Interview

Effektiv nach innen, profiliert nach außen

Uwe Becker wird am 27. September als neuer Theologischer Direktor des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) eingeführt. Der 45-jährige Pfarrer hat vorher das Sozialwerk des Evangelischen Stadtkirchenverbands Köln geleitet.

Anspruch und Praxis übereinanderbringen: Uwe Becker, der neue rheinische Diakonie-Direktor. Anspruch und Praxis übereinanderbringen: Uwe Becker, der neue rheinische Diakonie-Direktor.

Was unterscheidet das Diakonische Werk von anderen Wohlfahrtsverbänden?

Wir müssen uns bezüglich der Ergebnisse unserer Arbeit nicht zwingend von anderen, nicht konfessionell gebundenen Wohlfahrtsverbänden unterscheiden. Hauptsache ist, dass die Praxis unserer Arbeit in Deckung zu bringen ist mit unserem Anspruch. Dieser erwächst aus der Gebundenheit an unsere biblischen Quellen und dem, was daraus ethisch und mit Blick auf die Würde der Menschen für die konkrete Praxis abzuleiten ist.

Ein Beispiel?

Nehmen wir die Situation von illegal eingereisten Personen, die von Abschiebung bedroht sind. Eine Abschiebung entspricht zwar der gegenwärtigen Rechtsprechung, ist also legal. Aber fragwürdig ist, ob dies aus biblisch-theologischer Perspektive auch legitim ist. In der Bibel finden sich keine Aussagen zur Abschiebung, wohl aber zu einem gastfreundschaftlichen und Rechtssicherheit bietenden Umgang mit Fremden. Diakonische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Flüchtlingsberatungsstellen, denen die biblische Tradition bewusst ist, haben eine Vergewisserung für ihre Arbeit im Rücken, die ihr Engagement zu Gunsten dieser Menschen stärkt.

 

Ein-Euro-Jobs sind unter zwei Bedingungen denkbar, sagt Becker: sorgfältig begleitet und wirklich freiwillig. Ein-Euro-Jobs sind unter zwei Bedingungen denkbar, sagt Becker: sorgfältig begleitet und wirklich freiwillig.

Das berührt schon die Frage nach dem evangelischen Profil der Diakonie.

Genau, wir sind mitten in dieser vielschichtigen Diskussion. Ich verdeutliche das an einem anderen Beispiel: Ein evangelisches Krankenhaus arbeitet unter den gleichen ökonomischen und rechtlichen Bedingungen wie ein staatliches. Da gibt es die Eckdaten der Gesundheitsreform, das gleiche Budget. Aber ein evangelisches Krankenhaus ist darüber hinaus gefordert, sich überhaupt die Frage nach seinem evangelischen Profil zu stellen. Und diese Frage eröffnet weitere: Wie sieht es mit der Kultur des Hauses aus, was den Umgang mit Leiden und Tod betrifft?

Wie setzt sich ein Haus mit der meines Erachtens zu fördernden Autonomie des Patienten auseinander? Gibt es eine ethische Fallbesprechung? All diese Fragen gehören dazu. Da gibt es einen Gestaltungsspielraum, der sich für diakonische Träger auch auf der Basis biblischer Impulse entfalten kann, auch innerhalb enger werdender ökonomischer Grenzen.

„Keine Schutzpolizei der Hartzreform“

Die Republik diskutiert Hartz IV und die Ein-Euro-Jobs. Wohlfahrtsverbände sollen diese Beschäftigungen anbieten. Wird die rheinische Diakonie Ein-Euro-Jobs schaffen?

Diese Frage wird unter den Mitgliedern des Diakonischen Werkes im Rheinland intensiv diskutiert und unsere Geschäftsstelle hat dazu ein Positionspapier beschlossen. Daran habe ich bereits mitgewirkt, weil ich diese Frage für ausgesprochen brisant halte. Grundsätzlich muss deutlich gesagt werden: Was hier geschaffen wird, sind keine Arbeitsplätze. Der Begriff „Arbeitsgelegenheit“ oder „Ein-Euro-Jobs“ ist missverständlich. Es geht um Tätigkeiten, die im öffentlichen Interesse sein müssen und dem ersten Arbeitsmarkt keine Konkurrenz machen dürfen. Sie sollen der Integration von Langzeitarbeitslosen in den regulären Arbeitsmarkt dienen.

Hier ist auch der Maßstab anzulegen, ob wir sie anbieten wollen oder nicht. Insofern sind die Träger gefragt, ob sie die dazu erforderlichen Strukturen vorhalten: die Möglichkeit zur fachgerechten Begleitung und Qualifizierung der Menschen und personalpolitische Steuerungsmöglichkeiten, um gegebenenfalls ein reguläres Arbeitsplatz-Angebot zu machen. Ist diese Struktur vorhanden, halte ich Ein-Euro-Jobs für vertretbar.

Allerdings muss noch eine Bedingung erfüllt sein. Wir müssen im Gespräch mit den Agenturen für Arbeit auf Regelungen drängen, die das Prinzip der Freiwilligkeit aufrechterhalten unter Vermeidung von Restriktionen. Meiner Meinung nach sollten sich diakonische Träger nicht an Verfahren beteiligen, die zu einer weiteren Kürzung von Leistungen, in diesem Fall Arbeitslosengeld II, führen. Wir müssen darauf achten, nicht als Schutzpolizei der Hartzreform zu agieren.

