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Predigt von Viola Raheb

Predigt von Viola Raheb, Theologin aus Bethlehem/Wien, am Sonntag, 19. September 2010, im Festgottesdienst zum Abschluss der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ in der Kreuzeskirche, Weberplatz, Essen

Sperrfrist: 19. September 2010, 11 Uhr. Es gilt das gesprochene Wort.

„Ehre sei Gott und Friede auf Erden“. Mit diesem Motto zeigt die Internationale ökumenische Friedenskonvokation 2011 die Spur an, in die wir als Kirchen sollen: theologisch wie im praktischen Friedensengagement, das mit der Dekade ja nicht zu Ende ist.

Wohin führt uns dieser Lobruf der Engel aus der Weihnachtsgeschichte? „Ehre sei Gott und Friede auf Erden“: Es ist eine Zeile, die mir wie wohl vielen anderen schon seit der Kindheit vertraut ist. Sie kommt deshalb leicht über die Lippen. Doch was bedeutet dieser Ruf damals für uns heute? 

Als christliche Palästinenserin aus Bethlehem habe ich zu diesem Satz eine ganz besondere Verbindung. Laut der Überlieferung sangen die Engel diese Zeile nicht weit weg von dem Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin. Wenn ich die Weihnachtsgeschichte höre, habe ich den heutigen Kontext vor Augen. Ich sehe den Ort vor mir, die Felder von Beit Sahour, wie der Ort heute heißt. Ich habe einen engen Bezug zum Kontext, die meine Auseinandersetzung damit bestimmt. Und ich kann mich lebhaft in das Leben der Menschen damals hineindenken. 

Bethlehem bzw. Beit Sahour, die Stadt in der die Hirten ihre Herden wachten, ist heute ein Teil der palästinensischen Autonomie-Gebiete. Das Wort „Autonomie“ verschleiert, dass die Städte weiterhin unter israelischer Besatzung leben. Besatzung war auch damals die Erfahrung der Leute – eine Besatzung durch die Römer. Damit ist die Nähe des politischen Kontexts sowohl zu der damaligen Zeit als auch zur heutigen Zeit gegeben. Bei allen Unterschieden zwischen damals und heute: „Friede“ war das damals für die Menschen nicht, und „Friede“ ist es heute nicht. Die Menschen in Bethlehem und der Umgebung kämpfen damals wie heute gegen Armut, die die unfriedlichen Lebensbedingungen verursacht, und gegen militärische Gewalt. Die Menschen damals hatten keine Erfahrungen der Selbstbestimmung, die fehlt auch heute.

Dass die Verkündigung der Engel sich an die Hirten richtete, ist wohl kein Zufall! Sie gehörten zu einer Gruppe von Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten. „Friede“ ist das, was Menschen am Rand der Gesellschaft dringend brauchen. Die Überwindung der Gewalt, die ihr Leben bestimmt. Ein Ende des zu frühen Todes. Angstfrei auf die Felder gehen und die Tiere hüten können. Nicht mit Angriffen rechnen zu müssen. Einer Arbeit nachgehen können, wo nicht der Verdienst gleich wieder verloren geht. Oder überhaupt Arbeit zu finden. Keine fremden Soldaten mehr, keine Schikanen. 

So überrascht das erste Wort der Engel nicht: „Fürchtet euch nicht!“ Ja, die Hirten hatten allen Grund, die Begegnung mit dem Unbekannten zu fürchten. Sie birgt in sich eine Gefahr damals wie heute. Kann man diesem Fremden trauen? Wer keinen Frieden hat, kann auch keine angstfreie Begegnung mit Fremden haben. Wer unter Gewalt leidet, muss Fremde fürchten, da sie neue Gewalt bedeuten können. Welche Absichten hat er? Können seine beruhigenden Worte die Angst verscheuchen? 

Die erste Verkündigung ist die Zusage von Gott: Fürchtet euch nicht, die Rettung ist nahe, eure Freude ist groß, der Messias ist geboren. Das bedeutet, dass der Friede in greifbare Nähe gerückt ist. Und noch bevor die Hirten reagieren können, erscheint dieses himmlische Heer mit der Proklamation: „Ehre sei Gott und Frieden auf Erden.“

„Ehre sei Gott.“ Ja, die Ehre gebührt Gott. Als  Christen bezeugen wir zuallererst, dass unser Lob und unsere Preisung Gott gebührt. Nicht wir sind im Zentrum der Frohen Botschaft, sondern Gott. Nicht uns gebührt dei Annerkennung, sondern Gott. Nicht wir sind die Handelnden, sondern Gott. Doch der Kontext, in den diese Proklamation hineingesprochen wird, ist kein anderer, als die Inkarnation Gottes in einem Kind. Gott wird Mensch in einem armen Kind, das unter den Umständen leidet, dass eben kein Friede herrscht. Das deswegen in Armut geboren wird, unterwegs und nicht zuhause, das mit auf die Flucht genommen werden muss, das am eigenen Leib vom ersten Tag an erfährt, was Leben heißt, in dem kein Friede herrscht, sondern Gewalt. Diesem Gott gebührt Ehre. Und dies ist ein zweiter Unterschied! Die Ehre gebührt Gott, der durch seine Treue uns Menschen in unserem Leben und Leiden ernst nimmt und daran teil nimmt. Die Ehre gebührt Gott, der sich uns annimmt, in unserem Leben im Hier und Jetzt und als Friedensfürst zur Welt kommt. 

