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Landessynode 2005

David drängt Goliath zum Erhalt der Kindergärten

Kindergärten unter Druck. "Missionarische Volkskirche" als Oberbegriff. Ein Interview mit dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), der vor seiner Wiederwahl steht.

Verantwortliche Planung: Präses Nikolaus Schneider. LupeVerantwortliche Planung: Präses Nikolaus Schneider.

Die rheinische Kirche fordert einerseits, die Trägerkosten für Tageseinrichtungen für Kinder auf zehn Prozent zu beschränken. Andererseits hat sie im Dezember eine Erklärung unterschrieben, in der es heißt, beim Abbau von Einrichtungen stimmt sie sich mit dem zuständigen NRW-Ministerium ab. Hat die Kirche damit nicht eingelenkt?
Nein, das ist kein Gegensatz. Wenn es zu Abbau kommt, dann muss man sich mit den Partnern abstimmen, das gehört sich einfach so. Und das ist auch Ausdruck einer verantwortlichen Planung. Dass wir aber der Öffentlichkeit gegenüber sehr deutlich signalisieren, der Trägeranteil muss gesenkt werden, damit wir unser Engagement durchhalten können, ist eine gute Ergänzung.

 

 

Gewaltige Kraftanstrengung bei den Kindergärten: Präses Schneider. LupeGewaltige Kraftanstrengung bei den Kindergärten: Präses Schneider.

Denn wir sagen damit: Wir bleiben in der Verantwortung, aber wir können das Maß der Verantwortung nur aufrecht erhalten, wenn die Belastung geringer wird, weil auch unsere Eigenmittel geringer werden. Und ich hoffe, das wird auch positiv aufgenommen und nicht nur als eine freche Forderung der Kirche nach mehr Geld verstanden. Denn das ist es nicht. Wir Kirchen sind die einzigen, die nicht unerhebliches Geld im Kindergartenbereich einsetzen: 55 Millionen Euro. Das ist mehr, als wir für alle landeskirchlichen Aufgaben ausgeben.

Das muss man sich mal klarmachen, was das für eine gewaltige Kraftanstrengung ist. Andere Träger bekommen diese Arbeit zu hundert Prozent oder sogar noch mehr finanziert. Das muss man auch deutlich machen. Ich denke, die Politik wäre gut beraten, wenn sie uns weiter instand setzen würde, dass wir als Partner erhalten bleiben.

Bei allem Verständnis für das Land NRW

Aus Sicht des Landes ist es ja so, dass die Kirchen im Grunde nur sehr schonend an den zwingenden Spaßmaßnahmen beteiligt werden. Muss die Kirche Verständnis haben?
Natürlich haben wir für das Land Verständnis. Aber die Finanzen von Land und Kirche kann man nicht vergleichen. Das ist wirklich David gegen Goliath, wobei wir noch weniger sind als David, in Relation zu der Finanzmasse, die uns da gegenüber steht. Und aus diesem Grunde – bei allem Verständnis, das wir haben – möchten wir darauf aufmerksam machen: Wenn wir als Träger in dem Geschäft bleiben sollen, und zwar in dem Umfang, der bisher da ist, dann helft uns, erstens.

 

 

Auf die Konsequenzen aufmerksam machen: Präses Schneider. LupeAuf die Konsequenzen aufmerksam machen: Präses Schneider.

Zweitens: Achtung, liebe Politik, in dem Moment, wo ihr die anderen freien Träger mit Ausnahme der Kirchen zu hundert Prozent fördert, heißt das für die Zukunft, es haben nur noch diejenigen Entwicklungsmöglichkeiten, die nicht Kirchen sind. Wir sind dann nur in der Situation, dass wir zurückfahren müssen.

Ist das eigentlich Ziel des Landes? Wie beschädigt ist das Verhältnis zwischen dem Land Nordrhein-Westfalen und den Kirchen?
Nein, man kann da nicht von einer grundsätzlichen Beschädigung ausgehen, überhaupt nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Land eine gegen die Kirchen gerichtete Politik betreibt. Deshalb mache ich ja auf die Konsequenzen aufmerksam, damit die Landesregierung Verständnis für unsere Betrachtung gewinnt.

In anderen Bundesländern sieht es ähnlich aus

Das ist die Situation in Nordrhein-Westfalen. In den anderen Bundesländern sieht es anders aus?
Da sieht es vergleichbar aus. Wobei man sagen kann, dass wir im Bereich von Nordrhein-Westfalen im Grundsatz günstige Voraussetzungen haben. In anderen Bundesländern zahlt das Land relativ gesehen weniger als das Land NRW, also da kann man nicht klagen. In Rheinland-Pfalz hat die dortige Landesregierung nach Gesprächen mit uns das finanzielle Engagement für die Kindergärten noch mal aufgestockt. Und in Hessen ist die Finanzierung ganz schlecht, in Relation zu dem, was in NRW geleistet wird.

