Buß- und Bettag

Theologisches Verständnis diskutieren

Buß- und Bettag – kein Thema, das im Trend liegt. Die 35-jährige Theologin Maike Neumann hat sich intensiv mit diesem Feiertag beschäftigt und über den Buß- und Bettag im Rheinland promoviert.

Maike Neumann, Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde in Kaarst, hat über den Buß- und Bettag ihre Doktorarbeit geschrieben. LupeMaike Neumann, Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde in Kaarst, hat über den Buß- und Bettag ihre Doktorarbeit geschrieben.

1994 wurde der Buß- und Bettag als arbeitsfreier Feiertag abgeschafft, inzwischen ist er nicht einmal mehr in allen Kalendern verzeichnet. Verliert der Buß- und Bettag seine Bedeutung?

Seit der Buß- und Bettag nicht mehr arbeitsfrei ist, hat er stark an öffentlicher Präsenz eingebüßt. Seine Bedeutung für die Kirche hat er durch diese politische Entscheidung nicht verloren. Allerdings lässt sich feststellen, dass der Buß- und Bettag in den vergangenen 200 Jahren einen massiven Bedeutungswandel durchgemacht hat, der schon vor der politischen Entscheidung von 1994 zu Unklarheiten über seine Funktion geführt hat.

 

Wie erklären Sie den Bedeutungsverlust des Buß- und Bettages?

Vor mehr als 250 Jahren wurden Buß- und Bettage begangen, um Gottes Zorn abzuwenden oder zu mildern. In der Regel wurden sie vierteljährlich begangen, auch um die Reinheit der Gemeinde vor Gott wiederherzustellen. Zusätzliche Buß- und Bettage wurden beispielsweise bei Kriegen und Seuchen begangen, die man eindeutig als Strafe Gottes für das aktuelle Fehlverhalten der Gemeinde verstand. Auch Regierungen ordneten bei Kriegen und Gefahren solche Buß- und Bettage an. Ein Vorbild dafür findet man im Buch des Propheten Jona.

Vor rund 200 Jahren wird mit der Aufklärung das Verständnis eines so konkret in die Welt eingreifenden und strafenden Gottes fragwürdig. Damit beginnt die Krise des Buß- und Bettages. Sie wird zunächst dadurch kaschiert, dass der preußische König 1835 eine Reduktion der vierteljährlichen Buß- und Bettage auf einen einzigen Bettag durchführt. Viele Pfarrer begrüßen das. Dieser Tag soll in all seinen Territorien begangen werden und die Protestanten einen. Der Tag wird so im weitesten Sinne staatstragend. Als die Monarchie endet, wird der Tag noch einmal fragwürdiger.

Da die nötige theologische Auseinandersetzung über die inhaltliche Ausrichtung und Struktur eines herausgehobenen Bettages bis heute nicht stattgefunden hat, herrscht seither Unklarheit, wozu dieser Tag dienen soll und wen er primär im Blick hat. So kommt zum Verlust an öffentlicher Wahrnehmung ein Verlust an Plausibilität hinzu.

 

Sie haben Pfarrerinnen und Pfarrer zu ihrer Haltung zum Buß- und Bettag befragt. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Viele der Befragten gaben an, dass ihnen dieser Feiertag weniger wichtig ist. Dabei scheinen mir drei Aspekte wichtig: Viele der Befragten finden, dass am Buß- und Bettag die Mahnung zur Umkehr wichtig sei, gleichzeitig wollen sie aber gerade nicht die Ermahnenden ihrer Gemeinden sein. Hier scheint es ein Rollenproblem zu geben.

Nicht wenige der Befragten haben zudem das Gefühl, dass ohnehin nicht die Menschen im Gottesdienst sind, die sie im Sinne des prophetischen Wächteramts der Kirche zur Umkehr aufrufen müssten. Viele geben deshalb an, für die Besucherinnen und Besucher ihrer Gottesdienste einen individuellen Zugang zu wählen, bei dem das eigene Leben betrachtet werden kann. Allerdings merken sie selbstkritisch an, dass ihnen dafür ein herausgehobener Tag theologisch nicht einleuchtet: Denn persönliche Buße sei zum einen täglich nötig und zum anderen auch Bestandteil jedes Sonntagsgottesdienstes.

Darüber hinaus halten viele den Feiertag für eine staatspolitische Erfindung des preußischen Königs und nicht für einen aus den Gemeinden und Synoden heraus gewachsenen Feiertag. Das lässt sie den Tag kritisch sehen.

 

Wie sieht die aktuelle Situation in den Gemeinden aus?

In vielen Gemeinden wird ein zentraler Gottesdienst gefeiert. Er findet meist abends statt und wird eher schlecht besucht. Viele Gemeinden versuchen daher, den Gottesdienst attraktiver zu gestalten: durch besondere musikalische Gestaltung, durch anschließendes Beisammensein oder durch das ökumenische Feiern. Einige Gemeinden feiern bereits gemeindeübergreifende Zentralgottesdienste.

 

Haben diese Veranstaltungen noch viel mit dem ursprünglichen Gedanken des Buß- und Bettages zu tun?

Das kann man pauschal nicht beantworten. Auffällig ist, dass es heute in vielen Gottesdiensten um individuelle Umkehr geht. Historisch ist der Buß- und Bettag aber ein gemeinschaftlich verstandener Tag gewesen, bei dem es um die Gemeinde und ihr Verhalten als Ganze ging – der Einzelne kam als Teil der Gemeinde in den Blick. Auch der ursprüngliche Gedanke, dass man Gott durch das Begehen eines Buß- und Bettages von seinem Strafgericht abbringen kann, spielt heute kaum noch eine Rolle.

 

Wie sehen Sie die Zukunft des Buß- und Bettages?

Ich halte eine Diskussion über das theologische Verständnis eines herausgehobenen Buß- und Bettages für absolut nötig. Dazu gehört die Frage nach dem Gottesbild und dem Gebetsverständnis. Darüber hinaus muss geklärt werden: Wer ruft an diesem Tag wen zur Buße und zur Umkehr? Solange für viele unklar bleibt, wofür dieser Feiertag eigentlich steht und wie sie ihn verstehen sollen, wird seine Akzeptanz weiter sinken. Daher brauchen wir vor allen praktischen Überlegungen eine klärende Auseinandersetzung zu diesem Feiertag.

Ich könnte mir vorstellen, die Ausrichtung auf die Kirche neu in den Blick zu nehmen. Für die Gegenwart könnte es von Bedeutung sein, sich als Gemeinde oder als Kirchenkreis wenigstens einmal im Jahr in einer gemeinsamen Vorbereitung des Buß- und Bettages zu überlegen, wo kirchlich und gemeindlich unzureichendes Handeln und Versagen der Umkehr bedarf.

 

Maike Neumann: Der Buß- und Bettag. Geschichtliche Entwicklung - aktuelle Situation - Bedingungen für eine erneuerte Praxis. Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2011, 49,90 Euro

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 14. November 2011. Die letzte Aktualierung erfolgte am Mittwoch, 16. November 2011. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 

ekir.de / Petra Anna Siebert / 14.11.2011



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