Kirche und Gewerkschaften

Das Bündnis weiterentwickeln

Um Gemeinsamkeiten und Differenzen ging es heute Vormittag im Landeskirchenamt bei dem gut besuchten Fachforum „Kirche und Gewerkschaften – ein Ortsbestimmung“. Prominenter Gast vom Deutschen Gewerkschaftsbund: DGB-Chef Michael Sommer.

Gemeinsamkeiten: DGB-Chef Michael Sommer und Präses Nikolaus Schneider. Gemeinsamkeiten: DGB-Chef Michael Sommer und Präses Nikolaus Schneider.

Vizepräsident Christian Drägert, Präses Nikolaus Schneider und Prof. Dr. Traugott Jähnichen, Ruhr-Universität Bochum, unterstrichen die Notwendigkeit, begonnene Bündnisse weiterzuentwickeln und zu konkretisieren. Ansatzpunkte für zukünftige gemeinsame Ziele sahen alle Beteiligten in der Mitwirkung bei den politischen Sozialreformen der neuen Regierung und, besonders dringlich, in der Lösung der Bildungskrise.

 

 

Mehr als hundert Frauen und Männer kamen zum Fachforum Kirche und Gewerkschaften ins Landeskirchenamt. Mehr als hundert Frauen und Männer kamen zum Fachforum Kirche und Gewerkschaften ins Landeskirchenamt.

„Miteinander reden ist besser als übereinander reden.“ So klar und eindrücklich begründete Walter Haas, DGB-Bezirksvorsitzender Nordrhein-Westfalen, das Erfordernis, den Dialog zwischen Kirche und Gewerkschaften zu vertiefen. Präses Nikolaus Schneider betonte, dieser Dialog sei „ein hohes Gut“, bedürfe aber „neuer Impulse“ Eine Ortsbestimmung sei nötig, gerade unter den gegenwärtig veränderten politischen Bedingungen. „Reformen müssen wieder einen guten Klang bekommen“, so Schneider mit Blick auf die Hartz-IV-Gesetze und ihre Folgen.

Kirche und Gewerkschaften hätten „ein breites Spektrum von soliden Gemeinsamkeiten“ vorzuweisen, z.B. in der Anerkennung und notwendigen Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft, im Plädoyer für eine Weiterentwicklung des Sozialstaats ohne Systemwechsel, in der vorrangigen „Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten“ und in der Berufung auf eine Sozialkultur, die für die Zukunft des Landes nicht unterschätzt werden dürfe. „Die Ökonomie ist ein hervorragender Knecht, aber ein lausiger Herr“, so der Präses. Der Ökonomie dürfe nicht alles untergeordnet werden.

Schneider: "Atmosphärische Veränderungen"

Schneider resümierte die Anstrengungen des sozialen Protestantismus in Deutschland, an den sozialen Fragen mitzuarbeiten. So habe sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor 50 Jahren darauf verständigt, „dass die Kirche der Welt einen kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt schuldet, dass in der evangelischen Kirche die Einheitsgewerkschaft bejaht wird und dass sich die Kirche ihrer gesellschaftlichen Mitverantwortung in der Welt der Arbeit nicht entziehen darf“. Gemeinsam mit den Gewerkschaften setze sich die evangelische Kirche nach wie vor für die Mitbestimmung und die Humanisierung des Arbeitslebens ein. Auch die Themen Menschenwürde und Gesundheit in der Erwerbsarbeit erführen nachdrückliche kirchliche Fürsprache und Begleitung.

Kritisch merkte Schneider jedoch „atmosphärische Veränderungen“ an. Der Dialog mit den Gewerkschaften verlaufe „gegenwärtig eher schleppend und manchmal stockend“. Das müsse sich ändern. Die Bildung von Bündnissen sei zu bejahen, das gegenseitige Taktieren jedoch nicht. Arbeitsrechtliche Differenzen zwischen der Kirche und den Gewerkschaften sollten konstruktiv gelöst werden.

