Interview

"Maria ist genauso unsere"

Der Mutter Jesu, Maria, ist das Schwerpunktthema der Dezember-Ausgabe des Magazins Zeitzeichen gewidmet. Über Maria und die Kevelaerer Marienwallfahrt spricht die Gemeindepfarrerin aus Kevelaer, Superintendentin Karin Dembek, im EKiR.de-Interview.

Kevelaer ist der zweitgrößte Marienwallfahrtsort in Deutschland. LupeKevelaer ist der zweitgrößte Marienwallfahrtsort in Deutschland.

Wie erleben Sie die Wallfahrten?

Ganz unterschiedlich intensiv. Die evangelische Kirche samt Pfarrhaus liegt ja etwas abseits in Kevelaer, das hat die Stadt bei der Gründung der evangelischen Gemeinde vor fünfzig Jahren bewusst so entschieden. Wenn ich in der Wallfahrtssaison in der Stadt bin, erlebe ich die Wallfahrt stadtbildprägend. Pilger ziehen über die Hauptstraße Richtung Kapellenplatz. Auch die Devotionalienläden bestimmen das Bild. Den Kapellenplatz nenne ich heiligen Bezirk. Cafés dürfen keine Tische nach draußen stellen, selbst das alt eingesessene Eiscafé nicht. Die Gnadenkapelle ist besonders geschützt durch einen Gitterzaun, dessen Spitzen für Kinder nicht ganz ungefährlich sind. Grundsätzlich muss man lernen, mit der Marienwallfahrt umzugehen. Selbst nach ökumenischen Gottesdiensten – zum Beispiel zur Einschulung - geht es zum Gnadenbild. Früher wurde das als Selbstverständlichkeit hingestellt, was die Evangelischen unter den Eltern der Einschulungskinder sehr merkwürdig fanden. Der neue Leiter ist da zurückhaltender. Er formuliert die Einladung zum Gnadenbild offen. So erlebe ich die Wallfahrt. Sie bringt natürlich auch Geld in die Stadt. Übrigens finde ich, die katholischen Kevelaerer haben eine Nähe zu ihrem Gnadenbild und sicher auch ein besonderes Verhältnis zu Maria. 

 

 

Maria ist eine bodenständige, patente Frau: Karin Dembek, Superintendentin des Kirchenkreises Kleve und Gemeindepfarrerin in Kevelaer. Maria ist eine bodenständige, patente Frau: Karin Dembek, Superintendentin des Kirchenkreises Kleve und Gemeindepfarrerin in Kevelaer.

Verleidet die Marienwallfahrt den evangelischen Kevelaerern die Maria?

Jein. Die katholische Sicht auf Maria finde ich magisch. Sie ist Vermittlerin bei Gott. Evangelische haben traditionell wenig Beziehung zu Maria. Für mich ist sie die Mutter Jesu, eine ganz interessante Frau. Ich habe über ein Gedicht von Kurt Marti Zugang zu Maria gefunden. Sie klettert von den Altären und steigt aus den Bildern. Das ist eher eine arme Frau, die in Erwartung ihres Kindes eine andere Sicht der Dinge bekommt. Das finde ich ganz spannend. In meiner Vorstellung ist Maria eine ganz bodenständige Frau, die nicht immer Verständnis für ihren Sohn aufbringt, die sich nicht, nur weil sie Mutter Jesu ist, als heilig heraushebt. Sie ist eine Frau, die lernen musste damit zu leben, dass ihr Sohn im Blick der Umwelt komische Dinge tat. Außerdem hat er sie in vielen Dingen im Stich gelassen hat. Ich denke daran, dass er gesagt hat, die Jünger sind seine Verwandtschaft.

Man wird ungern von den eigenen Kindern verleugnet.

Ich möchte das nicht haben. Wie gesagt, ich stelle sie mir bodenständig vor. Aber diese Verherrlichung – und es ist hier ja eine Schutzmantelmadonna - das ist mir fremd.

Sie sagen „Mutter Jesu“. Kevelaerer und Pilger sprechen von „Mutter Gottes“. Zeigt die Formulierung den Unterschied?

Ja. Ganz deutlich. Für mich ist sie eine Frau, ein Mensch. Sie ist ausgewählt als Mutter Jesu, wie auch immer das passiert sein mag. „Mutter Gottes“ stellt sie - wir haben Trinität – an die Seite Gottes. Als träte eine Vierte dazu. Damit kann ich nichts anfangen.

