Im Porträt: die Familie Ngaleba

Leben zwischen den Welten

„Nicht vergessen: 20 Uhr Elternabend“, steht in deutscher Kinderschrift quer über dem französischen Andachtskalender, der über dem Küchentisch von Familie Ngaleba hängt.

Genau wie seine Geschwister Vanessa (12), Benjamin (10) und Delia (5) spricht und schreibt Christian (13) besser Deutsch als Lingala oder Französisch. Lingala ist die Sprache, die ihre Eltern Betty und Alain Ngaleba zu Hause, im Kongo, als Muttersprache gesprochen haben. In der sie denken und reden, fühlen und träumen.

Französisch haben sie in der Schule als offizielle Amtssprache der Demokratischen Republik Kongo gelernt. Ihre Kinder verstehen zwar beide Sprachen. Aber denken und reden, fühlen und träumen, das tun sie in Deutsch.

Alain Ngaleba wird wohl nie vergessen, wie schrecklich es für ihn war, als er sich bei seiner Ankunft vor acht Jahren in Deutschland nicht verständlich machen konnte. Nach seiner politisch motivierten Flucht war der gelernte Elektriker „total dankbar“, in Deutschland ein Bett und zu essen zu bekommen. „Aber als ich tagelang niemanden traf, mit dem ich reden konnte, war ich total durcheinander im Kopf“, erinnert er sich an die ersten Tage in der Fremde.

Vanessa spricht nicht über die Flucht, auch nicht in Lingala

Als Betty Ngaleba sich ein halbes Jahr  später nach Deutschland durchgeschlagen hatte, brachte sie den malariakranken Ben mit. Christian kam nach einem Jahr, Vanessa erst nach vier Jahren. Immer wieder hatte das Mädchen mit der Großmutter vor den Schrecken des Bürgerkrieges über die Grenze nach Angola fliehen müssen – aber darüber spricht sie  bis heute kein Wort – auch nicht in Lingala.

Genau wie Ben hockte sie fast zwei Jahre lang in sich gekehrt und schweigend in dem einen Zimmer, das der Familie in einer ehemaligen Kaserne weit draußen vor den Toren von Waldbröl als Notunterkunft zugewiesen worden war.

Heute kann Alain lachend erzählen, was sein erstes deutsches Wort war. „Scheißegal“ hieß es und gibt genau die Stimmung aus Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit wieder, die unter Flüchtlingen so oft herrscht: Durch ein Arbeitsverbot für Asylbewerber jahrelang zur unfreiwilligen Untätigkeit verurteilt, vom ungewissen Ausgang des sich hinziehenden Asylverfahrens zermürbt, abgeschnitten von Zuhause, ist für viele der Weg in Resignation und Isolation nicht weit.

Hilfe kam vom Freundeskreis Asyl

Für Alain und seine Familie kam die Wende mit einem Besuch des Freundeskreis Asyl in der Kaserne. Die kleine Gruppe aus Christen und Nichtchristen ist überzeugt: Die Menschen in den Asylunterkünften brauchen Hilfe zur Integration. Begleitung bei Behördengängen, jemanden, der mit zum Arzt geht, Hilfe bei den Hausaufgaben der Kinder, jemanden, der sie nicht als Fremde, als Wirtschaftsflüchtlinge, als unerwünschte Elemente ansieht, sondern jemanden, der einfach sieht: Hier ist ein Mensch. Ein Mensch mit dem Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, nach Arbeit und Anerkennung, nach Identität und Integration.

Mitglieder der Gruppe luden Alain und seine Familie in den Sonntagsgottesdienst ihrer Kirchengemeinde ein – und die Ngalebas kamen. Und sie blieben, auch wenn sie ihre Musik und Tanz und Begeisterung im Gottesdienst schmerzlich vermissen. Seither gehen die Kinder in den Kindergottesdienst und in die Jungschar, Delia ist im Kindergarten glücklich, die großen Geschwister kommen in der Schule klar, haben in ihren Klassen Freunde gefunden.

Am Sprachkurs, den der Freundeskreis Asyl immer wieder organisiert, haben Betty und Alain allerdings nicht teilgenommen. Deutsch haben sie von ihren Kindern gelernt und beim Fernsehen: „Jeden Tag ein Wort“, erzählt Betty.

Endlich Arbeit gefunden - und damit Kontakte

Dass Alain auf die Frage, ob er sich in Deutschland integriert fühlt, mit einem spontanen „Oui!“ antwortet, liegt vor allem daran, dass er seit etlichen Monaten endlich Arbeit und damit auch Kontakt zu Kollegen hat. Und: Nach der Anerkennung als politische Flüchtlinge konnte die Familie endlich eine „normale Wohnung“ beziehen.

Für Betty allerdings reichen Bleiberecht, Arbeit und Wohnung noch lange nicht, um sich wirklich heimisch zu fühlen in Deutschland. Oft fühlt sie sich wegen ihrer dunklen Haut abschätzig angestarrt, ist verletzt, dass sie bei der Wohnungssuche trotz telefonischer Zusagen immer wieder abgewiesen wurden, sobald die Vermieter ihre afrikanische Herkunft sahen.

Sie ist es leid, immer wieder gefragt zu werden, ob sie zur Geburt ihrer Kinder in den Urwald gegangen sei, und zu antworten: „Wir haben in Kinshasa gelebt, da gibt es weniger Wald als in Waldbröl.“

Sie vermisst die Wärme

Nein – zu Hause sind sie hier nicht. Trotz aller Integrationsbemühungen des Freundesksreises Asyl, trotz aller eigenen Bemühungen sich einzugliedern, trotz der Dankbarkeit für Zuflucht und medizinische Versorgung in Deutschland. Wenn Betty sagt, dass sie am meisten die Wärme vermisst, meint sie damit nicht nur die Außentemperatur.

Alain muss gegen seine tiefsitzende Angst vor dem Rechtsradikalismus angehen. Neulich erst hat er Hals über Kopf seine Fritten in der Imbissbude stehen lassen als drei Skinheads auftauchten. Er ist sich nicht sicher, ob sie ihm wirklich etwas getan hätten.

Die Angst ist es auch, die dafür sorgt, dass die Familie sich nicht fotografieren lassen will. Werden sie zurückkehren, wenn sich die politischen Verhältnisse zum Guten ändern? „Non“, sagt Alain mit traurigem Kopfschütteln und fügt hinzu: „Zuhause, im Kongo, da sind unsere Kinder fremd.“ Für sie nehmen Betty und Alain Ngaleba die fremde Heimat Deutschland auf sich und lernen weiter Deutsch. Jeden Tag ein Wort.

 

 

 

Karin Vorländer /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 24. September 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 24. September 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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