Islamische Unterweisung

Zu Besuch beim Modellprojekt

Auf dem Lehrerpult steht ein Adventsgesteck, aus dem Kassettenrekorder erschallt der Ezan, der Gebetsruf des Muezzin. Was spricht für oder gegen des öffentlichen Gebetsruf? Dieser Frage geht Bülent Ucer mit seinen Fünftklässlern an diesem Morgen nach.

Besuch bei der Islamischen Unterweisung: die Fünftklässler in der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh. Besuch bei der Islamischen Unterweisung: die Fünftklässler in der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh.

Auf dem Stundenplan in der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh steht „Islamische Unterweisung“ – und bei den Kindern sitzen zwei besondere Gäste: NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück und Präses Nikolaus Schneider von der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR).

 

 

Die beiden besonderen Gäste: NRW-Ministerpräsident Steinbrück und Präses Schneider. Die beiden besonderen Gäste: NRW-Ministerpräsident Steinbrück und Präses Schneider.

Ucers Unterricht ist – noch – ein Modellversuch, aber Steinbrück und Schneider hoffen, dass das Projekt, das derzeit an 110 Schulen in Nordrhein-Westfalen erprobt und auf 160 Schulen ausgedehnt werden soll, dauerhaft Schule macht. „Ein solcher Unterricht kann ein wichtiger Baustein in der Integration von Muslimen sein, wenn er nicht nur das Wesen des eigenen Glaubens erklärt, sondern auch das in den Blick nimmt, was andere Religionen und Konfessionen glauben – so wie es der evangelische Religionsunterricht selbstverständlich tut“, meint Nikolaus Schneider.

Wie wichtig Integration ist, das erleben die beiden prominenten Besucher in der Marxloher Schule: 24 Kinder gehören in diese fünfte Klasse. 19 Kinder aus türkischstämmigen Familien nehmen an der Unterweisung teil, ein albanischer Junge besucht einen eigenen albanischen Unterricht. Also bleiben vier Schülerinnen und Schüler für den Religionsunterricht der christlichen Konfessionen. „Und den“, so sagt Schulleiter Friedrich Marona, „bekommen wir oft nicht auf die Beine“.

Währenddessen sammeln Brendi, Ali, Vanessa, Sultan und die anderen unter der Leitung von Bülent Ucar Argumente für oder gegen den Gebetsruf. „Die Leute, die am Tag schlafen, weil sie Nachtschicht arbeiten, fühlen sich gestört“, sagen die einen. „Deutschland ist ein freies Land, und die Christen läuten doch auch ihre Glocken“, halten die anderen dagegen. Lehrer Ucar geht es um Wissen, um Verstehen. Er hat Islamwissenschaften in Deutschland studiert und unterrichtet an drei Schulen. Auch er hofft darauf, dass es irgendwann einmal regulären islamischen Religionsunterricht geben wird. Doch das ist schwierig, denn bislang gibt es keine legitimierte Vertretung der Muslime in NRW, die für die Schulaufsicht ein verbindliches Gegenüber zur Ausarbeitung und Kontrolle der Lehrpläne sein könnte.

Ohne dieses geht es aber nicht, sagen nicht nur Verfassung und Gesetze. Auch Steinbrück und Schneider sind sich einig, es muss Verbindlichkeit und Kontrollmöglichkeiten geben. Zudem müsse der Unterricht auf Deutsch erteilt werden. Beeindruckt zeigten sich die beiden erwachsenen „Schüler“ von der Art des Unterrichts. „Ich finde es klasse, dass es hier um Argumente und Gegenargumente und um Wissen geht“, kommentierte Präses Schneider, „das brauchen wir, wenn wir selbstbewusst, tolerant und friedlich miteinander umgehen wollen“.

 

 

 

jpi /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 2. Dezember 2004. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 2. Dezember 2004. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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