gesehen, das ein Nachbarland Gott einen Platz einräumt: sehr diskret steht auf der Kante der niederländischen 2 € Münzen "God zij met ons". Bedeutet das noch etwas im heutigen Europa ? Laßt uns hoffen, dass es der Seufzer eines echten Gebetes ist.

Am Anfang dieses Jahres und zu Beginn der Synode, äußere ich den Wunsch, dass wir alle zusammen den Weg zu  erkennen wissen, der uns zugleich zu der Begegnung mit den Menschen und zur Begegnung mit Gott führt.

 

 

Bad Neuenahr / 11.01.2004

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 11. Januar 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 12. Januar 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



© 2017, Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de
Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung nur mit Genehmigung.