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Präses Nikolaus Schneider würdigt die Theologin und Schriftstellerin

Bei Dorothee Sölle gehören Beten und Handeln, Theologie und Poesie zusammen

Pressemitteilung Nr. 149/2009

Dorothee Sölle wäre am 30. September 2009 80 Jahre alt geworden. Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, würdigt die Theologin und Schriftstellerin, die auch im Rheinland viele Spuren hinterlassen hat:

"Dorothee Sölle war eine besondere Frau, eine Frau, die sich nicht unterkriegen ließ. Das zeigt ihr Lebenswerk, das zeigt ihre theologische Leidenschaft. Sie hat sich für die Themen, die sie unbedingt angingen, aufgerieben. Ich nenne hier etwa ihre Auseinandersetzungen um die Stellvertretung, den Tod Gottes, die Mystik, den Atheismus und natürlich die Literatur. Sie war eine Theologin, die immer wieder aneckte. Ja, man kann sagen, sie war eine radikale Theologin. Sie selbst hat einmal geschrieben: ,Radikale Theologie geht an die Wurzeln unserer Ohnmachtsangst und vergewissert uns, dass alles möglich ist.’

Dass zumindest vieles möglich war, erlebte Dorothee Sölle Ende der 1960er Jahre. In Köln hatte sich 1967 ein ökumenischer Freundeskreis aus katholischen und evangelischen Christinnen und Christen zusammengefunden. Sölle gehörte dabei zu den besonders engagierten Personen. Zunächst ging es um theologische Themen. Es wurde diskutiert über neue Formen des Glaubensbekenntnisses, über konfessionsverschiedene Ehen, über ein neues Verständnis der Sakramente. Doch dann traten theologische Kontroversen in den Hintergrund. Es wurden politisch brisante Themen diskutiert. Sie selbst im Rückblick: ,Es lag uns fern, den christlichen Glauben in Ethik aufzulösen, wie damals manchmal unterstellt wurde, aber wir dachten über das nach, was uns von Gott trennt, über das, was mit einem aus der Mode geratenen Wort ,Sünde’ genannt wird. Es wurde uns immer klarer, dass dieses uns von Jesu Leben Trennende nicht im Bett passierte, sondern in unserer Lebensweise, in unserer Politik. Daraus entstanden die ,Politischen Nachtgebete’ in Köln. Sie beruhten ganz zentral auf einer ,Politisierung des Gewissens’. Von wem kaufen wir unseren billigen Kaffee und die Bananen, an wem bereichern wir uns. Wie verhält sich unser Reichtum zur Armut der Mehrheit der Menschen, wie verhalten wir uns zur Schöpfung und all ihren Lebewesen. Wohin gehen unsere Steuern, fragten wir angesichts der Aufrüstung Deutschlands. Haben wir überhaupt etwas aus der Nazizeit gelernt? Muss es denn immer so barbarisch weitergehen? Wir lernten miteinander und voneinander. Es entstand, was man ,politische Theologie’ nannte’.

Dorothee Sölles spezifischer Beitrag zu den ,Politischen Nachtgebeten’ lag nicht im Bereich Information und Analyse, sondern bei Meditation und Gebet. Sie hat in der Gruppe immer wieder darauf gedrängt, das Gebet nicht zu marginalisieren. Und sie hat durch ihre eigenen Texte die christliche Gebetssprache in großartiger Weise erweitert. Ihre einzigartige Sprachkraft, die Intensität der darstellenden Vergegenwärtigung biblischer Texte – das alles hat die politischen Gottesdienste tief geprägt. Ihre meditativen Texte sind für mehr als eine Generation christlicher Beterinnen und Beter von großer Bedeutung geworden.

Diese Texte haben das Modell des politischen Nachtgebets überdauert. Dorothee Sölle verkörpert in ihrer Person und in ihren Texten von Anfang an und verstärkt in ihren späteren Arbeiten die Zusammengehörigkeit von Beten und Handeln, von Theologie und Poesie, von ,Mystik und Widerstand’. Sie bewegte sich stets auf dem Boden der theologischen Wissenschaft, und doch war ihr die theologische Wissenschaft nicht alles, weil sie genau wusste, dass die theologische Wissenschaft immer auch an Grenzen gelangt. Diese Grenzen sah sie überwunden durch die Kunst und eben auch zuweilen durch das schweigende Gebet. Das alles hat sie leidenschaftlich getan – das war ihr Element. Nicht um zu siegen, sondern um das Feuer der Leidenschaft weiter zu tragen. Und auch darin sehe ich ihre große Bedeutung bis heute für Theologie und Kirche: die Suche nach einer neuen Sprache für Theologie und Kirche, visionär und zukunftsweisend. Eine Sprache, die Menschen den neuen Himmel und die neue Erde in einer neuen Rede von Gott vermittelt. Die Erde zu einem Ort macht, der lebenswert ist und kommenden Generationen eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden verheißt.

Diese Vision hat Dorothee Sölles Denken und Handeln von Grund auf bestimmt. Sie stellt jenes prophetische Vermächtnis dar, das sowohl für die demokratische Gesellschaft als auch für unsere Kirche über ihren Tod hinaus Bedeutung besitzt."

Zahlreiche Gemeinden in der Evangelischen Kirche im Rheinland erinnern an Leben, Wirken und Ziele von Dorothee Sölle. Hier eine Auswahl:

Köln: Mittwoch, 30. September, 18 Uhr, Antoniterkirche, Schildergasse 57: "Die lange Nacht der Dorothee Sölle" u.a. mit Sölle-Texten und einer Einführung in das politische Nachtgebet.

Wuppertal: Mittwoch, 30. September, 19 Uhr, Unterbarmer Hauptkirche, Martin-Luther-Straße 12: "Ein Abend für Dorothee Sölle." Die "musikgruppe forum" widmet Sölle eine Collage aus Gedichten, Liedern und Jazz. Rezitation: Schauspielerin Rita Reinecke.

Ratingen: Mittwoch, 30. September, 20 Uhr, Friedenskirche, Hegelstraße 16: "Vergiss das Beste nicht!" lautet die Überschrift einer "Spurensuche mit Texten und Tönen".

Essen: Mittwoch, 30. September, 17.30 Uhr, Haus der Evangelischen Kirche, III. Hagen 39: Vortrag und Gespräch zum Thema "Wir müssen radikaler und frömmer werden!" mit Sölle-Biograf Dr. Ralph Ludwig und NDR-Redakteurin Eveline Petzoldt.

Moers: Donnerstag, 24. September, 19 Uhr, Evangelische Stadtkirche, Klosterstraße: Orgel-Lesung zum 80. Geburtstag mit Eva Killet-Kretschmann (Lesung) und Ernst Ickler (Orgel).

Düsseldorf: Mittwoch, 30. September, 18 Uhr, Dorothee-Sölle-Haus, Hansaallee 112: Gottesdienst unter der Überschrift "Gemeinsam an langen Tafeln": Nach der Liturgie werden Lebensmittel auf den Tischen verteilt. Jeder bedient seinen Nächsten, aber nicht sich selbst.

Solingen: Freitag, 20. November, 19 Uhr, Evangelisches Gemeindehaus Mankhauser Straße 13: Vortrag von Margret Schoenborn über Dorothee Sölle und ihre Theologie.

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 21. September 2009. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 21. September 2009. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

Düsseldorf / EKiR-Pressestelle /



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