Bahnhofsmission

Mehr als ein Gepäckträger

Über 100 Jahre alt und im Dienst der Menschen: die Bahnhofsmission. Eine Reportage aus dem Kölner Hauptbahnhof von Petra Wilfert

Umsteigehilfe von der Bahnhofsmission: Eckhard Harbers im Kölner Hauptbahnhof. Umsteigehilfe von der Bahnhofsmission: Eckhard Harbers im Kölner Hauptbahnhof.

Kreischen von Metall auf Metall, Lautsprecherdurchsagen, Pfeifsignale, Schritte, Satzfetzen: Köln, Hauptbahnhof. Ein Gemenge von Geräuschen, mittendrin Eckhard Harbers, der  einen weißen Stock in die Höhe hält. Harbers ist blind, fährt die Strecke Viersen – Bergisch Gladbach und zurück als Berufspendler fünfmal die Woche. Zweimal täglich begleitet ihn ein Mitarbeiter der Kölner Bahnhofsmission von Bahnsteig zu Bahnsteig. Heute abend ist es Artur Pauli, Zivi, für die anderen Reisenden an seiner blauen Windjacke erkennbar. Harbers erkennt ihn an der Stimme.

 

An der blauen Jacke erkennbar: Mitarbeitende der Bahnhofsmission. An der blauen Jacke erkennbar: Mitarbeitende der Bahnhofsmission.

Umsteigehilfen für alte und behinderte Menschen und allein reisende Kinder machen nur einen Teil der Arbeit der Bahnhofsmissiion aus. Als bloßer Gepäckträger möchte man nicht missverstanden werden.

1894 entstand in Berlin die erste Bahnhofsmission, die Niederlassung in Köln wurde fünf Jahre später eröffnet. Träger sind die katholische Caritas und die evangelische Diakonie. Die Kölner Zweigstelle hat sieben hauptamtliche Mitarbeiter, hinzu kommen Ehrenamtliche, Zivildienstleistende, Praktikanten. Seit zehn Jahren ist man in den Räumen an Gleis 1, von der Bahn mietfrei zur Verfügung gestellt. Die Bahnhofsmission ist offen für jeden, und das 24 Stunden, 365 Tage. Im Schnitt treten 60 bis 70 Personen am Tag über die Schwelle, mehr Männer als Frauen.

„Der Bahnhof ist wie ein Seismograph“, meint Monika Braun-Gerhards, seit 1984 bei der Bahnhofsmission Köln. „Am Bahnhof sieht man, was sich tut in der Gesellschaft.“ Wohnungslose schauen vorbei, um eine Tasse Kaffee zu trinken, sich aufzuwärmen. Sonntags ist der Andrang am größten, da ist sonst nichts offen. Auch für Straßenkinder, manche gerade zehn Jahre alt, ist die Bahnhofsmission Anlaufstelle. Suizidgefährdete finden hierher, wollen reden, jemanden, der zuhört. Nachts klingelt häufig das Telefon, wenn die Leitungen der Telefonseelsorge besetzt sind.

Draußen ist Harbers an Paulis Arm mittlerweile sicher auf Gleis 8 angekommen. Zur Not ginge es auch ohne Begleitung, meint er: „Den Kölner Bahnhof habe ich soweit im Kopf.“ Von Geburt an blind, hat sich der Fünfzigjährige Selbständigkeit erobert. Trotzdem nimmt er den Dienst der Bahnhofsmission gerne in Anspruch. Seit drei Jahren fährt er von seinem Wohnort Viersen zu seiner Arbeitsstelle bei der Kreisverwaltung in Bergisch Gladbach. In Begleitung ist es stressfreier, geht ohne Anrempeln, und die nicht allzu üppig bemessene Zeit zwischen den zwei Zügen wird nicht zu knapp. Als Stammkunde der Kölner Bahnhofsmission war Harbers auch dabei, als diese ihr Hundertjähriges feierte: stilecht im Lokal Alter Wartesaal, natürlich am Kölner Hauptbahnhof. Harbers erinnert sich gern daran. „Im Großen und Ganzen“ ist er zufrieden mit der Hilfe, die er durch die Bahnhofsmission erfährt. Nur manchmal klappt es nicht so gut mit der Koordination zwischen Bahn und Bahnhofsmission, der Abstimmung von Fahrplänen und Fahrgästen.

Daten hier, Menschen dort: Im Büro der Bahnhofsmission liegen für beinahe jede Nationalität Telefonnummern von Dolmetschern bereit, damit man sich auch mit Hilfesuchenden  verständigen kann, die kein Deutsch sprechen. Die Bahnhofsmission bevorzugt den kleinen Dienstweg: Oft springen Mitarbeiter der Bahn ein, wenn es ums Übersetzen geht.

Schwieriger ist oft die Begegnung mit Menschen, die sich nicht verständlich machen können, in keiner Sprache. Alzheimerpatienten, altersverwirrte Menschen oder psychisch Kranke. Wenn da eine Frau in Pantoffeln und Morgenmantel auf dem Bahnsteig sitzt, nicht weiß, wie sie heißt und wo sie wohnt. Zusätzlich zum Einfühlungsvermögen ist dann auch Spürsinn gefragt, weiß Monika Braun-Gerhards. Da kann sogar ein Stückchen Würfelzucker in der Handtasche der Unbekannten, das Einwickelpapier mit der Telefonnummer eines Cafés, weiterhelfen.

Montag, 7.22 Uhr; neun Tage nach der großen Fahrplanumstellung. Fast wäre es passiert: Um ein Haar hätte man Harbers vergessen. Noch dazu ist der Zug aus Viersen auf ein anderes Gleis verlegt worden. Zum Glück gibt es Handys. Einer der Ehrenamtlichen, Harbers Montagsmorgens-Begleitung, führt ihn von Gleis 5 nach Gleis 10. Die nächste Regionalbahn lässt zum Glück nicht lange auf sich warten.

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 30. Dezember 2002. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 30. Dezember 2002. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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