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Landessynode 2004: Präses-Bericht

Authentische religiöse Identität zulassen

Kopftuchstreit, NRW-Kürzungen, Gottesbezug in der EU-Verfassung: Präses Schneider nimmt in seinem Bericht zu einer Reihe "die Kirche betreffender Ereignisse" Stellung

Auch Zeichen der Diskriminierung der Muslima: Präses Schneider über das Kopftuch. Auch Zeichen der Diskriminierung der Muslima: Präses Schneider über das Kopftuch.

Als "zu simpel" hat Präses Nikolaus Schneider eine mögliche laizistische Lösung im so genannten Kopftuchstreit abgelehnt. Religiöse Symbole dürften nicht aus dem öffentlichen Raum verbannt werden, sagte Schneider in seinem Präses-Bericht an die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Damit grenzt sich der Präses von Bundespräsident Johannes Rau ab, der jüngst ein einseitiges Verbot islamischer Symbole insbesondere in Klassenzimmern kritisiert hatte.

Präses Schneider erklärte vor den 244 Synodalen weiter, "authentische religiöse Identität" gehöre zu den Grundlagen dieses Staates, ohne vom Staat geschaffen zu sein. Kritisch meinte der Präses weiter, er halte das Kopftuch zwar nicht generell für das Zeichen eines fundamentalistisch orientierten Islams, sondern als individuelles religiöses Zeichen. Darüber hinaus sehe er das Kopftuch aber "auch" als Zeichen der Diskriminierung von Frauen.

 

Enorme Leistungen der Kirche für ihre Schulen: Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf. Enorme Leistungen der Kirche für ihre Schulen: Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf.

Kritisch befasste sich der Präses in seinem "Bericht über die für die Kirche bedeutsamen Ereignisse" mit Landeskürzungen bei Erziehung und Bildung. "Wir können nicht akzeptieren, dass wir als Partner gesucht werden und wenn es wirklich ernst wird, links liegen gelassen werden", sagte Schneider in seinem ersten Präses-Bericht nach seiner Amtseinführung im April.

Der nordrhein-westfälische Doppelhaushalt 2004/2005, der Ende Januar in den Landtag kommt, würde den kirchlichen Schulträgern mehr Eigenleistungen aufbürden. Dabei nehme die Kirche mit ihren Schulen öffentliche Aufgaben wahr. Insbesondere erspare die Kirche dem Staat Aufgaben der Schulaufsicht und Verwaltung sowie "enorme Leistungen für den Erhalt der Gebäude".

Auch auf die von Kürzungen bedrohten Kindertageseinrichtungen und Jugendarbeit kam der Präses zu sprechen. Zwar habe er "Verständnis" für die "Dramatik der öffentlichen Finanzen". Aber die Kürzungen ließen Co-Finanzierungen wegbrechen. "Ärgerlich" sei, wenn die Kirche als Subventionsempfängerin hingestellt werde. Ihr "enormer finanzieller und ideeller Beitrag zur Sicherstellung gesellschaftlich notwendiger Arbeit dürfe nicht "unterschlagen" werden.

Bildung, führte Schneider aus, sei mehr als Klassiker zitieren und in Talkshows glänzen zu können. Vielmehr: "Der ist gebildet, der sein Wissen und Können, seine Gaben und Begabungen dafür ausbildet, dass das Maß des menschlichen in dieser Gesellschaft nicht verloren geht", definierte er unter Bezug auf die Bildungsdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), "Maße des Menschlichen".

Arbeits-, Gesundheits- und Rentenpolitik ja – aber ohne Machttaktik

Wie gesagt: nicht ohne Sinn für die "katastrophalen Haushaltslagen in den Gemeinden, Bundesländern und im Bund". Schneider beklagte auch die 4,35 Millionen Arbeitslosen. Im Blick auf Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenpolitik sagte der Präses, er sei überzeugt, dass den meisten Bürgerinnen und Bürgern einleuchtet, dass "spürbare Veränderungen" nötig sind. Zugleich warnte er vor "akademischer oder rein machttaktischer Behandlung" der Probleme ebenso wie vor "zum Teil auch noch unfachmännischem Abdichten einzelner Finanzlöcher". Schneider forderte "Konzepte zumindest mittelfristiger Dauer", die den Menschen Perspektiven geben.

 

Erfolgreiche Aktion gegen den Lehrstellenmangel: "7 x 7 - Kirche für Ausbildung". Erfolgreiche Aktion gegen den Lehrstellenmangel: "7 x 7 - Kirche für Ausbildung".

Gerade um Perspektiven ging es bei der Aktion, auf die der Präses in seinem Bericht auch zu sprechen kam: "7 x 7 – Kirche für Ausbildung". Nicht nur die geplanten 49, sondern sogar 70 jungen Menschen hat diese Aktion der EKiR eine "Lebensperspektive" gegeben. Denn die von der EKiR vor- und aus Spenden rückfinanzierte Aktion sei erfolgreich gewesen und habe Jugendlichen, die nach Beginn des Ausbildungsjahrs noch auf der Straße standen, doch noch einen Lehrplatz organisiert. Bundesweit fehlten am 1. August 2003 rund 70.000 Lehrstellen. 500.000 Euro hatte die EKiR für je sieben Ausbildungsplätze in sieben besonders betroffenen Regionen der EKiR bereitgestellt. Mehr als 200.000 Euro sind inzwischen aus Spenden zusammen gekommen. Schneider: "Die Spendenaktion wird weitergeführt, und ich bitte Sie herzlich, auch in Ihrem Umfeld noch einmal dafür zu werben."