Die Kirche trägt ihre Forderung auf Begrenzung des Trägeranteils auf zehn Prozent in die Medien. Was können Sie sonst politisch tun, um die Forderung auch durchzusetzen?
Wir haben die Beauftragten bei den Landesregierungen, die die entsprechenden Gespräche führen. Wir haben unsere Dezernentinnen und Dezernenten, die mit den Fachleuten in den Ministerien im Gespräch sind. Wir führen Gespräche mit dem Kabinett und auch mit den Fraktionen.

Lassen Sie mich das nochmal anders sagen: Wenn man die 55 Millionen in Relation setzt zum Kirchensteueraufkommen, dann ist das mehr als zehn Prozent des Kirchensteueraufkommens, das wir für die Kindergartenarbeit ausgeben. Wenn der Staat von seinem Steueraufkommen zehn Prozent für die Kindergärten ausgeben würde, bräuchten wir überhaupt nicht mehr zu diskutieren. Dann hätten wir null Finanzierungsproblem.

Am Ende müssens die Gemeinden hinkriegen

Wie sieht es aus auf Seiten der Kirchengemeinden? Fordert die Landeskirche diese auf zu kooperieren und auch betriebswirtschaftlicher zu denken, oder lassen Sie die Gemeinden im Regen stehen, müssen jene damit allein zurecht kommen?
Wir lassen die Gemeinden natürlich nicht im Regen stehen. Aber wir treten auch nicht fordernd gegenüber den Gemeinden auf. Denn am Ende müssen es die Gemeinden hinkriegen und finanzieren und mit dem Personal und den Eltern sprechen. Da haben wir gut reden in Düsseldorf. Deshalb bin ich sehr zurückhaltend mit Forderungen. Aber Sie haben natürlich die Punkte benannt, die jetzt auf unserer Seite noch mal der genaueren Betrachtung bedürfen.

Und ein Punkt ist: Wie kooperationsfähig sind wir eigentlich über die Grenzen der Kirchengemeinden hinaus? Ich habe ein Extrembeispiel gehört - ich hoffe, das kommt nicht wieder vor: In einer Gemeinde muss eine Gruppe geschlossen werden, sucht eine Erzieherin einen Arbeitsplatz. In einer anderen Gemeinde, nämlich in der Nachbargemeinde, im selben Kirchenkreis, ist die Stelle einer Erzieherin zu besetzen. Da hieß es dann: Das geht uns überhaupt nichts an, wir schreiben aus, sie kann sich ja bewerben. Sinn für Zusammengehörigkeit und das gemeinsame Übernehmen von Verantwortung, da würde ich mir eine Stärkung wünschen.

Der Begriff "missionarische Volkskirche" hat Chancen

Ein anderes Thema der Synode ist die „missionarische Volkskirche“. Sie haben selber gesagt: „Mission“ hat noch immer einen negativen Beigeschmack. Und „Volkskirche“ ist ein Insiderbegriff. Eigentlich zwei problematische Begriffe. Wie soll das zusammen etwas Gutes geben?
Erstens meine ich, der Begriff missionarische Volkskirche hat Chancen. In dieser Kombination ist er nicht festgelegt auf einen bestimmten Frömmigkeitsstil. In der Verbindung zu Volkskirche wird deutlich: Diese Elemente brauchen alle. Und diese Elemente sind: Ich sollte in der Lage sein, Formen der Frömmigkeit zu entwickeln. Das müssen nicht die pietistischen sein, aber es müssen Formen der Frömmigkeit sein.

Zweitens: Ich sollte in der Lage sein, über meinen Glauben zu sprechen, ihn zu erklären. Drittens: Ich sollte in der Lage sein, „Ich“ zu sagen. Also: "Ich meine..." "Ich glaube..." Das ist eine Prägung der Persönlichkeit, das ist ein ganzer Existenzvollzug, der alles umfasst, das Denken, das Bekennen, das Lobpreisen, das Klagen und das Tun. Diese Elemente sind mir wichtig, denn wir brauchen lebendige Kraftquellen für unser Leben, sonst erlahmen wir und sonst brennen wir aus. Das ist das, was ich mit dem Begriff "missionarisch" andeuten will.

Mit Volkskirche ist natürlich gemeint: Das Evangelium von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Das heißt: uns nicht zu beschränken auf einen bestimmten Bildungstyp, auf eine bestimmte soziale Schicht, auf eine bestimmte Art intellektueller Begegnung, sondern Wege suchen, alle Menschen anzusprechen. In dem Begriff Volkskirche schwingt mit: die Breite der Gesellschaft wahrzunehmen. Dazu gehört auch die diakonische Verantwortung.

Dass wir auch durchbuchstabieren, was Gerechtigkeit und Frieden, die uns ja biblisch vorgegeben sind, für die Gesellschaft und für das Zusammenleben der Völker konkret bedeutet. Noch etwas: Die beiden Begriffe bringen etwas zusammen, was sehr rheinisch ist. Peter Beier hat das mal gesagt: Im Rheinland gehören missionarischer Prozess und konziliarer Prozess zusammen. Und so sehe ich das auch.

