Debatte

Scharfe Kritik und ein notwendiger Kommentar

Scharfe Kritik an den „Scharfen Gegnern“ übt Professor Dr. Günther van Norden, bis zu seinem Ruhestand Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wuppertal.

Zu den Bemerkungen van Nordens hat auf Bitten der ekir.de-Redaktion Dr. Stefan Flesch Stellung bezogen. Sein Text steht unter dem Titel "Ein notwendiger Kommentar". Flesch ist Direktor des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) und Mitglied der Wissenschaftlichen Begleitgruppe zum Forschungsprojekt "Scharfe Gegner".

Scharfe Kritik an "Scharfen Gegnern"

VON GÜNTHER VAN NORDEN

Die Rheinische Kirche hat ein Gedenkbuch erarbeiten lassen, mit dem sie Erinnerung und Schuldeinsicht verdeutlichen will. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang, der Zustimmung verdient.

Leider ist durch die enge Begrenzung auf repressive Maßnahmen des Konsistoriums ein völlig schiefes Bild von Widersetzlichkeit und Verfolgung von Christen in der nationalsozialistischen Zeit entstanden. Diese falsche inhaltliche Konzeption führt dazu, dass – neben manchen kleinen Fehlern (z.B. dem, dass die Vikarin Ilse Härter von Pastor D. Hermann Albert Hesse in Elberfeld ordiniert worden sei) – aus dem geplanten Gedenkbuch ein besseres Personenregister geworden ist, und zwar mehrheitlich von Pfarrern, die nur mehr oder weniger oder gar nicht „scharfe Gegner“ waren. Alle diese Personen sind irgendwann einmal vom Konsistorium gemaßregelt worden, aber die einen haben sich später angepasst und z.T. selbst sogar kirchenregimentliche Positionen übernommen, weil sie eben keine „scharfen Gegner“ waren, während die anderen trotz aller Bedrängnis konsequent in ihrer Widersetzlichkeit blieben. Sie stehen trotz ihrer völlig unterschiedlichen Einstellungen im „Kirchenkampf“ im Register der „Disziplinierten“ neben einander.

Außerhalb dieses ausführlichen Abschnittes werden dann auch einige wenige „illegale“ Hilfsprediger und Vikare der Bekennenden Kirche genannt, aber weder Wolfgang Scherffig noch Klaus Lohmann noch Theodor Hesse noch Änne Kaufmann, die mehr als andere „scharfe Gegner“ waren. Unser an sich so kritische und aufmerksame Präses hat vorsichtig Kritik daran geübt, dass Helmut Hesse auch nur nebenbei erwähnt wurde, dies aber sogleich mit der Methode entschuldigt, die zu solcher unglaublichen Ausschließung geführt habe. Seit wann aber bestimmt die Methode den Inhalt, statt dass die inhaltliche Konzeption die Methode bestimmt? Und eben diese inhaltliche Konzeption, diese Begrenzung auf repressive Maßnahmen des Konsistoriums, wie sie auch im Untertitel des Gedenkbuches deutlich wird, ist wenig einleuchtend. Denn aus ihr ergibt sich, dass nicht nur Helmut Hesse im Hauptabschnitt fehlt, sondern eben auch die sog. Laien, die man weniger kennt, die dem Unterdrückungsapparat ausgesetzt waren: Julio Goslar, der Kölner Organist, der verfolgt wurde, weil er jüdischer Herkunft war, der „Judenmissionar“ Moritz Weisenstein aus Köln, der ermordet wurde, weil er jüdischer Herkunft war, die Kaiserswerther Schwestern Johanne und Erna Aufricht, die 1942 vom Düsseldorfer Schlachthof nach Theresienstadt deportiert wurden und Erna später nach Auschwitz, wo sie 1944 ermordet wurde, weil sie jüdischer Herkunft war, der Studienrat  Georg Maus aus Idar-Oberstein, der 1945 ermordet wurde, weil er meinte, auch den Engländern gelte das Liebesgebot Jesu, und der Jurist Dr. Martin Gauger, Sohn des Wuppertaler Pastors Josef Gauger, der 1941 im KZ Buchenwald ermordet wurde, weil er nicht in Hitlers Armee dienen wollte. Sie wurden nicht vom Konsistorium verfolgt, aber unsere rheinische Kirche schwieg und ließ sie allein. Gehören sie nicht in ein Gedenkbuch der Kirche, das erinnern und Schuld benennen will? Gehören sie da nicht viel eher hinein als manche von denen, die im Register stehen?