Für einen ausdrücklichen Gottesbezug in der EU-Verfassung

Zu den weiteren "für die Kirche bedeutsamen Ereignissen", zu denen der Präses Stellung bezog, gehörte die Debatte um die Verfassung der Europäischen Union (EU). "Ich plädiere für einen expliziten Gottesbezug", sagte Schneider. Es dürfe nur "keinen christlichen Alleinvertretungsanspruch" geben, da die europäische Kultur "wesentliche Impulse" auch von Judentum und Islam empfangen habe. Die Präambel werde langfristige Folgen haben, deshalb sei die Frage des Gottesbezugs von Bedeutung.

Auch nach dem Irak-Krieg gegen Gewaltanwendung

"Wir bleiben dabei: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein", sagte der Präses. Der Aufruf der vorigen Synode "Aufstehen für Frieden und Gerechtigkeit" mit einem klaren Nein zum Krieg gegen den Irak, die dazugehörige Öffentlichkeitsaktion sowie der zentrale Gottesdienst in der Düsseldorfer Johanneskirche am 27. Januar 2003 seien "stark beachtet" worden. Leider werde Krieg aber weiterhin als Mittel der Politik akzeptiert. Staatliche Gewalt werde ohne Untersuchung und Gerichtsverfahren zur Tötung von – etwa des Terrorismus beschuldigten -Menschen eingesetzt. Das sei ein "eminenter zivilisatorischer Rückschritt". Probleme müssten durch Weiterentwicklung von Rechtsordnungen gelöst werden – nicht durch Gewaltanwendung.

Hoffen auf Einigung beim Zuwanderungsgesetz

Im Blick auf die für Mitte Januar geplante Fortsetzung des Vermittlungsverfahrens über das Zuwanderungsgesetz machte Nikolaus Schneider die kirchlichen Forderungen klar: Für die Zuwanderung müsse der Schutz von Genfer Flüchtlings- und Europäischer Menschenrechtskonvention gelten. Außerdem habe die Kirche drei Kernforderungen: Härtefallregelung, rechtmäßige Aufenthaltstitel für Opfer nichtstaatlicher Verfolgung und Abschaffung von Kettenduldungen. Er hoffe, dass sich Regierungskoalition und Opposition in diesem Jahr einigen – auf ein Zuwanderungsgesetz, das "auch deutliche Konturen für ein Integrationskonzept" enthalten müsse. Auch das für die Integration nötige Geld müsse bereitgestellt werden. Die Arbeit im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat wird ab Freitag, 16. Januar, fortgesetzt.

1904 bis 1908: Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia

Auf den Tag genau nahm Präses Schneider zum Beginn des bewaffneten Widerstands der Herero gegen die einstige deutsche Kolonialmacht im heutigen Namibia vor 100 Jahren Stellung. Schuldig durch Schweigen – so kritisierte der Präses die Rolle der Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft, der Vorgängerorganisation der heutigen Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Die Herero hatten sich gegen Zwangsherrschaft und "raffgierige Kreditpraxis der deutschen Händler" in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika gewandt. Ihrem Widerstand schlossen sich die Nama und Damara an. Mit einem Vernichtungskrieg, dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, antwortete das deutsche Reich auf den antikolonialen Widerstand. Von rund 80.000 Herero überlebten nur 15.130, von 20.000 Nama nur 9.780 und von 30.000 Damara 13.000.

Nicht nur auf Namibia bezog sich der Präses, als er von HIV und Aids als "größten Herausforderungen für die Kirchen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" sprach. Schneider erläuterte der Landessynode, dass die Kirchenleitung den Beitritt der EKiR zum Aktionsbündnis gegen Aids beschlossen hat – und er lud rheinische Kirchengemeinden und Kirchenkreise dazu ein, ebenfalls dem Bündnis beizutreten.

Ökumenischer Kirchentag mit großer Begeisterung

Ein "besonders bewegendes Ereignis" sei der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin gewesen. Die "Konzentration und Begeisterung", mit denen gesungen, gebetet und diskutiert wurde, seien beeindruckend gewesen. Gerade auch katholische Teilnehmende hätten sich sehr für das Thema gemeinsames Abendmahl interessiert. Das gemeinsame Mahl entspreche dem Bedürfnis vieler Christinnen und Christen, werde auch vielerorts vollzogen. Gerade deshalb seien die Disziplinarmaßnahmen "irritierend". Dass der Vollzug kirchlicher Gemeinschaft bestraft wird, nannte Präses Schneider eine "schwierige Erfahrung". Allerdings habe der katholische Trierer Bischof Reinhard Marx ihn fairerweise vorab über die Maßregelung des emeritierten Saarbrücker Theologieprofessors Gotthold Hasenhüttl informiert. Der Theologe hatte während des Kirchentags in einem Gottesdienst offen zur katholischen Kommunion eingeladen.

