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Seit 1975 sind in der rheinischen Kirche Frauen und Männer im Pfarrdienst gleichgestellt. Das wurde mit der auf der Landessynode 2015 eröffneten Ausstellung 'Pionierinnen im Pfarramt' gewürdigt.

Seit 1975 sind in der rheinischen Kirche Frauen und Männer im Pfarrdienst gleichgestellt. Das wurde mit der auf der Landessynode 2015 eröffneten Ausstellung "Pionierinnen im Pfarramt" gewürdigt.

Frauenordination

Nicht überall selbstverständlich: Frauen im Pfarramt

Seit 2004 gehören Polen, Lettland und Litauen zur Europäischen Union (EU) – und damit sollten europäische Prinzipien dort selbstverständlich sein. Doch in den evangelischen Kirchen dieser Länder ist die Ordination von Frauen nicht möglich. Das widerspreche dem Wesen des Christentums, sagen vier rheinische Theologinnen.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands hatte Anfang Juni bei der Tagung ihrer Synode in Riga mit einer Dreiviertel-Mehrheit beschlossen, die Frauenordination abzuschaffen. Die war in der Kirche zwar schon vor 40 Jahren eingeführt, jedoch seit 1993 gar nicht mehr praktiziert worden. In diesem Frühjahr hatte außerdem die Synode der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Polen gegen die Ordination von Frauen gestimmt. Auch die Evangelisch-Lutherische Kirche Litauen ordiniert keine Frauen, einen dafür zugrunde liegenden Beschluss gibt es nicht.

In der Evangelischen Kirche im Rheinland sind Frauen und Männer im Pfarramt seit 1975 gleichgestellt. Oberkirchenrätin Barbara Rudolph,  Pfarrerin Friederike Lambrich, Irene Diller, Theologin und Dezernentin der Gender- und Gleichstellungsstelle, sowie Dagmar Müller, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland, nehmen kritisch Stellung zu den aktuellen Ereignissen und erzählen von ihren Erfahrungen als Frauen im Pfarrberuf.

 

"Den Faden nicht abreißen lassen"

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Oberkirchenrätin Barbara Rudolph

Erstaunt hat mich ein Besucher der rheinischen Ausstellung „Pionierinnen im Pfarramt“ im vergangenen Jahr angesprochen: „Sie sind auch auf einem Bild der Ausstellung! Sind Sie nicht etwas zu jung für eine Pionierin?“ Ich denke nach und erinnere mich: Als ich mich 1986 auf meine erste Pfarrstelle bewarb, war ich die erste Frau im Kirchenkreis, die eine Einzelpfarrstelle innehatte.

In diesen Tagen denke ich an die Fragen, Bedenken und Vorbehalte zurück, die mir anfänglich als Frau im Pfarramt entgegen gebracht wurden. Zum Beispiel wenn ich höre, dass die polnische Synode der Lutherischen Kirche in diesem Frühjahr zwar mit Mehrheit für die Frauenordination votiert hat, aber die für eine Änderung des dortigen Kirchenrechts notwendige Zweidrittel-Mehrheit verpasst hat. Oder wenn jetzt in Lettland die Ordination von Frauen zurückgenommen worden ist.

Ich mache mir bewusst, wie jung die Geschichte der Frauenordination und die Gleichstellung von Frauen und Männern im Amt auch in unserer rheinischen Kirche sind. Dass Kirchen lange brauchen in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, dass die Gleichstellung mitunter mühsam errungen worden ist, zeigt die Notwendigkeit nicht nachzulassen.

Beim Besuch der Kirchenleitung in Polen haben wir bewusst einen Dialog mit den Theologinnen  geführt. Wir wollen diese begabten und klugen Frauen sichtbar und hörbar machen. Während Polen um den weiteren Weg ringt, ist es in Lettland anders. Nach der Einschätzung des Lutherischen Weltbunds hat die Kirche gegen eine Reihe von Beschlüssen der letzten Vollversammlungen verstoßen.

