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Landessynode 2005

Den christlich-jüdischen Dialog fortschreiben

Mit zwei Vorträgen zum christlich-jüdischen Dialog würdigte die Landessynode in ihrer ersten Plenarsitzung einen weit reichenden Synodalbeschluss aus dem Jahre 1980, der die besondere Verbundenheit von Christen und Juden unterstrich.

Überreichten dem Präses (r.) die Bibel, die der einstige Präses Immer 1980 erhalten hatte: Adalbert und Aukelina Immer. LupeÜberreichten dem Präses (r.) die Bibel, die der einstige Präses Immer 1980 erhalten hatte: Adalbert und Aukelina Immer.

Als Folgerung wurde damals der Grundartikel der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) folgendermaßen ergänzt: Die Evangelische Kirche im Rheinland "bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde." 25 Jahre später bekräftigt die Landessynode in einer umfassenden Beschlussvorlage, dass die damals begonnene Erneuerung intensiviert und fortgeschrieben werden muss. Diese Beschlussvorlage wird in den nächsten Tagen auf der Synodaltagung beraten.

 

 

Historische Aufnahme: 1980 übergab Rabbiner Aschkenasy Präses Immer die Bibel, die jetzt die rheinische Kirche aufbewahren wird. LupeHistorische Aufnahme: 1980 übergab Rabbiner Aschkenasy Präses Immer die Bibel, die jetzt die rheinische Kirche aufbewahren wird.

Der niederländische Theologe Dr. Simon Schoon, Professor an der Universität Kampen, betonte am Sonntagnachmittag in seinem Vortrag vor der Landessynode, die rheinische Kirche habe sich in dem Beschluss von 1980 zur Errichtung des Staates Israel und zur Schuldfrage des christlichen Anteils am Antijudaismus bekannt, und sie habe die Hebräische Bibel neu entdeckt. Christen und Juden beriefen sich auf gemeinsame Schriften. In der Zukunft sollten Christen die Schriften verstärkt in der Lesart der Juden lesen und daran Anteil nahmen, „was die Juden von Gott gelernt haben", so Schoon.

 

 

Yehuda Aschkenasy LupeYehuda Aschkenasy

Zum Synodalthema Christen und Juden hatte die rheinische Kirche aus ihrem Kirchengebiet auch Vertreter von jüdischen Gemeinden eingeladen. Als Gäste gekommen waren Dr. h.c. Henry G. Brandt, Landesrabbiner Westfalen-Lippe, in Vertretung von Paul Spiegel, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, sowie der Rabbiner Professor Dr. Yehuda Aschkenasy. Am Donnerstag, 13. Januar, wird der Wuppertaler Rabbiner Dr. Baruch Rabinowitsch die Morgenandacht auf der Landessynode halten.

Im Plenum sprach Henry G. Brandt nach dem Vortrag von Dr. Schoon der Synode Anerkennung „für eine Pioniertat nicht ohne Gegenwind" aus. „Der Beschluss kam 2000 Jahre zu spät, aber er kam", so Brandt, „und wir begrüßen ihn in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft". Brandt ermutigte die Synode, den beschrittenen Weg der Erneuerung und der Gemeinsamkeiten weiter zu gehen, mit den Worten: „Shalom aus der Wurzeln, ganz zu sein."

Perspektive: Anbetungsgemeinschaft

Der Theologe Dr. Bertold Klappert, Kirchliche Hochschule Wuppertal, unterstrich anschließend in seinem Vortrag als Ertrag des Synodalbeschlusses von 1980, dass Christen und Juden sich als Erwählungs-, als Hoffnungs- und als Segensgemeinschaft verstehen können. „Wir nehmen Anteil an der Auserwählung des Volkes Israel, wenn der aronitische Segen (Israel-Segen) ausgesprochen wird", so Klappert. Seine Forderung für die Zukunft lautete: „Eine Anbetungs- und Sendungsgemeinschaft müssen wir noch werden."

