Weihnachten 1947

Heiliger Abend mit geklauten Kartoffeln

Beladene Geschenktische, fette Festtagsbraten und volle Heilig-Abend-Gottesdienste (zumindest in Mallorca) - so ist Weihnachten 2003. Aber wie wurde das Christfest kurz nach dem Krieg gefeiert?

Flötenspiel oder Gitarrenklänge? Flötenspiel oder Gitarrenklänge?

Wir waren auf der Strecke geblieben, meine Mutter, meine Großmutter und ich.  „Kinderlandverschickung“ hatte man es genannt, als ganze Schulklassen in weniger bombengefährdete Landstriche Deutschlands verlegt wurden. Unsere Klasse kam so nach dem Barmer Angriff am 30. Mai 1943 zunächst nach Pfronten und nach dem Elberfelder Angriff weiter nach Rudolstadt in Thüringen. Zu Pflegeeltern wurden wir verteilt und in einer Vorortschule unterrichtet.

Eine Wohnung in Wuppertal hatten wir nicht mehr, sie war den Bomben zum Opfer gefallen, und auch die meiner Großmutter war hin. Vati war zu der Zeit an der Front, also kamen Mutti und Oma nach Rudolstadt.
Inzwischen waren die Kinder wieder zusammengefasst und in ein Lager gepackt worden. Da aber Vati inzwischen Fronturlaub bekommen und eine kleine Wohnung für uns ergattert hatte, konnte ich bei Mutti bleiben, musste allerdings die Rudolstädter Schule besuchen. Die Lagerklasse ging wieder nach Wuppertal zurück, und ich blieb dabei eben „auf der Strecke“. So kam es, dass ich nach dem Abitur erst 1950 wieder nach Hause kam.

Inzwischen war mein Vater spät aus französischer Gefangenschaft entlassen worden, und das ging nur in die westlich besetzten Zonen. So blieb er also bei seiner Mutter, deren Wohnung nicht zerstört war, ohne Existenz und ohne Geld. Nach und nach fasste er wieder Fuß, und dann begann  der Kampf um unsere Rückkehr. Das bedeutete aber auch, dass er mehrfach bei Nacht und Nebel die „grüne Grenze“ überschritt, um seine Familie zu sehen. Gefährlich, aber erfolgreich.

Und dann kam Weihnachten 1947. Er kam eine Woche vorher bei Nacht an, abgekämpft und müde. Mutti war glücklich, ihn wieder einmal bei sich zu haben, und Vati erzählte von der schwierigen Fahrt und dem nächtlichen Weg. Ich vergesse nie den Satz: „Es war schon schlimm, erst im Zug die vielen Menschen und dann der Weg durch die Nacht. Und dabei noch die Gitarre auf dem Rücken!“ Mich riss es vom Stuhl! „Ich krieg‘ ne Gitarre, ich krieg‘ ne Gitarre!“ Meine Eltern sahen sich verdutzt an und begannen zu lachen. Vati hatte sich verplappert. Eine Gitarre im Jahr 1947 – was war das? Bass- oder E-Gitarre – Oh nein, eine einfache Klampfe, aber eine Kostbarkeit, wenn auch gebraucht.

Wir hatten im Wald Holz gesammelt, um eine warme Stube zu haben. Unser Vermieter war Chefarzt am Rudolstädter Krankenhaus und bekam von den Bauern schonmal was extra. So gab er uns ein halbes Kaninchen ab, und dazu gab’s Karoffeln, die wir auf dem Feld geklaut und sorgsam in einem Holzkistchen aufbewahrt hatten. Und auch einen Kohlkopf hatten wir „unrechtmäßig“ erbeutet. Wir hatten ein Festmahl! Dazu dufteten in einer Vase ein paar stibitzteTannenzweige, die Mutti mit wenigen Strohsternen geschmückt hatte, und mitten darin brannte eine einzelne Kerze, woher auch immer sie war.

Bittere und schwere Zeiten, aber ich möchte sie um alles in der Welt nicht missen.

 

 

 

Erika C. Osenberg, Wuppertal /

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Montag, 15. Dezember 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 22. Dezember 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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