Menschen entdecken, dass sie Lebensquellen brauchen

Wie kann das Programm Traditionsabbruch, Säkularisierung und Individualisierung stoppen?
Also, ich weiß nicht, ob wir in der Lage sind, gesellschaftliche Entwicklungen und Trends zu stoppen. Ich weiß auch nicht, ob das unser strategisches Ziel sein sollte, dass wir auftreten sollten wie eine Firma. Ich glaube, Kirche hat ihre eigene Sprachform und ihre eigene Lebensform, und wenn sie der treu ist, ist sie gut beraten. Das muss ich erst mal grundsätzlich dazu sagen.

Jetzt zur Frage: Ich setze darauf, dass Menschen entdecken, dass sie Quellen brauchen, aus denen heraus sie leben. Das ist etwas völlig anderes als „Geiz ist geil“ oder Konsum. „Geiz ist geil“ ist ja sozusagen die öffentliche Zerstörung von Werten, die wir für das Zusammenleben unserer Gesellschaft brauchen, durch die Wirtschaft. Das muss man ganz klar, hart und deutlich so sagen.

Menschen entdecken, dass sie aus Kraftquellen heraus leben, die ihrer Seele gut tun, die ihrem Gefühl gut tun, die ihnen Orientierung vermitteln. So wie wir alle Beziehungen brauchen - keiner von uns kann alleine leben, Leben geht nur in Beziehungen - so gibt es eine Grundbeziehung für Leben überhaupt, und das ist die Liebe Gottes. So wie die Liebe zwischen zwei Menschen die Voraussetzung dafür ist, dass Leben überhaupt weitergegeben werden kann, ist die Grundbeziehung für Leben überhaupt die Liebesbeziehung zwischen Gott und den Menschen.

Dass das absolut nötig ist, das begreifen die Menschen immer mehr. Und was mir gut tut: Ich habe den Eindruck, sie vermuten solche Quellen auch bei uns. Sie vermuten sie nicht allein in der Esoterik oder wo auch immer, sondern sie vermuten sie und fragen bei uns nach, und wir haben die Grundquelle dafür, die Heilige Schrift und das Evangelium.

Eine Vorstellung, die wir weiterentwickeln können

Ist die „missionarische Volkskirche“ ein Leitbild, von Ihnen, von der Kirchenleitung vorgegeben?
Wenn das die Kirchenleitung vorgibt, dann ist es schon gleich am Ende. Das versuchen wir erst gar nicht. Was wir aber sagen: Es ist vielleicht ein Oberbegriff, eine Vorstellung, die wir miteinander weiterentwickeln können, so dass es dann am Ende zu dem wird, was wir alle tragen können. Es ist nichts anderes als erst einmal ein gedankliches Angebot, das aber nicht vorgegeben ist.

Im Grunde genommen etwas typisch Rheinisches?
Ja. Wir wollen auch typisch rheinisch damit umgehen. Also nicht vorgeben. Wir sind nicht diejenigen, die das alles besser wissen.

Erster Sprecher dieser Kirche

Macht das Amt des Präses eigentlich Spaß?
Sehr viel. Man begegnet so vielen Menschen. Was ich eben gesagt habe, dass wir aus Beziehungen leben und dass diese Beziehungen uns tragen, das gilt ganz besonders für das Amt des Präses. Das Amt hat ja überhaupt keine eigene Macht und keine eigenen Möglichkeiten. Es lebt aus den Beziehungen zur Kirche heraus. Und dass ich aus diesen Beziehungen heraus Vorstellungen entwickle, welche Akzente ich setze, was ich in der Öffentlichkeit sage - da spreche ich ja nun als erster Sprecher der Kirche - das ist etwas, das ungeheure Kraft vermittelt. Übrigens auch in schwierigen persönlichen Situationen. Wie viele Menschen jetzt um die Krankheit unserer Tochter wissen und das ansprechen, für uns beten, das ist unglaublich tragend.

Wäre es eigentlich praktischer, Sie hätten den Titel Bischof? Dann wüsste jede und jeder, wer Sie sind.
Praktischer im Sinne der öffentlichen Kommunikation vielleicht. Aber der Begriff Präses bringt schon sehr richtig zum Ausdruck, wovon dieses Amt lebt und welche Aufgaben dieses Amt hat. Präses heißt ja: der Vorsitzende der Synode. Das Amt lebt also daraus, dass wir in synodalen Prozessen Meinungsbildung vorantreiben und sie dann in die Kirche und in die Öffentlichkeit hinein kommunizieren. 

 

Geglättete und gekürzte Fassung des Interviews, geführt von Ulrich T. Christenn und Anna Neumann; Fotos: EKiR.de/Anna Neumann /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 12. Januar 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 14. Februar 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 


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