Interview

Maßnahmen des Staates noch verstärkt

Verweigerung der Predigtbefugnis, Geldstrafe, Versetzung - mit solchen Sanktionen kujonierte das rheinische Konsistorium während der NS-Zeit ihre unliebsamen Pfarrer. Ein Interview von Barbara Stupp mit der Historikerin Dr. Simone Rauthe

Erforschte den Umgang der einstigen Kirchenbehörde mit missliebigen Pfarrern: Dr. Simone Rauthe. Erforschte den Umgang der einstigen Kirchenbehörde mit missliebigen Pfarrern: Dr. Simone Rauthe.

Wer waren diese missliebigen Pfarrer, die von der Kirchenbehörde diszipliniert und sanktioniert wurden?

Im wesentlichen waren das die Hilfsprediger und Vikare, die sich nach 1934 der Bekennenden Kirche zugeordnet haben und natürlich die Pfarrer der Bekennenden Kirche selber. Sie waren, anders als die offizielle Kirchenleitung, mit der Gleichschaltung der Evangelischen Kirche im NS-Staat nicht einverstanden.

 

Mit welchen Maßnahmen ist die Kirchenbehörde gegen missliebige Pfarrer vorgegangen?

In den ersten Jahren waren es vor allen Dingen Disziplinarverfahren, die mit einer Geldstrafe oder der Versetzung in ein anderes Pfarramt enden konnten. Auf Drängen des rheinischen Konsistorialpräsidenten Walter Koch wurde 1939 das Disziplinarrecht jedoch verschärft. Von da an konnten Pfarrer schnell und gegen ihren Willen in den Wartestand versetzt werden. Diese Wartestandsverordnung wurde zuerst an dem Dickenschieder Pfarrer Paul Schneider exerziert.

 

Wie wurden Vikare und Hilfsprediger diszipliniert?

Bei den Vikaren und Hilfspredigern hat sich diese Disziplinierung insbesondere auf die Behinderung ihrer Dienstlaufbahn bezogen. Da wurde der Prüfungsablauf behindert, Prüfungsunterlagen einbehalten, keine Predigtbefugnis erteilt.

 

Gab es eine Zusammenarbeit zwischen der Kirchenbehörde und der Gestapo?

Ja, die hat es gegeben. Wen die Gestapo für einen Staatsfeind hielt, den hielt auch das Konsistorium dafür. Auf Maßnahmen der Gestapo, wie die Ausweisung aus einem Regierungsbezirk, folgten häufig Disziplinarmaßnahmen der Kirchenbehörde. Mit anderen Worten, die Kirchenbehörde hat ihre Pfarrer nicht vor dem staatlichen Zugriff geschützt, sondern hat diese Maßnahmen zum Teil noch verstärkt.

 

War die Kirchenbehörde eine Marionette des NS-Staates?

Die Kirchenbehörde war durchaus eine eigenständige Institution, keinesfalls eine Marionette. Aber sie war in den Jahren nach 1939 so staatskonform, dass sie keine Maßnahmen ergriffen hat, die den NS-Staat irgendwie hätten schwächen können.  

 

 

 

15.10.2003

Hinweis: Dies ist ein archivierter Beitrag vom Mittwoch, 15. Oktober 2003. Die letzte Aktualierung erfolgte am Freitag, 17. Oktober 2003. Grundsätzlich verändern wir Achivbeiträge nicht, ggf. sind einzelne Informationen und Links veraltet.

 



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