EKiR-Umstrukturierung: Fülle auch mit geringeren materiellen Mitteln möglich

Zu Beginn seines Berichts hatte Präses Schneider zunächst einmal auf die rheinische Kirche geschaut. Die EKiR müsse sich angesichts von stagnierendem Wirtschaftswachstum, hoher Arbeitslosigkeit und Überalterung der Bevölkerung aufs "Schrumpfen" einstellen. Allerdings seien "Fülle und Gelingen" auch mit geringeren materiellen Mitteln möglich, sagte Nikolaus Schneider.

Unter den von der Umstrukturierung der landeskirchlichen Aufgaben der EKiR durch die Landessynode 2003 betroffenen Einrichtungen ging Schneider auf den Umzug der Evangelischen Akademie von Mülheim an der Ruhr ins Haus des Pädagogisch-Theologischen Instituts in Bonn ein. Auch den Abschied des Predigerseminars von Bad Kreuznach sprach Schneider an und schilderte nicht nur die Fusion mit dem Reformierten Seminar in Wuppertal zum neuen gemeinsamen "Seminar für pastorale Aus- und Fortbildung Wuppertal", sondern den "zukunftssichernden Prozess" Richtung eines Theologischen Aus- und Fortbildungszentrums auf dem "Heiligen Berg" in Wuppertal.

Dort sind bereits die Kirchliche Hochschule und die VEM ansässig. Neu kommen dorthin das Pastoralkolleg (bisher Rengsdorf), das Amt für Gemeindeentwicklung und Missionarische Dienste, die Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung (GO) sowie die Arbeitsstelle Gottesdienst und Kindergottesdienst der EKiR (bisher Düsseldorf).

Werbung fürs Theologiestudium

Mit 241 rheinischen Theologiestudierenden gebe es 70 weniger als im Vorjahr, sagte der Präses. Obwohl die Versorgung der Gemeinden derzeit gesichert sei, habe das Ausbildungsdezernat, wie von der Landessynode 2003 gewünscht, Werbemaßnahmen für das Theologiestudium gestartet.

Die von den rheinischen Kirchengemeinden verfassten Gemeindekonzeptionen waren eins von Schneiders weiteren Berichtsthemen. Die Kirchenleitung hat eine Evaluation des Prozesses der Gemeindekonzeption in Auftrag gegeben. Als Pilotprojekt sei die Verwaltungsberatung für Gemeinde neu aufgenommen worden.

Seinen Dank sprach der Präses den Menschen aus, die sich in der rheinischen Kirche ehrenamtlich engagieren. Dabei ging er wegen der bevorstehenden Presbyteriumswahlen besonders auf die Presbyterinnen und Presbyter ein, die in den Gemeindeleitungen mitarbeiten. Ihr Dienst sei "unschätzbar wertvoll". Den Presbyteriumsmitgliedern, die oft "an ihre Belastungsgrenzen" kämen, gelte der "Tag der Presbyterinnen und Presbyter" am 23. April 2005. Der Tag diene ihrer Förderung und gebe Gelegenheit zum Auftanken.

"Gute Erfolge" der Eintrittsstellen

Auch über die "guten Erfolge" der noch jungen Eintrittsstellen berichtete Schneider. Die Resonanz – beispielsweise ein Eintritt an jedem zweiten Öffnungstag in Bonn – fordere geradezu zur Eröffnung weiterer Eintrittsstellen heraus. Bislang gibt es in der EKiR zehn Eintrittsstellen. Sie erleichtern den Eintritt oder auch Wiedereintritt in die evangelische Kirche.

Um "wohlwollende und kritische Begleitung" bat der Präses für das neue Monatsmagazin "chrismon plus rheinland", das die zum Jahresende eingestellte rheinische Wochenzeitung "Der Weg" ablöst.

Ferner würdigte Schneider den ersten Besuch ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im April 2003. Neben den materiellen Nothilfen habe die Besuchsgruppe eine "symbolische Kompensation für die erlittene Zwangsarbeit" durch die Wertschätzung und Anerkennung erfahren. Das Begegnungs- und Versöhnungsprogramm der EKiR Zur Zwangsarbeit werde fortgeführt. Im Sommer findet ein erstes Sommercamp für deutsche und ukrainische Jugendliche statt.

"Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen." Dieser Satz aus dem Markus-Evangelium (Kapitel 13, Vers 31), zugleich Jahreslosung 2004, stellte Präses Schneider über seinen Bericht an die Landessynode. "Man könnte meinen, Jesus stelle die Vorstellungen von Beständigkeit auf den Kopf", meinte der Präses. Den Grundfesten Himmel und Erde stelle er Flüchtiges – nämlich Worte – gegenüber. Doch Gottes Wort habe Himmel und Erde erschaffen, und es wurde in Jesus von Nazareth Fleisch, erklärte Schneider.

 

12.01.2004

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 12. Januar 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 12. Januar 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 


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