Landessynode 2000

Leitlinien für ehrenamtliche Mitarbeit in der Evangelischen Kirche im Rheinland

Beschluss der Landessynode 2000

I. Grundsätzliches

1. Theologische Fragen
Ehrenamtliche Tätigkeit hat in der Kirche eine lange Tradition. Schon immer haben sich Men-schen bereit gefunden, ihre Zeit und ihre Fähigkeiten freiwillig und unentgeltlich in Gemeinden, Werken und Einrichtungen zur Verfügung zu stellen.

Nach evangelischem Verständnis ergibt sich aus dem Grundsatz des Priestertums aller Gläubi-gen (1. Petr. 2,9), dass Ehrenamtliche an der Gestaltung des kirchlichen Lebens, auch in seiner geistlichen Dimension, gleichwertig teilhaben.

Wenn das Neue Testament von Ämtern spricht, dann tut es das in der Regel im Zusammen-hang mit Aufgaben, die zu erfüllen sind. Es sind also die der Gemeinde Jesu Christi gestellten Aufgaben, von denen her die verschiedenen Tätigkeiten in den Blick zu nehmen sind, nicht Be-deutung oder Status des Amtes, das jemand bekleidet. Keine Funktion, kein Amt ist mehr wert als andere, sondern sie alle prägen, je nach den Talenten und Stärken derer, die sie ausüben, das Leben und die Gestalt der Kirche. Haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten ergänzen einander dabei und sind zusammen Ausdruck des Reichtums an Fähigkeiten und Gaben, den der "Leib Christi" braucht, um lebendig zu sein (zum Ganzen z.B.: Röm. 12, 3-8; 1. Kor. 12; Eph. 4, 11+12).

2. Das Verhältnis der Ämter im Alltag
Aus dem oben Gesagten ergibt sich: Kirche und Diakonie brauchen das Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen. In die gemeinsame Verantwortung und Arbeit bringen beide je unterschiedliche Fähigkeiten ein. Es ist wichtig, dass Hauptamtliche und Ehrenamtliche in Aus- oder Fortbildung die notwendigen Kompetenzen erwerben können, die sie befähigen, gemeinsam das Leben von Kirche und Diakonie verantwortlich zu gestalten.

Wegen der unterschiedlichen Ausbildungs- und Lebenssituation und der damit verbundenen Positions- und Statusunterschiede kommt es im Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen immer wieder zu ungewollten Konflikten. Dem "innerkirchlichen" Zeit- und Informationsvor-sprung der Hauptamtlichen steht die in außerkirchlichen Alltags- und Berufserfahrungen erwor-bene Kompetenz der Ehrenamtlichen gegenüber. Hier zu einem respektvollen und partner-schaftlichen Umgangs- und Gesprächsstil zu finden, ist unverzichtbar. Dazu ist es nötig, in Gemeinden, Kirchenkreisen und diakonischen Einrichtungen auf das Erkennen und Fördern von Kompetenz, auf offene Information und die ernst zu nehmende Beteiligung ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Entscheidungsprozessen hinzuwirken.

Dem sollen diese Leitlinien dienen. Durch sie soll der meist als "selbstverständlich" angesehene Dienst der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die angemessene Würdigung erfah-ren und einen verbindlichen Rahmen erhalten.

 

