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Martin Luthers Thesen sind verbürgt und überliefert – sein Hammer nicht

Der Hammer wäre tatsächlich der Hammer, wenn nicht …

Pressemitteilung Nr. 1517.1/2017

Düsseldorf/Wittenberg. „Sensationsfund: Luthers Hammer zufällig im Archiv entdeckt.“ Was die gestrige Pressemitteilung vermeldete, wäre tatsächlich ein Hammer, wenn … ja, wenn nicht schon die Angabe der Sperrfrist („1. April 2017, 0 Uhr“) einen zarten Hinweis gegeben hätte: Zwar ist der zitierte Landeskirchenarchivdirektor Dr. Stefan Flesch a) echt und b) ein Mann mit Humor, aber die Geschichte rund um das Tatwerkzeug des Lutherschen Thesenanschlags vor 500 Jahren, über das jemand zufällig im Keller des Düsseldorfer Landeskirchenamts stolperte, ist schlicht und ergreifend wild fabuliert – gewissermaßen als Reformationsjubiläumsbeitrag zur Jahr für Jahr wachsenden Liste von Aprilscherzen.

Die deutsche Redensart „jemanden in den April schicken“ ist offenbar mehr als 100 Jahre jünger als Luthers 95 Thesen: Erstmals wurde sie in Bayern überliefert, was nun aber nicht heißen soll, dass das bundesdeutsche Südland das Mutterland der Fake News ist. Allerdings kam der Brauch, am 1. April eines jeden Jahres die Mitmenschen durch erfundene oder verfälschte, meist spektakuläre Geschichten, Erzählungen oder Informationen zum Narren zu halten, mit deutschen Auswanderern auch bis nach Nordamerika. True story! Dort gibt es die Tradition noch immer. Heute vielleicht sogar mehr denn je.

Hat er, oder hat er nicht?

Aber zurück nach Wittenberg im Jahre des Herrn 1517: Ob es sich beim Thesenanschlag Luthers an der Türe der Schlosskirche nun um Dichtung oder Wahrheit handelt, ist in der kirchengeschichtlichen Forschung umstritten. Der eine hält diese Erzählung für eine historisch unbegründete „Legende“, der andere billigt ihr „die relativ größte Wahrscheinlichkeit“ zu, sagt Professor Dr. Hellmut Zschoch von der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel:

„Man kann festhalten:

1. Berichte über den Thesenanschlag haben wir erst aus der Zeit nach Luthers Tod, sie sind also nicht von ihm bestätigt.

2. Thesen für Universitätsdisputationen wurden normalerweise angeschlagen, und zwar an allen Wittenberger Kirchen. Die Ablassthesen zielten auf eine über Wittenberg hinausgehende Disputation ab, stellen also nicht den Regelfall dar.

3. Luther verschickt die Thesen am 31. Oktober 1517 an den Mainzer Erzbischof, anschließend an weitere Adressaten. Wenn es einen Anschlag gegeben hat, dann – nach Äußerungen Luthers – vermutlich erst in der ersten Novemberhälfte.

4. Professoren machten die Anschläge nicht selbst – dafür gab es Personal. Es ist zweifelhaft, ob Anschläge mit Hammer und Nägeln erfolgten oder nicht doch eher mit Siegelwachs oder Leim.

5. Ein Anschlag der lateinischen(!) Thesen hätte in jedem Fall noch keine begeisterten Reaktionen der ,normalen‘ Bevölkerung hervorgerufen.“

Und der Wuppertaler Kirchengeschichtler, der im Gegensatz zur rheinischen „Hammer-Story“ natürlich echt ist, zieht ein Fazit: „Den ,Reformator mit dem Hammer‘ gab es nicht; ganz egal, ob man den Thesenanschlag als solchen für historisch wahrscheinlich hält – was ich tue – oder nicht. Dieser Bildtypus ist erst im 19. Jahrhundert entstanden. Nichtsdestotrotz: Am 31. Oktober 1517 begann die Reformation. Nicht mit Hammerschlägen, aber mit theologisch fundierter Kritik an kirchlicher Praxis und mit guter Netzwerkarbeit.“

Wohl wahr! Wer aber auch Spaß an der Hammer-Geschichte hat, kann sie hier noch einmal im Video sehen: zum Video

Düsseldorf/Wittenberg / EKiR-Pressestelle / 01.04.2017


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