Weihnachten

Der unerwartete Gast

Zum Weihnachtsfest 2007 eine Geschichte über einen unerwarteten Gast, der just zum Weihnachtsfest zur Tür hereinschneit. Von Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil.

Ruf der Engel LupeRuf der Engel

Ich erinnere mich an einen unerwarteten Gast. Eines Abends stand er plötzlich in der Tür meines Büros in der Evangelischen Studierendengemeinde. Es war kurz vor Weihnachten.

Ich erkannte einen ziemlich verbrauchten Wollmantel, der eher einem Sack glich. Darin eine hagere Gestalt, schmaler Hals und ein zartbraunes Gesicht, aus dem zwei matte Augen fragend auf mich gerichtet waren.
"My name is Abraham, I am from Eritrea, I just arrived from Zagreb, I finished my studies there....."

Was wollte er von mir?
Ich war gewohnt zu hören, "I have a problem". Und dann folgten in der Regel umständliche Erklärungen, die damit endeten: "I need money!"
Abraham erzählte von zu Hause. Von seiner Mutter, die irgendwo am Horn von Afrika auf dem Land lebte, wo seit Jahren ein von der Welt weitgehend unbeachteter Bürgerkrieg tobte. Abraham gehörte einer der rivalisierenden Gruppierungen an, nach Jugoslawien hatte ihn Jahre zuvor ein Staatsstipendium gebracht. Er sollte Veterinärmediziner werden.

"But I studied only in theory, I wish to complete my studies with practise", fuhr er fort, um sein Kommen zu erklären.
Damit wurde deutlich, er wollte nicht in sein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land zurück und er suchte nach einer Möglichkeit, in Deutschland praktische Erfahrungen zu sammeln.
Da war er in der Studierendengemeinde am richtigen Ort.
Jetzt war ich wieder am Zug. Es war kurz vor Weihnachten. Hatten wir einen "Platz in der Herberge"? Konnte ich ihn einfach wegschicken? War ich zuständig? Die Weihnachtsgeschichte lehrt uns, unsere Zuständigkeit anzunehmen. Der Ruf der Engel hat etwas Entwaffnendes. Ich kann tatsächlich etwas tun. Ich kann helfen und Gottes Freundlichkeit sichtbar werden lassen.

Im Wohnheim war ein Zimmer zur Ferienvermietung frei, in das Abraham für die ersten Tage einzog. Am Heiligabend war er unser Gast. Volles Familienprogramm: Gottesdienst, Bescherung, festliches Essen...
Unserer Tochter, noch in der Sprachfindung begriffen, formte aus Abraham "Bam bam", was bis heute tradiert wird. Er hatte "seine Familie" gefunden, wir einen unerwarteten Gast, der uns zum Freund wurde.

Abraham wurde Stipendiat einer Stiftung, lernte Deutsch, promovierte in seinem Fachgebiet, aber eine Rückkehr in seine Heimat war auch dann nicht möglich. Die "falsche" Gruppierung hatte sich in Eritrea durchgesetzt, an Demokratie war nicht zu denken und das Risiko, die Karriere eines politischen Gefangenen zu machen, war zu groß, um dieses Wagnis einzugehen.
Abraham wurde Deutscher.

Heute lebt er in Hessen, er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und arbeitet in der Diakonie.
Seine Mutter hat ihn immer wieder besucht, überwältigt von einer Welt, die nicht die ihre war, aber sie war stolz auf den Sohn, der es geschafft hatte, so weit zu kommen.

Der unerwartete Gast hat eine Herberge gefunden und ist heimisch geworden.

 

Landeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil LupeLandeskirchenrat Jörn-Erik Gutheil

Der Theologe Jörn-Erik Gutheil, früher Studierendenpfarrer in Bonn, ist Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) und verantwortet die Integrations- und Migrationsarbeit der EKiR.

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Freitag, 21. Dezember 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 21. Dezember 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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