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Kirche in WDR2 | 14.09.2018 | 05:00 Uhr

Der erste Schritt

Stellen Sie sich ein Mehrfamilienhaus vor, gute gepflegte Wohnanlage, trotzdem bezahlbar. Sogar mit einem Garten zur Straße hin.

Leider eine gefährliche Straße.

Vor allen Dingen für Radfahrer, die hier Immer wieder verunglücken.

Keiner der Hausbewohner kann das verhindern, aber alle kriegen es mit – immer wieder.

Viele Mieter des Hauses fordern ein Radfahrverbot für die Straße vor dem Haus.

Aber der bekannten Gefahr zum Trotz, wird sie immer noch von Radlern benutzt und dann knallt’s halt mal wieder.

Einige der Hausbewohner pöbeln inzwischen gegen diejenigen Nachbarn, die regelmäßig den Notarzt rufen. Und andere haben einen Notarzt verklagt. Sie sagen:

Wenn es mehr Tote und keine Hilfe für die Verunglückten mehr gibt, dann würden die Anderen schon lernen, dass die Straße gefährlich ist.

Würden sie in einem solchen Haus wohnen wollen? Wahrscheinlich nicht. Wer wohnt schon gerne mit gefühlskalten Zynikern unter einem Dach.

Trotzdem wohnen wir alle in diesem Haus – Sie und ich.

Es heißt Europa und vor unserer Grenze sind allein in diesem Jahr bisher schon über 1400 Menschen verunglückt.

Ertrunken im Mittelmeer -Männer, Frauen und Kinder.

Und plötzlich wird in unserem gemeinsamen Haus Europa diskutiert, ob man Menschen in Lebensgefahr helfen oder sie zur Abschreckung lieber sterben lassen soll.

In Malta steht ein Kapitän vor Gericht. Er hat nach geltendem Seerecht Schiffbrüchige gerettet hat. Seenotrettungsschiffe werden in Häfen festgesetzt oder am Einlaufen gehindert.

Die AfD brüstet sich mit Strafanzeigen gegen „Ärzte ohne Grenzen“ und die Regierungspartei CSU verhöhnt die Geflüchteten, die das Mittelmeer überlebt haben als „Touristen“.

„Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ sagt Jesus von Nazareth, sagt der Sohn Gottes. Und die Geringsten sterben grade in Massen im Mittelmeer, während wir life bei facebook und Twitter zugucken.

Und mit ihnen, den Ertrinkenden zu denen sich der Sohn Gottes selber zählt, ertrinkt auch unsere Zivilisation.

Ein Mensch, der hilflos im Meer treibt ist nicht Flüchtling oder Afrikaner oder Europäer oder Muslim oder Christ.

Er ist ein Mensch, der gerade dabei ist, zu ertrinken, und darum muss man alles, was möglich ist unternehmen, um ihn zu retten.

Menschen ertrinken zu lassen, um andere abzuschrecken, ist der erste Schritt in die Barbarei.

Diejenigen vor Gericht zu zerren, die tausende Menschen vor dem Tod gerettet haben, ist der zweite Schritt dorthin.

Und den dritten Schritt möchte ich mir lieber nicht vorstellen.

Kirche in WDR; 14.09.2018; Matthias Köhler



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