Dort heißt es, dass zwar noch nicht alle Kirchen die Frauenordination  anerkennen, aber alle gemeinsam auf dem Wege zur Gleichstellung im Amt sind. Aus dieser Gemeinschaft hat sich die lettische Kirche nun bewusst heraus bewegt. Den Faden nicht abreißen zu lassen und zugleich die Gemeinden stärken, die die Frauenordination wünschen, ist jetzt die nicht ganz leichte Aufgabe unserer Kirche. 

Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin und hauptamtliches Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) leitet die Abteilung Ökumene.

 

"Ich finde die Beschlüsse bestürzend"

Pfarrerin Friederike Lambrich

Pfarrerin Friederike Lambrich

In den sozialen Netzwerken habe ich viele Diskussionen über die aktuellen Entscheidungen in den osteuropäischen evangelischen Kirchen verfolgt. Es wurde dabei viel Solidarität mit den betroffenen Frauen geäußert. Ich finde die Beschlüsse bestürzend. Denn sie wurden mitten in Europa getroffen, also quasi bei uns um die Ecke. Auch wenn es ein trauriger Anlass ist, sollten wir ihn dafür nutzen, daraus etwas für unsere eigene Kirche zu lernen.

Für mich bedeutet dies, verstärkt darauf hinzuweisen, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass Frauen und Männer in der rheinischen Kirche gleichgestellt worden sind. Gerade vielen aus meiner Generation ist nicht bewusst, dass die damalige Landessynode erst im Jahr 1975 die volle rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern im Pfarrdienst beschlossen hat. Dass Pfarrerinnen bis dahin sogar ihren Beruf aufgeben mussten, wenn sie heirateten, kommt uns jüngeren Menschen absurd vor – und es ist gerade mal 40 Jahre her.

Ich bin 1985 geboren und kenne nur eine selbstverständliche Gleichberechtigung. Meine Kompetenz wurde nie aufgrund meines Geschlechts in Frage gestellt, und so habe ich nie das Gefühl, dass ich mir und anderen etwas beweisen muss. Als Studentin und Vikarin war ich von genauso vielen Frauen wie Männern umgeben. In meiner Pfarrstelle treffe ich jetzt allerdings auf mehr Männern als Frauen in Leitungsfunktionen. Doch das wird sich ändern, wenn die Generation der Babyboomer in Pension geht – ihnen werden dann ebenso viele Frauen wie Männer in die Ämter folgen.

Erstaunlicherweise wird mir die Frage nach dem Geschlecht im Pfarrberuf oft von anderen gestellt: Gemeindemitglieder, Kollegen und gerade ältere Kolleginnen fragen mich, wie ich das Amt als Frau erlebe. Für meine Generation kann ich dazu sagen: Wir sind bei der Gleichberechtigung angekommen. Und egal, ob Mann oder Frau: Karriere und Macht ist unserer Generation nicht so wichtig. Wir legen viel mehr Wert auf eine Aufgabe, die uns ausfüllt. Und die füllen wir dann wiederum unabhängig vom Geschlecht und je nach individueller Persönlichkeit und eigenem Charakter aus. 

Friederike Lambrich, Pfarrerin der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde Willich.

 

"Die jüngsten Entscheidungen in den osteuropäischen Kirchen sollten wir nicht akzeptieren"

Theologin Irene Diller

Theologin Irene Diller

In unseren weltweiten Beziehungen zu anderen Kirchen erleben wir mit diesen nicht immer eine hundertprozentige Übereinstimmung und manchmal sogar Differenzen. Das können wir aushalten. Doch die jüngsten Entscheidungen in den osteuropäischen Kirchen sollten wir nicht akzeptieren. Immerhin treffen sie mit dem Missachten der Gleichstellung von Frau und Mann einen Grundpfeiler unserer Kirche: Es gehört doch zum Wesen des Christentums, dass Frauen und Männer gleiche Rechte, Pflichten und Chancen haben.

Daher finde ich es gut, dass sich Kirchenleitungen in Deutschland, mit ihnen unser rheinischer Präses Manfred Rekowski, deutlich und kritisch zu den Beschlüssen der osteuropäischen Kirchen geäußert haben. Viele Kirchen befinden sich bei der Gleichstellung in einer Vorwärtsbewegung.

