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Landessynode 2005

In Glaubensfragen "Ich" sagen

„Die Bejahung der Notwendigkeit von Reformen ist kein Freibrief für Formen von sozialer Ausgrenzung der unterschiedlichsten Art.“ Das sagte Präses Nikolaus Schneider in seinem Bericht an die Landessynode 2005.

Kein Freibrief für soziale Ausgrenzung: Präses Nikolaus Schneider. LupeKein Freibrief für soziale Ausgrenzung: Präses Nikolaus Schneider.

Außerdem kündigte der Präses in Bad Neuenahr an: „Wir werden weiterhin den sozialpolitischen Umbau im Ganzen und seine einzelnen Maßnahmen daraufhin prüfen und daran messen, ob sie der großen gemeinsamen Orientierung an Gerechtigkeit und Solidarität entsprechen werden oder nicht. Solidarität und Gerechtigkeit bleiben unsere Maßstäbe.“ Zwar seien Reformen dringend nötig, unterstich er erneut. Besorgt erklärte Schneider: „Die Fliehkräfte in unserer Gesellschaft nehmen zu, die soziale Kohäsion ab. Das ist eine große Gefahr - wir müssen ihr in Wort und Tat widerstehen.“

 

 

Kritische Auseinandersetzung mit der Politik Israels: Präses Nikolaus Schneider. LupeKritische Auseinandersetzung mit der Politik Israels: Präses Nikolaus Schneider.

Zum Beschluss von 1980 “Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“, mit dem sich die Landessynode bereits am Vorabend beschäftigt hatte und in den nächsten Tagen noch einmal befassen wird, bemerkte der Präses: „Dieser Synodalbeschluss markiert über die Grenzen der Evangelischen Kirche im Rheinland hinaus einen Meilenstein christlicher Hermeneutik: die Identität unserer Kirche und unser Verständnis der biblischen Botschaft werden gebunden an die Erwählungs- und Verheißungsgeschichte Israels.“

Im Blick auf die heutige Politik machte Schneider allerdings klar: „Als ein Baustein für christlichen Antijudaismus oder Antisemitismus kann eine solidarisch-kritische Auseinandersetzung mit der Politik der gegenwärtigen Regierung Israels und dem Israel-Palästina-Konflikt nicht gewertet werden.“ Er warnte vor politischer Schelte, die einen gerechten Frieden und die Selbstbestimmung Palästinas keinen Schritt näher rückt, "uns selbst zu nichts verpflichtet und die Möglichkeiten der ,politischen Seelsorge’ zerstört“.

 

 

Erhebliches Imageproblem des Islam: Präses Nikolaus Schneider. LupeErhebliches Imageproblem des Islam: Präses Nikolaus Schneider.

„Der Dialog der christlichen Kirchen mit dem Islam kann nicht denselben Stellenwert haben wie der Dialog mit dem Judentum. Jesus Christus war in seinem irdisch-menschlichen Leben Jude. Den größeren Teil unserer Heiligen Schrift verdanken wir dem Judentum. Mit Israel sind und bleiben wir in der Wurzel verbunden.“ Außerdem benannte Schneider ein "erhebliches Imageproblem". In weiten Teilen der Bevölkerung gelte der Islam als Religion der bärtigen Gotteskrieger mit antiwestlicher Grundhaltung, als Religion unterdrückter Frauen, der Selbstmordattentäter. Als "beschönigende Rede" kritisierte er die Rede vom selben Gott und die Gleichsetzung von Judentum, Christentum und Islam unter dem Begriff der drei abrahamitischen Religionen.  Damit würden Christinnen und Christen ihrem spezifischen Verständnis von Gott und ihren Glaubensantworten auf die Herausforderung durch den Vater Jesu Christi nicht gerecht.

Abgrenzung - nicht ohne Verbindendes: „Ausdrücklich möchte ich aber betonen: zu einem offenen Gespräch mit dem Islam gibt es keine Alternative. Den Muslimen in unserem Land schulden wir Respekt und Achtung.“ Das nüchterne und kritische Gespräch mit Muslimen sei Ausdruck des Vertrauens in die Belastbarkeit der gewachsenen Gesprächsbasis. Friedlichem Zusammenleben und besserem Verständnis helfe ein deutschsprachiger Islamunterricht in gemeinsamer Verantwortung von Staat und islamischen Glaubensgemeinschaften an den öffentlichen Schulen.

Schlüsselaufgabe Integration

Die Integration von Migrantinnen und Migranten stelle eine "Schlüsselaufgabe" der kommenden Jahre dar, äußerte sich Präses Schneider zu einem weiteren gesellschaftlichen Thema. Zur aktuellen Diskussion über Scheitern und Chancen der multikulturellen Gesellschaft bemerkte er: "Was gestern als Versprechen einer kosmopolitischen Zukunft galt, weckt heute Verdacht und macht Angst.“ Er kritisierte eine „jahrzehntelange Fehlpolitik". Die Probleme seien hausgemacht.

