Bonner Kanzelreden

"Mit Menschenwürde ausgestattet"

Nichttheologinnen und -theologen vor: Bei den Bonner "Kanzelreden" steigen die Laien auf die Kanzel und legen die Bibel aus

Bekenntnis statt Wirtschaftsrede: Auch Chefökonom Walter hielt schon eine Kanzelrede. Bekenntnis statt Wirtschaftsrede: Auch Chefökonom Walter hielt schon eine Kanzelrede.

 

Organisieren die Kanzelreden: Theurich und von Dobbeler. Organisieren die Kanzelreden: Theurich und von Dobbeler.

„Ist nicht auch die Kanzel ein kleiner Turm, die die Hoffnungen vieler Menschen bündelt? Und mancher ist hier hinaufgestürmt, um nach den Sternen zu greifen, und statt seliger Begegnung mit dem Gott war am Ende Verwirrung und Zerstreuung.“ WDR-Intendant Fritz Pleitgen nahm in seiner Kanzelrede „Das Internet zu Babel“ die Sprachverwirrung dieser biblischen Geschichte auf. Er schloss mit der Vision, dass aus einer großen Stille vor Gott wieder eine gemeinsame Sprache und Frieden zwischen den Menschen entstehen könnte.

Seit fast fünf Jahren bietet die Bonner Kreuzkirche mit den Kanzelreden prominenten Laien eine Plattform für ihre ganz persönliche Bibelauslegung. „Drei Bedingungen gelten: der Redner oder die Rednerin sind Nichttheologen, Grundlage der Rede ist ein selbst gewählter Bibeltext und es wird kein Honorar gezahlt“, erklärt Dr. Henning Theurich von der Kreuzkirche.

"Regieren ohne Bergpredigt - unvorstellbar"

Die Idee: den zentralen Gottesdienstraum für eine neue Veranstaltungsreihe zu öffnen, die nicht mit einem Gottesdienst verwechselbar ist und neue Einsichten in biblische Texte ermöglicht. Im April 1999 hielt der damalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Dr. Reinhard Höppner, die erste Kanzelrede zur Bergpredigt. „Es heißt, man kann nicht mit der Bergpredigt regieren. Für mich ist es unvorstellbar, ohne Bergpredigt zu regieren.“ Abdallah Franghi, Palästinensischer Generalbevollmächtigter in Deutschland, wählte mit dem Gleichnis vom Sämann den Bezug zur Saat des Friedens zwischen Israel und Palästina.

Kürzlich sprach der Chefökonom der Deutschen Bank, Professor Norbert Walter. Für seine Kanzelrede zu Johannes 1,3 wählte er den Titel „Gottesbezug und Menschenwürde“. Trotz aller Überlegungen sei es ihm nicht möglich gewesen, säkulare Bezüge in seine Rede einzubauen, so Walter. So entfaltete er an diesem Sonntagabend ein persönliches Glaubenszeugnis. „Wir sind nicht durch das Grundgesetz, sondern durch Gott mit Menschenwürde ausgestattet und das steht nicht zur Disposition“, war ein Kernsatz seiner Auslegung. Mit der Menschwerdung Gottes in seinem Sohn werde dem menschlichen Bedürfnis entsprochen, mit den Sinnen erfahrbar angenommen und geliebt zu sein, so Walter. „Und die Menschen suchen ein unbedingtes Angenommensein.“

Henry Maske wird einer der Nächsten sein

Durch großes Engagement, lange Namenslisten und viele Briefe finden Theurich und Mitorganisator Pfarrer Dr. Axel von Dobbeler vom Evangelischen Forum immer wieder bekannte Menschen, die Einblicke in ihren Glauben und ihre Ethik zulassen. Um ein möglichst breites Spektrum an Rednerinnen und Rednern zu erreichen, wurden auch Popstars, Literaten und Sportler angeschrieben - allerdings mit wenig Erfolg. Von Dobbeler: „Wir sind nicht die Ersten, die dort anfragen, und viele Prominente stehen unter großem Termindruck.“ 

Die Kanzelreden finden in loser Folge sonntags, 18 Uhr, in der Kreuzkirche statt. Am 14. Dezember ist Elisabeth Raiser, Präsidentin des ersten Ökumenischen Kirchentages, zur Geschichte von Kain und Abel zu hören. Für 2004 liegen die Zusagen von Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer und dem Ex-Boxweltmeister Henry Maske vor.

ReH

 

 

10.12.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 10. Dezember 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Donnerstag, 11. Dezember 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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