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Alle zwei Wochen leitet Pianistin Susanne Wagner den 'Chor ohne Grenzen'.

Alle zwei Wochen leitet Pianistin Susanne Wagner den "Chor ohne Grenzen". Audio: Der Chor singt "Zuhause" von Adel Tawil. Mehr Hörproben auf fremdling.eu

Flüchtlinge

Musik verbindet Menschen

Pianistin Susanne Wagner und Kantor Sven Schneider haben ein ungewöhnliches Projekt gestartet: Beim „Chor ohne Grenzen“ singen Einwohner aus Langenfeld und Flüchtlinge aus Nahost gemeinsam deutsche Lieder und lernen sich darüber immer besser gegenseitig kennen. 

Das Klavier steht in der Mitte des holzvertäfelten Gemeindesaals. Auf ihm werden in der nächsten Stunde abwechselnd Pianistin Susanne Wagner und Kantor Sven Schneider die Chorprobe begleiten. Knapp 20 Sängerinnen und Sänger sind trotz Regens und Unwetterwarnung erschienen: Es sind Einwohner aus Langenfeld und Flüchtlinge aus aller Welt. Sie haben auf den Stühlen vor dem Klavier Platz genommen. 

Kantor Sven Schneider

Kantor Sven Schneider

Seit März trifft sich der „Chor ohne Grenzen“ in einem Gemeindehaus der Evangelischen Kirchengemeinde Langenfeld. Über das gemeinsame Singen sollen Flüchtlinge die Möglichkeit erhalten, Deutsch zu lernen. Trotzdem haben Susanne Wagner und Sven Schneider bewusst auf einen Namen verzichtet, der das Wort Flüchtling beinhaltet. „Unser Motto ist: Music connects people – Musik verbindet Menschen“, erklärt Sven Schneider. „Wir wollen persönliche Verbindungen zwischen Menschen herstellen.“

Popmusik und Klassik stehen auf dem Programm

Jede Chorprobe beginnt mit einer Vorstellungsrunde. Die Teilnehmenden sagen ihren Namen sowie Stadt oder Land aus dem sie stammen. Anschließend werden deutsche Lieder gesungen: „Zuhause“ von Adel Tawil, „Wunder geschehen“ von Nena oder auch „Das Abendlied“ von Matthias Claudius. „Wir singen bewusst keine religiösen Lieder“, erklärt Sven Schneider, „damit es für die Teilnehmenden einfacher ist, alle Texte mitzusingen.“

Für die Unterstüzung der Kirchengemeinde bei dem Projekt ist Susanne Wagner sehr dankbar. „Ich wollte ehrenamtlich Flüchtlingen helfen“, erklärt Susanne Wagner ihren Impuls Ende 2015, einen Chor zu initiieren. Zuerst dachte sie daran, sich als Sprachpatin oder Familienpatin zu engagieren. Dann entschied sie sich, mit dem zu helfen, „was ich am Besten kann: Musik  machen“. In Sven Schneider, Kantor der Evangelischen Kirchengemeinde Langenfeld, fand sie einen Mitstreiter für das Projekt.

Aufregende Situation: Wer kommt zur ersten Chorprobe?

Seit der ersten Probe dabei: Mohamad Mostafar aus Syrien.

Seit der ersten Probe dabei: Mohamad Mostafar aus Syrien.

Die beiden entwickelten einen Werbeflyer, auf dem sie die ersten Proben ankündigten. Diesen Flyer verteilten sie auch in den umliegenden Flüchtlingsunterkünften. Susanne Wagner erinnert sich an die erste Chorprobe: „Das war schon sehr aufregend“, erzählt sie. „Wir hatten ja kein Feedback, wer überhaupt kommen würde. Und ob vielleicht nur Deutsche anwesend sein würden.“ Doch am Ende fand sich eine sehr gemischte Gruppe bestehend aus 40 Personen ein: etwa 20 Deutsche und 20 Flüchtlinge aus Syrien, Aserbaidschan, Iran, Irak und Afghanistan.

Alle zwei Wochen finden die Proben nun statt. Mohamad Mostafa ist einer der vielen regelmäßig Teilnehmenden. Der 24-jährige Bauingenieur aus Syrien kam vor sieben Monaten nach Deutschland. Auch er wurde über den Flyer aufmerksam auf den „Chor ohne Grenzen“. „Wenn man den ganzen Tag nur im Flüchtlingsheim sitzt, ist es schwierig, Kontakt mit Deutschen aufzubauen“, sagt Mohamad Mostafa. Zuerst fiel es ihm schwer, sich auf Deutsch auszudrücken, erinnert er sich. Mittlerweile übersetzt der junge Mann bereits Liedtexte vom Deutschen ins Arabische und unterhält sich nach der Chorprobe ungezwungen mit den deutschsprachigen Teilnehmenden.

Gemeinsame Unternehmungen und Sprachpatenschaften haben sich entwickelt

Bei der Chorprobe entsteht ein Gemeinschaftsgefühl.

Bei der Chorprobe entsteht ein Gemeinschaftsgefühl.

Der gemeinsame Austausch im Anschluss an die Chorprobe ist fester Bestandteil jedes Treffens. Darüber hinaus sind gemeinsame Unternehmungen und Sprachpatenschaften aus den Chorproben gewachsen. Susanne Wagner und Sven Schneider haben auch schon geholfen, Musikinstrumente für Flüchtlinge zu organisieren: Ein Klavier, auf dem ein Mädchen aus Aserbaidschan nun regelmäßig üben darf und eine Klarinette für Mohamad Mostafa. Zusätzlich gibt es die Idee, ein gemeinsames Musical zu entwickeln.

Mittlerweile bringen die Flüchtlinge bei den Chorproben auch Lieder aus ihrer Heimat ein. Mohamad Mostafa stellt an diesem Abend ein Lied auf Arabisch vor. Hamid Yousefi aus dem Iran trägt ein persisches Liebeslied vor. Später gruppieren sich alle Sängerinnen und Sänger um das Klavier herum. Dies sind Momente, in denen ein besonderes Gemeinschaftsgefühl entstehe, sagt Sven Schneider. Und Susanne Wagner ergänzt:  „Es  ist schön zu sehen, wie froh die Leute sind, wenn wir sie dort abholen, wo sie gerade in ihrem Leben stehen.“

Die nächste Chorprobe findet am 21. Juni 2016 um 18 Uhr in der Johanneskirche, Stettiner Str. in Langenfeld statt.

ekir.de / Simone Becker, Fotos: Gerald Biebersdorf / 15.06.2016


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