Im Blick auf Bildung und Erziehung sagte der Präses vor den 254 Versammelten: „Es ist besorgniserregend, dass in unserem Land soziales Schicksal und Bildungsschicksal eng miteinander verknüpft sind.“ Die Prognose für die Tageseinrichtungen für Kinder sehe düster aus. "Wir können uns auf der einen Seite über immer bessere Qualität und Schärfung des Profils evangelischer Tageseinrichtung freuen und können auf diese Entwicklung stolz sein. Die betriebswirtschaftliche Seite ist andererseits jedoch in der bisherigen Form für viele Presbyterien nicht mehr zu schultern.“ Erneut mahnte er: „Die Trägerbelastung muss sinken. Als Zielperspektive halte ich zehn Prozent aller Trägerkosten für angemessen.“

Ein "Glaubensgebot"

Der Synode, der ein Beschlussvorschlag zum Thema Mission und Evangelisation vorliegt, erläuterte er weiterhin: „Ich will hier nicht einem aufdringlichen ,Hausieren’ mit persönlichen Bekehrungserlebnissen das Wort reden oder einer sektiererischen, aggressiven Mission. Aber ich will Mut dazu machen, in Gesprächen über Glaubensfragen und in der Verkündigung wieder ,Ich’ zu sagen. Analog zum Liebesgebot Christi ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst’ gilt für Christinnen und Christen auch ein Glaubensgebot: ,Wecke und stärke den Glauben deiner Nächsten wie deinen eigenen.’“

Im Rückblick auf Neuigkeiten im Jahr 2004 hob der Präses die "Offenen Kirchen" hervor: „Eine offene Kirche ist eine unkomplizierte und freundliche Einladung zur Begegnung mit Gott und seiner Gemeinde.“ An anderer Stelle bemerkte er: „Die Kircheneintrittsstellen sind ebenfalls in ihrer Weise offene Türen, die den Zugang zu unserer Kirche erleichtern. Diese Stellen arbeiten sehr erfolgreich.“

Theologie studieren

Positive Impulse vom „Theologischen Zentrum Wuppertal“ (ThZW) erwartet Präses Nikolaus Schneider. Inzwischen seien alle Einrichtungen auf dem „Heiligen Berg“ angekommen, erklärte der Präses in seinem Bericht an die Landessynode 2005. Gemäß der Umstrukturierung landeskirchlicher Aufgaben, beschlossen von der Landessynode 2003, zogen auf den Campus der Kirchlichen Hochschule Predigerseminar, Pastoralkolleg, das Amt für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste und Amt für Gemeindeberatung/Organisationsentwicklung.

Abgeschlossen werden könne das Reformkonzept unter anderem erst, wenn die Standortfragen Bethel und Wuppertal entschieden sind. Derzeit verhandelten die rheinische und die Evangelische Kirche von Westfalen über einen Fusionsvertrag für ihre beiden Kirchlichen Hochschulen.

Für den theologischen Nachwuchs werde sich die Lage in den nächsten Jahren nicht entspannen, musste Schneider berichten. Zwar sei die Zahl der Theologie-Studierenden weiter rückläufig. Derzeit stehen 217 Studierende auf der rheinischen Liste – ein Siebtel des Höchststands von rund 1700 vor fast zwanzig Jahren. Andererseits würden Pfarrstellen aufgehoben; und die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer im Wartestand sei hoch.

Zu sprechen kam der Präses auch auf den Abendmahls-Beschluss der vorigen Landessynode. Der Bericht fast die wichtigste Kritik an dem Beschluss zusammen; damit befasse sich der Theologische Ausschuss. Für die Landessynode 2007 kündigt der Präses-Bericht eine Vorlage zum Thema Abendmahl an.

Presbyterien

Werbeblock im Präses-Bericht: Der Präses lud ein zum ersten „Tag rheinischer Presbyterinnen und Presbyter“ am 23. April in Bonn. Die Mitglieder der Gemeindeleitungen könnten an diesem Tag „auftanken“, sich austauschen, sich informieren.

Allerdings kam der Präses auch auf einen problematischen Punkt zu sprechen. Die Presbyteriumswahlen im Februar 2004 fielen in 45 Prozent der Kirchengemeinden aus. Gegenüber der Wahl vor vier Jahren ein Anstieg um acht Prozentpunkte. „Der sich in diesen Zahlen abzeichnende Trend besorgt mich“, sagt der Präses. Schließlich sei Leitung durch Wahl doch ein wesentliches Element der Verfassungsstruktur der rheinischen Kirche.

Sorge auch beim Thema Kirchenmusik. In vielen Gemeinden stoße die Kirchenmusik an finanzielle Grenzen und so würden zunehmend nicht mehr hundertprozentige hauptamtliche Kirchenmusikerstellen vergeben. Der Hang zu Prozentstellen – häufig 75-Prozent-Stellen - sei „sehr abträglich“, heißt es im Präses-Bericht. Der Nettoverdienst bringe Alleinverdienende an den Rand der wirtschaftlichen Existenz. Schneider: „Als Arbeitgeberin Kirche haben wir uns mit dem nicht sozialverträglichen Teilzeitangebot kritisch auseinander zu setzen.“

Eines der weiteren Themen: die Gemeindekonzeptionen, zu den die Kirchengemeinden mittlerweile verpflichtet sind. Die Auswertung zeige: Ein Viertel der 809 rheinischen Kirchengemeinden haben eine Konzeption. Ein weiteres Drittel sitzt dran. Offenbar sei es einsichtig, „unausgesprochene Konezptionen und informelle Systeme ins Bewusstsein zu heben, zu überdenken und das Ergebnis zu verschriftlichen, um es zur Grundlage der Weiterarbeit zu machen“.

Ökumene

Ausführlich berichtete Schneider über seine Indonesien-Reise im vergangenen Sommer, auf der er unter anderem die zu der Zeit noch amtierende Staatspräsidentin traf. Außerdem fasste er die Entwicklung des Versöhnungsprozesses mit Namibia zusammen und erwähnte insbesondere die Bitte um Entschuldigung der deutschen Entwicklungshilfeministerin für die deutschen Kolonialverbrechen.

 

neu; EKiR.de-Fotos: Anna Neumann / 10.01.2005

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 9. Januar 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 20. Januar 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 


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