Weihnachten

Musizieren, hören, verstehen

Die Frage, wie der Nahe Osten befriedet werden könnte, ist wirklich groß, „vielleicht zu groß für mich, schließlich bin ich nur Mathematiklehrer“, sagt der Direktor der palästinensischen Schule Talitha Kumi in Beit Jala, Dr. Georg Dürr.

Ein guter Ort für die Kids: Schülerinnen und Schüler in Talitha Kumi. Ein guter Ort für die Kids: Schülerinnen und Schüler in Talitha Kumi.

 

Wer geigt, wirft keine Steine: Dr. Georg Dürr. Wer geigt, wirft keine Steine: Dr. Georg Dürr.

„Trotzdem will ich mein Bestes versuchen“, hat der 63-jährige, aus Deutschland stammende Pädagoge entschieden. Ein ekir.de-Interview

Für Frieden im Nahen Osten – wer müsste dafür was tun?

Frieden wird immer nur definiert im Krieg. Gehen wir mal davon aus, dass Palästina und Israel bestätigen, dass sie sich im Krieg befinden, dann haben wir eine gemeinsame Aussage. Wenn wir weiter davon ausgehen, dass beide den Frieden wollen, hätten wir eine weitere. Leider muss beides im Konjunktiv stehen, Zweifel sind angebracht.

Israel als die militärisch überlegene Macht legt die Gangart und die Richtung fest. Ich überblicke sechs Jahre in Palästina. Ich habe nicht das Gefühl, dass es in dieser Zeit eine Annäherung an Frieden gab. Palästina ist durch die kontinuierliche Besatzung schwächer geworden, die Chance auf einen gerechten Frieden auch. Frieden und Gerechtigkeit hängen in dieser Situation eng zusammen. Der Frieden, der vor zehn Jahren mit Ägypten erreicht wurde, scheint ein dauerhafter Friede zu sein, da er gerecht ist.

Wir Deutsche haben ein schwieriges Verhältnis zu Israel. Wir bemühen uns auf dem Hintergrund unserer schlimmen Geschichte um Vertrauen, ja um Freundschaft. Deshalb sollten wir Israel freundschaftlich unterstützen in allen Fragen der Sicherheit, der Anerkennung etc. Aber wir sollten in der gleichen Freundschaft auch das anprangern, was von den Verträgen von Oslo nicht eingehalten wird, wir sollten die ungerechte Verteilung von Wasser anprangern, den Siedlungsbau etc. Wir sollten dies tun, um auch hier eine Chance auf Gerechtigkeit zu bekommen.

Für mich sind alle Sätze, die beginnen mit die Juden, die Israeli, die Palästinenser falsch. In meinem Kopf existiert der nach Gerechtigkeit schreiende Jude, der alles sorgfältig abwägt und keinen Satz sagt, der nicht ausgewogen und von Weisheit durchdrungen ist ebenso wie der von einer überwältigenden Gastfreundschaft beseelte Palästinenser, der so reich an Kultur ist. Für diese Bilder muss Raum geschaffen werden, und das geht nicht mit militärischer Gewalt, das geht nur, wenn beide Parteien gute Erfahrungen miteinander machen können, das geht nur, wenn Vertrauen gedeihen kann.

Beide Seiten haben schlechte Erfahrungen miteinander gemacht. Nun ist es an der Zeit, dies zu überwinden und gute Erfahrungen miteinander zu ermöglichen. Das Feindbild wird durch die auf beiden Seiten der Mauer wuchernden Vorurteile nicht schwächer, im Gegenteil.

Wenn sich die Menschen begegnen, können Vorurteile aus der Welt geschafft werden. Vielleicht gibt es dann wieder Raum für jenen Juden und Palästinenser, der hoffentlich nicht nur in meinem Kopf existiert. Dazu kann gerade die internationale Gemeinschaft viel beitragen: zusammenbringen, was zusammen war.

Welchen Beitrag leistet Talitha Kumi?