II. Hinweise und Regelungen für die Praxis

1. Art und Umfang ehrenamtlicher Tätigkeiten
Im Vergleich mit früheren Zeiten haben sich – ohne Minderung der Verbindlichkeit des Engagements! – das Verständnis ehrenamtlicher Tätigkeit und das Selbstverständnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geändert, ebenso die Formen, in denen sich ehrenamtliches En-gagement vollzieht: Banden sich früher Menschen, insbesondere Frauen, aufgrund religiöser, familiärer und sozialer Tradition oft für lange Jahre und in stillem, selbstlosem und selbstverständlichem Dienen, so steht heute immer mehr der Wunsch im Vordergrund, eigene Inte-ressen und Begabungen einzubringen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, den eigenen Hori-zont zu erweitern, selbstbewusst mitzureden und zu gestalten – und auch ohne schlechtes Gewissen Anerkennung zu genießen. Aufgrund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedin-gungen hat sich außerdem die durchschnittliche Dauer des Engagements verkürzt. Nicht die Bereitschaft zum Engagement hat sich verändert, aber zu sozialem Engagement bereite Frauen und Männer wollen heutzutage wissen, wofür sie sich engagieren, mit welchem Zeitaufwand sie dies tun und mit welchen Pflichten, aber auch Rechten dieses Engagement verbunden ist. Neue Formen im kirchlichen und diakonischen Bereich sind Tauschbörsen und Freiwilligenzentralen mit ihren Angeboten, die ehrenamtliche Tätigkeit individuell "zuzuschneiden" und Kirchenge-meinden und Einrichtungen bei der Gewinnung und Pflege ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beraten. Die folgende Definition, die sich an die von der Lippischen Landeskirche verabschiedeten Leitlinien zum Ehrenamt in der Kirche anlehnt, greift diese Veränderungen auf:

Ehrenamtlicher Dienst und freiwilliges soziales Engagement in Kirche und Diakonie ist die un-bezahlte, freiwillige Übernahme von Aufgaben und Verpflichtungen, die in der Regel eine hohe Motivation voraussetzt.

Ehrenamtliche Tätigkeit geschieht – auf Dauer oder zeitlich begrenzt (u. U. sogar einmalig) – in allen Bereichen von Kirche und Diakonie in unterschiedlicher Form, mit einem unterschiedlichen Maß an Beanspruchung und Verantwortung. Sie ist – in ihrer unterschiedlichen Dauer und in durchaus unterschiedlichem Verständnis – ein verbindlicher Dienst von Christinnen und Chris-ten, die im Engagement für andere ihren Glauben in konkretes Handeln umsetzen wollen. Zugleich begreifen sie ihre kirchliche und diakonische Mitarbeit als Ausdruck ihrer Verantwor-tung für das Gemeinwohl und ihres Selbstverständnisses als mündige Bürgerinnen und Bürger einer Zivilgesellschaft.

In der Hauptsache vollzieht sich ehrenamtliche Arbeit in folgenden Bereichen:

  • Gottesdienst (Predigt- und Gottesdienstkreis, Lektorendienst, Kindergottesdienst...),
  • Kirchenmusik (Kantorei, Instrumentalkreis...),
  • Kinder- und Jugendarbeit (Gruppenarbeit, Konfirmandenarbeit, Freizeiten, Kinderbibeltage und –wochen, offene Jugendarbeit ...), 
  • Diakonisch-seelsorglicher Bereich (Besuchsdienst, Altenheim, Schulsozialarbeit, Telefon-seelsorge, Ausländer- und Flüchtlingsarbeit, ökumenische Krankenhaushilfe, Hospizbewe-gung, Straffälligenhilfe, Wohnungslosenhilfe, Betreuungsvereine...), 
  • Bildungsarbeit (Erwachsenenbildung, Familienbildung, Büchereiarbeit, Gesprächskreise ...),
  • Frauengruppen (Biblische und liturgische Arbeitskreise, Frauenhilfe...),
  • Haus- und Bibelkreise,
  • Öffentlichkeitsarbeit (Gemeindebrief, Pressekontakte, Internet...),
  • Leitungsgremien (Presbyterium, Ausschüsse, Synode...),
  • Allgemeine Gemeindearbeit (Feste, handwerkliche Tätigkeiten...),
  • Initiativen und Aktionsgruppen, gemeindlich und übergemeindlich (Partnerschaften, gesell-schaftspolitisches Engagement, konziliarer Prozeß, Ökumene ...).

Wie lange ehrenamtliches Engagement dauert und welcher Zeitaufwand damit verbunden ist, hängt nicht zuletzt von der Art der Tätigkeit ab: Die Mitwirkung z.B. in Kantorei oder Instrumentalkreisen oder eine Tätigkeit bei der Telefonseelsorge oder in Betreuungsvereinen um-faßt oft viele Jahre; zur Presbyterin oder zum Presbyter wird man – mit der Möglichkeit der Wiederwahl – für die Dauer von 8 Jahren gewählt; ähnliche Zeiträume gelten für die Übernah-me von Aufsichtspflichten bei diakonischen Einrichtungen. Die Mitarbeit z.B. bei einer Freizeit kann einmalig sein. Der zeitliche Aufwand geht von einigen wenigen Stunden, die gelegentlich zur Verfügung gestellt werden, bis zu vielen Wochenstunden.