Sie haben gesagt, sie ist bodenständig. Das ist auch katholischerseits zu hören. 

Die Frage ist, was mit bodenständig gemeint ist. Katholiken meinen, sie ist einem näher als Mittlerin. Ich meine: eine geerdete, eine einfache Frau, die mit ihrem Leben klarkommen musste, eine patente Frau. Aber es gibt sicherlich auch Schnittmengen. Ich lehne Maria ja nicht völlig ab, die evangelische Kirchengemeinde auch nicht. Aber es gibt Kopfschütteln darüber, was alles mit ihr gemacht wird. Sie ist auch Schutzpatronin dieser Stadt. Das sind gewisse Schrägheiten, an die man sich erstmal gewöhnen muss. Und trotzdem ist Kevelaer eine schöne Stadt. Heute leben wir Evangelischen hier auf Augenhöhe. Das ist vor fünfzig Jahren ganz anders gewesen. Presbyteriumsprotokolle spiegeln Verletzungen. Ursprünglich gab es außer einer Handvoll Zöllner keine Evangelischen in Kevelaer. Und dann kamen nach dem Krieg Flüchtlinge – evangelische. Das war ganz schwierig. Heute hat es sich in ein gutes Miteinander verwandelt.

Sie sind nicht nur Gemeindepfarrerin in Kevelaer, sonder überblicken als Superintendentin die Gegend. Wie ist die Ökumene im Vergleich?

Die Ökumene funktioniert sicher anders als in Nachbargemeinden. Aber man nimmt sich gegenseitig wahr und ernst, hört sich an und kann auch Dinge zusammen machen. Ich formuliere es mal so: Sie ist anders, institutionalisierter. Im Nachbarort Geldern zum Beispiel ist das Verhältnis zur katholischen Gemeinde enger, selbstverständlicher. Wir in Kevelaer treffen uns regelmäßig, schulen gemeinsam ein, entlassen die Schüler gemeinsam aus der Schule. Wir haben eine ökumenische Bibelwoche, darin einen ökumenischen Gottesdienst, ökumenische Bibelgespräche. Es hat einen festen Rahmen.

Gibt es Dinge bei der Marienwallfahrt, die Sie abstoßend finden?

Ja, die Devotionalien in den Geschäften, das ist der reine Kommerz, das finde ich abstoßend.

Sie meinen die Rosenkränze, die Bildchen...

...kitschigster Art, Leuchtmadonnen, was es nicht alles gibt. Aus Spaß habe ich mir eine Devotionalie gekauft: ein Kugelschreiber. Im oberen, wassergefüllten Teil sind die drei Wallfahrtsstätten abgebildet. Je nachdem, wie man den Kugelschreiber bewegt, schwimmt eine Prozession daran vorbei. Das finde ich genial. Ansonsten finde ich etwas schwierig, was nun schon lange nicht mehr vorgekommen ist. Einmal feierten wir einen Einschulungsgottesdienst in der Marienbasilika, ökumenisch. Da kam eine holländische Pilgergruppe rein, nahm überhaupt keine Rücksicht darauf, dass ein Gottesdienst stattfand. Ein älterer Pilger ging durch den Mittelgang, hatte seine Fahne geschultert. Wir standen hinter dem Altar, sprachen das Vaterunser und er ging einfach weiter, stielte vorne die Fahne in einen Halter, die Fahne verfing sich in dem Kreuz, das über dem Altar hing, das Kreuz geriet gefährlich ins  Schwingen. Ich habe dem katholischen Pfarrer hinterher gesagt, dass ich das sehr befremdlich gefunden habe, und gefragt, ob man nicht wenigstens für die Zeit eines Einschulungsgottesdienstes jemanden vor die Tür stellen könnte, der die Pilger zurückhält. Aber er betonte den absoluten Vorrang der Wallfahrt. Da ist man ja selbst als katholisches Gemeindemitglied in Kevelaer zweitklassig. Nun, das ist Kritik am Verhalten von Pilgern. Was Maria angeht, möchte ich festhalten: Mir ist wichtig, dass auch wir Evangelischen unser Verhältnis zu Maria beschreiben können. Maria ist nicht katholisch. Sie ist genauso unsere.

 

 

neu / 01.12.2007

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 29. November 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 3. Dezember 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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