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DIAKONISCHES JAHR 2

Ein Jahr gewinnen, nicht verlieren

In dieser Woche treffen sich die 110 jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des derzeitigen Diakonischen Jahrs in der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) zu Workshops und Erfahrungsaustausch auf dem Bonner Venusberg

Erfahrungen verarbeiten: Julia Ludwig baut eine Maske mit gepiercter Zunge. Erfahrungen verarbeiten: Julia Ludwig baut eine Maske mit gepiercter Zunge.

 

Planung, Kommunikation, Körpereinsatz: junge Leute im Diakonischen Jahr während beim Workshop. Planung, Kommunikation, Körpereinsatz: junge Leute im Diakonischen Jahr während beim Workshop.

Daniel Märtins hat eine giftgrüne Maske vors Gesicht gezogen. „So ähnlich wie die Fantasy-Gestalt Ork, die alles kaputt macht“, lacht der an sich sanft wirkende junge Mann, während er letzte Hand an sein Pappmaché-Werk legt. Daniel durchläuft nach seiner Schulausbildung momentan innerhalb der rheinischen Kirche ein Diakonisches Jahr und nimmt gerade an einem der im Rahmen des pädagogischen Begleitprogramms angebotenen Workshops im Bonner Haus Venusberg teil. Ansonsten ist Daniel auf seinen Wunsch hin als Helfer in einem Wohnheim für psychisch Kranke eingesetzt. „Da wirkt so eine Gruppenarbeit wie hier total entspannend.“

Was neben ihm auch Julia Ludwig bestätigt. Sie sei in ihrem Diakonischen Jahr in einer Klinik-Unfallstation zum ersten Mal überhaupt mit dem Tod in Berührung gekommen. Die Stationsschwestern und die pädagogische Betreuerin der Frauenhilfe hätten ihr jedoch geholfen, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Und auch Gruppentreffen wie dieses hier in Bonn seien wichtig. „Ich sehe jedenfalls mein freiwilliges praktisches Jahr als großen Gewinn für mich. Ich werde in einen Pflegeberuf gehen“, meint die junge Frau und streichelt ihre gerade gefertigte Maske - die jedem eine riesige gepiercte Zunge entgegenstreckt.

„Wir sind nicht nur billige Praktikantinnen“

Dabei ist es den jungen Leuten, die sich da auch in den anderen Bonner Workshops Klarheit über ihren weiteren Lebensweg verschaffen, wie Julia nicht immer leicht gefallen, die 365 Tage Dienst am Mitmenschen zu leisten. Sie sei in einer pädagogischen Arbeitsgruppe für auffällige Jugendliche mit Suizidgefahr eingesetzt, erzählt Ines Inkeller. „Keine Frage, das ist immer wieder eine psychische Belastung für mich“, meint die junge Frau. Immerhin: Im Arbeitsteam fühlt sie sich zusehends geborgen und das Jahr erhält sie als Praktikum fürs Studium gutgeschrieben. „Und so bekomme ich mal was von dem mit, was wirklich schwierig ist im Leben“, steht bei Ines auf der Habenseite.

Derweil neben ihr Julia Wiesel von ihren bedrückenden Erfahrungen in einem Kinderheim erzählt. „Da komm` ich nicht mit klar. Aber ich weiß jetzt, das ist nicht mein Ding“, gibt Julia zu. Das Jahr will sie jedoch selbstverständlich beenden. „Ich wünsche mir nur, unser Einsatz wird bei späteren Bewerbungen als Pluspunkt gewertet“, hofft sie. Generell gehe es doch nur nach Noten und nicht danach, was ein junger Mensch schon für andere geleistet habe. Sie seien doch nicht nur billige Praktikantinnen, ergänzt Vanessa Grahlke, die in der Ergotherapie arbeitet. Nicht zuletzt die dortigen Patienten gäben ihr das befriedigende Feedback, dass sie dringend gebraucht werde. „Wir haben Zeit. Wir sind noch frisch. Wir interessieren uns noch für den Einzelnen.“

„Ich wollte mal gucken, ob ich das schaffe“

Durchweg positiv beurteilt auch Maksyn Nereyke, ein junger Mann aus der Ukraine, seinen Einsatz in einem Heim für demenzkranke Alte. „Was ich da gelernt habe: diszipliniert im Team zu arbeiten.“ Er habe nach der Schulausbildung erst mal nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Innerhalb des Freiwilligen Sozialen Jahrs könne er nun mögliche Berufe praktisch kennen lernen. Es gebe schon zu viele Menschen, denen ihr Job nicht gefalle.

Laura Völkel ist da schon einen Schritt weiter. In einem Behindertenreferat habe sie „mal gucken wollen, ob ich das schaffe“. Erst habe sie das Gefühl gehabt, die eine oder andere Patientin lehne sie ab. „Und dann habe ich mit der Zeit erkannt, dass die sehr an mir hängen.“ Was ihr Bestätigung genug war, sich um die Ausbildung in der Heilerziehungspflege zu bemühen. „Da hab ich jetzt meinen Platz sicher.“ Laura strahlt.

Wobei dieses eine Jahr Dienst am Nächsten, für das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer allein ein Taschengeld, freie Verpflegung und Unterkunft sowie eine Bahncard bekommen und sozialversichert werden, unter Jugendlichen natürlich erst einmal als uncool gilt. Sie werde oft gefragt, warum sie denn ein ganzes Lebensjahr verschenken wolle, erzählt Katrin Reimann, die sich in der offenen Jugendarbeit engagiert. „Da antworte ich dann drauf: Ich gewinne ein Jahr.“ Erst einmal bekomme sie von ihren Schützlingen jede Menge Anerkennung und Dank. Und dann sei auch sie nur durch diese Erfahrungen jetzt endlich soweit, beruflich die richtigen Weichen stellen zu können. Katrin will Psychologie studieren.

Ebba Hagenberg-Miliu, Fotos: Renate Hofmann

 

 

22.04.2004

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 23. April 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 23. April 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.