60 Jahre Menschenrechtserklärung

"Größte Errungenschaft", aber bis heute bedroht

Vor 60 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet, ist aber bis heute juristisch nicht bindend. Dabei sind Menschenrechte von großer Bedeutung: ein ekir.de-Interview mit Oberkirchenrat Wilfried Neusel.

Überflutungen oder Dürren in Entwicklungsländern, verursacht durch fehlenden Klimaschutz: Die Menschenrechte sind eine bedrohte Errungenschaft. Überflutungen oder Dürren in Entwicklungsländern, verursacht durch fehlenden Klimaschutz: Die Menschenrechte sind eine bedrohte Errungenschaft.

 

Die Menschenrechte sind in den Zehn Geboten verankert: Oberkirchenrat Wilfried Neusel. Die Menschenrechte sind in den Zehn Geboten verankert: Oberkirchenrat Wilfried Neusel.

Welche Bedeutung hatte und hat die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte?

Es ist eine der größten Errungenschaften in der Kulturgeschichte der Menschen, dass sie nach den Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges religionsübergreifend überstaatliche Rechte verabschiedet haben. Überstaatliche Rechte, die für alle Menschen auf der Welt ungeachtet ihres gesellschaftlichen Status, ihrer Weltanschauung, ihres Geschlechts oder ihrer nationalen Zugehörigkeit gelten sollen.

Welchen biblisch-theologischen Bezug gibt es zu den Menschenrechten?

Das Urdatum der Menschenrechte ist schon in der Schöpfungsgeschichte angelegt. Der Mensch ist Gott ebenbildlich und trägt die Würde Gottes. Das zweite Datum ist die Geschichte vom Auszug aus Ägypten. "Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Schreien über ihre Antreiber habe ich gehört, ich kenne seine Schmerzen. So bin ich herabgestiegen, um es aus der Hand Ägyptens zu erretten... "(Ex 3,7f). Die Solidarität mit Unterdrückten ist in der jüdisch-christlichen Tradition ein Schlüssel zum Verständnis der Menschenrechte. Die Menschenrechte sind in den Zehn Geboten verankert und in der Sozialgesetzgebung der fünf Bücher Moses im Einzelnen ausgeführt. Gerechtigkeit gegenüber Waisen, Witwen, Armen und Fremden ist der Maßstab für die Qualität gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Dies wird im neuen Testament von Jesus immer wieder aufgegriffen, zum Beispiel im Kapitel 25, Matthäus, wo Jesus sich mit den Geringsten identifiziert. Da geht es um die, die nackt und krank sind, im Gefängnis leiden, Hunger und Durst haben. Jesus sagt: "Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan." Der Einsatz für die Rechte gefährdeter und unterprivilegierter Menschen ist kein Gnadenakt, sondern eine Verpflichtung, die sich aus den Menschenrechten zwingend ergibt. Die Sorge um das Recht der Menschen entscheidet über das Verhältnis zu Gott.

 

 

Wo sind die Menschenrechte im Moment am meisten bedroht?

Die Menschenrechte sind zur Zeit einschneidend bedroht, weil der Klimaschutz nicht ernst genommen wird. Die Autoindustrie baut immer noch große Modelle, die viel CO2 ausstoßen. Das bedroht die Menschen in Entwicklungsländern, sei es durch steigende Meeresspiegel, anhaltende Dürren oder Überflutungen.

Die Menschenrechte sind auch dadurch bedroht, dass viele Menschen die Spiritualität, die in den Menschenrechten zum Ausdruck kommt, nicht mehr respektieren. Wirtschaftliche und politische Eliten zitieren die Menschenrechte, aber sie sind nicht mehr innerlich davon berührt. Das sieht man im Zusammenhang mit Kodizes zur sozialen Verantwortung von großen Firmen. Alles, was für einen paradiesischen Zustand der Menschen erwartet werden kann, steht da. Aber in der Praxis sieht es ganz anders aus. So hat sich zum Beispiel an den Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Asien wenig geändert. Frauen arbeiten für 30 Euro im Monat zwölf Stunden und mehr am Tag.

Bedroht sind die Menschenrechte auch durch die Militarisierung unseres Denkens aufgrund der Sicherheitsdoktrinen, die im vergangenen Jahrzehnt, also nach dem Anschlag auf das World Trade Center, entwickelt worden sind. Dadurch sind gerade bürgerliche und politische Freiheitsrechte sehr gefährdet. Die Überwachungshysterie ist schlimm.

 

ekir.de/Petra Anna Siebert /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 5. Dezember 2008. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 15. Dezember 2008. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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