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Partizipation

Prof.Dr. Christina Aus der Au ist Dozentin an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung der Universität Zürich.

Beteiligen

Gemeinde heißt: „Wir alle“

Zur Kirche gehört, wer regelmäßig und auch, wer nur Weihnachten den Gottesdienst besucht, sagt die Schweizer Theologin und Philosophin Christina Aus der Au. Die Referentin beim kommenden rheinischen Symposium zur Kirchenentwicklung macht Mut, auf alle Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Ein Interview:

Zum Symposium lädt das Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung ein.

Zum Symposium lädt das Zentrum Gemeinde und Kirchenentwicklung ein.

„Gehst du noch hin oder partizipierst du schon?“, heißt Ihr Vortrag beim Symposium am 17. März in Wuppertal. Mitmachen, sich beteiligen – wie geht das in der Kirche?

Der Begriff Beteiligung ist weit gefasst. Mitmachen umfasst nicht nur die langjährige Mitarbeit in einem Presbyterium. Mitmachen bedeutet auch, am Gottesdienst teilzunehmen, im Kinderchor zu singen, bei einem Fest dabei zu sein oder mal ein projektbezogenes und befristetes Ehrenamt zu übernehmen. An der Kirche zu partizipieren heißt für mich, einfach dabei zu sein und das aus eigenem Antrieb.

Derzeit scheinen Menschen die Kirche eher zu verlassen, als in ihr mitzuwirken. Wie können sie motiviert werden?

Motiviert zur Beteiligung werden Menschen, wenn sie das gemeinsame Ziel gut finden, wenn sie eine Aktivität ausüben können, die sie wie etwa das Singen gerne machen, oder wenn sie die Leute mögen, die ihnen in der Gemeinde begegnen. 

Auch die Menschen, die nur zu Weihnachten den Gottesdienst besuchen, beteiligen sich damit an der Gemeinde. Über sie sollten wir nicht abfällig sprechen, denn sie haben ein Bedürfnis, sonst wären sie nicht da. Wir sollten uns eher fragen: Was gefällt ihnen am Festgottesdienst? Und wie können wir auf ihre Anliegen im gesamten Kirchenjahr eingehen?

Ich bin eine große Befürworterin projektbezogener Mitarbeit. Wenn wir etwa die Menschen bei der weihnachtlichen Feier oder einem befristeten Chorprojekt einbinden, dann fühlen und erleben sie Kirche, dann lernen sie Menschen kennen, knüpfen Beziehungen und sind beim nächsten Mal gerne wieder dabei. Es darf kein „Wir in der Kirche“ und „Ihr da draußen“ geben. Denn Gemeinde sind wir alle, egal wo und wie oft wir uns beteiligen.

Unsere Gesellschaft wird flexibler und mobiler. Sollte sich Kirche dem anpassen?

Wenn wir Menschen in ihrer aktuellen Lebenssituation einbinden, verändern wir damit die Kirche. Es ist eine Falle, zu denken: So wie Kirche in den vergangenen Jahrzehnten war, ist sie richtig und dauerhaft. Wir haben die Freiheit der Möglichkeiten, und die sind alleine in Christus getragen und an keine vorgegebene Struktur gebunden. So können wir mit bestimmten Projekten die Familien erreichen, eine Internet-Gemeinde gründen oder Sängerinnen und Sänger aus dem ganzen Landkreis für einen Chor begeistern.

Damit wird das parochiale Prinzip aufgelockert – also das Festhalten an der  Ortsgemeinde, die auf eine geografische Region begrenzt ist. Auch wenn die Parochialgemeinde oft wie eine heilige Kuh erscheint, eröffnet der Blick über ihre Grenzen hinaus neue ungeahnte Möglichkeiten und Chancen. Auf sie sollten wir neugierig sein und uns freuen – und ich möchte gerne Lust auf diese Veränderung machen.

Eine feste Struktur macht die Kirche beständig. An ihr zu rütteln, kann den Menschen auch Angst machen

Ohne eine feste Struktur hätte die Kirche die Jahrhunderte nicht überdauert. Doch ihre Ordnung veränderte sich stets. Und natürlich sollen wir auch traditionelle Formen behalten, denn es gibt die Menschen, die sonntags den Gottesdienst brauchen und die sich gerne kontinuierlich in der ehrenamtlichen Leitung einbringen.

Zwischen dem Angebot für sie und den Menschen, die sich punktuell beteiligen, müssen wir die Balance hinbekommen. Dass die Kirche sich verändert, ruft natürlich Angst und Trauer hervor: bei den Mitarbeitenden, deren Arbeitsplätze durch sinkende Einnahmen und Umstrukturierungen bedroht sind, oder bei den Christinnen und Christen, deren Kirchengebäude entwidmet werden, in denen sie konfirmiert und getraut wurden. Ihre Ängste und Trauer müssen wir mit Achtsamkeit annehmen und begleiten.

Aber letztendlich sind Veränderungen machbar?

Das glaube ich, und da bin ich als reformierte Christin sehr entspannt: Wir brauchen keine Kirchengebäude als heiligen Ort, weil Gemeinde immer dort passiert, wo Menschen im Glauben zusammenkommen. Und das tun sie an vielen Orten, weil Menschen die Gemeinschaft wünschen. Auch wenn sie sich im Internet austauschen, taucht doch irgendwann die Frage auf: „Wann treffen wir uns denn mal?“. Ich stelle mir vor, dass die unterschiedlichen Ziel- und Glaubensgruppen sich regelmäßig bei einem Fest mit Essen treffen, sich gegenseitig präsentieren was sie machen und darüber austauschen.

Und egal, in welcher Struktur: Kirche existiert jenseits aller gesellschaftlichen Veränderungen. Da sollten wir einfach Gott vertrauen.

Das „Symposium Kirchenentwicklung - Partizipation als Chance für die Zukunft der Kirche“ des rheinischen Zentrums Gemeinde und Kirchenentwicklung findet am 17. März von 10 bis 17 Uhr mit Referaten, Austausch und Diskussion in Wuppertal statt. Als Hauptreferentin spricht Christina Aus der Au ab 11 Uhr.

ekir.de / Text: Sabine Eisenhauer, Foto: DEKT / 09.02.2018


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