Wenn jemand ohne Anleitung und Perspektive auf einen Arbeitsplatz eine Arbeitsgelegenheit „verordnet“ bekommt und nach einigen Tagen dieser Tätigkeit verständlicherweise fern bleibt, sieht das Gesetz vor, dass der Träger das der Agentur für Arbeit meldet, die dann das Arbeitslosengeld II um 25 Prozent kürzen kann. Daran sollten wir uns nicht beteiligen.

Kommen die Ein-Euro-Jobs nicht gerade zur rechten Zeit, denn der Zivildienst soll ab Herbst um einen Monat gekürzt und bis 2008 ganz abgeschafft werden?

Es ist ja nicht verboten, wenn alle Kriterien, die ich eben genannt habe, erfüllt sind, dass der Träger auch einen Nutzen von diesen Angeboten hat, zumal diese auch Personal binden, das die Anleitung und Qualifizierung vornehmen muss. Aber ich bezweifle, dass damit das Ausbleiben der Zivildienstellen kompensiert werden kann.

Dagegen spricht die kurze Laufzeit, die Fluktuation, das Altersprofil und auch der Anspruch, in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Das sind alles Punkte, die von den Eckdaten des Zivildienstes abweichen. Doch will ich nicht ausschließen, dass es Träger gibt, die darauf spekulieren, mit den Arbeitsgelegenheiten die Lücke zu schließen.

"Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs"

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks hat in den Medien gesagt, dass Ein-Euro-Jobs reguläre Arbeitsstellen vernichteten und letztlich Arbeitslosigkeit zementierten. Wie sehen Sie das?

Diese Gefahr muss unbedingt im Blick sein. Und dabei geht es nicht nur um die direkte Konkurrenz zu regulärer Erwerbsarbeit, sondern auch um eine denkbare Dynamik, dass zusätzliche Stellen erst gar nicht entstehen, weil ihr Potenzial durch Ein-Euro-Jobs bereits abgedeckt wird. Da besteht schon die Gefahr eines Verdrängungswettbewerbs im Vorfeld, insbesondere bei den Dienstleistungen, die eine geringe Qualifizierung abverlangen.

Was die Konkurrenz zum Handwerk anbelangt, so ist diese Gefahr geringer, weil die dort vorhandene Fachlichkeit durch die Ein-Euro-Jobs nicht erreicht wird. Zudem ist wichtig, dass die Kriterien der Zusätzlichkeit und des erforderlichen öffentlichen Interesses wirklich eingehalten werden.

Zukunftsperspektive für die Menschen bedeutet, dass neue Stellen geschaffen werden. Wo sollen die in Zeiten leerer Kassen herkommen?

Wir haben auf dem Arbeitmarkt kurz gesagt die Lage, dass in bestimmten Berufen dringend nach Arbeitskräften gesucht wird, in anderen – und das ist leider die Mehrheit – der Markt gesättigt ist. Es gibt innerhalb der Diakonie Bereiche, da suchen wir jetzt schon Arbeitskräfte, beispielsweise in der Pflege.

Sparpotenziale der Diakonie

Gleichzeitig muss auch die Diakonie den Gürtel enger schnallen. Welche Sparmaßnahmen können Sie sich vorstellen?

Wir sind ein Dienstleister, wo können wir substanziell sparen außer beim Personal? Wir verzeichnen einen Rückgang unserer Mittel. Das Land Nordrhein-Westfalen kürzt Gelder, die Kirchensteuermittel gehen, nicht zuletzt durch die hohe Arbeitslosenquote, zurück. Die demographische Entwicklung macht weitere Einbrüche wahrscheinlich. Da wir aber die Faktoren kennen, können wir auch eine langfristige, verantwortungsvolle Personalplanung betreiben, die nicht erst im "worst case" reagiert.

Wir werden unsere Personalpolitik sozialverträglich gestalten. Entlassungen werden vermieden, aber nicht mehr alle Stellen werden neu besetzt. Das kann teilweise durch die wachsende Kooperation mit der westfälischen und der lippischen Diakonie aufgefangen werden.


 

 

Effektiv und profiliert: Die Diakonie wird guten Bestand haben, ist Becker gewiss. Effektiv und profiliert: Die Diakonie wird guten Bestand haben, ist Becker gewiss.

Wie geht es weiter mit der rheinischen Diakonie?

Wir müssen uns intensiv überlegen, welche Dienstleistungen wir anbieten wollen und können. Dabei müssen wir vor allen Dingen im Blick haben, was an Umstrukturierungen bei unseren Mitgliedern anliegt, wenn wir unsere Dienstleistungen so gestalten, dass unsere Mitglieder sich darin vertreten fühlen. Außerdem wollen wir anwaltlich als kirchlicher Verband nach außen in die Gesellschaft wirken. Also: Effektivität nach „innen“ und deutliches Profil nach „außen“ – das sind die beiden Ecksteine, auf denen unser Haus einen guten Bestand haben wird.

Wo soll die rheinische Diakonie in zehn Jahren stehen?

Ganz dicht an den sozialen Problemen, die unser Land, ein zusammengewachsenes Europa und die Menschen, die darin wohnen, umtreiben.

 

Ein EKiR.de-Gespräch von Petra Anna Siebert; Fotos: Mathilde Kohl. / 24.09.2004

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 21. September 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 23. September 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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