2. Der Beginn der Tätigkeit
Vor der Übernahme eines ehrenamtlichen Dienstes bedarf es klarer Absprachen über Arbeitsgebiete, Aufgaben und Zuständigkeiten, über Rechte und Pflichten sowie über die Dauer der Tätigkeit und den erforderlichen Zeitaufwand. Die Absprachen sollten, wenn möglich, schriftlich festgehalten werden.

Die Aufnahme des Dienstes wird der Gemeinde oder innerhalb der diakonischen Einrichtung bekanntgegeben, z.B. im Gemeindebrief oder in der hausinternen Veröffentlichung. Eine öffent-liche Einführung im Gottesdienst oder in einer Andacht wird empfohlen, besonders dann, wenn mit der Tätigkeit eine spezielle Verantwortung verbunden ist.

3. Die Begleitung der Tätigkeit
Ehrenamtliche haben Anspruch auf fachliche, persönliche und geistliche Begleitung. Diese ge-schieht je nach Einsatzfeld durch Pfarrerinnen und Pfarrer, durch andere Hauptamtliche und durch andere Ehrenamtliche, besonders aber durch die Gemeindeleitung oder die Führungs-ebene der Einrichtung. Der Rhythmus der zu führenden Gespräche ist nach den Erfordernissen des jeweiligen Arbeitsbereichs festzulegen. Maßgeblich sind hierbei die Wünsche der Mitarbei-tenden.

Ehrenamtliche bekommen alle Informationen und praktische Unterstützung, die sie für ihren Dienst brauchen; sie müssen in ihren Arbeitsbereichen bei der Planung und den Entscheidungen ernsthaft beteiligt sein. So werden sie in ihren Kompetenzen ernst genommen und gefördert; sie erfahren Respekt für das, was sie leisten.

Die Presbyterien sollten aus ihrer Mitte eine Beauftragte oder einen Beauftragten für die Belange der Ehrenamtlichen bestimmen. Diese Beauftragung kann auch, je nach fach- und sach-gegebenen Erfordernissen, durch mehrere Personen im Wechsel wahrgenommen werden. Bei diakonischen Einrichtungen sollte eine ähnliche Regelung überlegt werden.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. Vertreterinnen und Vertreter ehrenamtlich wahrgenommener Arbeitsfelder sind in wichtigen Angelegenheiten ihres Arbeitsgebietes vor abschließender Beratung und Beschlussfassung zu hören. Es wird empfohlen, sie mindestens einmal im Jahr in die entsprechenden Fachausschüsse einzuladen. Ähnliche Regelungen für diakonische Einrichtungen werden angeregt.

Regelmäßige Zusammenkünfte der Mitarbeitenden dienen dazu, dass

  • die Mitarbeitenden einander und ihre jeweiligen Arbeitsbereiche kennen(lernen), sich aus-tauschen und miteinander beraten können,
  • Haupt- und Ehrenamtliche (einschließlich der Pfarrerinnen und Pfarrer) miteinander in ein kontinuierliches, vertrauensvolles Gespräch kommen,
  • die ehrenamtlich Arbeitenden ein Forum bilden können, das ihre Anliegen aufnimmt und ihnen Nachdruck verleiht,
  • die Mitarbeitenden sich selbst und einander in gemeinsamem Nachdenken immer wieder über die geistlichen Grundlagen ihrer Arbeit vergewissern können.

Ehrenamtliche haben einen Anspruch auf Fort- und Weiterbildung, deren Kosten die Gemeinde/ das Werk/ die Einrichtung trägt. Entsprechende Haushaltsmittel sind vorzusehen. Die Fortbil-dung soll im Zusammenhang mit der jeweiligen ehrenamtlichen Tätigkeit stehen. Das Leitungs-gremium wirkt darauf hin, dass die Schulen und Arbeitgeber oder Arbeitgeberinnen der ehren-amtlich Tätigen für derartige Fort- und Weiterbildungen Freistellung gewähren.

