Orientierungshilfe

Revision der Einheitsübersetzung

An die Gemeinden und Kirchenkreise in der Evangelischen Kirche im Rheinland

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder,
in den vergangenen Tagen und Wochen erreichten uns mehrfach Anfragen, die Bezug auf die Entscheidung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) genommen haben, sich an der geplanten Revision der Einheitsübersetzung nicht zu beteiligen. Auch die Presse hatte darüber, regional wie überregional, berichtet. Offensichtlich war aber diese Entscheidung  Vielen gleichwohl fragwürdig geblieben, gerade auch in Gemeinden, die enge ökumenische Kontakte zu römisch-katholischen Pfarrgemeinden pflegen.
Auf Bitten von Präses Nikolaus Schneider habe ich deshalb für Sie eine kurze Orientierungshilfe entworfen, die Ihnen die Beweggründe des Rates der EKD, dessen Mitglied auch der Präses ist, verdeutlichen sollen. Der Text kann gerne auch an die katholischen Geschwister weitergegeben werden.
Mit freundlichen Grüßen
Hans-Peter Friedrich
Landeskirchenamt

Revision der Einheitsübersetzung

Die Einheitsübersetzung, ursprünglich eine rein katholische Übersetzung für die Bistümer des deutschen Sprachraums (daher der Name), an der sich dann für die Psalmen und das Neue Testament auf Bitten der Deutschen Bischofskonferenz auch der Rat der EKD beteiligte, ist seit 1978 der für die römisch-katholische Kirche verbindliche deutsche Text. Seit 1980 ist er für die EKD als Text neben der Lutherbibel freigegeben. Er hat sich seither bei ökumenischen Anlässen quasi als der alleinige Bibeltext durchgesetzt. Das veranlaßte die EKD im Jahre 2001 darauf hinzuweisen, daß bei diesen Gelegenheiten auch verstärkt die Lutherbibel herangezogen werden sollte: „Der prinzipielle Verzicht auf das Neue Testament und die Psalmen im Wortlaut der Lutherbibel ist keine dem ökumenischen Miteinander angemessene Forderung oder Erwartung.“ Damals führte diese Äußerung – im Jahre nach „Dominus Iesus“ – bereits zu ökumenischen Turbulenzen.
Im selben Jahre wurde in Rom die Instruktion „Liturgiam authenticam“ über den „Gebrauch der Volkssprache bei der Herausgabe der Bücher der römischen Liturgie“ veröffentlicht. Sie bestimmt, nach welchen Kriterien nunmehr die biblischen Bücher zu übersetzen sind. In einigen Abschnitten stehen sie im Widerspruch zu evangelischen Grundüberzeugungen .
So wird in Artikel 26 gefordert, daß die „Übersetzung der Texte mit der gesunden Lehre übereinstimmen“ müsse. Das bedeutet, daß die Lehre der römisch-katholischen Kirche vorgibt, was die Heilige Schrift zu sagen hat. Sie darf also keine kirchenkritische Rolle spielen, ist nicht der Maßstab, an dem sich die Kirche messen lassen muß. Dies wendet sich eindeutig gegen das reformatorische Prinzip, daß allein die Heilige Schrift der Kirche die Richtung weist (sola scriptura) und sie auch ihr eigener Ausleger ist (sui ipsius interpres).
Artikel 40 verlangt: „Man muß sich mit ganzer Kraft darum bemühen, daß nicht ein Wortschatz oder ein Stil übernommen wird, den das katholische Volk mit dem Sprachgebrauch nichtkatholischer kirchlicher Gemeinschaften oder anderer Religionen verwechseln könnte, damit dadurch nicht Verwirrung oder Ärgernis entsteht.“ Dieser Passus richtet sich vor allem gegen die Bibelübersetzungen aus der Reformationszeit, die, wie Luthers Übersetzung für das Deutsche, in vielen europäischen Ländern die Sprache und damit auch das Denken geprägt haben .
Im Anschluß daran unterstreicht Artikel 41: „Man soll sich darum bemühen, daß die Übersetzungen demjenigen Verständnis biblischer Schriftstellen angeglichen werden, welches durch den liturgischen Gebrauch und durch die Tradition der Kirchenväter überliefert ist.“ Hier zeigt sich, daß nicht der hebräische, aramäische und griechische Grundtext der Bibel, wie ihn die Wissenschaft bis heute erarbeitet hat, das letzte Wort haben soll, sondern die lateinische Übersetzung der Vulgata, die auf den Kirchenvater Hieronymus (347-419) zurückgeht und für die katholische Kirche verbindlich ist. Die Geschichte der Auslegung der Heiligen Schrift wirkt hier auf den Text selbst ein.
Im Sommer 2003 wurde von der katholischen Seite der Anspruch erhoben, diese Kriterien seien nun auch für die Revision der Einheitsübersetzung anzuwenden. Bis dahin war die Frage offen, ob die Instruktion auch für eine ökumenisch verantwortete Übersetzung Geltung habe. Für die Einheitsübersetzung hatte noch das Konsensprinzip gegolten, d.h. keine Seite konnte die andere in strittigen Fragen überstimmen. Das sollte ursprünglich auch bei der Revision Anwendung finden, denn die Bischofskonferenz hatte dem Rat der EKD erklärt, „Liturgiam authenticam“ würde nur für sie bindend sein. Inzwischen besteht sie jedoch auf der Befolgung der Instruktion. Nun soll es nur noch das Bemühen um Konsens geben, was bedeuten würde, daß katholische Mehrheitsentscheidungen auf der Grundlage der römischen Instruktion nicht ausgeschlossen werden können. Dies machte dann eine evangelische Mitarbeit an dem neuen Übersetzungswerk  unmöglich, was der Rat der EKD durchaus bedauert.                      

 [1] In Englisch die King-James Bible (1611), in Französisch die Bible de Genève (1588), in Niederländisch die Statenbijbel (1637), in Polnisch die Brester Bibel (1563), in Tschechisch die Kralitzer Bibel (1579-1594), in Ungarisch die Károlyi-Bibel (1590).

 

 

 

28.09.2005

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 21. Oktober 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 21. Oktober 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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