Sommer: "Grundsätzliche Gemeinsamkeiten"

Auch Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), griff die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten auf. Er brachte sie auf den Nenner: „Es geht um Menschenwürde.“ Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seien „mehr als eine Kostenstelle“. Der Sozialstaat sei mehr als nur ein „Sozialhilfestaat“, und die Gewerkschaften stünden für etwas ein, „das mehr ist als Brot und Butter. „Wir sind  - wie die Kirchen - für die Menschen da, jeder auf seine Art, aber wir sind keine Konkurrenten“, so der DGB-Vorsitzende.

Auf der Seite der Kirche lobte Sommer die Einrichtung eines kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und die Bejahung einer Einheitsgewerkschaft „in den gar nicht goldenen 50er Jahren“. Moralisch seien sich Kirche und Gewerkschaften auch heute sehr nahe. Wenn es jedoch darum gehe, politische Forderungen durchzusetzen, „da wird es oft sehr diplomatisch“. Kritisch äußerte sich Sommer zu den bejahenden EKD-Positionen zur „Agenda 2010“ und zum angestrebten Umbau der Sozialsysteme. Hier gehe es um mehr als nur um mehr persönliche Vorsorge. „Man versetzt Menschen kollektiv in Angst vor Armut und degradiert Arbeitslose zu Bedarfsempfängern“, so der DGB-Vorsitzende.

Da es aber keine Mehrheit für einen neoliberalen oder asozialen Kurs in Deutschland gebe, seien neue Positionen zu entwickeln, die den Menschen wirklich dienten. Die große Koalition biete dazu die Chance, z.B. in der Planung, untere Armutsgrenzen festzulegen. Als besondere sozialstaatliche Kernaufgabe nannte er die Bildungspolitik, die in den 70er Jahren gescheitert sei. „Man muss nicht nur Geld reinschieben, sondern auch Geist“, sagte Sommer. Eine nachhaltige Verbesserung der Bildungschancen für alle sei mehr als eine Ortsbestimmung, sie sei eine „Weg- und Zielbestimmung“.

Jähnichen: "Krise des Bildungssystems"

Diese Forderung war auch Thema der Bilanz von Prof. Dr. Traugott Jähnichen, Ruhr-Universität Bochum. Der evangelische Theologe und Sozialethiker stellte die These auf, dass die Krisenphänomene des 19. und 20. Jahrhunderts nur partiell gelöst worden seien. Die “soziale Frage“ habe zum Aufbau der sozialen Sicherungssysteme unter Bismarck geführt, die „Arbeiterfrage“ zu einer Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen, Tarifvertragsmodellen und zur Entwicklung von Mitbestimmungsrechten, und die „Emanzipationskrise“ zur Emanzipation der Sozialdemokratie u.a. von religiösen Bindungen und Kirche.

Das in den 70er Jahren propagierte „Modell Deutschland“ weise jedoch heute dieselben Krisen auf wie damals. Für die „soziale Frage“ und die Krise der Arbeitsbeziehungen seien neue Lösungen zu finden. Die „Emanzipationskrise“ stelle sich heute als „Krise des Bildungssystems“ dar, in dem kaum Mobilität möglich sei.

Forum: Aufbruchstimmung

Die Ausführungen der Referenten setzte Potenziale frei: In der lebhaften Aussprache mit den rund 140 Teilnehmerinnen und  Teilnehmern des Forums aus Gewerkschaften und kirchlichen Verbänden war sogar Aufbruchstimmung zu spüren. Zum Schluss des Forums konkretisierte sich, was Vizepräsident Christian Drägert zu Beginn der Veranstaltung angemahnt hatte: „Orientierung und Orientierungslosigkeit dürfen nicht zu Schlagworten verkommen!“

Konkret gefordert, aber auch angeboten wurde die Intensivierung der Begegnungen von Gewerkschaftssekretären und Sozialsekretären sowie auf der Führungsebene, z.B. bei Synoden oder Gewerkschaftsveranstaltungen. Dass die „Option für die Armen“ weiterhin eine gemeinsame Aufgabenstellung von Kirche und Gewerkschaften bleiben wird, zeigen zwei schon anvisierte Maßnahmen. So wird die nächste EKD-Synode der Thematik „Armut und Reichtum“ gewidmet sein, und die Präzisierung von unteren Armutsgrenzen durch die neue Koalition wollen Kirche und Gewerkschaften politisch mitgestalten.

 

 

 

es, Fotos: EKiR.de/neu /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 1. Dezember 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 2. Dezember 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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