So war ich froh, dass wir das diesjährige Pfingstfest in Mülheim an der Ruhr mit einer afrikanischen Bischöfin gefeiert haben. Und in der katholischen Kirche wird jetzt Maria Magdalena als Apostelin aufgewertet, und sie erhält einen Gedenktag im liturgischen Kalender. Dass es zeitgleich in evangelischen Kirchen einen Rückschritt gibt, ist erschreckend.

Ich kann nur mutmaßen, welche gesellschaftlichen oder politischen Kräfte hinter diesen jüngsten Entscheidungen in Osteuropa wirken. Die Gleichstellung von Frauen ist die große Revolution im vergangenen Jahrhundert gewesen, und es ist immer schmerzlich, wenn Ordnungen sich verändern. Das verunsichert die Menschen in ihrer Identität. Die Ängste dahinter sollten wir selbstverständlich anhören und sie ernstnehmen.

Ich selbst habe 1987 das Theologiestudium aufgenommen und bei meiner Arbeit in der Kirche nie erlebt, dass ich aufgrund meines Geschlechts ausgegrenzt worden bin. Schon vor 500 Jahren in der Zeit der Reformation gab es wie in den Anfängen des Christentums Frauen, die wussten, dass sie durch die Taufe und ihren Glauben ebenso wie Männer berufen sind, zu predigen.

In unserer Kirche wird die Gleichstellung hoffentlich eine Selbstverständlichkeit bleiben. Alles andere wäre nicht nur ungerecht, sondern auch unbiblisch und würde uns einer großen Vielfalt berauben.

Irene Diller, Theologische Referentin der Gender- und Gleichstellungsstelle der rheinischen Kirche.

 

"Wir müssen jetzt Solidarität mit den Schwestern in Lettland, Litauen und Polen zeigen"

Pfarrerin Dagmar Müller

Pfarrerin Dagmar Müller

Es gibt weder eine theologische, noch eine geistliche Begründung dafür, Frauen aufgrund ihres Geschlechts von der Ordination auszuschließen. Daher ist es in meinen Augen einfach falsch, Theologinnen nicht zu ordinieren.

Die Bibel rechtfertigt diese Ausgrenzung der Frauen nicht. Im Gegenteil. So wird in Galater 3,28 betont: „Hier ist kein Jude, noch Grieche, hier ist kein Knecht, noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu.“ Menschen werden demnach im Neuen Testament nicht klassifiziert. Dass sie viel mehr als gleichwertig bezeichnet werden, war damals sogar skandalös: Denn als der Text um 50 nach Christus entstand, zählten Kinder und Frauen wie Tiere zum Besitz des Mannes.

Auch in den ersten Jahrhunderten des Christentums gab es Jüngerinnen, Bischöfinnen, Apostelinnen und Presbyterinnen. In einer patriarchalen Umwelt und Kirche wurden sie jedoch wieder aus den Ämtern verdrängt. Es war ein langer Weg, den wir in unserer Kirche bis zur Gleichstellung von Frauen und Männern im Amt gegangen sind. Für mich war es somit immer selbstverständlich, dass ich als Frau ordiniert werden und Pfarrerin sein kann. Das Theologiestudium begann ich 1985, und 1996 bin ich ordiniert worden – in allen diesen Jahren ist mir bis heute nicht einmal der Gedanke gekommen, ich hätte nicht das Recht dazu. Ausgrenzung habe ich nie erlebt.

Wir müssen jetzt unsere Solidarität mit den Schwestern in den evangelischen Kirchen in Lettland, Litauen und Polen zeigen. Für sie sind die aktuellen Entschlüsse eine Entwertung, mit der die Frauen eine Verachtung erfahren, die sie tief verletzt. Denn ordiniert zu werden, das bedeutet doch, einer Berufung zu folgen. Wird den Frauen diese Identität verweigert, ist das für sie dramatisch. Ich bewundere die Theologinnen, die nun weiterhin in diesen Kirchen etwa als Diakoninnen arbeiten und auf Gott vertrauen, dass sich ihre Position irgendwann verbessert. Dazu hätte ich keine Geduld.


Dagmar Müller, Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland und Geschäftsführerin ihrer diakonischen Einrichtungen. 
 

ekir.de / Sabine Eisenhauer, Fotos: Hans-Jürgen Vollrath, Sergej Lepke, Franz Heinbach, privat / 01.07.2016


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