Die christliche Trinitätslehre sollte auch als Auslegung des erste der Zehn Gebote („Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.") verstanden werden. Besonders dringlich und aktuell sei die Öffnung des Dialogs zum Islam und zur Abrahamsgemeinschaft, denn Israel und die Kirche seien „gemeinsame Zeugen Gottes für die Welt". Klappert schloss mit einer Vision – der Vision der „Toleranz aus Identität statt aus Beliebigkeit" und forderte, den Unterschied, zu erkennen und das Verbindende zu begreifen, um den gemeinsamen Weg zu finden.

Falsche judenfeindliche Tradition

In dem Synodenbeschluss von 1980 wird die Einsicht betont, „dass die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes, seine Heimkehr in das Land der Verheißung und auch die Errichtung des Staates Israel Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk sind". Die Synode erkannte als Schuld, dass eine falsche judenfeindliche Tradition von der Ersetzung des alten Bundes Gottes mit Israel durch einen neuen Bund in Jesus Christus mit der Kirche und der Menschheit ausgegangen sei. Sie betonte vielmehr die besondere Verbundenheit von Synagoge und Kirche in ihrem gemeinsamen Bekenntnis zu Gott als dem „Schöpfer des Himmels und der Erde".

Mit Rückblick auf die Revision der eigenen Tradition und das inzwischen veränderte Bewusstsein für die besondere Beziehung der Kirche zu Israel sieht sich die rheinische Kirche 25 Jahre nach dem Synodalbeschluss zu weiteren Schritten auf dem begonnenen Weg der Erneuerung verpflichtet. Was das heißt, muss die Synode beschließen. In der noch zu beratenden Beschlussvorlage werden die Herausforderungen benannt: das Echo auf der jüdischen Seite bzw. von anderen Kirchen, aber auch die Verschärfung und weltpolitisch gesteigerte Brisanz, die der Nahostkonflikt inzwischen erfahren hat, sowie die Perspektiverweiterung von muslimischer Seite und „die beschämende Brisanz", die Antisemitismus und Rassismus in den letzten Jahren bekommen hat.

Unterschiedliche Interessen im Nahost-Konflikt

Zur Aktualisierung des Beschlusses von 1980 fordert die Beschlussvorlage, das „Zeichen der Treue Gottes" zu seinem Volk nicht nur im Blick auf die Errichtung des Staates Israel, sondern auch auf den dauerhaften Bestand dieses Staates zu interpretieren. „Anders als noch 1980 müssen wir heute das Zeichen der Treue Gottes nicht nur nach innen in unseren Kirchen und im Dialog mit jüdischen Gemeinden vertreten, erläutern und begründen, sondern auch nach außen gegenüber anderen Religionsgemeinschaften, besonders dem Islam, und gegenüber politischen Kräften, die im Nahost-Konflikt ihre unterschiedlichen Interessen haben", so die Vorlage.

Sie fordert außerdem, dass bei gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexten Abschnitte des Alten und des Neuen Testaments gleichermaßen berücksichtigt und die Lied- und Musikauswahl überdacht werden: „Die Gemeinden brauchen neue Lieder, die der Errneuerung des Verhältnisses von Kirche und Israel Rechnung tragen."

Die Studienstelle Christen und Juden, eine landeskirchliche Einrichtung der rheinischen Kirche, setzt sich in zahlreichen Veröffentlichungen, Projekten, Begegnungs- und Studienprogrammen mit Fragestellungen im Dialog von Christen und Juden auseinander.

Aktueller Buchtipp: Katja Kriener/Johann Michael Schmidt (Hg.), „... um Seines Namens willen" Christen und Juden vor dem Einen Gott Israels. 25 Jahre Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, Neukirchener Verlag 2005 (14,90 Euro).

 

 

es; Foto von 1980: WEG-Archiv; EKiR.de-Fotos: Anna Neumann /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Sonntag, 9. Januar 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 20. Januar 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 


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