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Landessynode 2009

Erst helfen und dann Choräle singen

Am 9. November 1948, zwei Uhr morgens geschah es: 147 Synodale beschlossen in Velbert die Trennung der rheinischen Kirche von der preußischen. Das war die Geburtstunde der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Professor Volker Wittmütz referierte vor den Synodalen über die Geschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Professor Volker Wittmütz referierte vor den Synodalen über die Geschichte der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Über 60 Jahre Evangelische Kirche im Rheinland referierte Professor Volker Wittmütz vor den Synodalen. Sechs Jahrzehnte seien kein Zeitraum, der einer besonderen Feier bedürfe, schließlich lebten schon seit den 1520er Jahren evangelische Christen im Rheinland, führte der Historiker aus. Schon im 19. Jahrhundert habe es einen „kleinen Kirchenkampf“ im Rheinland und in Westfalen gegen den preußischen König gegeben. Die preußische Kirche sei „zentralistisch, bürokratisch und obrigkeitshörig strukturiert gewesen“, erklärte Wittmütz.
Zur Trennung beigetragen habe aber sicherlich der märkische Generalsuperintendent Otto Dibelius, der sich im Mai 1945 gegenüber der russischen Besatzungsmacht Bischof nannte und letztlich auch den Anspruch erhoben habe, die gesamte preußische Kirche, also auch das Rheinland zu vertreten. „Nicht nur durch diesen Titel, aber auch dadurch wurde ungemeiner Ärger hervorgerufen“, so Wittmütz.

Keine "Hochstimmung" nach der Trennung

Nachdem die Trennung vollzogen war, herrschte „keine Hochstimmung“, wie Wittmütz den Protokollen entnommen hat. Den Synodalen seien die Beratungen zum Kirchenleitungsgesetz und zur Kirchenordnung wichtiger gewesen. Daraus resultiere „die unglaubliche Machtfülle der Kirchenleitung und besonders des Präses“. In den 1960er Jahren habe es dann Bestrebungen gegeben, diese Machtfülle zu reformieren, damals aber ohne Erfolg.

Dass die EKiR nach kurzer Zeit diesen entstehenden Staat akzeptiert habe, im Gegensatz beispielsweise zur Weimarer Republik, sieht Wittmütz als eine besondere Leistung der rheinischen Kirche. Diese habe damit Verantwortung übernommen und erklärt, diesen Staat zu begleiten, mit konstruktiver Kritik. „Die rheinische Kirche hat aus dieser tiefen politischen Verantwortung einen Linksprotestantismus entwickelt, den es womöglich heute noch gibt.“

Unruhe in der 1960er Jahren

1968 bezeichnete der Historiker als Zeit der Studentenunruhen, die auch in Teilen der Kirche Unruhe ausgelöst habe. Neue Gottesdienstformen sind entstanden, erklärte Wittmütz und wies auf das politische Nachtgebet mit Dorothee Sölle hin. Diese neuen Formen stießen beim damaligen Präses, Joachim Beckmann, auf wenig Gegenliebe. Beckmann habe diese Veranstaltung mit einer Veranstaltung der Deutschen Christen verglichen, erinnerte sich Präses Nikolaus Schneider, der in dieser Zeit Theologiestudent gewesen ist. Auf der nachfolgenden Synode habe Eberhardt Bethge einen riesigen Blumenstrauß für Dorothee Sölle mitgebracht, erzählte der Präses.

Die Anti-Atomkraftbewegung, die Umweltbewegung, die Anti-Rassismusbewegung, da habe sich viel unter dem Dach der Kirche gefunden. Dies könne man als „Verkirchlichung der Kritik sehen“, erklärte Wittmütz. Gleichzeitig könne dies aber auch ein Hinweis darauf sein, dass die EKiR sich auf einem Weg befinde „zuerst den Hilfsbedürftigen zu helfen und dann gregorianische Choräle zu singen“.

ekir.de/pas / 09.08.2010


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