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Advent 2017

Ein Strahlen

Er schlug den Kragen hoch, aber es half wenig. Der Schneeregen fand den Weg in seinen Kragen, und zu allem Überfluss spürte er, wie sich im linken Schuh Wasser ansammelte aus der Pfütze, in die er eben getreten war.

"Wieso strahlt das Kind?" (Foto: evangelisch.de/epd-bild, Meinrad Riedo) "Wieso strahlt das Kind?" (Foto: evangelisch.de/epd-bild, Meinrad Riedo)

Manche Tage sind von vornherein für die Tonne, dachte er. Gestern Abend der unnötige Streit, morgens nach unruhiger Nacht mit schmerzendem Kopf über die dunkle Autobahn, mittags in der Kantine die unerfreuliche Begegnung mit seiner Gruppenleiterin, obwohl er extra zur öden Salattheke gegangen war, um ihr auszuweichen; nachmittags dann der Absturz des Computers – irgendwann hatte er den Tag abgehakt und war gegangen. Ein paar Schritte in die Innenstadt, dachte er, um auf andere Gedanken zu kommen. Nur dass die düsteren Gedanken nicht weichen wollten; heute hingen sie ihm wieder mal an wie die pappigen Schneereste seinen Füßen.

Aus einer Kirche schien leise Musik zu kommen, die Tür war angelehnt. Wann war er das letzte Mal in einer Kirche gewesen? Er überlegte: Bei der Hochzeit seines Neffen vor vier Jahren was das wohl. Pflichtveranstaltung. Und davor? Keine Ahnung, es hatte ihm nie etwas bedeutet. Die Vorstellung, einem anderen dabei zuzuhören, wie der sich eine halbe Stunde lang Gedanken über einen Spruch aus einem alten Buch machte, war ihm schon immer absurd vorgekommen. Andererseits: Wenigstens würde es dort drinnen wohl ein bisschen wärmer sein.

Er war allein, nur an der Orgel schien jemand zu üben, etwas unbeholfen. Sein Blick fiel auf die Krippe in der Ecke. Eine grob geschnitzte war es, seitlich angestrahlt, so dass die beiden großen Figuren kantige Schatten warfen. Zwischen ihnen die kleine Figur, das Kind, auf dessen Gesicht der Schein der Lampe sich spiegelte, als würde es strahlen. Unfug, dachte er, kleine Kinder strahlen nicht, die schlafen oder schreien. Jedenfalls meinte er, sich so an die eigenen Kinder zu erinnern. Aber das war nun auch schon wieder ewig her. Er blieb einen Moment verdrossen stehen, dann drehte er sich um. Als die Tür hinter ihm zufiel und die Musik und die Wärme zurückblieben, schlug ihm die feuchte Kälte wieder ins Gesicht. „Wieso strahlt das Kind?“, dachte er noch einmal, bevor er den nassen Fuß wieder in den Schneematsch setzte.

Pfarrer Volker Lubinetzki,
Evangelische Kirchengemeinde Wermelskirchen
volker.lubinetzki@ekwk.de
www.ekwk.de

 

Evangelischer Kirchenkreis Lennep / 05.12.2017



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