Ein notwendiger Kommentar

VON STEFAN FLESCH

Herr van Norden unterwirft die Studie „Scharfe Gegner“ einer ungerechtfertigten, beinahe polemischen Kritik. Zu deren Einschätzung ist es hilfreich, sich den Ausgangspunkt dieses Forschungsprojektes zu vergegenwärtigen. Es war unter anderem das Anliegen der Solidarischen Kirche, die vielfältigen Benachteiligungen kirchlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen durch das Konsistorium während der NS-Zeit zu untersuchen und die nachgewiesenen Einzelfälle zu dokumentieren. Die wissenschaftliche Begleitgruppe, in der Kirchenhistoriker, Theologen und Archivare vertreten waren, hat diesen Ansatz aufgenommen und über zwei Jahre hindurch in intensiven Diskussionen präzisiert und in Zusammenarbeit mit der Autorin fachlich umgesetzt.

Im Prinzip lässt sich die Kritik von Herrn van Norden dahingehend zusammenfassen, dass hiermit kein Gedenkbuch für die Märtyrer aus dem Bereich der Evangelischen Kirche entstanden ist, wie es - ohne regionale Fokussierung - erstmals 1949 vorgelegt worden ist. [1]

Nur war dies nie der Forschungsgegenstand gewesen. Ebensowenig wie man dem Apfel nicht vorwerfen kann, dass er keine Birne ist, kann in einer seriösen historischen Dokumentation kein thematischer Spagat realisiert werden. Die Rheinische Kirche hat sich wiederholt ihrer historischen Verantwortung gestellt und vor allem seit Mitte der 90er Jahre wegweisende Forschungsarbeiten zur NS-Zeit durchführen lassen. Diese Erinnerungsarbeit wird fortgesetzt werden und neue Anregungen für die Zukunft sind gerade aus der Forschung an den „Scharfen Gegnern“ erwachsen.

Mit keinem Wort geht Herr van Norden auf die zahlreichen neuen und weiterführenden Aspekte der Studie ein. So richtet sich das Augenmerk endlich auch auf die großen und kleinen Täter aus dem konsistorialen Umfeld. Erstmals werden - unter Ausschöpfung der archivrechtlichen Möglichkeiten - die einschlägigen Namen benannt und die unsägliche Kollaboration mit Gestapo-Dienststellen nachgezeichnet. Alltag im Nationalsozialismus bedeutete vielfach kleinliche Behördenschikane und Einschüchterungsversuche. Dies auf kirchlicher Ebene anhand einer dreistelligen Zahl von „Fällen“ belegt zu haben, ist nicht das mindeste Verdienst der Studie. Schließlich basiert die Arbeit auf einer umfassenden Auswertung des vorhandenen Quellenmaterials im Rheinland und in Berlin - sehr im Unterschied zu manch vorhandener Publikation zum Thema Kirche im Nationalsozialismus.

Es lässt sich übrigens mit Recht fragen, weshalb ein solches Forschungsprojekt nicht vor zwanzig Jahren betrieben worden ist, als noch eine Reihe mittlerweile verstorbener Zeitzeugen hätte befragt werden können? Der methodische Zugang der Oral History konnte so nur noch vereinzelt zum Einsatz kommen. Die Rheinische Kirchengeschichtsschreibung weist so manches thematische Desiderat auf, das noch angegangen werden muss. Diese dürfen nicht weiter monoperspektivisch bearbeitet werden. Bildlich gesprochen überwiegen in der Darstellung und den dokumentierten Biogrammen von Frau Rauthe die Grautöne; sie sind einer Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge wie der Menschen allemal vorzuziehen.


[1] Bernhard Heinrich Forck (Hrsg.): und folget ihrem Glauben nach. Gedenkbuch für die Blutzeugen der Bekennenden Kirche, Stuttgart 1949. Zu den theologischen Implikationen s. aktuell Wolf-Dieter Hauschild: Märtyrer/Märtyrerinnen nach evangelischem Verständnis, in: Mitteilungen der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kirchl. Zeitgeschichte 21 (2003), S. 1-23

 

 

 

05.12.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Donnerstag, 4. Dezember 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Montag, 8. Dezember 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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