Auch während ihrer Tätigkeit erfahren Ehrenamtliche öffentliche Anerkennung, z.B. durch Ge-schenke bei besonderen Anlässen u. ä.

Ihre Arbeit wird im Gemeindebrief, bei Festen und Gemeindeversammlungen und in den Ta-geszeitungen öffentlich bekannt gemacht. Dies geschieht in Abstimmung mit dem oder der vom Presbyterium bestimmten Beauftragten für das Ehrenamt.

4. Loyalität und Verschwiegenheit
Von allen ehrenamtlich Arbeitenden werden Loyalität gegenüber ihrer Kirche und Kooperationsbereitschaft erwartet.

Über vertrauliche Angelegenheiten, die Ehrenamtlichen im Rahmen ihres Dienstes bekannt werden, ist Stillschweigen zu bewahren. Dies gilt insbesondere in seelsorglichen Zusammen-hängen. Die Bestimmungen des Datenschutzes sind zu beachten.

Die Verschwiegenheitspflicht gilt auch über die Beendigung der ehrenamtlichen Tätigkeit hin-aus.

5. Finanzen und Versicherung
Ehrenamtlich Arbeitende disponieren – im Rahmen der üblichen Einschränkungen – in Eigen-verantwortung über die finanziellen Mittel, die ihnen für ihren Arbeitsbereich zur Verfügung ge-stellt werden; diese Mittel werden im Haushalt bereitgestellt.

Ehrenamtliche haben Anspruch auf die Erstattung von entstandenen Kosten. Die entsprechen-den Regelungen sind so zu gestalten, dass die Selbstverständlichkeit des Anspruchs deutlich wird und der Auslagenersatz schnell und problemlos vorgenommen werden kann.

In diesen Regelungen sollen Möglichkeiten für eine evtl. anfallende Kinderbetreuung Berück-sichtigung finden.

Bei Verzicht auf Kostenerstattung ist den Ehrenamtlichen – unter Beachtung der steuer- und haushaltsrechtlichen Bestimmungen – eine Spendenbescheinigung anzubieten.

Es ist dafür zu sorgen, dass die Bestimmungen des Versicherungsschutzes für Ehrenamtliche (Sammelversicherungen etc.) beachtet werden. Eine Unterlassung geht zu Lasten des jeweili-gen Trägers der Arbeit.

6. Qualifikation und Nachweis
Ehrenamtlichen wird auf Wunsch ein Zertifikat über ihre Tätigkeit ausgestellt, sei es als reiner Tätigkeitsnachweis, sei es als Zeugnis oder Referenz. Das Zertifikat würdigt das ehrenamtliche Engagement und drückt Dank und Anerkennung für die geleistete Arbeit aus. Es dient zugleich als Qualifikationsnachweis von Bewerberinnen und Bewerbern bei Einstellungen im kirchlichen Bereich, besonders beim Wiedereinstieg von Frauen in das Berufsleben.

Damit verbindet sich die Hoffnung, dass entsprechende Verfahrensweisen im kirchlichen Be-reich Auswirkungen in nichtkirchlichen Arbeitszusammenhängen haben. Für Jugendliche ist dabei – soweit dies nicht bereits gegeben ist – besonders die Eintragung ehrenamtlicher Tätig-keiten in das Schulzeugnis anzustreben.

7. Das Ende der Tätigkeit
Das Ende des Dienstes wird der Gemeinde, z.B. im Gottesdienst oder im Gemeindebrief, oder innerhalb der diakonischen Einrichtung bekanntgegeben. Eine öffentliche Verabschiedung, in der Dank und Anerkennung ausgesprochen und sichtbar gemacht werden können, wird emp-fohlen, vor allem dann, wenn mit der Tätigkeit eine besondere Verantwortung verbunden war.

 

 

 

 

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Dienstag, 24. April 2007. Die letzte Aktualierung erfolgte am Dienstag, 24. April 2007. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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