Pfarrerinnen

Petra Bosse-Huber: Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist kein Frauenthema

Mit der Wahl zur Oberkirchenrätin 2001 war ein großer beruflicher Umbruch für Petra Bosse-Huber verbunden. Bis dahin war die heute 46-jährige Mutter von drei Kindern Gemeindepfarrerin in Wuppertal.

Augen auf bei der Partnerwahl: Vizepräses Petra Bosse-Huber. Augen auf bei der Partnerwahl: Vizepräses Petra Bosse-Huber.

Außerdem bekleidete sie verschiedene Ämter innerhalb der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Von der Landessynode wurde sie 2003 zur Vizepräses gewählt. Petra Bosse-Huber ist auch Mitglied in verschiedenen Gremien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

In Ihrer Ausbildungszeit war das Pfarrerinnenbild stark in Veränderung. Wie und wann entwickelte sich Ihr eigenes Bild einer Pfarrerin? Gab es für Sie weibliche Vorbilder?

Mein Bild einer Pfarrerin ist noch nicht fertig. Es zu entwickeln ist ein Prozess, der einen vagen Anfangspunkt in der Schulzeit hat. Ich erinnere mich an guten Religionsunterricht, der mein Interesse für die Theologie geweckt hat, und mir hat die Arbeit als Jugendliche im CVJM und in der Kinderarbeit der Gemeinde Spaß gemacht. Im Studium gab es kaum weibliche Vorbilder und die wenigen Pfarrerinnen, die als Mentorin für das Vikariat zur Verfügung standen, waren hoch begehrt. Die Frauen im Ältestenrat hatten eine Liste mit ihren Adressen zusammengestellt, die unter den Studentinnen weitergegeben wurde. Die einzige Pfarrerin, der ich in diesen Jahren live begegnet bin in der Gemeindearbeit, war Sylvia Bukowski, bei der ich das Gemeindepraktikum leisten durfte. Diese Wochen waren prägend und spannend für mich: So lebt eine konkrete Frau das „Pfarramt“, selbstbewusst und klar.

Hat die Feministische Theologie Ihre Theologie, Ihr Gottesbild beeinflusst?

Mein Gottesbild ist weiter geworden. Das Gebot „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“ ist mir neu nahe gekommen. Kein Bild und keine Anrede kann Gott vollständig erfassen und ausdrücken. Deshalb gibt es in der Bibel einen großen Schatz ganz unterschiedlicher Bilder für Gott. Mir ist wichtig geworden, alle Facetten von diesem Schatz für die Anrede Gottes zu nutzen. In der Theologie habe ich gelernt, dass ich einen Text nicht auslegen kann, ohne mich selbst als Person einzubringen. Die Erkenntnis, dass der eigene soziale, kulturelle und spirituelle Hintergrund das theologische Nachdenken und den Zugang zu den biblischen Texten prägt, hat die Feministische Theologie aus der Befreiungstheologie aufgenommen und fortgeführt.

Sie haben als erste Frau das Amt der Vizepräses inne. Sind in Ihren Augen Theologinnen den Theologen inzwischen gleichberechtigt? Brauchen Pfarrerinnen spezielle Unterstützung?

Wie viele andere Organisationen auch, haben wir ein Problem bei der gleichberechtigten Besetzung von Leitungspositionen. Ich bin die einzige Frau unter den sieben hauptamtlichen Mitgliedern der Kirchenleitung, und in 44 Kirchenkreisen zählen wir ganze fünf Superintendentinnen. Deshalb hat die Landessynode 2001 das Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Bei Ämtern, die durch Wahl besetzt werden, wozu ja auch die Pfarrstellen gehören, kommt das Gesetz allerdings an seine Grenzen. Die beste Unterstützung bieten nach meiner Erfahrung Netzwerke, in denen Frauen ihre unterschiedlichen Kompetenzen anerkennen, sich gegenseitig fördern und aufeinander achten.

Aus eigenem Erleben kennen Sie die Probleme einer berufstätigen Mutter. Gibt es Ideen, Projekte, Netzwerke zur Unterstützung von Pfarrerinnen mit Kindern?

In den ersten Jahren, als unserer Töchter noch klein waren, hat mein Mann den größten Teil der Kinderbetreuung übernommen. Er war verlässlich zu Hause, so waren die unregelmäßigen Arbeitszeiten einer Pfarrerin für uns lebbar. Aus diesem eigenen Erleben möchte ich festhalten: Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung ist kein Frauenthema, auch wenn sie für viele Frauen Thema ist. Pfarrerinnen mit Kindern brauchen neben einem gut ineinander greifenden Netz aus öffentlicher und privater Kinderbetreuung eine verlässliche und kollegial abgesprochene Arbeitsorganisation. Ein Kollege von mir hatte seinen „Kinderdienst“ genauso als unverrückbaren Termin im Kalender stehen wie die wöchentliche Dienstbesprechung, das wurde von allen akzeptiert. Allerdings wird es im Pfarrberuf auch bei der besten Organisation immer einen Rest unplanbarer Aufgaben geben. Dieses Schicksal teilt die Pfarrerin z.B. mit den niedergelassenen Ärztinnen und fast allen Freiberuflerinnen. Es bleibt eine filigrane Aufgabe, Menschen in das Netz der Kinderbetreuung zu integrieren, denen die Kinder spontan und bedenkenlos anvertraut werden können.

Welchen persönlichen Rat geben Sie jungen Theologinnen, deren Berufsaussichten momentan sowieso nicht rosig sind und die von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie träumen?

Der Beruf der Pfarrerin, eine 100-Prozent-Stelle und die klassische Frauenrolle im Familienverband sind kaum miteinander zu vereinen. Deshalb klingt mein erster ganz persönlicher Rat sehr banal: Augen auf bei der Partnerwahl. Ich konnte und kann mit meinem Mann bis heute absprechen, wie wir uns berufliche und private Aufgaben aufteilen. Mein zweiter Rat heißt: Rollenklarheit. Im Beruf sind Sie nicht als Mutter gefragt, sondern als Pfarrerin. Ihren Kindern gegenüber ist es umgekehrt. Machen Sie die Zeiten transparent, die ihren Kindern gehören und bauen Sie ein verlässliches Netz zur Kinderbetreuung auf, damit Sie im Beruf wirklich präsent sein können. Woran wir noch arbeiten müssen, ist die Kollegialität untereinander, es gibt in unserer Kirche noch viel zu viel Einzelkämpfertum, das wir überwinden müssen. Aber vor allem würde ich sagen: Nicht bange machen lassen! Es lässt sich mit Courage viel mehr leben und verwirklichen, als sich manche Ängstlichen auch nur vorzustellen wagen.

 

 

 

reh /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 28. Dezember 2005. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 29. Dezember 2005. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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