Wir konzentrieren uns auf verschiedene Aspekte:
In unserem Alltag versuchen wir möglichst viele Konflikte mittels Mediation zu schlichten. Wir hoffen, dass sowohl unsere Mannschaft an Streitschlichtern diese schulische Erfahrung mit hinaus nimmt in ihre späteres Leben, wie auch die Konfliktparteien, die hoffentlich lernen, dass fair geschlichtete Konflikte dauerhafte Lösungen bringen. Die Konfliktpartner machen auch die Erfahrung, dass man zur Beilegung von Konflikten einen Beitrag leisten muss. Um das alles zu erreichen, bilden wir jedes Jahr etwa 25 neue Streitschlichter aus, die dann nach erfolgreicher Prüfung ihre Arbeit aufnehmen.

Wir nehmen jede Gelegenheit von Begegnungsveranstaltungen wahr, in der unsere Schüler ihre Kollegen aus Israel treffen können. Leider ist dies derzeit nicht in der vorhandenen Nachbarschaft möglich, sondern nur im Ausland.

Wir versuchen nicht zuletzt auch durch die Arbeit von PRIME, dem Peace Research Institute in the Middle East, unsere Schüler mit israelischen Darstellungen von Geschichte zu konfrontieren.
Wir suchen nach Möglichkeiten, eine Schulpartnerschaft mit einer israelischen Schule aufzubauen und an die guten Erfahrungen vor Intifada 2 anzuknüpfen.

Talitha Kumi liegt auf der Grenze zwischen der A-Zone (palästinensisches Autonomiegebiet) und C-Zone (besetztes Gebiet, israelische Sicherheit). Wir bieten eine Begegnungsstätte für Palästinenser und Israelis, für Menschen, die sich mit den öffentlich verkündeten Feindbildern nicht abspeisen lassen wollen, sondern den Menschen von der andere Seite kennenlernen wollen. Hierzu hatten wir im Sommer 2009 über 30 verschiedene Gruppen bei uns, die das zum Ziel hatten.

Wir betonen in Talitha Kumi insbesondere den musischen Bereich. Etwas plakativ möchte ich sagen: Wer geigt, wirft keine Steine. Wer Musik macht, lernt zu hören. Und wer hört, versteht den anderen besser. Und wer gut spielt, erfährt das Wunder der Musik. Auf diesem Weg helfen Freiwillige aus Deutschland mit, die hier Instrumentalunterricht anbieten, palästinensische Lehrer, sowie fünf Lehrer der Barenboim-Said-Stiftung, die jede Woche einen Tag zu uns kommen, um hier Instrumentalunterricht zu geben. Die westfälische Landeskirche mit der Organisation „Brass for Peace“ hat dafür gesorgt, dass wir in Talitha Kumi einen Posaunenchor haben.

Wie verbringen Sie Weihnachten?

Wir feiern Weihnachten im Familienkreis und gehen die Weihnachtsgeschichte mit unseren Kindern nach. Am Nachmittag des 24. Dezembers werden wir nach Bethlehem gehen und das freudige Treiben miterleben. Am 25. gehen wir in Jerusalem in die Erlöserkirche und in die Geburtskirche in Bethlehem, aber auch zu den Hirtenfeldern. Was wir essen? Am liebsten Maultaschen. Aber da wir die hier nicht haben, kochen wir etwas anderes, das sich unsere Kinder wünschen.

Dr. Georg Dürr (63) hat Mathematik und Biologie studiert und als Lehrer in Tübingen gearbeitet, bevor er 1984 nach Windhoek/Namibia ging und an der Deutschen Höheren Privatschule Windhoek – zuletzt als Schulleiter - die Unabhängigkeit des Landes mit erlebte. „Wichtiges Thema war die Öffnung der Schule für schwarze Kinder und das Zusammenführen von dem, was vierzig Jahre hindurch durch die Apartheid getrennt war“, erzählt Dürr. Es folgten fünf Jahre als Leiter der Deutschen Schule in Pretoria/Südafrika - „gleiches Thema“. Mit der Verschlechterung der Krankheit seiner damaligen Frau – sie starb später – kehrten die Dürrs für viele Jahre zurück nach Deutschland. Seit 2004 ist Dürr, inzwischen erneut verheiratet, Schulleiter in Talitha Kumi. Die rheinische Kirchenleitungsdelegation hat bei ihrem Israel-Palästina-Besuch im Herbst Israel und Palästina Talitha Kumi besucht und mit Dürr ausführlich gesprochen.

 

 

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Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 24. Dezember 2009. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 24. Dezember 2009. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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