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Scharfe Gegner

"Da ist von Schuld zu sprechen"

Mit dem Buch "Scharfe Gegner" wird zum ersten Mal die Geschichte einer Kirchenbehörde in der NS-Zeit aufgearbeitet. Barbara Stupp sprach mit dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), Nikolaus Schneider, über das Buch

Überrascht, dass es fast 200 waren: Präses Nikolaus Schneider. Überrascht, dass es fast 200 waren: Präses Nikolaus Schneider.

Waren Sie überrascht über die große Zahl derer, die von der Kirchenbehörde benachteiligt worden sind?

Ja, da war ich sehr überrascht. Wir haben vorher in einer Expertenrunde zusammengesessen, und da war die übereinstimmende Meinung, es könnte sich um etwa zwanzig Personen handeln. Es stellte sich heraus, dass es fast 200 waren, das hat uns wirklich überrascht.

 

Das Buch stellt alle 193 Pfarrer in je einem kurzen Kapitel vor. Was vermittelt diese Vielzahl von Lebensgeschichten über das Leben im NS-Staat?

Wie immer im Leben stellt sich heraus, dass nicht alles monolithisch ist, es ist sehr gebrochen. Bei den Opfern ist zu sehen: Es sind bis auf wenige Ausnahmen keine glatten Heldengeschichten, sondern es sind Menschen, die in einer uns sehr nachvollziehbaren Weise ihren Weg gesucht haben in diesen schwierigen Zeiten. Dabei standen sie immer unter dem Druck, dass ein falsches Wort sie schon den Kopf kosten konnte. Das allein verdient unseren Respekt.

 

Was erfährt man über die Mitarbeiter der Kirchenbehörde, die Seite der Täter?

Auch da ist erkennbar, dass es einerseits Menschen gegeben hat, die einen Blick für die Konsequenzen dessen hatten, was sie anordneten und taten. Aber es gab auch andere, bei denen die Staatstreue dem Evangelium vorgeordnet und die Kirche sozusagen nichts anderes als eine Zuarbeiterin des Staates war. Und dieses wurde dann mit dem Evangelium begründet.

 

Hat Sie die zum Teil enge Zusammenarbeit zwischen Kirche und Gestapo schockiert?

Ja, etwa im Fall Paul Schneider. Nachdem er ins Konzentrationslager Buchenwald kam, wurde von der Kirchenbehörde ein Disziplinarverfahren gegen ihn eröffnet, und die SS im KZ wurde um Amtshilfe gebeten. Sie sollte ihn zu den Vorwürfen verhören, die die Behörde gegen ihn erhoben hatte. Und es gehört mit zu dem Unsäglichen dieses Vorgangs, dass dieses Schreiben erst kurze Zeit nach seiner Ermordung in Buchenwald ankam.

 

Wenn man das Buch liest, stellt sich die Frage nach der Schuld. Auch nach der Verantwortung, die heute eine Kirchenleitung noch trägt.

Da ist von Schuld zu sprechen: von der Schuld einzelner Handelnder und von der Schuld einer Institution, die nicht die notwendige Freiheit gefunden hat, sich an das Evangelium zu binden. Und für uns ist die Konsequenz, dass das Evangelium für uns immer das Erste sein muss, und unsere Verantwortlichkeiten auch unsere begründeten Loyalitäten in einer Gesellschaft, einem Gemeinwesen, einem Staat dem nachgeordnet sein müssen.

 

Warum kommt die Untersuchung so spät? Kaum einer der betroffenen Pfarrer lebt noch.

Man braucht einen gewissen Abstand, um sich solchen Fragen zuwenden zu können. Und ich denke, da hat die rheinische Kirche in der Vergangenheit schon sehr viel Mut gehabt, Mut zur Ehrlichkeit und zur Wahrheit und auch, die uns peinlichen Dinge deutlich zu machen.

 

 

 

17.10.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 17. Oktober 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 17. Oktober 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.