„Ehre sei Gott“ stellt die Verbindung von Himmel und Erde her. Es ist eine vertikale Bewegung. Gott kommt vom Himmel zur Erde als Messias. Das Engelheer folgt dieser Bewegung: Vom Himmel her zur Erde, um das Lob Gottes jetzt da zu singen, wo Gott ist: Auf der Welt. Bei den Menschen. Bei den Armen. Bei den Machtlosen. Bei den Hirten auf den Feldern Bethlehems. 

Doch damit ist es nicht getan. Gott die Ehre geben – ja, aber dann: „Friede auf Erden“! Drückt das einen Wunsch aus? Denn Frieden auf Erden ist zwar ein Wunsch vieler Menschen auf dieser Welt, doch kann unser Glaube anderes dazu beitragen als diesen Wunsch zu forcieren?  Oder ist es als Zuspruch Gottes zu verstehen? Frieden auf Erden ist wahrlich  ein Zuspruch Gottes, doch wie kann dieser Zuspruch in unserem Leben spürbar werden? Und wie sollen wir uns dazu verhalten? Oder ist es ein Auftrag an uns als Zeugen dieses Friedens? Und wenn so, was beinhaltet dieser Auftrag und an wen richtet er sich? Und wie verhält sich dieser Teil der Proklamation zum ersten Teil? 

Eine Hilfe fürs Verständnis bietet uns Lukas schon an, in dem er beide Elemente, die Ehre Gottes und den Frieden auf Erden im Gesang der Engel schier untrennbar miteinander verknüpft. Diese Verknüpfung bindet die vertikale Dimension, die Beziehung zu Gott, an eine zweite Dimension unseres Christseins, nämlich die Horizontale, die Beziehung zu unseren Mitmenschen. Die beiden miteinander verflochtenen Dimensionen lassen sich nicht von einander lösen. Wer „Ehre sei Gott“ bekennt, kann nicht anders, als „Frieden auf Erden“ zu bezeugen. 

Wer Gott die Ehre ausspricht, kann nicht an dem Leiden der Menschen vorbeigehen. Kann ihnen keinen billigen Trost für einen Frieden in Gott versprechen, wenn in ihrem Leben Krieg und Gewalt herrscht. Wer Gott die Ehre ausspricht, hat die Kraft dazu, weil Gott selbst nicht am Leiden der Menschen vorbeigegangen ist, sondern im Kontext von Krieg und Gewalt friedensstiftend gewirkt hat.

Wer Gott die Ehre ausspricht, darf nicht schweigen, wenn die Bibel und ihre Exegese dazu benutzt werden, um Krieg, Gewalt und Leid zu legitimieren. 

Wer Gott die Ehre ausspricht, kann sich damit nicht trösten, lediglich für den Frieden zu beten, sondern hat vielmehr die Kraft dazu, sich dafür einzusetzen, dass dieser Frieden ein Stück gelebter Realität wird. 

„Ehre sei Gott und Frieden auf Erden“, ja das ist unser Motto für die Konvokation und danach.  Als Ökumenische Familie bezeugen wir, dass wir gemeinsam Gott loben und preisen wollen,  dass wir ihm danken wollen für seinen Frieden, den er uns schenkt. Doch im gleichen Atemzug wollen wir auch dieser unserer Welt Frieden auf Erden zusprechen, bei dem wir uns als Kirche und als Christen die Hände schmutzig machen wollen, bei dem wir als Zeugen des Frieden Gottes im hier und jetzt  als aktive Mitgestalter diesen Friedens einsetzen wollen. 

Was unterscheidet also die Dekade von den Friedensbemühungen anderer Organisationen und Institutionen, die sich dem Frieden widmen? Sicher nicht, dass eine bessere Arbeit geleistet würde. Und sicher nicht, dass Christen und Christinnen mehr tun würden. Und auch nicht, dass sie eine andere Arbeit leisten würden, als Menschen, die mit ihren Motivationen sich einsetzen für andere. Was unterscheidet ist der Horizont von Gottes Gnade. Dass Gott zuerst den Schritt gemacht hat auf die Erde, um Frieden zu bringen. Dass für alle Friedensarbeit von daher die Kraft dafür kommt, weil Gott selbst sich eingemischt hat in die Friedensarbeit damals in Bethlehem. Dass deswegen diese vielen kleinen und großen Bemühungen, die so wichtig sind in den jeweiligen Kontexten, wo Gewalt überwunden werden muss um der Menschen willen, möglich sind. Dass deswegen die Resignation vor der Gewalt nicht siegt. Daran erinnert das Motto: „Ehre sei Gott und Friede den Menschen.“ 

Essen / EKiR-Pressestelle / 17.09.2010


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