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Wünschenswerte Inklusion: Oberkirchenrat Klaus Eberl. (ekir.de-Archivfoto)

Wünschenswerte Inklusion: Oberkirchenrat Klaus Eberl. (ekir.de-Archivfoto)

Inklusion

Auf dem Weg zu Verschiedenheit als Normalität

Die Umsetzung der Inklusion an Schulen leidet nach Ansicht des Bildungsexperten der Evangelischen Kirche im Rheinland, Oberkirchenrat Klaus Eberl, erheblich unter dem Mangel an Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. 

Aus diesem Grund fühlten sich viele Lehrerinnen und Lehrer dauerhaft überfordert und Eltern hätten den Eindruck, dass ihre Kinder nicht richtig gefördert würden, sagte Eberl dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dies führe dazu, dass der gesamte Inklusionsprozess diskreditiert werde und die Akzeptanz des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nicht behinderten Kindern schwinde.

"Derzeit droht die Stimmung zu kippen", warnte Eberl, der als Co-Vorsitzender der Ad-hoc-Kommission Inklusion der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Montag die Orientierungshilfe zur Inklusion mit vorgestellt hat. "Es ist normal verschieden zu sein. Inklusion leben in Kirche und Gesellschaft" lautet der Titel der Orientierungshilfe, in der unter anderem mehr individuelle Begleitung für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen beim Lernen gefordert wird.

Seit behinderte Kinder in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Regelschule bekamen, hätten sich viele Schulen auf den Weg gemacht, so Eberl. Allerdings sei die Situation vielerorts "weit weg von der Wirklichkeit eines inklusiven Unterrichts. Inklusiv unterrichten bedeutet, völlig anders zu unterrichten".

Nötig ist ein entsprechendes Unterrichtskonzept

Oft fehle den Schulen aber ein entsprechendes Unterrichtskonzept. Auch an vielen Einrichtungen, die bereits gute Erfahrungen mit inklusivem Unterricht gemacht haben, hat sich nach Eberls Worten die Qualität des Unterrichts verschlechtert, weil sie weniger Sonderpädagogenstunden zur Verfügung haben als zuvor.

Die "akute Knappheit an Sonderpädagogen" sei dadurch verursacht worden, dass die Inklusion an den Schulen zu überstürzt eingeführt worden sei, kritisierte der rheinische Oberkirchenrat und Vizepräses der EKD-Synode. "Man wollte zu viel auf einmal." Ein behutsamerer Aufbau des Inklusionsmodells wäre nach seiner Ansicht besser gewesen, auch wenn dann viele Schulen nicht hätten mitmachen können.

Da die Qualität des inklusiven Unterrichts derzeit nicht immer gewährleistet sei, habe die Beratung der Eltern einen hohen Stellenwert, erklärte Eberl. Man müsse in jedem Fall individuell prüfen, was für das Kind am besten sei. So wünschenswert Inklusion sei - manche Kinder seien unter den derzeitigen Bedingungen an einer Förderschule besser aufgehoben, sagte der kirchliche Bildungsexperte.

Orientierungshilfe: Vorläufig Wahl zwischen Förderschule und gemeinsamem Unterricht lassen

Stichwort stärkere Integration von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf: Laut Orientierungshilfe steht einer inklusiven Schule zu viel Frontalunterricht entgegen. Außerdem gebe es zu wenig individuelle Begleitung beim Lernen, heißt es weiter in der Orientierungshilfe, die am Montag in Hamburg in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf vorgestellt wurde. Von der "Idee des gemeinsamen Lernens" sei die "schulische Wirklichkeit" oft weit entfernt.

Lehrerinnen und Lehrer seien noch nicht ausreichend auf die neue Situation vorbereitet und empfänden den gemeinsamen Unterricht als Überforderung, heißt es in dem Dokument, erstellt von der Ad-hoc-Kommission, der Fachleute aus Kirche, Diakonie, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft angehören.

"Die neue Schule wird Zeit brauchen, wenn Inklusion gelingen soll", schlussfolgern die Expertinnen und Experten. Für eine Übergangszeit könne es daher sinnvoll sein, dass man zwischen Förderschule und gemeinsamem Unterricht wählen kann.

Paradigmenwechsel

Der Begriff Inklusion markiere einen Paradigmenwechsel. "Es geht nicht mehr um die Integration einer kleinen abweichenden Minderheitsgruppe in die 'normale' Mehrheit. Vielmehr soll die Gemeinschaft so gestaltet werden, dass niemand aufgrund seiner Andersartigkeit herausfällt oder ausgegrenzt wird", schreibt der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm im Vorwort der Orientierungshilfe. Mut und Kreativität seien dabei ebenso gefragt wie Professionalität und sensibler Umgang mit Vielfalt.

In dem 192 Seiten umfassenden Text heißt es: "Inklusion ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe und betrifft daher die ganze Gesellschaft und nicht nur Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderungen." Ausführlich thematisiert die Orientierungshilfe auch Konsequenzen von Inklusion für Kirche und Diakonie. Ausgrenzung widerspreche der Abendmahlsgemeinschaft. Das kirchliche Engagement im Bildungs- und Sozialbereich für Menschen mit Behinderungen habe deutlich gemacht, dass Menschenwürde und Gottesebenbildlichkeit jedem Menschen zukommen.

Zugleich betreffe das Inklusionsleitbild Kirche und Diakonie als Trägerinnen großer Behinderteneinrichtungen besonders. Schließlich trügen sie aufgrund ihrer Spezialisierung zur Ausgrenzung bei. Deshalb seien alle Einrichtungen, Kirchenkreise und Kirchengemeinden gefordert, notwendige Unterstützung so zu leisten, dass ein Leben in der Mitte der Gesellschaft möglich ist.

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epd / 26.01.2015


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