Armut

Leben mit ausgestreckter Hand

Sie kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, aus Waldbröl oder den umliegenden Orten. 120 bis 150 Menschen kommen zwei Mal in der Woche zur "Tafel Oberberg Süd" in Waldbröl. Auch im nasskalten Nieselregen stehen sie Schlange vor der Lebensmittel-Ausgabestelle.

Schlangestehen vor der "Tafel Oberberg Süd" in Waldbröl: Früher kamen 30 Arme. Heute sind bis zu 150 Menschen zwei Mal in der Woche da, um Lebensmittel abzuholen. LupeSchlangestehen vor der "Tafel Oberberg Süd" in Waldbröl: Früher kamen 30 Arme. Heute sind bis zu 150 Menschen zwei Mal in der Woche da, um Lebensmittel abzuholen.

Brot und Kartoffeln, Konserven und Joghurt erhalten sie bei der Tafel, Käse und Wurst, Obst und Gemüse. Ein Euro bezahlt, wer hier Essen bekommt. Voraussetzung ist der Nachweis der Bedürftigkeit. Man muss den "Tafelausweis" vorzeigen.

Das Plastikkärtchen signalisiert den Ehrenamtlichen, die das Essen ausgeben, auch Besonderheiten: kein Schweinefleisch für Muslime, bei Zuckerkranken nichts Süßes, wer ein Kleinkind hat, bekommt Babynahrung. Sogar Dosenfutter für Hundebesitzer gibt es manchmal.

Nicht immer reichen die Lebensmittel

Was hier eingepackt wird, steht kurz vor dem Erreichen der Mindesthaltbarkeit. Auch Spenden sind dabei. Supermarktketten, Wochenmärkte und Bäckereien beliefern die Tafel. Allerdings: Nicht immer reicht es für alle.

Die 2004 gegründete Waldbröler Tafel ist Teil des Diakonischen Zentrums der Evangelischen Kirchengemeinde Waldbröl. Alfred Freitag, einer der Ehrenamtlichen, die die Tafel organisieren, erinnert sich: "Anfangs standen hier nur 30 Leute an."

 

 

Kein Problem, den Berechtigungsschein zu erhalten: Martha und Walter Pauls. LupeKein Problem, den Berechtigungsschein zu erhalten: Martha und Walter Pauls.

Einer, der heute auch zwei Mal die  Woche kommt, ist Walter Pauls (72). Den Berechtigungsschein zu bekommen, war für den Rentner und seine Frau Martha kein Problem: 803 Euro steht auf dem Rentenbescheid, den er beim Sozialamt vorlegte. Ein Problem hingegen ist es für ihn, hier mit Wohnungslosen, Asylbewerbern und Hartz-IV-Beziehern in einer Reihe zu stehen. Vielen sieht man die Armut an: abgerissene Kleidung, ungepflegte Haare, schadhafte Zähne.

Walter Pauls achtet penibel darauf, dass seine Schuhe blank geputzt sind, dass kein Stäubchen auf der dunkelbraunen Hose mit der akkuraten Bügelfalte sitzt. „Lange habe ich gedacht, so weit unten bist du noch nicht, dass du hier mit einer Tüte auftauchst“, erzählt er. Dass die Armut öffentlich wird, wenn er vor der Ausgabestelle wartet, das ist schlimm für Walter Pauls. „Wir sind es nicht gewohnt, mit ausgestreckter Hand zu leben.“

Als Kind Hungerödeme

Beim Schlangestehen werden alte, längst verdrängte Erinnerungen in ihm wach. Erinnerungen an Kirgisien, wo er als Neunjähriger mit Hungerödemen an den Beinen nach Brot anstand. Dass er jemals wieder nach Nahrungsmitteln anstehen würde, hat er sich nie vorstellen können. Nach dem Krieg war der Hunger vorbei, auch wenn es in Kirgisien gemessen an westlichen Verhältnissen bescheiden zuging.

Als er 1989 auf Drängen seiner Kinder in die Heimat seiner Vorfahren ausreiste, fand er in Waldbröl schnell wieder eine Arbeit. Dann, mit dem Eintritt in die Rente, der Schock: Seine Rentenansprüche wurden nur unvollständig anerkannt.

Bescheidenheit als Pflicht

Den Vergleich mit anderen, die mehr haben, obwohl sie weniger Jahre gearbeitet haben, verbietet Walter Pauls sich: „Fremdes Geld zählen, das ist nicht christlich.“ Wie sie mit dem wenigen Geld auskommen, das ihnen nach Abzug von Miete, Strom und Wasser bleibt, das wissen er und seine Frau oft selbst nicht. „Wir haben gelernt, uns zu bescheiden“, sagt er. Martha Pauls achtet beim Einkaufen auf Sonderangebote: "Wir sind Schnäppchenjäger.“

Weihnachtsgeschenke für die Enkel - dafür reicht die Rente nicht. Die letzte neue Kleidung hat das Ehepaar vor sieben Jahren gekauft. Nein, hungern müssten sie ohne die Lebensmittel von der Tafel wohl nicht, aber Pellkartoffeln mit Quark gäbe es dann wohl noch häufiger als ohnehin.

Kirche an der Seite der Armen

Für Pfarrer Jochen Gran, der das Diakonische Zentrum mit initiiert hat, gehören Verkündigungsauftrag und soziales Engagement zusammen. „Die Kirche sollte nach meinem Verständnis immer an der Seite der Benachteiligten und der Armen stehen." Gran ist froh, dass die Gemeinde dies Anliegen tatkräftig unterstützt.

Heute arbeiten allein bei der Tafel 20 Ehrenamtliche mit. Es gibt viel zu tun: Supermärkte und Geschäfte einzeln anfahren, Ware abholen, anschließend sortieren und ausgeben. Alfred Freitag sagt: „Man kriegt eine ganz andere Sicht der Dinge. Man lernt zu schätzen, dass man immer satt zu essen hat, eine Wohnung, die warm ist, immer etwas zum Anziehen."

Nach jeder Öffnungszeit reflektiert das Team das Erlebte. Die Bedürftigen sollen höflich und mit Respekt behandelt werden, haben sich die Ehrenamtlichen vorgenommen. Manchmal wird das zu einer Herausforderung. Denn Armut macht manchmal auch aggressiv oder selbstbezogen. Ehrenamtler Alfred Freitag: „Wenn wir nicht Nummern ausgäben und für eine gerechte Verteilung sorgten, nähmen manche, was sie kriegen könnten – egal wie lang die Schlange ist.“

 

 

 

Karin Vorländer /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 14. Dezember 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 14. Dezember 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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